Pflege von Angehörigen: Was sonst noch hilft

Pflege von Angehörigen: Was sonst noch hilft

Wer sich unerwartet in der Verantwortung für die Pflege von Angehörigen wiederfindet, hat gerade in den ersten Tagen einiges zu organisieren und zu erledigen. Doch neben dem ganz Dringlichen gibt es auch einige Hilfsdienste, Hilfssysteme und Möglichkeiten, die Pflege und Alltag entscheidend erleichtern können. Ein Überblick.

Plötzlich Angehörige pflegen: Hilfsdienste können im Alltag entlasten. Eine jüngere Frau überreicht einer älteren Frau an der Haustür einen Korb mit Lebensmitteln.
GettyImages/Daisy-Daisy
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    Manchmal kommt es völlig unerwartet oder ohne große Vorwarnung: Ein naher Angehöriger, der Vater, die Mutter, der Partner oder die Partnerin sind plötzlich pflegebedürftig und auf Hilfe angewiesen. Wer von heute auf morgen in die Situation kommt, Angehörige pflegen zu müssen, hat gerade zu Beginn viel zu organisieren und zu erledigen. In unserem Servicebeitrag „Plötzlich ‚Pflegefall‘: Eine Checkliste für die ersten Tage“ haben wir Ihnen die wichtigsten Punkte aufgelistet und mit Tipps versehen.

    Doch neben den dringlichsten Aufgaben gleich zu Beginn, gibt es verschiedene Unterstützungsangebote, die im Alltag helfen können – kurz-, mittel- oder langfristig. Einiges davon finanziert die Pflegeversicherung mit, anderes muss selbst bezahlt werden, manches ist per se kostenlos, weil Ehrenamtliche sich engagieren. Hier ein Überblick über die wichtigsten Dienste und Systeme, die sonst noch helfen, wenn Sie plötzlich Angehörige pflegen müssen.

    Pflege von Angehörigen: Kurzfristige Hilfen

    Innerhalb weniger Tage und mit überschaubarem Aufwand lassen sich folgende Hilfen organisieren.

    Ehrenamtliche Hilfsdienste

    Bei den vielen alltäglichen Aufgaben können Hilfsdienste eine große Unterstützung sein. Vereine und Wohlfahrtsverbände vermitteln Ehrenamtliche, die im Haushalt helfen, Botengänge übernehmen, zu Ärzten oder Ämtern begleiten oder einfach für ein Gespräch, ein Spiel oder einen Spaziergang vorbeikommen. Das ist vor allem dann angenehm, wenn Angehörige weit weg wohnen und nicht für jede Kleinigkeit vorbeikommen können. Die Ehrenamtlichen können oft auch wertvolle Tipps geben, wer wobei sonst noch helfen kann und welcher Dienst welchen Ruf hat.

    Die Ehrenamtlichen engagieren sich freiwillig und erhalten daher kein Gehalt, sondern höchstens eine kleine Aufwandsentschädigung für ihre Unterstützung. Den Kontakt kann ein Pflegestützpunkt, eine Kirchengemeinde oder ein Wohlfahrtsverband herstellen. Manchmal gibt es auch städtische Angebote. In manchen Regionen gibt es auch ehrenamtliche Pflegebegleiter, zu finden etwa über das Netzwerk Pflegebegleitung. Diese helfen vor allem bei der Organisation weiterer Hilfen.

    Hausnotruf

    Viele Angehörige machen sich Sorgen, dass Vater oder Mutter stürzen könnten und stundenlang niemand etwas mitbekommt. Der Hausnotruf ist die Antwort – bestehend aus einem Hilfssystem mit zwei Komponenten. Das eine ist ein Notfallknopf, eingearbeitet in eine Kette oder ein Armband. Diesen kann und sollte die pflegebedürftige Person permanent tragen, also auch unter der Dusche oder im Bett, sodass er – im wahrsten Sinne des Wortes – immer griffbereit ist. Die zweite Komponente ist ein Notrufsystem, das mit der Telefonanlage verbunden ist.

    Wird der Notfallknopf gedrückt, wird automatisch eine Notfallkette in Gang gesetzt. Üblicherweise wird ein Mitarbeiter des Anbieters angerufen. Dieser fragt dann nach, was passiert ist. Dank eingebautem Mikrofon und Lautsprechern, die nach Drücken des Notfallknopfs aktiviert werden, können sich beide Seiten verständigen. Sollte der Knopf aus Versehen gedrückt worden sein, ist das kein Problem. Dann legt der Mitarbeiter einfach wieder auf. Ist Ihr Angehöriger gestürzt, aber unverletzt, kann – sofern das vorher organisiert wurde – Hilfe aus der Nachbarschaft kommen. Bekommt der Notrufmitarbeiter keine Antwort, schickt er einen Rettungswagen. Der Hausnotruf schafft somit ein Sicherheitsnetz, das 24 Stunden am Tag zur Verfügung steht.

    Typische Anbieter sind etwa die Johanniter und das Rote Kreuz. Örtliche Kontakte erhalten Sie im Internet, beim Pflegestützpunkt oder im städtischen Seniorenbüro, wenn vorhanden. Der Bereitschaftsdienst und die Technik kosten etwa 20 Euro Gebühr pro Monat. Menschen mit einem Pflegegrad können den Hausnotruf über den Entlastungsbetrag der Pflegeversicherung abrechnen.

    Essen auf Rädern

    Ein Menü-Bringdienst kann eine enorme Erleichterung im Alltag darstellen. Wenn täglich oder einige Male pro Woche das Mittagessen gebracht wird, muss weniger eingekauft, geschnippelt, gekocht und gespült werden. Gleichzeitig ist das Angebot gesünder als ein Pizza-Bringdienst und praktischer als das Bestellen bei einzelnen Restaurants in der Umgebung.

    Viele Menü-Bringdienste halten sich an spezielle Ernährungsempfehlungen für Senioren, etwa daran, dass das Essen weder zu fettig noch zu salzig  noch insgesamt zu viel sein sollte. Achten Sie auf den Qualitätsstandard für die Verpflegung mit „Essen auf Rädern“ und in Senioreneinrichtungen von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Ein guter Dienst hat außerdem eine vernünftige vegetarische Auswahl. Auch Schonkost oder eine spezielle Zusammenstellung für Diabetiker ist oft möglich.

    Es gibt private Anbieter und verschiedene Wohlfahrtsverbände, die einen Menü-Bringdienst betreiben. Die Kosten für eine warme Mahlzeit betragen zwischen etwa 6 und 12 Euro inklusive Anfahrt. Abgerechnet wird am Ende des Monats per Bankeinzug. Die Kosten müssen – genauso wie für alle anderen Mahlzeiten – selbst übernommen werden. Die Pflegekasse zahlt nichts. Bezieher von Grundsicherung im Alter können eventuell Zuschüsse erhalten. Darüber informiert das Sozialamt.

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    Pflege von Angehörigen: Langfristige Möglichkeiten

    Perspektivisch können weitere Angebote die Pflege deutlich erleichtern. Dazu gehören insbesondere:

    Technische Hilfssysteme

    Moderne Technik kann auch Senioren den Alltag deutlich erleichtern. Voraussetzung ist, dass diese gut eingerichtet wird und leicht zu bedienen ist.

    Allgemeine technische Hilfen

    Dazu gehören etwa Saugroboter, Bewegungssensoren fürs Licht, sprachgesteuerte Türöffner oder smarte Heizkörper. Diese funktionieren entweder automatisiert, können per Sprachassistent, mit dem Smartphone oder Tablet gesteuert werden. Die Steuerungselemente wiederum lassen sich seniorengerecht mit wenigen Funktionen und großen Symbolen einrichten.

    Digitale Pflegeanwendungen

    Spezielle Angebote für Senioren beziehungsweise Pflegebedürftige sind digitale Pflegeanwendungen, also Apps, kurz DiPas. Das können beispielsweise Übungen sein, die man auf einem Tablet ansehen und mitmachen kann. Oder ein System, in dem Pflegebedürftige, Angehörige, Hausarztpraxis und Apotheke miteinander vernetzt sind, sodass neue Gesundheitsdaten oder Medikamente schnell miteinander geteilt, bestellt und geliefert werden. DiPas, die ins Pflegehilfsmittelverzeichnis aufgenommen wurden, können sich Pflegebedürftige von der Pflegeversicherung querfinanzieren lassen.

    Kostenloses E-Paper: Plötzlich pflegebedürftig

    Was Sie jetzt als Angehörige wissen müssen und wie Sie gut durch die herausfordernden ersten Tage und Wochen kommen.

    „Mit Auswahl von ‚Download anfordern‘ erhalten Sie die Übersicht als Download an die von Ihnen angegebene E-Mail-Adresse. Weitere Informationen finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.

    AAL-Systeme

    „Ambient Assisted Living“-Systeme, kurz AAL, lässt sich etwas freier mit „Altersgerechte Assistenzsysteme für ein unabhängiges Leben“ übersetzen. Es gibt einzelne Hilfen, wie zum Beispiel smarte Pillendosen, an denen eine Leuchte an die Tabletteneinnahme erinnert. Wurde die Dose geöffnet und wieder geschlossen, wird auf Wunsch automatisch eine SMS an eine vorher eingestellte Person geschickt. Nach einer festgelegten Zeit geht das Licht wieder an – für die nächste Tablette. Es geht dabei nicht um Kontrolle, sondern um eine automatisierte Erinnerung. Ein solches System kann dafür sorgen, dass Medikamente nicht so schnell vergessen werden und somit korrekt wirken.

    Auf Wunsch können auch einzelne Zimmer bis hin zu ganzen Häusern mit seniorengerechter Sicherheitstechnik ausgestattet werden. Es gibt zum Beispiel Sensoren, die einen Sturz melden, oder solche, die den Herd ausschalten, falls dieser länger unbeaufsichtigt läuft. Andere Sensoren reagieren, wenn jemand um Hilfe ruft, und senden einen Notruf ab. Solche Systeme lassen sich kaufen oder mieten. Komplettsysteme gibt es beispielsweise von BeHome, meinPAUL und EmmaHome. Eine Querfinanzierung der Miete durch die Pflegeversicherung oder ein Zuschuss beim Kauf durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau ist meist möglich.

    Geriatrische Reha

    Eine Pflegebedürftigkeit tritt meist auf, wenn mehrere Dinge im Alltag nicht mehr funktionieren. Die Augen und Ohren werden schlechter, viele Bewegungen fallen schwerer oder gelingen gar nicht mehr. Oft liegen auch mehrere Erkrankungen vor, meist eine Mischung aus Bluthochdruck, (leichter) Demenz, Diabetes, (beginnender) Inkontinenz, Übergewicht, Arthrose, Osteoporose und Rheuma. Manch einer hat bereits ein neues Knie oder eine neue Hüfte, hat eine Krebserkrankung, einen Herzinfarkt oder einen Hirnschlag überstanden.

    In einer solchen Lebensphase kann eine geriatrische Reha sehr sinnvoll sein. Diese spezielle Form der Rehabilitation gibt es nur für Senioren mit mehreren alterstypischen Beschwerden, bei denen mit der richtigen Behandlung eine realistische Chance auf Besserung besteht. Viel häufiger, als die meisten denken, ist das der Fall. Denn bei der geriatrischen Reha arbeiten Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Psychologen, Physio- und weitere Therapeuten im Team zusammen, um die individuellen Probleme zu behandeln, Stärken auszubauen und den Umgang mit passenden Hilfsmitteln zu trainieren, um perspektivisch den Alltag der Senioren zu erleichtern. Eine Pflegebedürftigkeit kann dadurch häufig noch einmal verringert oder zumindest eine Verschlechterung hinausgezögert werden.

    Seit Kurzem muss eine solche Reha nicht mehr von der Krankenversicherung erlaubt, sondern nur noch von einem Arzt verordnet werden. Das hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Fragen Sie daher ruhig aktiv beim Hausarzt oder einem Facharzt, der Ihren Angehörigen behandelt, nach, wenn Sie den Eindruck haben, dass eine geriatrische Reha sinnvoll sein könnte.

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