Inkontinenz: Wie Hilfsmittel die Lebensqualität steigern können

Hilfsmittel bei Inkontinenz

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Inkontinenz ist ein großes Thema bei der Pflege eines Angehörigen und belastet die Pflegesituation häufig sehr. Mit modernen Produkten ist jedoch eine spürbare Erleichterung der Inkontinenzversorgung zu erreichen, und der Pflegebedürftige erhält mehr Lebensqualität.

Schweregrade der Inkontinenz

Leichte Inkontinenz:          ca. 50 bis 100 Milliliter
Mittlere Inkontinenz:         ca. 100 bis 200 Milliliter
Schwere Inkontinenz:        ca. 200 bis 300 Milliliter
Schwerste Inkontinenz:     mehr als 300 Milliliter
(Urinverlust innerhalb von vier Stunden, Quelle: Expertenstandard „Förderung der Harnkontinenz in der Pflege“ des Deutschen Netzwerks für Qualitätssicherung in der Pflege 2007)

Inkontinenz als Folge von Erkrankungen

Frau Klein (sämtliche Namen von der Redaktion geändert) pflegt zu Hause ihre 83-jährige Schwiegermutter. Wie viele andere pflegebedürftige Menschen ist die ältere Dame inkontinent. Sie verliert unwillkürlich Harn und Stuhl. Inkontinenz ist oftmals die Folge einer Erkrankung, beispielsweise eines Schlaganfalls oder einer Demenz. Aber auch Menschen, die starke Schmerzmittel, Psychopharmaka (Medikamente, die auf die Psyche wirken) oder Diuretika (harntreibende Medikamente) einnehmen, können vermehrt unter Harninkontinenz leiden. Zudem werden viele Menschen inkontinent, wenn sie in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind und ihre geistigen Fähigkeiten nachlassen. Der Harndrang wird dann nicht mehr rechtzeitig erkannt, das Einhalten fällt schwerer und der Weg zur Toilette wird auf einmal zu weit. Viele pflegende Angehörige kennen diesen schleichenden Prozess, vor allem, wenn ihre Familienmitglieder chronisch krank sind und der Hilfebedarf stetig zunimmt.

Moderne aufsaugende Inkontinenz-Produkte sind für pflegende Angehörige eine wichtige Unterstützung im Alltag. Sie geben Sicherheit und ermöglichen ein gesellschaftliches Leben in der Öffentlichkeit, ohne unangenehm aufzufallen. Zudem werden Wäsche und Mobiliar geschützt. Auch der Pflegebedürftige profitiert: Die Haut wird vor Nässe geschützt, und spezielle Geruchsbinder verhindern unangenehme Gerüche.

Sich nicht alleingelassen fühlen

Schätzungen zufolge sind etwa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung von Harninkontinenz betroffen. Die Mehrheit von ihnen nutzt aufsaugende Inkontinenz-Produkte, um den Alltag zu bewältigen. Doch der Markt für Inkontinenz-Artikel ist groß und nicht selten unübersichtlich. Vor allem dann, wenn man noch nie mit Urinverlust zu tun hatte.

Herr Maier erzählt:

„Meine Frau litt ja schon länger an Demenz, aber sie ist in den ersten Monaten ganz normal zur Toilette gegangen. Dann verschlechterte sich ihr Zustand und mit einem Mal konnte sie nicht mehr einhalten. Das war schlimm, und ich war so hilflos. Ich bin dann erst mal in die Apotheke und habe gefragt, was ich machen kann. Die Apothekerin meinte, ich solle Vorlagen nutzen. Sie fragte nach dem Hüftumfang meiner Frau und wie viel sie denn an Urin verlieren würde. Nur so könne sie mir das passende Produkt mitgeben. Tja, da musste ich erst mal nach Hause gehen und messen. Ich hatte ja keine Ahnung!“

Weil viele pflegende Angehörige diese Erfahrung machen, gibt es zahlreiche Hilfsangebote. Bei Fragen rund um Inkontinenz helfen beispielsweise Apotheken, Sanitätshäuser oder auch spezielle Fachkräfte in Kontinenzzentren beziehungsweise Kontinenzberatungsstellen, die man in Krankenhäusern findet.

Wie finde ich das richtige Produkt?

Bei der Auswahl des optimalen Produkts sind die Größe und die notwendige Saugstärke zwei wesentliche Aspekte. Für die richtige Passform ist der Hüftumfang entscheidend. Er lässt sich ganz einfach mit einem Maßband messen, oder man orientiert sich an der Kleidergröße des Familienmitglieds.

Anschließend sollte entschieden werden, welche Menge an Flüssigkeit das Produkt aufnehmen muss. Viele Hersteller bieten kostenlose Proben an. So können Sie testen, welches Produkt über mehrere Stunden sicher den Urin aufnimmt. Eine einfache Möglichkeit zur Kontrolle ist das Wiegen des Produkts, wenn es bereits mehrere Stunden getragen wurde. Legen Sie das Produkt in eine saubere Tüte und verschließen Sie sie gut. Hierzu eignet sich beispielsweise ein frischer Müllbeutel. So bleibt Ihre Küchenwaage hygienisch und sauber. Der Gewichtsunterschied zwischen ungetragenem und getragenem Hilfsmittel verrät, wie viel Urin der Angehörige innerhalb eines bestimmten Zeitraums verliert. Daraus lassen sich Rückschlüsse ziehen, ob es sich um eine eher leichte, mittlere oder schwere Inkontinenz handelt und man also eher ein kleines oder größeres Produkt benötigt.

Ferner sollte bei der Produktauswahl berücksichtigt werden, ob der Angehörige mobil oder bettlägerig ist und welche besonderen Anforderungen im Alltag zu bewältigen sind. Die Produkte werden in solche für Männer beziehungsweise für Frauen unterschieden.

Vier Gruppen von Inkontinenzprodukten

Die gesammelten Angaben über die notwendige Größe, den Harnverlust und die alltäglichen Bedingungen helfen bei der Auswahl des richtigen Hilfsmittels. Allgemein lassen sich bei aufsaugenden Hilfsmitteln vier Gruppen unterscheiden:

  • Einlagen werden in die Unterwäsche eingelegt
  • Vorlagen werden mit einer Netzhose fixiert, die wie eine Unterhose über die Vorlage gezogen wird
  • Inkontinenzslips werden mit wiederverschließbaren Klebestreifen an der Vorder- und Hinterseite geschlossen
  • Inkontinenzhosen können wie normale Unterwäsche getragen werden

Aufsaugende Hilfsmittel auf Rezept

Inkontinenzprodukte können vom Arzt verordnet werden, da es sich um medizinische Hilfsmittel handelt. Für die Kostenübernahme durch die Krankenkasse muss das Produkt jedoch eine der folgenden Bedingungen erfüllen:

  • Es ermöglicht Ihrem Angehörigen, (wieder) am sozialen Leben teilzunehmen.
  • Es beugt schweren Funktionsstörungen oder Folgeschäden vor (z.B. Hautschäden).
  • Es ist wichtig für die Behandlung einer Erkrankung, z. B. für die Therapie eines Dekubitus (Wundliegen).

Der Arzt vermerkt auf dem Rezept die genaue Größe, Stückzahl sowie den Verordnungszeitraum und kreuzt das Feld „Hilfsmittel“ an. Ein solches Rezept erkennt die Krankenkasse an und nennt Ihnen einen oder mehrere Lieferanten, die mit der Kasse zusammenarbeiten. In der Regel erhalten Sie vom Lieferanten Beratung und Muster zu den angebotenen Inkontinenzprodukten, sodass Sie die Möglichkeit haben, ein geeignetes Produkt auszuwählen. Anschließend wird es Ihnen vom Lieferanten nach Hause geschickt. Die verordneten Hilfsmittel sind kostenfrei, allerdings gelten auch hier die Bedingungen der gesetzlichen Zuzahlung.

Wann sollte das  Produkt gewechselt werden?

Moderne aufsaugende Inkontinenzprodukte können eine beträchtliche Menge an Urin aufnehmen. Dafür sorgt ein saugfähiger Kern, der aus in Zellstoff eingebettetem, weichem Granulat besteht. Trifft Flüssigkeit auf das Granulat, entsteht ein Gel, das Urin und Geruch bindet und nicht mehr freigibt. Daher können die Inkontinenzprodukte über mehrere Stunden genutzt werden. Kommt eine Stuhlinkontinenz hinzu, müssen Sie das Produkt zeitnah wechseln, um die Haut vor aggressiven Verdauungsenzymen zu schützen.

Ein Wort zur Nacht: Mit dem richtigen Produkt können Sie und Ihr Angehöriger übrigens ungestört schlafen, denn ein Wechsel in der Nacht ist meistens unnötig.

Viel hilft nicht viel

Immer wieder kommt es vor, dass mehrere Inkontinenzprodukte in- und übereinander getragen werden.

Frau Schulz berichtet:

„Ich habe mir kleine Zellstoffeinlagen besorgt. Diese habe ich dann in die große Vorlage von der Krankenkasse gelegt. Ich dachte, so kann viel mehr Urin aufgenommen werden, und wir überstehen die Nacht ohne das leidige Wechseln. Geklappt hat das nicht. Dann wurde meine Mutter auch noch wund, und ich habe meine Scham überwunden und mir Hilfe gesucht. Eine Krankenschwester kam und hat mir erklärt, was schiefläuft. Sie hat mir gezeigt, wie die Vorlage wirkt, die wir verschrieben bekommen haben.

Sie hat Wasser hineingegossen, draufgedrückt, und es kam nichts mehr heraus. Ich habe gesehen, dass die Vorlage das Wasser sicher hält. Dann nahm sie erneut Wasser und gab es auf die Zellstoffeinlage. Die war klitschnass, und wenn man daraufdrückte, kam das ganze Wasser raus. Ich begriff, dass meine Mutter also buchstäblich im Nassen saß. Deswegen darf man das nicht machen – na ja, jetzt weiß ich es. Die Krankenschwester hat uns auch ein Produkt für die Nacht empfohlen, was noch mehr aufsaugen kann. Das nehmen wir jetzt, und ich muss nachts nicht mehr raus. Zum Glück ist die Haut meiner Mutter auch wieder in Ordnung.“

Moderne Inkontinenzprodukte haben eine gute Saugleistung und schützen die Haut. Das Tragen mehrerer Produkte übereinander hilft nicht. Es kann, wie im Beispiel von Frau Schulz zu sehen, sogar schädlich sein.

Tipps für unterwegs

Wenn Sie mit Ihrem Angehörigen unterwegs sind und eine Toilette benötigen, haben Sie sicher schon festgestellt, dass dies einige Probleme bereiten kann: Auf welche Toilette geht man gemeinsam, wenn Mann und Frau (Ehepartner, Schwiegermutter oder Schwiegervater mit Tochter oder Sohn) unterwegs sind? Wie soll man zu zweit in die oft viel zu engen Toilettenkabinen? Wo lässt man diskret die benutzte Vorlage, wenn es nur kleine Eimer gibt?

Wenn Ihr Familienmitglied nur in Begleitung auf die Toilette gehen kann, sollten Sie eine Behindertentoilette nutzen. Sie sind häufig in öffentlichen Einrichtungen zu finden. Der Club Behinderter und ihrer Freunde in Darmstadt und Umgebung (CBF) bietet einen „Euro WC-Schlüssel“ für Inhaber eines Behindertenausweises an. Er kostet 20 Euro und verschafft mittlerweile europaweit zu 12 000 behindertengerechten Toiletten Zutritt. Behindertentoiletten sind in der Regel mit großen Abfallkörben ausgestattet, in denen benutzte Vorlagen entsorgt werden können.

Eine Familienfeier, ein Theaterbesuch oder ein schöner Spaziergang im Park – Menschen mit Inkontinenz und ihre pflegenden Angehörigen berichten oft, dass es in ihrem Leben Momente gibt, bei denen sie sich auf gar keinen Fall von Urinverlust stören lassen wollen. Sich wohl und sicher zu fühlen, ist ihnen dann besonders wichtig, wie Frau Laier beschreibt:

„Wir haben immer schon gern Reisen unternommen oder sind ins Theater gegangen. Nach dem Schlaganfall meines Mannes hat es einige Zeit gedauert, aber nun trauen wir uns wieder, länger unterwegs zu sein. Wir sind ein eingespieltes Team und fühlen uns sicher, trotz Rollstuhl und Hilfsmittel. Für besondere Ausflüge nehmen wir aber auch besondere Vorlagen, also nicht die von der Krankenkasse. Ich kaufe die Vorlagen in der Apotheke. Die bezahlen wir allein, aber das ist es uns wert. Sie sitzen besser, mein Mann fühlt sich wohler, und ich glaube, da passt auch mehr rein.“

Nach modernen Inkontinenzprodukten fragen

Hat der Lieferant der Krankenkasse nicht die gewünschten Inkontinenzprodukte im Angebot, sollten Sie gezielt danach fragen. Oftmals ist es möglich, über eine sogenannte wirtschaftliche Aufzahlung eine Versorgung mit modernen Inkontinenzprodukten zu erhalten. In diesem Fall müssen Sie die Differenz zwischen dem durch die Krankenkassen festgelegten Erstattungsbetrag und dem tatsächlichen Preis des Produkts aus eigener Tasche bezahlen. Erhalten Sie vom Lieferanten die gewünschten Produkte auch durch eine Aufzahlung nicht, können Sie die Hilfsmittel natürlich auch in der Apotheke oder im Sanitätshaus Ihrer Wahl auf eigene Kosten erwerben.

Es ist nicht immer leicht, den Alltag trotz Inkontinenz zu bewältigen. Gute Hilfsmittel können jedoch dabei helfen. Aus diesem Grund: Machen Sie sich schlau, was auf dem Markt erhältlich ist und was zu Ihnen und Ihrem Familienmitglied passt. Probieren Sie unterschiedliche Hilfsmittel aus und lassen Sie sich beraten.

Weitere Informationen:

Weitere hilfreiche Tipps erhalten Sie auf der Website der Deutschen Kontinenz Gesellschaft.

Über den Autor

Dr. Daniela Hayder-Beichel ist Pflegewissenschaftlerin, Dozentin im Gesundheitswesen und Expertin auf dem Gebiet Harninkontinenz.