Ernährung und Wundheilung – Die gut ernährte Wunde

Ernährung und Wundheilung

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“Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“– diese Weisheit hat immer noch Gültigkeit, denn Essen ist Lebensqualität. Eine ausgewogene Ernährung und Flüssigkeitszufuhr sind die Grundlage für die Energiegewinnung, die Regulation von Stoffwechselprozessen und den Aufbau von Körpergewebe. Besteht eine Wunde, werden für den Heilungsprozess zusätzliche Energie und Nährstoffe benötigt. Mit der richtigen Ernährung lässt sich also die Wundheilung unterstützen.

Medizinische Fachgesellschaften weisen darauf hin, dass insbesondere für Menschen mit Wunden eine individuell angepasste Ernährung wichtig ist. Sie unterstützt die Wundheilung, stärkt die Immunkompetenz und senkt dadurch das Infektionsrisiko. Dafür sollte sich die Nahrung ausgewogen aus Kohlenhydraten, Fetten und Proteinen – sogenannten Makronährstoffen – sowie aus Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen – sogenannten Mikronährstoffen – zusammensetzen.

Mangelernährung

Ein Ungleichgewicht dieser wichtigen Stoffe, die sogenannte Malnutrition oder Mangelernährung, kann die Wundheilung negativ beeinflussen und bei normal-, über- und untergewichtigen Menschen auftreten. Das Risiko von Mangelernährung steigt mit zunehmendem Lebensalter, da sich körperliche Bewegung und Muskelmasse reduzieren. Zudem verlangsamt sich die Stoffwechselleistung und die Fettmasse nimmt zu. Obwohl dadurch der Energiebedarf sinkt, bleiben der Vitamin- und Mineralstoffbedarf gleich. Somit sollte die Nahrung bei geringerer Energiedichte vergleichsweise mehr Vitamine und Mineralstoffe enthalten.

Zur Vermeidung von Mangelernährung ist zudem eine individuelle Unterstützung bei der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme unter Beachtung körperlicher sowie sozialer Hemmnisse erforderlich. Bei Menschen mit Diabetes mellitus ist zudem auf eine optimierte Einstellung des Blutzuckerspiegels zu achten.

Tipp: Typische Frühsymptome bei beginnender Mangelernährung wie Antriebslosigkeit und Müdigkeit werden oft als Demenz fehlinterpretiert.

Wie kann ich erste Anzeichen von Mangelernährung erkennen?
Erste Anzeichen für Nahrungs-/Flüssigkeitsmangel:
  • Unbeabsichtigter Gewichtsverlust: 5 Prozent in ein bis drei Monaten, 10 Prozent in sechs Monaten
  • Subjektive Hinweise auf den Ernährungszustand: zum Beispiel zu weit gewordene Kleidung, vorstehende Knochen, eingefallene Wangen, tief liegende Augen
  • Hinweise auf Flüssigkeitsmangel: konzentrierter Urin, trockene Schleimhäute, plötzliche Verwirrtheit
Konkrete Hinweise auf geringe Ess-/Trinkmenge:
  • Angebotene Speisen/Getränke werden nicht vollständig verzehrt: auffällige Essensreste, weniger als 1.000 ml/Tag über einige Tage
  • Appetitmindernde schwere Erkrankungen und Behandlungen, z. B. Operation, Nebenwirkung von Medikamenten .

Ursachen von Mangelernährung

Die Einnahme von Medikamenten kann eine Mangelernährung zusätzlich begünstigen: zum Beispiel durch einen beeinträchtigten Geschmackssinn, Übelkeit, Mundtrockenheit, Antriebs- und Appetitlosigkeit, Schläfrigkeit, reduzierte Stoffwechselleistungen, verminderte Nährstoffaufnahme und -ausscheidung. Weitere Einflussfaktoren für Mangelernährung sind krankheits- und altersbedingte Einschränkungen. Hierzu gehören Auswirkungen von Krankheiten wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfälle und Schmerzen sowie ein erhöhter Energie-, Nährstoff- oder Flüssigkeitsbedarf aufgrund von Wunden oder Fieber.

Begünstigend sind auch kognitive Beeinträchtigungen (Demenz), ein vermindertes Geschmacks-, Geruchs- und Sehvermögen, Schluckstörungen, ein schlechter Zahnstatus (Gebiss-/Prothesenprobleme) sowie Verletzungen und Entzündungen in der Mundhöhle. Auch psychosoziale Einschränkungen können eine Mangelernährung beeinflussen. Hierzu zählen (Alters-)Depression, Einsamkeit, ein fehlendes soziales Netzwerk sowie der Verlust von Ehepartnern, nahen Freunden und Verwandten. Auch ein ungünstiges Ernährungsverhalten, beispielsweise durch Armut, Unkenntnis, Gewohnheit oder Suchtmittel, ist ein negativer Einflussfaktor. Hinzu kommen Umgebungsfaktoren, wie Einschränkungen bei der selbstständigen Lebensführung, zum Beispiel Lebensmittelbesorgung, Zubereitung der Mahlzeiten sowie ein unzureichendes Hilfsmittel- oder Unterstützungsangebot während der Mahlzeiten.

Wunde und Ernährung

Bei der Wundheilung werden sehr viel Energie und Zellbaumaterial benötigt, um den aufwendigen Wiederherstellungsprozess zu unterstützen. Hierfür stellt die Nahrung die benötigten Ressourcen bereit. Ernährung ist somit die Grundlage für eine erfolgreiche, komplikationsarme Wundheilung. Entsprechend kann unzureichende Ernährung die Abheilung negativ beeinflussen und zum Beispiel das Auftreten von Wunden begünstigen.

Eine Mangelernährung schwächt die Immunabwehr und die Regenerationsfähigkeit des Gewebes und der Gefäße. In der Folge entsteht ein instabiles Narbengewebe, das leicht wieder aufbricht. Zudem verlängert sich die Abheilungszeit. Eiweißmangel führt zu Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe, die zu Schwellungen führen und Druck ausüben. In der Folge verzögert sich die Wundheilung deutlich.

Mit dem Body-Mass-Index (BMI) lässt sich das optimale Verhältnis zwischen Körpergröße und -gewicht berechnen. Somit kann der BMI einen Hinweis über ein Unter-, Norm- oder Übergewicht geben. Er wird ermittelt, indem das Körpergewicht geteilt durch die Körpergröße zum Quadrat gerechnet wird.

Energie- und Flüssigkeitsbedarf

Bei einem gesunden Erwachsenen mittleren Alters gilt eine Zufuhr von 24 kcal je Kilogramm Körpergewicht am Tag als ausreichend. Dieser sogenannte Grundumsatz ist abhängig von Alter, Geschlecht, Klima sowie der Körperoberfläche. Einflüsse wie Fieber, Schwangerschaft, Schilddrüsenüberfunktion oder Leistungssport steigern den Grundumsatz. Dasselbe gilt für Wunden: Zum Beispiel werden 30-35 kcal je Kilogramm Körpergewicht am Tag bei Druckgeschwüren und anderen Wunden sowie Tumoren benötigt. Der Eiweißbedarf von Menschen mit Wunden ist erhöht. Gesunde Menschen mittleren Alters sollten 0,8 g je Kilogramm Körpergewicht am Tag Eiweiß aufnehmen (ab dem 65. Lebensjahr ca. 1 g pro kg Körpergewicht). Bei Wunden liegt der Proteinbedarf bei 1,0-1,5 g pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Eiweiß wird für die Vernarbung und somit zur Abeilung der Wunde benötigt. Je nach Feuchtigkeit der Wunde können pro Tag bis zu 50 g Eiweiß verloren gehen.

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Für die Wundheilung benötigt der Körper ausreichend Flüssigkeit. Durch einen Flüssigkeitsmangel wird das Blut dickflüssiger, das heißt, die Durchblutung wird schlechter. Somit ist auch die Versorgung der Zellen mit Sauerstoff und Nährstoffen nicht ausreichend gewährleistet und die Wundheilung wird gestört.

Ein herzgesunder Mensch ohne Flüssigkeitseinschränkung hat ausgehend vom Körpersollgewicht einen Flüssigkeitsbedarf von 30-40 ml pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Durch Wunden geht Flüssigkeit verloren, was entsprechend auszugleichen ist.

Benötigte Nährstoffe bei Wunden

Bei bestehenden Wunden sollte die Nahrung Folgendes beinhalten:

  • Nährstoffe, die entscheidend am Aufbau von neuen Zellen und Bindegewebe beteiligt sind, z. B. Eiweiß, Vitamin A, alle B-Vitamine, Vitamin C, Arginin, Zink und Eisen.
  • Nährstoffe, die entzündlichen Reaktionen entgegenwirken, z. B. Antioxidantien; generell ist die Zufuhr von Eiweiß und Mikronährstoffen, z. B. Vitaminen der B-Gruppe, Vitamin C, Arginin, Zink, Selen und weiteren Antioxidantien wie die Vitamine A und E, notwendig.
  • Flüssigkeit in ausreichender Menge, um Nährstoffe herbei- und Abfall-/Schlackenstoffe abzutransportieren; mögliche Flüssigkeitsverluste durch Wunden, Fieber etc. sind entsprechend auszugleichen.

Zur Gewährleistung der Zufuhr an benötigten Nährstoffen sollte sich die tägliche Nahrung zu 30 Prozent aus Fetten, zu mehr als 50 Prozent aus Kohlenhydraten und bis zu 10 Prozent aus Proteinen zusammensetzen. Zusätzlich ist auf ausreichend Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe und Spurenelemente zu achten. Es kann sinnvoll sein, Speisen und Getränken mit gehaltvollen Lebensmitteln anzureichern, z. B. Sahne, Butter, Öl, Nüssen, oder Nährstoffkonzentraten wie Maltodextrin, Proteinpulver und Vitaminpräparaten. Der Einsatz von geschmacksneutralen Nahrungsergänzungspulvern kann die Zufuhr von Mineralstoffen, Spurenelementen, Vitaminen sowie Kalorien unterstützen. Dosierung und Zusammensetzung der Präparate hängen vom Wundstatus und den Begleiterkrankungen ab.

Die Nahrungsaufnahme kann durch individuelle Hilfsmittel und Strategien unterstützt werden. Besteht beispielsweise eine Schluckstörung, können Dickungsmittel eine Unterstützung sein. Angepasste Ess- und Trinkhilfen wie Bretter mit Nägeln oder Klemmen, Geschirr mit Tellerranderhöhung, gebogenes Besteck mit Griffverstärkung und Antirutschmatten erleichtern das selbstständige Essen. Getränke sind durch Nasenbecher sowie spezielle Becher mit Griffverstärkung oder Mulden und verschließbarem Trinkhalm leichter zugänglich. Ein Einsatz von Schnabelbechern ist kritisch zu sehen. Diese Produkte können das Schlucken erschweren. Zudem sind die enthaltene Flüssigkeitsmenge und deren Temperatur schwer abschätzbar.

Grundsätzlich ist die Ernährung mit natürlichen Produkten dem Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln vorzuziehen. Dies steigert nicht nur den Essensgenuss und somit die Lebensqualität, sondern ist auch förderlicher für die Darmtätigkeit und die dortige Durchblutungssituation.

Ursache der Wunde behandeln

Wenn die Grundursachen der Wundentstehung nicht mitbehandelt werden, können eine noch so gute Ernährung und eine optimale Wundversorgung keinen Heilungserfolg erzielen. Ernährung ist ein wesentlicher Faktor für das persönliche Wohlbefinden. Ihre Zusammensetzung ist darüber hinaus entscheidend für eine erfolgreiche und komplikationslose Abheilung von Wunden. Nahrung sollte hierfür individuell an die Situation des Betroffenen angepasst sein und Nährstoffdefizite ausgleichen.

Über die Autorin

Kerstin Protz ist Gesundheits- und Krankenpflegerin, Projektmanagerin Wundforschung am Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP) am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, Referentin für Wundversorgungskonzepte, Vorstandsmitglied Wundzentrum Hamburg e. V.