Nahrungsverweigerung: Was Angehörige tun können

Nahrungsverweigerung: Was Angehörige tun können

Hören pflegebedürftige Menschen auf zu essen, ist das für die Angehörigen belastend. Wann wird eine Nahrungsverweigerung gefährlich? Was sind mögliche Ursachen, und wie können Angehörige reagieren?

Ein älterer Mann sitzt am Esstisch und zeigt eine Nahrungsverweigerung.
GettyImages/FredFroese

Im Erstgespräch mit dem Pflegedienst brach der Konflikt durch. „Haben Sie Appetit, Frau Menz*?“, fragte die Pflegefachperson. „Ja, es schmeckt alles.“ – „Das stimmt doch gar nicht“, brach es aus der Tochter heraus. „Du hast kaum noch Appetit. Gestern hast du zum Frühstück gerade mal zwei Kekse gegessen und abends eine Scheibe Brot – und das nur mit gutem Zureden.“ Dann, gewandt an die Pflegeperson: „Ich wundere mich manchmal, wo sie ihre Energie hernimmt, so wenig, wie sie noch isst.“

Nahrungsverweigerung – für Angehörige ein Grund zur Sorge

Wenn pflegebedürftige Menschen plötzlich weniger oder kaum noch etwas essen, bedeutet das für die Angehörigen Stress. Sie sorgen sich, dass ihr Familienmitglied an Gewicht verliert und immer schwächer wird. Oft fühlen sie sich verantwortlich und haben das Gefühl, etwas falsch zu machen: „Ich müsste doch helfen können“, denken sie, oder „Was ist, wenn er oder sie aufgrund der Nahrungsverweigerung verhungert?“

Besonders belastend kann die Situation am Lebensende sein. Denn dann nimmt das Bedürfnis nach Essen ab – das ist ein natürlicher Bestandteil des Sterbeprozesses. Für die Angehörigen bedeutet das aber auch: Sie werden damit konfrontiert, wie ernst die Situation ist. Der kommende Verlust wird spürbar.

Spätestens am dritten Tag der Nahrungsverweigerung den Hausarzt informieren

Doch wie schnell sollten pflegende Angehörige im Fall einer Nahrungsverweigerung reagieren? Das hängt sehr von der Situation ab, betont Pflegeexperte Siegfried Huhn. „Hat die Person keine schwerwiegende Erkrankung und ist in einem relativ guten Ernährungszustand, sind ein oder zwei Tage ohne Essen unproblematisch.“ Huhn empfiehlt, spätestens am dritten Tag den Hausarzt zu informieren, wenn die pflegebedürftige Person nichts oder kaum etwas isst.

Problematischer sei es, wenn jemand nicht ausreichend trinkt, also weniger als 400 Milliliter Flüssigkeit pro Tag zu sich nimmt. „Gerade bei alten Menschen können schon ein bis zwei Tage mit extrem wenig Flüssigkeit lebensgefährlich sein“, erklärt Huhn. Dann kann es zu einer akuten Verwirrtheit kommen, oft gepaart mit Unruhe, Angst oder Halluzinationen. Zudem könne die Person ihr Bewusstsein verlieren oder einen Kreislaufzusammenbruch erleiden – eine lebensbedrohliche Situation.

Vorsicht bei Diabetes und Nahrungsverweigerung

Auch bei einem insulinpflichtigen Diabetes kann eine Nahrungsverweigerung gefährlich werden. „Insulin und Nahrung hängen eng zusammen“, erklärt der Pflegeexperte. „Wenn jemand Insulin bekommt, aber kaum oder gar nichts isst, kann der Blutzucker zu weit absinken und es zu einer Unterzuckerung kommen.“ Hier rät Huhn, vorab nach Rücksprache mit dem Hausarzt oder Pflegedienst die Insulingabe zu reduzieren, also wenn klar ist, dass der oder die Betroffene nichts essen möchte. Wenn das Insulin bereits gespritzt wurde, sollten die Kohlenhydrate in Form von Traubenzucker oder Fruchtsäften möglichst schnell zugeführt werden.

Ist die diabeteserkrankte Person nicht mehr ansprechbar oder kann nicht schlucken, sollten Angehörige direkt den Notarzt (112) rufen. Dies gilt auch bei Symptomen, die auf eine akute Verwirrtheit oder einen Kreislaufkollaps hindeuten (vgl. Tab. 1) – wenn sich der Zustand nicht nach Beine-Hochlegen und Gabe von Flüssigkeit bessert. Ist die Person bewusstlos, sollte sie, wenn möglich, in eine stabile Seitenlage gebracht werden. In keinem Fall sollte Flüssigkeit eingeflößt werden.

Tab. 1

Die Symptome sind oft ähnlich, daher kommt es leicht zu Verwechslungen. Bei Unsicherheit informieren Angehörige am besten ihren Pflegedienst oder den Hausarzt.

Die Pflegefachperson des Pflegedienstes fragte direkt nach: „Ist es schon länger so, dass Sie keinen Appetit haben, Frau Menz? Wann hat das begonnen? Tut Ihnen etwas weh, wenn Sie essen?“ Bei diesem Gespräch band sie die Tochter eng mit ein. Denn die 83-jährige Hanna Menz leidet an einer leichten Demenz. Bei genauerem Nachfragen zeigte sich, dass Frau Menz tatsächlich schon etwas länger über Schmerzen im Mund klagt. Oft entfernt sie daher auch tagsüber ihre Zahnprothese – dann kann sie aber nicht kauen.

Eine häufige Ursache für Nahrungsverweigerung: Probleme im Mund- oder Rachenbereich

Mund- und Rachenprobleme können ein typischer Auslöser für Appetitlosigkeit sein, erklärt Pflegeexperte Huhn. „Manchmal liegt es an einer schlechtsitzenden Zahnprothese oder einer Schleimhautentzündung. Oder die Person hat Hals- oder Rachenschmerzen, sodass ihr das Schlucken schwerfällt.“ Huhn empfiehlt in diesem Fall, den Haus- oder Zahnarzt aufzusuchen. Auch wenn die Person sich häufig verschluckt, sollte die Ursache abgeklärt werden.

Hilfreich sei darüber hinaus, die Zahnprothese vor den Mahlzeiten zu reinigen, damit keine Essensreste unter der Prothese sitzen, die das Kauen erschweren. Weitere Gründe für Appetitlosigkeit können den gesamten Magen-Darm-Trakt betreffen. „Das kann von einer verlegten Speiseröhre bis zur Darmentzündung reichen“, sagt Huhn.

Was die Lust am Essen mindern kann

Oft zeigt sich mit zunehmendem Alter eine generelle Unlust zu essen. „Manche haben einfach keinen Appetit, andere fühlen sich unter Druck gesetzt“, sagt der Pflegeexperte. Gerade bei Demenz könne es zu einer Nahrungsverweigerung kommen, da die Betroffenen die angebotene Nahrung nicht erkennen oder sich bedrängt fühlen. In manchen Fällen haben sie sogar Angst, vergiftet zu werden. Huhn empfiehlt, zunächst gelassen zu bleiben und es zu einem späteren Zeitpunkt erneut zu versuchen.

Auch normale Alterungsprozesse können einen Appetitmangel auslösen. „Der Geruchssinn nimmt im Alter ab – dabei ist er der wichtigste Faktor für die Geschmackswahrnehmung“, erklärt Huhn. Eine gute Nasenpflege vor den Mahlzeiten könne hier helfen, ebenso Nahrungsmittel mit intensivem Aroma, zum Beispiel Leberwurst statt Fleischwurst.

Neben Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts können weitere krankheitsbedingte Ursachen einen Appetitmangel auslösen. „Alle Erkrankungen, die die Muskelaktivität beeinträchtigen – etwa Parkinson oder Multiple Sklerose – wirken sich auf das Schlucken und damit auch auf den Appetit aus“, sagt Huhn. Auch Depressionen im Alter können oft mit Appetitmangel einhergehen.

Darüber hinaus können sich Medikamente, etwa gegen Parkinson, Magenbeschwerden oder Schmerzen, zusätzlich auf die Esslust auswirken. „Generell werden im Alter oft zu viele Medikamente verordnet und dann nicht mehr abgesetzt“, sagt Huhn. Daher sei es sinnvoll, gemeinsam mit dem Hausarzt die Medikation zu überprüfen und alles wegzulassen, was nicht mehr notwendig ist.

Bei Appetitlosigkeit ist eine klare körperliche Ursache oft nicht zu finden. Auch bei Hanna Menz verbesserte sich die Situation nach Anpassung der Zahnprothese zunächst nur unwesentlich. „Sie isst jetzt zwar etwas mehr und hat weniger Probleme beim Kauen, nimmt aber nach meinem Empfinden weiter deutlich zu wenig zu sich“, berichtet die 48-jährige Tochter. Sie versucht daher, oft die Lieblingsspeisen ihrer Mutter zu kochen wie Rührei oder Kartoffelbrei. Abends isst ihre Mutter gerne einen warmen Milchreis mit Zimt und Zucker. Da Frau Menz in einer kleinen separaten Wohnung im Haus ihrer Tochter wohnt, kann sie das möglich machen. Zusätzlich nutzt die Familie unter der Woche das Angebot „Essen auf Rädern“, mit dem die Mutter sehr zufrieden ist.

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Lieblingsgerichte, Süßspeisen, Trinknahrung

Pflegeexperte Siegfried Huhn rät bei Appetitmangel grundsätzlich zu Wunschkost. Süßes wird von älteren Menschen erfahrungsgemäß besonders gut angenommen – oft auch, weil es an vertraute Gerichte aus der Kindheit erinnert. „Wenn jemand kaum etwas zu sich nimmt, versuchen Sie es ruhig mit Grießbrei, Pudding oder Milchreis“, rät er. Eine Diabetes-Erkrankung sollte man dabei aber immer im Blick haben. „Halten Sie das Lieblingsessen vor Ort – und wenn die Person es vier Wochen nacheinander isst, ist das auch nicht schlimm.“

Eine besondere Herausforderung sei die Ernährung von Menschen mit Krebs. „Eine Krebserkrankung an sich ist schon zehrend, zusätzlich kommt es zu Belastungen durch die Therapie“, erklärt Huhn. Eine Ernährungsberatung sollte bestenfalls schon im Krankenhaus angeregt werden. Ergänzend kann hochkalorische Flüssignahrung sinnvoll sein, um eine Mangelernährung zu vermeiden und die Therapieverträglichkeit zu fördern. Flüssige Nahrung wie Smoothies oder Suppen sei zudem oft leichter einzunehmen und löse weniger Abneigung aus.

In Gemeinschaft schmeckt es oft besser

Was darüber hinaus häufig hilft: das Essen appetitlich anrichten, den Tisch festlich decken und wenn möglich in Gemeinschaft essen. „Gerade Menschen mit Demenz reagieren auf eine festlich gedeckte Tafel oft sehr positiv“, sagt Huhn. „Sobald die Umgebung an einen Sonn- oder Feiertag erinnert, greifen alte Verhaltensmuster, und sie essen meist deutlich besser.“ Ebenso wichtig wie das Essen selbst sei eine ruhige Umgebung – ohne Musik oder Fernseher und in entspannter Atmosphäre.

Gleichzeitig solle man versuchen, keinen Druck auszuüben. Oft kochen die Angehörigen extra oder bringen Kleinigkeiten oder ganze Mahlzeiten mit. Wenn die pflegebedürftige Person dann nur wenige Bissen isst, sind sie oft enttäuscht. „Das spüren die Menschen und fühlen sich leicht unter Druck gesetzt“, sagt Huhn.

Am Lebensende zählt der Genuss

Gerade am Lebensende ist das Thema Ernährung schwierig. Denn in den letzten Lebenswochen und -monaten nimmt die Lust am Essen ab – das ist ein natürlicher Prozess, der das Sterben begleitet. Oft denken die Angehörigen jedoch: „Wir können doch unsere Mutter nicht verhungern lassen. Sie müsste nur essen – dann würde es ihr auch wieder besser gehen.“ Hier ist eine gute Begleitung durch professionelle Helfer entscheidend, weiß Huhn: „Wenn Angehörige verstehen, warum sterbende Menschen in der Sterbephase weniger oder gar nicht mehr essen und trinken, können sie das Thema meist besser – und ohne Schuldgefühle – loslassen.“ Trotzdem sei es natürlich wichtig, dass auch in den letzten Lebenswochen und -monaten andere mögliche Ursachen wie Übelkeit oder wunde Stellen im Mund ausgeschlossen werden.

Für die Angehörigen kann diese Situation schwer auszuhalten sein. „Es ist sehr schwer zu akzeptieren, dass jetzt die Abschiedsphase da ist und kurativ nichts mehr getan werden kann“, weiß Huhn. Und trotzdem können die Angehörigen noch einiges tun – auch im Hinblick auf die Ernährung. In der letzten Lebensphase geht es vor allem darum, individuelle Genussmomente zu ermöglichen, Belastungen zu vermeiden und eine gute Mundpflege sicherzustellen. Manche Menschen wünschen sich zum Beispiel noch eine besondere Mahlzeit, wenn das Sterben nahe ist. Wenn solche Wünsche geäußert werden, sollten Angehörige dies möglich machen – und sich darüber freuen, wenn die Person das Essen, auch wenn es nur einige Bissen sind, nochmal genießt.“

Eine gute Mundpflege ist am Lebensende besonders wichtig, da es zu einer verstärkten Mundatmung kommt und die Mundschleimhaut austrocknet. Hilfreich sind hier Sprühflüssigkeiten und Schäume – gerne mit Lieblingsgeschmäckern wie Kaffee, Fruchtsäfte, Wein oder Brühe. „Solange wie möglich, sollte die Person die Mundpflege selbst durchführen“, sagt Huhn. Die Angehörigen können dabei unterstützen und nach Wünschen fragen.

Die Esssituation von Hanna Menz hat sich mittlerweile stabilisiert. Zwar isst die 83-Jährige immer noch nicht mit großem Appetit, aber sie schafft kleine Portionen und nimmt als Spätmahlzeit gerne noch einen Vanillepudding oder selbstgekochten Milchreis zu sich. Damit schafft sie es, ihr Gewicht zu halten. Mittags setzt sich oft eines der drei Enkelkinder zu ihr, wenn das „Essen auf Rädern“ kommt. Frau Menz freut sich über den Besuch und meist klappt es dann auch etwas besser mit dem Essen. Und am Wochenende findet sich die Familie gemeinsam zur Mittagsmahlzeit zusammen – das genießt Frau Menz sichtlich.

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

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