Frau Ollertz, bereits 2015 hat die Regierung die Bedeutung der Angehörigenpflege erkannt und mit dem Pflegezeitgesetz und Familienpflegezeitgesetz die Möglichkeit geschaffen, kurzfristig als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer notwendigen Freiraum in einer Pflegesituation zu erhalten. Warum reicht das nicht aus?
Die gesetzlichen Grundlagen sind grundlegend richtig und eine wichtige Entlastung für pflegende Beschäftigte. Dennoch muss man bedenken, dass eine Pflegesituation meist plötzlich auftritt, häufig gibt es noch keinen Pflegegrad, viele Themen sind ungeklärt in den Familien. Deswegen sind die gesetzlichen Regelungen häufig nicht ausreichend oder praktikabel.
Was braucht es denn zusätzlich?
Wir brauchen Arbeitgeber, die sich auf pflegende Angehörige einstellen, gerade in Bezug auf kurzfristige Veränderungen einer persönlichen Situation. Mit betrieblichen Regelungen und Einzelfalllösungen kann für Betriebe und Beschäftigte Klarheit und Sicherheit geschaffen werden.
Das Landesprogramm „Vereinbarkeit Beruf und Pflege“ ist ein Baustein der Fachkräfteoffensive in Nordrhein-Westfalen (NRW) und läuft seit 2022. Haben Sie schon eine Einschätzung, inwieweit sich das Programm positiv auf beispielsweise die Fehlzeiten von pflegenden Angehörigen auswirkt?
Es gibt keine belegbaren Zahlen, denn niemand erklärt, dass er sich krankgemeldet hat, um eine akute Pflegesituation bewältigen zu können. Aber es gibt Befragungen unter Erwerbstätigen, die zeigen, dass pflegende Angehörige mehr Krankheitstage haben. Es lohnt sich also, hier genau hinzusehen – auch, wenn ein zahlenmäßiger Beleg fehlt.
Greta Ollertz ist studierte Gesundheitsökonomin und leitet das Projekt „Servicezentrum Pflegevereinbarkeit“ beim Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA). Kontakt: berufundpflege@kda.de
Was wird mit diesem Programm noch verfolgt und rechnet sich dies für die teilnehmenden Unternehmen?
Das Landesprogramm „Vereinbarkeit Beruf und Pflege“ NRW möchte pflegende Beschäftigte darin stärken, ihre berufliche Verantwortung und private Pflegeverantwortung besser vereinbaren zu können, sodass weniger Menschen wegen der Doppelbelastung aus dem Beruf aussteigen oder krank werden. Arbeitgeber sollen dabei unterstützt werden, sich pflegefreundlich aufzustellen und damit Fachkräfte zu sichern und auch neue zu gewinnen.
Wesentlicher Teil des Landesprogramms ist die Qualifizierung von sogenannten betrieblichen Pflege-Guides. Wie lange dauert die Ausbildung und muss das Unternehmen diese mitfinanzieren?
Die Qualifizierung geht über zweieinhalb Tage, für die das Unternehmen die Mitarbeitenden freistellt. Durch die Finanzierung der AOK-Landeskassen ist die Qualifizierung für alle Unternehmen in NRW kostenfrei. Bei der Qualifizierung lernen die Personen die Grundlagen der rechtlichen Rahmenbedingungen, aber auch Werkzeuge für eine gute Gesprächsführung kennen. Die betrieblichen Pflege-Guides werden durch das Servicezentrum Pflegevereinbarkeit bei der Umsetzung begleitet.
Bislang beteiligen sich über 640 Unternehmen, in der Größenordnung zwischen zwölf Mitarbeitenden und bis zu 20.000 Mitarbeitenden am Landesprogramm. Es wurden in den letzten Jahren über 1.000 betriebliche Pflege-Guides in Nordrhein-Westfalen qualifiziert.
Das Servicezentrum zur Umsetzung des nordrheinwestfälischen Landesprogramms zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist an das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) mit Sitz in Berlin und Köln angegliedert. Gefördert wird das Projekt, das im Oktober 2021 im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW gestartet ist und bis Ende 2027 läuft, jeweils zur Hälfte vom Land und den Trägern der Pflegeversicherung. Weitere Informationen sowie Anmeldung zur Schulung als Pflege-Guide: www.berufundpflege-nrw.de
Angebote zu Weiterbildungen zum Pflege-Guide oder zur Pflegelotsin bzw. zum Pflegelotsen gibt es auch in anderen Bundesländern. So etwa in:
Baden-Württemberg
https://www.familynet-bw.de/
Bayern
https://www.stmas.bayern.de/familienpakt/
Berlin
https://www.kobra-berlin.de/
Bremen
https://labew-bremen.de/
Es wurden bislang etwa 1.000 Pflege-Guides ausgebildet, die nun in Unternehmen, aber auch im öffentlichen Dienst als Bindeglied zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, meist Kolleginnen und Kollegen, tätig sind. Was sind Ihre bisherigen Erfahrungen?
Uns berichten Unternehmen und Organisationen aller Branchen sehr positiv über den Einsatz der betrieblichen Pflege-Guides. Auch wenn es manchmal eine Weile dauert, bis im Kollegium das Gesprächsangebot angenommen wird – früher oder später werden alle Pflege-Guides angesprochen. Sie können oft erste Hilfestellungen geben, gemeinsam Ideen entwickeln, wie eine gelingende Vereinbarkeit gestaltet werden kann, und vor allem ein offenes Ohr schenken. Viele betriebliche Pflege-Guides führen nicht nur Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, sondern gestalten auch in ihrer Organisation den Aufbau pflegefreundlicher Strukturen.
Welche Voraussetzungen müssen Arbeitgeber mitbringen, um sich am Landesprogramm zu beteiligen?
Das Landesprogramm richtet sich an alle Arbeitgeber in Nordrhein-Westfalen, unabhängig von Betriebsgröße und Branche. Für den Beitritt muss die Geschäftsführung als Selbstverpflichtung unsere Charta unterschreiben. Es ist praktisch eine Zusage von Arbeitgeberseite, dass pflegefreundliche Unternehmensstrukturen geschaffen werden sollen.
Nach dieser Unterschrift besprechen wir individuell, welche Angebote des Servicezentrums zu der Organisation passen. Es gibt vielfältige Wege, ein Unternehmen pflegefreundlich aufzubauen. Was der richtige Weg ist, finden wir gemeinsam heraus. Wir bieten bei Bedarf ein Führungskräftetraining an – digital oder in Präsenz. Und wir können auch gemeinsam schauen, welcher Bedarf an betrieblichen Pflege-Guides im Unternehmen besteht. Wir haben zum Beispiel auch teilnehmende Betriebe, die über das Angebot von Pflege-Guides hinaus die betriebliche Pflegeselbsthilfe unterstützen.
Wie kann das aussehen?
Der Arbeitgeber kann den Austausch zwischen Mitarbeitenden in ähnlichen Situationen unterstützen. Realistischerweise muss man sehen, dass pflegenden Angehörigen nach Arbeit und Pflege oft die Zeit fehlt, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Aber der Austausch mit Menschen in ähnlichen Situationen ist elementar. Arbeitgeber können dies im Arbeitskontext ermöglichen. Ich erlebe, dass die betriebliche Pflegeselbsthilfe in manchen Betrieben fest implementiert ist, in Präsenz oder auch digital, monatlich oder quartalsweise – je nachdem, wie es in die Organisation passt. Hier geht es nicht nur um die Erfahrung, dass ich in einer Pflegesituation nicht allein bin, sondern auch darum, praktische Tipps auszutauschen und so schneller eine stabile Situation aufzubauen.
Gibt es bestimmte Voraussetzungen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, um eine Weiterbildung zum Pflege-Guide zu machen? Wie ist der Weg dahin?
Es gibt keine bestimmten Voraussetzungen oder Vorkenntnisse, die man erfüllen muss. Wichtig ist, dass es mit dem Vorgesetzten abgestimmt worden ist und es die Rückendeckung aus dem Betrieb dazu gibt. Die Anmeldung erfolgt über unsere Website.
Aber Sie legen ja auch Wert darauf, dass es nach einer Ausbildung weitergeht.
Ja, wir lassen unsere Pflege-Guides auch nach der Qualifizierung nicht allein. Als Arbeitsmaterial stellen wir einen betrieblichen Pflegekoffer zur Verfügung. Es gibt darüber hinaus regelmäßig digitale Erfahrungsaustausche, bei denen auch eine kollegiale Fallberatung stattfinden kann, und ein Forum nur für betriebliche Pflege-Guides. Zusätzlich ermöglichen Netzwerktreffen neben den Kontakten der Pflege-Guides untereinander auch deren Vernetzung mit den regionalen Strukturen der Pflegewelt. Und wir bieten beispielsweise auch Resilienz-Schulungen und andere Fortbildungen an.

Was hat Sie bewogen, sich zum Pflege-Guide weiterbilden zu lassen?
Mein Herz schlägt für die Mitarbeitenden der Rheinbahn, die täglich die Herausforderung meistern, ihren Beruf mit einer häuslichen Pflegesituation in Einklang zu bringen. Da ich selbst über viele Jahre von dieser Doppelbelastung betroffen war, kenne ich die damit verbundenen Anforderungen und Sorgen aus eigener Erfahrung. Umso mehr habe ich mich darüber gefreut, dass die Rheinbahn die Möglichkeit geschaffen hat, die Weiterbildung zum Pflege-Guide zu absolvieren. In dieser Rolle, wir nennen uns Pflege-Lotsinnen und -Lotsen, kann ich Betroffene gezielt begleiten, Orientierung geben und sie dabei unterstützen, tragfähige Lösungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu finden.
Wie häufig beraten Sie im Unternehmen pro Monat?
Das Angebot wird im Unternehmen sehr gut angenommen. Pro Monat führen wir zwischen 12 und 25 Beratungen durch. Der Umfang der Beratungen variiert dabei deutlich. Während sich manche Anliegen auf ein oder zwei kurze Fragestellungen beschränken, erfordern andere Fälle eine intensivere Begleitung. Diese ausführlicheren Beratungsgespräche können bis zu 45 Minuten dauern.
Welchen Vorteil hat aus Ihrer Sicht der Arbeitgeber, dass innerhalb der Mitarbeiterschaft Beratung für Menschen in Pflegesituationen stattfinden kann?
Mit dem Angebot zur Unterstützung pflegender Mitarbeitender investiert ein Unternehmen nachhaltig in die Zukunft. Indem die Rheinbahn die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege aktiv fördert, positioniert sie sich als besonders attraktive Arbeitgeberin. Erfahrene und qualifizierte Fachkräfte, die sich in allen Lebensphasen verstanden und wertgeschätzt fühlen, bleiben dem Unternehmen langfristig verbunden. Gleichzeitig wird die emotionale und mentale Gesundheit der Beschäftigten gestärkt und Fehlzeiten können durch den Einsatz von uns Pflege-Lotsen spürbar reduziert werden.
Wie sind Ihre Erfahrungen und Rückmeldungen aus dem Kollegenkreis?
Die Rückmeldungen aus dem Kollegenkreis sind durchweg positiv. Es wird deutlich wahrgenommen, dass unser Arbeitgeber die Sorgen seiner Mitarbeitenden ernst nimmt und sie mit den Herausforderungen der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege nicht allein lässt. Dieses Angebot schafft Vertrauen und vermittelt Sicherheit in einer oft sehr belastenden Lebenssituation. Inzwischen bin ich nicht mehr allein als Pflege-Lotsin tätig. Seit 2025 biete ich mit meinem Kollegen Kyriakos Karipis gemeinsam Beratungen an. Da wir davon ausgehen, dass der Bedarf an Unterstützung zur Pflegevereinbarkeit in den kommenden Jahren weiter steigen wird, werden in diesem Jahr zwei weitere Pflege-Lotsinnen ausgebildet, um unser Team gezielt zu erweitern und langfristig handlungsfähig zu bleiben.
Alexandra Mummert (57) ist Mutter zweier Kinder und seit 34 Jahren bei der Rheinbahn in Düsseldorf tätig. Während ihrer Betriebszugehörigkeit hat sie unterschiedliche Stationen durchlaufen, darunter den Fahrdienst, das Marketing, den betriebsärztlichen Dienst sowie den Personalbereich. Seit gut fünf Jahren ist sie im Sachgebiet Vielfalt & Lebensphasen beschäftigt und seit zwei Jahren als Pflege-Lotsin tätig. Darüber hinaus engagiert sie sich als betriebliche Ersthelferin.