Sprachassistenten: Ein Stück Selbstständigkeit wiedergewinnen

Sprachassistenten

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Ob Alexa, Google Nest oder der Apple Homepod – der Markt für smarte Lautsprecherboxen wächst. Dank der integrierten Sprachassistenten lassen sich beispielsweise Licht und Musik nur mit der Stimme steuern. Michael Heider, der an MS (Multiple Sklerose) erkrankt ist, gibt ein solcher Sprachassistent aber vor allem ein Stück Selbstständigkeit und Selbstbestimmung wieder zurück und entlastet so auch seine Ehefrau, die ihn pflegt.

Michael Heider war gerade einmal 18 Jahre alt, als er 1985 an Multipler Sklerose (MS) erkrankte. Die Diagnose erfuhr er selbst aber erst 1991, als er seinen Arzt aktiv danach fragte. Bei der Erkrankung handelt es sich um eine chronische Entzündung des Nervensystems. Nach und nach werden Nervenstrukturen zerstört. Das zieht unterschiedliche Symptome nach sich und führt unter anderem zu Lähmungen und Störungen der Koordination. Auch bei Michael Heider führte die Krankheit zu immer mehr körperlichen Einschränkungen, sodass er mittlerweile aus Kraftlosigkeit immer wieder auch tagsüber Zeit im Bett verbringen muss, sich zu Hause nur noch im Rollstuhl fortbewegt und stark auf die Hilfe seiner Frau Silvia angewiesen ist.

Spracherkennung hilft auch im Beruf

Trotz seiner Krankheit und den körperlichen Einschränkungen arbeitet der 54-Jährige noch Vollzeit als IT-Spezialist. Seit zwei Jahren geht er seiner Arbeit aus dem Homeoffice nach. „Da kam mir Corona auch ein wenig zugute“, sagt er. „Ich arbeite aber auch in einem Unternehmen, in dem flexibles Arbeiten ohnehin seit Jahren gang und gäbe war.“ Bis vor zwei Jahren konnte er noch selbst Auto fahren und kam so auch noch zur Arbeit. Vor Ort brauchte er aber Hilfe. „Meine Kollegen haben mich da sehr unterstützt“, erinnert er sich.

Mittlerweile fährt er selbst kein Auto mehr und arbeitet ausschließlich von zu Hause aus. Obwohl er sich ein Fahrzeug eigens umbauen ließ, in das er problemlos selbst mit dem Rollstuhl reinkommt, traut er sich den sicheren Umgang im Straßenverkehr nicht mehr zu.
Bei der Arbeit erleichtert eine Spracherkennungssoftware dem 54-Jährigen den Arbeitsalltag. „Mit den gleichen Händen am Computer zu arbeiten, die oft nicht einmal mehr das Handy bedienen können, ist schwer und da hilft mir die Spracherkennung sehr“, erzählt er.

Seine Berufstätigkeit sei ihm sehr wichtig. Nicht wegen des Geldes, sondern vor allem, weil Arbeit ein großer Zeitfaktor im Leben ist und man in der Zeit etwas Sinnvolles tun kann. „Wenn man nicht mehr arbeitet, spätestens dann beginnt die Degeneration“, sagt er.

Eine große Hilfe im Alltag ist auch der Sprachassistent von Google, den Michael Heider nutzt. Zu dem kam er per Zufall. „Ich hatte noch Bonuspunkte vom Arbeitgeber, die ich irgendwo einlösen sollte. Ich habe den Katalog durchgeguckt und da war irgendwie gar nichts, was mich interessierte“, erzählt er. „Da habe ich eben den Sprachassistenten genommen.“ So ist die Entscheidung auch rein zufällig auf Google Nest gefallen, da dieser in dem Katalog angeboten wurde.

Anfangs habe er den smarten Lautsprecher nur mal ausprobieren wollen. Mittlerweile besitzt er sieben solcher Geräte in mehreren Räumen verteilt und kann sich den Alltag ohne die Geräte kaum noch vorstellen. Sechs der Geräte nutzt Heider als Stereopaare jeweils im Wohnzimmer, im Schlafzimmer und im Arbeitszimmer. Eine Einzelbox hat er im Badezimmer stehen.

Hilfe im Notfall

Ein wichtiger Aspekt für Michael Heider ist, dass er dank des Sprachassistenten im Notfall selbst Hilfe rufen kann. „Wenn meine Frau beim Einkaufen ist und hier ist etwas passiert oder schlimmer, wenn ich morgens aufwachen sollte und meine Frau reagiert nicht, dann kann ich nichts. Sie hilft mir, mich morgens aus dem Bett zu bekommen, mich anzuziehen, bei allem. Dank des Sprachassistenten könnte ich im Notfall wenigstens meine Töchter anrufen“, erklärt der 54-Jährige. In dem Fall funktioniere der Sprachassistent ähnlich wie ein Notrufknopf, nur dass er noch viel mehr kann. „Wenn ich auch sonst im Bett telefonieren möchte, kann ich darüber ganz einfach zum Beispiel meine Eltern anrufen.“

Nicht nur selbstständig telefonieren kann Michael Heider über die smarten Boxen. Er steuert damit auch das Licht und die Rollläden, kann Musik, Hörbücher und Podcasts abspielen sowie zugeschaltete Steckdosen bedienen. „Wenn meine Frau mal in einem anderen Raum ist und im Wohnzimmer knallt die Sonne rein, dann brauche ich sie nicht extra zu rufen, sondern kann die Rollläden per Sprachbefehl runterlassen“, erzählt er. Da seine Motorik in den Händen sehr eingeschränkt ist, gibt ihm das einen großen Teil seiner Freiheit und Selbstständigkeit zurück und erleichtert ihm und auch seiner Frau den Alltag. Zum einen braucht er seine Frau nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit zu rufen und zum anderen muss sie auch nicht dauerhaft lauschen, ob ihr Mann sie gerade ruft oder etwas braucht, da er über die smarten Lautsprecher auch mit ihr kommunizieren kann, wenn sie in einem anderen Raum ist. „Meine Frau weiß, wenn ich mich nicht melde, dann brauche ich gerade nichts.“ So muss die 53-Jährige nicht ständig nach ihm sehen. Es sei schön, dass er seine Frau nicht jedes Mal rufen muss, wenn er nur den Radiosender etwas lauter stellen möchte. So gerne seine Frau es auch für ihn täte, würde es „im Alltag aber dennoch auf Dauer bei jedem irgendwann zu Frust führen“, sagt er. Somit täte der Sprachassistent auch ihrer Beziehung zueinander gut.

Angehörige können beim Einrichten helfen

„Meinem Vater, der jetzt 83 ist, habe ich kürzlich auch so eine Box geschenkt“, erzählt Heider. Der sei natürlich nicht so technikaffin, aber das Telefonieren über den smarten Lautsprecher funktioniere bereits. Das Einrichten hat Michael Heiders 22-jährige Tochter übernommen und auch bereits entsprechende Anwendungen für Musik und Radio installiert und hinterlegt.

Das Einrichten eines solchen Sprachassistenten sei laut Heider sehr einfach. „Dabei können Angehörige wie beispielsweise die Kinder oder Enkelkinder helfen“, erklärt er. Man bräuchte nur ein Tablet oder ein Handy, auf dem man die zugehörige App installieren kann, um den smarten Lautsprecher einmal einzurichten. Diese App dient als Steuerzentrale, ohne dass sie ständig angeschaltet sein muss. Sie müsse nur vorhanden sein. Will man Lampen oder Rollläden steuern, bräuchte es natürlich zusätzlich die entsprechende Technik, welche mit dem jeweiligen Sprachassistenten kompatibel sei, und sie müsse zusätzlich entsprechend eingerichtet werden, so Heider. Auch um Musik abspielen zu können, müssten die entsprechenden Anwendungen wie Radio-Apps oder Musikanbieter wie etwa Spotify hinterlegt werden. Die wichtigste Grundvoraussetzung ist aber eine WLAN-Verbindung. Angst davor, falsche Knöpfe zu drücken, braucht man keine zu haben, da die Boxen nur einen Knopf für das Mikrofon haben, sagt Heider. „Man braucht aber schon eine gewisse Offenheit dafür.“

„Sicherlich geht beispielsweise ein 80-Jähriger nicht los und kauft sich so etwas selbst“, sagt der 54-Jährige. Da könnten aber Kinder und Enkelkinder Initiative zeigen und so etwas vorschlagen. „Der Pflegende kann es vorschlagen und schrittweise zeigen.“ Man könne das Interesse mit kleinen Dingen wecken und dazu animieren mehr auszuprobieren. „Jeder sollte es mal versuchen. Wenn es nicht funktioniert, kann man das Gerät an seine Enkel weitergeben. Aber man sollte nicht zu schnell aufgeben“, betont Heider. Wichtig sei sicherlich auch, dass die Person, die den Sprachassistenten nutzt, auch noch gut und verständlich sprechen kann, damit der Sprachassistent die Befehle umsetzen kann.

Technik kann mal ausfallen

„Natürlich gibt es auch mal technische Probleme“, sagt Heider. Etwa wenn die WLAN-Verbindung unterbrochen ist. Aber die stellt sich nach erneuten Verbindungsversuchen meistens automatisch wieder her. „Ansonsten zieht man den Stecker raus und steckt ihn wieder ein. Dann startet das Gerät neu und sollte wieder funktionieren.“ Sollte das Internet einmal komplett ausfallen, dann ließe sich da aber auch nichts machen, dann sei mit dem Gerät kaum etwas möglich. „Wenn das Internet heutzutage ausfällt, ist es fast so, wie wenn früher das Wasser ausgefallen ist, man ist aufgeschmissen“, scherzt der 54-Jährige. Zudem sei die Nutzung eines Sprachassistenten auch immer ein Datenschutzthema, gibt Heider zu bedenken. Da sei es dann aber wichtig abzuwägen, ob man die Freiheit genießen will und was man bereit ist, an Daten dafür preiszugeben.

Er selbst möchte nicht mehr auf den Sprachassistenten verzichten. Besonders gerne hört er Podcasts über die Lautsprecher und findet es schön, ohne Hilfe vor- und zurückspulen und sich die Titel selbst aussuchen zu können sowie auch die Lautstärke selbst zu regeln.
Dass Michael Heider den Sprachassistenten von Google nutzt, war reiner Zufall. Die Geräte von Amazon und Apple seien genauso gut und funktionieren nach demselben Prinzip, sagt er. Auch preislich würden sie sich nicht sonderlich unterscheiden. Der Smartspeaker, den er nutzt, kostet etwa 60 Euro.

Für Michael Heider hat das Gerät durch den Sprachassistenten einen klaren Nutzen und hilft ihm in Bereichen, in denen er eingeschränkt ist, und gibt ihm so ein großes Stück Freiheit und Selbstbestimmung wieder.

 

 

Über die Autorin

Kristina Stein ist Redakteurin im Bibliomed-Verlag.