Umgang mit Harninkontinenz: Feste Toilettenzeiten können helfen

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Pflegebedürftigkeit und Inkontinenz sind häufig miteinander verbunden. Nur selten geben Angehörige zu, dass sie sich in bestimmten Momenten ekeln. Fachliche Beratung und menschliche Unterstützung helfen, mit dem Problem besser umzugehen.

Harndrang wird nicht mehr ausreichend wahrgenommen

Rechtzeitig die Toilette zu erreichen, kann schwierig sein, wenn die Mobilität eingeschränkt ist. Ein Schlaganfall, Multiple Sklerose oder Morbus Parkinson sind Erkrankungen, die mit Inkontinenz – also der Unfähigkeit, Harn und Stuhl zu halten – einhergehen können. Lässt auch die geistige Leistungsfähigkeit nach, beispielsweise bei Demenz, dann fällt es Betroffenen zudem schwer, den Harn- und Stuhldrang richtig zu deuten, oder um Hilfe zu bitten. Oft ist dies ein schleichender Prozess. Pflegende Angehörige machen dann die Erfahrung, wie unvorhersehbar die Ausscheidungen eines anderen Menschen sind. Vor allem wenn sich das pflegebedürftige Familienmitglied nicht mehr äußern kann, wird es schwierig.

Wie Frau Muhr (alle Namen im Text geändert) schildern viele pflegende Angehörige die Schwierigkeiten mit dem Toilettengang, wenn Familienmitglieder pflegebedürftig geworden sind: „Nach dem Schlaganfall wurde es immer schwieriger für meinen Mann, allein zur Toilette zu gehen und rechtzeitig dort anzukommen. Ich hatte viel verschmutzte Wäsche und habe mich oft über sein Unvermögen geärgert. Eines Tages bemerkte ich, wie er ganz leicht an der Hose zupfte und unruhig wurde – das war mir vorher nicht aufgefallen. Ich ging mit ihm zur Toilette und es klappte gut. Von diesem Tag an achtete ich besser auf die Zeichen. Ich gehe regelmäßig mit ihm zur Toilette. Jetzt kommen wir ganz gut zurecht.“

Der Euro-WC-Schlüssel

Viele öffentliche Behinderten-WCs in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind mit einer einheitlichen Schließanlage ausgerüstet, die mit dem sogenannten Euro-Schlüssel genutzt werden können. Berechtigte können diesen Euro-Schlüssel über die Website des Clubs Behinderter und ihrer Freunde (CBF) gegen ein kleines Entgelt erwerben.

Harninkontinenz kann den Alltag bestimmen

Aufwendige Toilettengänge, nicht selten erfolglos, da zur falschen Zeit, nasse Kleidung und Möbel, An- und Auskleiden verbunden mit Reinigungsarbeiten, all dies kann sehr frustrierend sein. Hinzu kann das Gefühl von Ekel kommen. Und reagiert die pflegebedürftige Person vielleicht aus Scham mit Unmut oder Aggression, kann das den häuslichen Frieden sehr belasten. Dies beschreibt Frau Loer: „Ich setze meinen Mann immer wieder auf die Toilette, und dann kommt nichts. Ich kann ihn ja nicht ewig sitzen lassen. Aber es passiert eben auch, dass er nur kurz nach dem Toilettengang die ganze Hose einnässt. Manchmal macht mich das so wütend, dann könnte ich verrückt werden.“

Ursachen für Harninkontinenz

Sich in dieser Situation Hilfe zu suchen, fällt vielen Angehörigen schwer. Doch es lohnt sich, denn mit den richtigen Hilfen wird die Belastung geringer. Der Hausarzt oder professionell Pflegende (beispielsweise aus dem ambulanten Pflegedienst) können erste Ansprechpartner sein. Zunächst sollte geschaut werden, warum es zur Inkontinenz kommt.

Hervorgerufen werden kann die Inkontinenz durch eine Erkrankung der Blase, der Prostata oder durch einen Harnwegsinfekt. Auch ein Diabetes oder die Einnahme bestimmter Medikamente können die Kontinenz beeinträchtigen. Ist die Ursache geklärt, kann überlegt werden, wie die Situation zu verbessern ist. Häufig nützt schon ein regelmäßiger Toilettengang. Am besten notiert man sich die Zeiten, zu denen man mit dem Familienmitglied zur Toilette gegangen ist, beziehungsweise ob und wann die Kleidung mit Urin oder Stuhl verschmutzt wurde. Aus den notierten Informationen ergeben sich wichtige Hinweise: Zeiten erfolgreicher Toilettengänge behält man bei.

Tagebuch führen, um auf Hinweise reagieren zu können

Die Zeitpunkte, zu denen es zur Inkontinenz kommt, betrachtet man genauer. Wurden im Vorfeld bestimmte Getränke oder Speisen verzehrt, die harn- oder stuhltreibend sein können? Kaffee, Produkte mit Sahne oder scharf gewürzte Speisen können eine solche Wirkung haben. Ist es möglich, die Zeit nach dem Verzehr so abzupassen, dass man zügig zur Toilette kommt, um ein negatives Ereignis zu umgehen? Viele Angehörige entwickeln mit ihren Familienmitgliedern auf diese Art und Weise eine hilfreiche Routine. Motivation und Lob wirken sich dabei besonders positiv aus. Dabei muss bedacht werden, dass die Umsetzung nicht gleich und nicht immer erfolgreich ist.

Eine weitere Schwierigkeit im Alltag können bestimmte Verhaltensweisen der pflegebedürftigen Familienmitglieder sein. So können beispielsweise Personen mit Demenz in Papierkörbe oder Blumenkübel urinieren und damit ungewollt ihr Umfeld verärgern. Häufig resultiert ein solches Verhalten aus der frühen Jugend, in der es üblich war, einen Nachttopf zu nutzen. Es kann also zweckdienlich sein, einen alten Nachttopf aufzutreiben und ihn im Sichtfeld des Familienmitglieds zu positionieren. Dieser wird unter Umständen besser akzeptiert als eine Urinflasche. Weiterhin macht es Sinn, die Sitzmöbel mit Unterlagen abzudecken. Diese gibt es als waschbare Variante oder zum einmaligen Gebrauch. Für Personen, die viel außer Haus sind und über einen Behindertenausweis verfügen, bietet sich zudem der Erwerb des „Euro WC-Schlüssels“ an (siehe Kasten), denn er passt in ganz Europa in über 12 000 Schlösser und ermöglicht das unproblematische Aufsuchen der Toiletten.

Vorlagen sind oft notwendig

Trotz aller guten Ideen und Maßnahmen lässt sich eine Inkontinenz nicht immer vermeiden. Aus diesem Grund wurden Hilfsmittel entwickelt, die im Fachhandel erhältlich sind. Ein Toilettenstuhl neben dem Bett kann gute Dienste leisten, aber standsicher und in der Höhe individuell anzupassen sollte er sein. Ist das Familienmitglied nicht mehr in der Lage, das Bett zu verlassen, wird meist eine Urinflasche notwendig. Hier kann ein Modell von Vorteil sein, das durch einen speziellen Einsatz auslaufsicher ist. So kann trotz unsicheren Hantierens ein nasses Bett vermieden werden. Viele Betroffene und Angehörige setzen zudem auf körpernahe aufsaugende Produkte.

Vorlagen oder Inkontinenzhosen, die einen Superabsorber enthalten, nehmen den Urin auf und speichern ihn. So schützen die Produkte nicht nur vor unangenehmem Geruch, sondern helfen ebenso, die Haut trocken zu halten. Wichtig ist jedoch, das passende Produkt zu finden. Das ist, wie Herr Orth beschreibt, nicht immer einfach: „Da stand ich in der Apotheke und wollte für meine Frau Vorlagen kaufen. Die Apothekerin fragte nach Größe und Gewicht meiner Frau und wollte auch wissen, wie schlimm es denn sei. Ich war ratlos. Da gab sie mir ein paar Proben mit, die wir testen konnten. Zudem habe ich den Bauch- und Hüftumfang bei meiner Frau gemessen. Heute weiß ich die Größe und kenne verschiedene Produkte.“

Das passende Harninkontinenzprodukt finden

Um das richtige Produkt auswählen zu können, kommt es auf den Körperbau des Betroffenen und die Ausprägung der Inkontinenz an. Für eine leichtere Inkontinenz gibt es kleinere Vorlagen. Je schwerwiegender das Problem, desto größer müssen die Produkte ausfallen. Aufgrund der Erfahrungen mit der Monatshygiene tolerieren Frauen Einlagen meistens sehr gut. Männer können sich jedoch schwer damit tun. Für sie gibt es spezielle Hilfsmittel, die auf die männliche Anatomie zugeschnitten sind. Einen weiteren Vorteil können Inkontinenzhosen bieten, die wie ein Slip hoch- und runterzuziehen sind. Männer oder Frauen, die eine Vorlage nicht akzeptieren, haben oft keine Einwände gegen einen Inkontinenzslip.

Auf gute Hautpflege achten

Auch die Hautpflege spielt bei diesem Thema eine besondere Rolle, denn Harn und Stuhl können die Haut angreifen. Zur Reinigung bieten sich warmes Wasser und eine pH-neutrale Waschlotion an. Die Haut sollte nicht trocken gerieben, sondern behutsam abgetupft werden. Die Reinigung erfolgt im Intimbereich von vorn nach hinten, um Fäkalkeime nicht in die Harnröhre gelangen zu lassen und damit einen Harnwegsinfekt auszulösen. Die Desinfektion der Haut ist in aller Regel nicht nötig. Vielmehr sollte darauf geachtet werden, dass Hilfsmittel regelmäßig gewechselt werden.

Mutig sein und darüber reden

Sich mit dem Problem der Inkontinenz nicht einzuigeln, sondern Hilfe in Anspruch zu nehmen, das hilft vielen Menschen weiter. Inkontinenz ist ein sensibles Thema und es fällt nicht leicht, darüber zu sprechen. Dennoch lohnt es sich, wie Frau Korte erzählt: „Ich wusste nicht, wie ich es ansprechen sollte, es war mir so peinlich. Aber dann fasste ich meinen ganzen Mut zusammen und sprach es bei einem Arzttermin an. Die Ärztin reagierte nett und sagte, dass wir zusammen überlegen und schauen, was zu tun ist. Ich war sehr erleichtert darüber. Die Inkontinenz ist zwar nicht weg, aber nun ist sie mehr unter Kontrolle. Jetzt traue ich mich, mit meinem Mann auch wieder rauszugehen.“

Über den Autor

Dr. Daniela Hayder-Beichel ist Pflegewissenschaftlerin, Dozentin im Gesundheitswesen und Expertin auf dem Gebiet Harninkontinenz.