“Wenig zu trinken ist nicht die Lösung” -Interview mit Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Daniela Hayder-Beichel

Inkontinenz: "Wenig zu trinken ist nicht die Lösung"

GettyImages/Gerard Puigmal

Eine Harninkontinenz beeinträchtigt nicht nur das körperliche Wohlbefinden. Häufig haben Betroffene Sorge, dass sich ihre Blasenschwäche auch im Wohnumfeld, zum Beispiel durch Uringeruch, bemerkbar macht. Wir sprachen mit Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Daniela Hayder-Beichel, welche Maßnahmen nützen und welche sogar gesundheitsgefährdend sein können.

Frau Prof. Hayder-Beichel, Gerüche spielen beim Thema Harninkontinenz eine große Rolle. Welche Beobachtungen und Erfahrungen haben Sie in diesem Bereich mit Betroffenen gemacht?

Hayder-Beichel: Da gibt es mehrere Aspekte. Wenn zum Beispiel der Urin an sich unangenehm riecht, kann das auf einen Harnwegsinfekt oder eine Erkrankung im Uro-Genital-Bereich hindeuten. Im Zweifel sollte man das immer ärztlich abklären lassen.

Es gibt auch häufig noch die Annahme, dass, wenn ich weniger trinke, ich weniger auf Toilette gehen muss. Das ist fatal, denn zum einen riecht konzentrierter Urin stärker und zum anderen entstehen durch zu geringe Flüssigkeitsaufnahme häufiger Harnwegsinfekte, die zu vermehrtem Harndrang führen. Wenig zu trinken ist nicht die Lösung.

Selbst ansonsten gesunde Menschen, die ausreichend trinken, aber eben von Inkontinenz betroffen sind, befürchten, dass man in ihrem näheren Umfeld Uringeruch wahrnehmen kann. Und manchmal ist das tatsächlich auch der Fall.

Hayder-Beichel: Dann könnte man seine Hilfsmittel überprüfen. Ist das Hilfsmittel richtig ausgewählt? Hat es die richtige Größe und sitzt es richtig? Hat das Hilfsmittel, insbesondere Vorlagen, eventuell einen Eigengeruch?

Ich erlebe immer noch, dass an der Inkontinenzversorgung gespart wird. So werden Einmalprodukte zum Trocknen auf die Heizung gelegt, um sie noch einmal benutzen zu können, oder Betroffene behelfen sich mit Handtüchern oder Küchenpapier.

Warum ist es so entscheidend, auf spezielle Inkontinenzhilfsmittel zurückzugreifen, die industriell hergestellt werden, Geld kosten und zudem viel Abfall verursachen?

Hayder-Beichel: Vorlagen haben zum Beispiel einen Superabsorber. Diese chemischen Stoffe können große Mengen an Flüssigkeit binden, indem sie sie in Gel umwandeln. Dadurch bleiben Vorlagen oder Pants selbst unter dem Druck des Körpergewichts trocken.

Dies ist nicht nur geruchsbindend, sondern schont auch die Haut, die ansonsten schnell wund werden kann. Wenn man bedenkt, dass in der häuslichen Versorgung Patienten schon mal fünf bis sechs Stunden allein sind, kann das entscheidend sein.

In solchen Fällen ist davon auszugehen, dass der oder die Betroffene noch mobil ist und selbstständig die Toilette aufsuchen kann. Wie kann man dabei unterstützen?

Hayder-Beichel: Man kann die Toilettentür kennzeichnen oder am besten gleich offen stehen lassen. Außerdem sollte der Weg dahin, beispielsweise durch einen Flur, nicht zugestellt sein. In Nähe der Toilette können leicht erreichbar Toilettenpapier und Vorlagen aufbewahrt werden. Auch der Behälter zur Entsorgung des gebrauchten Inkontinenzmaterials sollte leicht erreichbar sein.

Manche Betroffene fühlen sich sicherer, wenn sie eine saugende Matratzenauflage verwenden oder sogar für ihre Sitzmöbel Schonbezüge verwenden. Wie schätzen Sie dies ein?

Hayder-Beichel: Wenn Auflagen benutzt werden, sollten es Einmalprodukte sein oder sie sollten waschbar sein. Wenn ein pflegebedürftiger Mensch dekubitusgefährdet ist, muss überprüft werden, ob eine Matratzenauflage gegebenenfalls kontraproduktiv ist.

Welche Hygienemaßnahmen kommen noch in Betracht?

Hayder-Beichel: Gut ist es, regelmäßig die Wohnung zu lüften. Toilettenstuhl oder Urinflasche müssen zeitnah geleert und gereinigt werden. Vorlagen oder Windelhosen sollten in einem separaten, gut verschließbaren Mülleimer entsorgt werden.

Es gibt auch sogenannte Windeleimer für Erwachsene und Senioren, auch wenn ich über den Begriff nicht erfreut bin. Diese sind in der Anschaffung recht teuer und auch die Nachfüllkassetten kosten Geld. Ob es eines solchen Eimers wirklich bedarf, muss jeder für sich selbst prüfen.

Darüber hinaus kann man auch versuchen, mit einer Duftlampe, gegebenenfalls befüllt mit Eukalyptusöl, dem Uringeruch entgegenzuwirken.

Als Fazit – was empfehlen Sie unseren Lesern?

Hayder-Beichel: Eine professionelle Hilfsmittelberatung durch den Pflegedienst oder in der Apotheke in Anspruch zu nehmen. Und auf jeden Fall ausreichend zu trinken und regelmäßig zur Toilette zu gehen. Alles, was an Urin in der Toilette landet, verbreitet keinen Geruch.

Tipp

In manchen Städten werden für die vermehrte Abfallmenge extra „Windeltonnen“ bereitgestellt. Hierzu kann man sich bei der Stadtverwaltung oder den Entsorgungsbetrieben erkundigen. Informationen rund um das Thema Inkontinenz gibt auch der Barmer-Pflegecoach in seinen „Toilettengeschichten“.

Zur Person

Prof. Dr. Daniela Hayder-Beichel (46) ist Professorin an der Hochschule Niederrhein im Studiengang Pflege mit dem Schwerpunkt Versorgungsforschung für Menschen mit Inkontinenz.

Über den Autor

Britta Waldmann ist Redakteurin im Bibliomed-Verlag.