„Wir brauchen Arbeitgeber, die sich auf pflegende Angehörige einstellen“

„Wir brauchen Arbeitgeber, die sich auf pflegende Angehörige einstellen“

Nordrhein-Westfalen (NRW) hat 2022 eine Fachkräfteoffensive gestartet. Wichtigster Baustein im Landesprogramm „Vereinbarkeit Beruf und Pflege“ ist die Ausbildung von betrieblichen Pflege-Guides. In NRW beteiligen sich bisher 640 Unternehmen, auch in anderen Bundesländern hat das Beispiel Schule gemacht. Wir sprachen mit Greta Ollertz, die für die Ausbildung und Betreuung der Pflege-Guides in NRW verantwortlich ist.

Greta Ollertz
Kuratorium Deutsche Altershilfe
Inhaltsverzeichnis
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    Frau Ollertz, bereits 2015 hat die Regierung die Bedeutung der Angehörigenpflege erkannt und mit dem Pflegezeitgesetz und Familienpflegezeitgesetz die Möglichkeit geschaffen, kurzfristig als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer notwendigen Freiraum in einer Pflegesituation zu erhalten. Warum reicht das nicht aus?

    Die gesetzlichen Grundlagen sind grundlegend richtig und eine wichtige Entlastung für pflegende Beschäftigte. Dennoch muss man bedenken, dass eine Pflegesituation meist plötzlich auftritt, häufig gibt es noch keinen Pflegegrad, viele Themen sind ungeklärt in den Familien. Deswegen sind die gesetzlichen Regelungen häufig nicht ausreichend oder praktikabel.

    Was braucht es denn zusätzlich?

    Wir brauchen Arbeitgeber, die sich auf pflegende Angehörige einstellen, gerade in Bezug auf kurzfristige Veränderungen einer persönlichen Situation. Mit betrieblichen Regelungen und Einzelfalllösungen kann für Betriebe und Beschäftigte Klarheit und Sicherheit geschaffen werden.

    Das Landesprogramm „Vereinbarkeit Beruf und Pflege“ ist ein Baustein der Fachkräfteoffensive in Nordrhein-Westfalen (NRW) und läuft seit 2022. Haben Sie schon eine Einschätzung, inwieweit sich das Programm positiv auf beispielsweise die Fehlzeiten von pflegenden Angehörigen auswirkt?

    Es gibt keine belegbaren Zahlen, denn niemand erklärt, dass er sich krankgemeldet hat, um eine akute Pflegesituation bewältigen zu können. Aber es gibt Befragungen unter Erwerbstätigen, die zeigen, dass pflegende Angehörige mehr Krankheitstage haben. Es lohnt sich also, hier genau hinzusehen – auch, wenn ein zahlenmäßiger Beleg fehlt.

     

    Zur Person

    Greta Ollertz ist studierte Gesundheitsökonomin und leitet das Projekt „Servicezentrum Pflegevereinbarkeit“ beim Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA). Kontakt: berufundpflege@kda.de

     

    Was wird mit diesem Programm noch verfolgt und rechnet sich dies für die teilnehmenden Unternehmen?

    Das Landesprogramm „Vereinbarkeit Beruf und Pflege“ NRW möchte pflegende Beschäftigte darin stärken, ihre berufliche Verantwortung und private Pflegeverantwortung besser vereinbaren zu können, sodass weniger Menschen wegen der Doppelbelastung aus dem Beruf aussteigen oder krank werden. Arbeitgeber sollen dabei unterstützt werden, sich pflegefreundlich aufzustellen und damit Fachkräfte zu sichern und auch neue zu gewinnen.

    Wesentlicher Teil des Landesprogramms ist die Qualifizierung von sogenannten betrieblichen Pflege-Guides. Wie lange dauert die Ausbildung und muss das Unternehmen diese mitfinanzieren?

    Die Qualifizierung geht über zweieinhalb Tage, für die das Unternehmen die Mitarbeitenden freistellt. Durch die Finanzierung der AOK-Landeskassen ist die Qualifizierung für alle Unternehmen in NRW kostenfrei. Bei der Qualifizierung lernen die Personen die Grundlagen der rechtlichen Rahmenbedingungen, aber auch Werkzeuge für eine gute Gesprächsführung kennen. Die betrieblichen Pflege-Guides werden durch das Servicezentrum Pflegevereinbarkeit bei der Umsetzung begleitet.

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    Es wurden bislang etwa 1.000 Pflege-Guides ausgebildet, die nun in Unternehmen, aber auch im öffentlichen Dienst als Bindeglied zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, meist Kolleginnen und Kollegen, tätig sind. Was sind Ihre bisherigen Erfahrungen?

    Uns berichten Unternehmen und Organisationen aller Branchen sehr positiv über den Einsatz der betrieblichen Pflege-Guides. Auch wenn es manchmal eine Weile dauert, bis im Kollegium das Gesprächsangebot angenommen wird – früher oder später werden alle Pflege-Guides angesprochen. Sie können oft erste Hilfestellungen geben, gemeinsam Ideen entwickeln, wie eine gelingende Vereinbarkeit gestaltet werden kann, und vor allem ein offenes Ohr schenken. Viele betriebliche Pflege-Guides führen nicht nur Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, sondern gestalten auch in ihrer Organisation den Aufbau pflegefreundlicher Strukturen.

    Welche Voraussetzungen müssen Arbeitgeber mitbringen, um sich am Landesprogramm zu beteiligen?

    Das Landesprogramm richtet sich an alle Arbeitgeber in Nordrhein-Westfalen, unabhängig von Betriebsgröße und Branche. Für den Beitritt muss die Geschäftsführung als Selbstverpflichtung unsere Charta unterschreiben. Es ist praktisch eine Zusage von Arbeitgeberseite, dass pflegefreundliche Unternehmensstrukturen geschaffen werden sollen.

    Nach dieser Unterschrift besprechen wir individuell, welche Angebote des Servicezentrums zu der Organisation passen. Es gibt vielfältige Wege, ein Unternehmen pflegefreundlich aufzubauen. Was der richtige Weg ist, finden wir gemeinsam heraus. Wir bieten bei Bedarf ein Führungskräftetraining an – digital oder in Präsenz. Und wir können auch gemeinsam schauen, welcher Bedarf an betrieblichen Pflege-Guides im Unternehmen besteht. Wir haben zum Beispiel auch teilnehmende Betriebe, die über das Angebot von Pflege-Guides hinaus die betriebliche Pflegeselbsthilfe unterstützen.

    Wie kann das aussehen?

    Der Arbeitgeber kann den Austausch zwischen Mitarbeitenden in ähnlichen Situationen unterstützen. Realistischerweise muss man sehen, dass pflegenden Angehörigen nach Arbeit und Pflege oft die Zeit fehlt, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Aber der Austausch mit Menschen in ähnlichen Situationen ist elementar. Arbeitgeber können dies im Arbeitskontext ermöglichen. Ich erlebe, dass die betriebliche Pflegeselbsthilfe in manchen Betrieben fest implementiert ist, in Präsenz oder auch digital, monatlich oder quartalsweise – je nachdem, wie es in die Organisation passt. Hier geht es nicht nur um die Erfahrung, dass ich in einer Pflegesituation nicht allein bin, sondern auch darum, praktische Tipps auszutauschen und so schneller eine stabile Situation aufzubauen.

    Gibt es bestimmte Voraussetzungen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, um eine Weiterbildung zum Pflege-Guide zu machen? Wie ist der Weg dahin?

    Es gibt keine bestimmten Voraussetzungen oder Vorkenntnisse, die man erfüllen muss. Wichtig ist, dass es mit dem Vorgesetzten abgestimmt worden ist und es die Rückendeckung aus dem Betrieb dazu gibt. Die Anmeldung erfolgt über unsere Website.

    Aber Sie legen ja auch Wert darauf, dass es nach einer Ausbildung weitergeht.

    Ja, wir lassen unsere Pflege-Guides auch nach der Qualifizierung nicht allein. Als Arbeitsmaterial stellen wir einen betrieblichen Pflegekoffer zur Verfügung. Es gibt darüber hinaus regelmäßig digitale Erfahrungsaustausche, bei denen auch eine kollegiale Fallberatung stattfinden kann, und ein Forum nur für betriebliche Pflege-Guides. Zusätzlich ermöglichen Netzwerktreffen neben den Kontakten der Pflege-Guides untereinander auch deren Vernetzung mit den regionalen Strukturen der Pflegewelt. Und wir bieten beispielsweise auch Resilienz-Schulungen und andere Fortbildungen an.

    Hintergrund

    Bislang beteiligen sich über 640 Unternehmen, in der Größenordnung zwischen zwölf Mitarbeitenden und bis zu 20.000 Mitarbeitenden am Landesprogramm. Es wurden in den letzten Jahren über 1.000 betriebliche Pflege-Guides in Nordrhein-Westfalen qualifiziert.

    Das Servicezentrum zur Umsetzung des nordrheinwestfälischen Landesprogramms zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege ist an das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) mit Sitz in Berlin und Köln angegliedert. Gefördert wird das Projekt, das im Oktober 2021 im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW gestartet ist und bis Ende 2027 läuft, jeweils zur Hälfte vom Land und den Trägern der Pflegeversicherung. Weitere Informationen sowie Anmeldung zur Schulung als Pflege-Guide: www.berufundpflege-nrw.de

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