Musik – eine Brücke für gemeinsames Erleben

Musik

GettyImages/Luis Alvarez

Für unser Wohlbefinden treiben wir Sport und ernähren uns ausgewogen. Körper und Geist können aber auch von der Kraft der Musik profitieren. So wird sie etwa in der Therapie von Autismus, Demenz, Depressionen oder in der Rehabilitation nach Schlaganfällen eingesetzt und erreicht dabei Kinder wie Erwachsene.

 

Die Musik war meine erste Liebe. Und sie wird auch meine letzte sein. […] Ohne meine Musik zu leben, wäre unmöglich für mich. Denn in dieser Welt voller Probleme bringt meine Musik mich durch, so die Übersetzung eines Songs des britischen Musikers John Miles. Tatsächlich unterstützt uns Musik in vielen Lebenslagen. Sie macht uns glücklich, wenn wir traurig sind. Sie bringt uns mit anderen Menschen in Kontakt, wenn wir alleine sind. Und sie kann uns helfen, wenn wir krank sind – Musik als Therapie also.

Eine Jahrtausende überdauernde Kraft 

Dieses Potenzial erkannten die Menschen bereits vor Jahrtausenden. In der sumerisch-akkadischen Zeit – vor mehr als 4.000 Jahren – war Musik Bestandteil von Heilritualen. In der Antike wurde sie eingesetzt, um Kranke wieder in geistig-seelische Harmonie zu bringen. Im Mittelalter war die Musik ein Element in der medizinischen Behandlung. Bis 1550 gehörte sie zum Medizinstudium. Heute gibt es ein eigenes Fach „Musiktherapie“, das an staatlichen Hochschulen studiert werden kann, parallel dazu zahlreiche qualifizierte Ausbildungen in privater Trägerschaft. Das Behandlungsspektrum von Musiktherapie ist vielfältig.

„Bewährt hat sie sich zum Beispiel bei der Betreuung von Frühgeborenen und deren Eltern. Hier geht es insbesondere um die frühen Kontaktphasen nach lebensbedrohlichen Situationen. Aber auch bei Kindern mit Entwicklungsverzögerungen, autistischen Störungen, Jugendlichen und Erwachsenen mit vererbten oder erworbenen Behinderungen kann Musiktherapie ein guter Zugang sein. Ebenso bei Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen oder traumatischen Erfahrungen sowie Patienten, die nach Schlaganfällen oder durch Demenz ihre sprachlichen Fähigkeiten verloren haben“, sagt Prof. Dr. Lutz Neugebauer, Diplom-Musiktherapeut am Nordoff/Robbins Zentrum Witten, wo wöchentlich rund 100 Patientinnen und Patienten vorwiegend mit Entwicklungsverzögerungen und chronisch psychischen Erkrankungen von professionellen Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten ambulant behandelt werden. 

 

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Pflegende Angehörige haben einen gesetzlichen Anspruch auf einen kostenfreien Schulungskurs. Die Kosten für den zertifizierten Online-Pflegekurs von „Angehörige pflegen“ werden von jeder Pflegekasse komplett übernommen.

Soziale Einbindung, ohne an Defizite anzuknüpfen

Eine Leistung von Musiktherapie ist, dass sie einen Weg zu Menschen mit sprachlichen oder intellektuellen Begrenzungen oder seelischen Verletzungen findet. „Es geht dabei darum, Erlebnisse zu vermitteln, die den Patienten das Gefühl von Kompetenz und Würde geben“, sagt Neugebauer, der auch approbierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut ist. Musiktherapie sei eine gute Möglichkeit, sich jenseits von Sprache auszudrücken und Beziehung sowie Kommunikation zu erleben.

„Selbst Menschen, von denen man glaubt, sie gar nicht mehr erreichen zu können – beispielsweise Wachkomapatienten – sind in der Lage, Musik zu empfinden und auf sie zu reagieren“, so der Mitbegründer des Nordoff/Robbins Zentrums Witten. Mit positiver Wirkung auch auf das Umfeld: nämlich wenn Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal und Angehörige sehen, die Betroffenen sind nicht ohne Bewusstsein.

Das Beziehungserleben steht im Vordergrund

Um Musik zu erleben, muss man aber nicht musikalisch sein oder ein Instrument beherrschen. Es gibt zwei Formen der Musiktherapie, die aktive und die rezeptive. Aktiv bedeutet, die Patientinnen und Patienten bedienen ein Instrument oder nutzen ihre Stimme und machen auf diese Weise ihre Gefühle hörbar. Das gemeinsame Musizieren, Improvisieren und Interagieren mit der Therapeutin oder dem Therapeuten, sprich das konkrete Erleben und Erfahren, sind dabei zentral, da so Kommunikation in der Musik ermöglicht wird.

Zum Einsatz kommen Instrumente, die leicht spielbar und für die keine musikalischen Vorkenntnisse notwendig sind – z. B. Glockenspiele, Handtrommeln, Triangeln, Schellen, Rasseln. Es können aber auch Instrumente verwendet werden, bei denen bestimmte Vorerfahrungen vorliegen – beispielsweise Flöte oder Klavier. „Hier erleben wir mitunter faszinierende Momente. Über an Demenz erkrankte Pianisten ist bekannt, dass sie trotzdem das Instrument noch perfekt beherrschen“, so Neugebauer. Fokus des rezeptiven Verfahrens ist es, Musik aktiv zu hören und Schwingungen aufzunehmen, um Assoziationen zu wecken. „Dazu sucht der Therapeut gemeinsam mit den Patienten Musik aus, die dann vorgespielt wird und auf sie wirken kann“, erklärt der Musiktherapeut.

Unter Berücksichtigung der biografischen Leistung von Musik werde diese Form beispielsweise in der Palliativpflege in der Begleitung von Sterbeprozessen angewendet. Welcher der beiden Ansätze der effektivere ist, lässt sich dem Vorsitzenden der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft (DMtG) zufolge nicht sagen. „Beide können schön und heilsam sein. Musik wirkt eben nicht in sich selber wie ein Medikament, sondern durch das gemeinsame Erleben.“

 

Finanzierung

Während die Musiktherapie im stationären Kontext Bestandteil der Therapie sein kann, wird sie im ambulanten Bereich nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen und von den Patientinnen und Patienten oder deren Angehörigen selbst finanziert. Die Musiktherapie gehört in die Kategorie der künstlerischen Therapien. In der Anlage zu den Heilmittel-Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) ist die Musiktherapie als „nichtverordnungsfähiges Heilmittel“ eingestuft, da der therapeutische Nutzen bisher nicht nachgewiesen ist.

Biografisch verbunden mit der Musik

Zwar ist Musik heute allgegenwärtig. Es gibt aber einzelne Melodien oder Lieder, die für uns eine ganz wesentliche Bedeutung haben. „Denn Musik hängt auch immer von der individuellen Biografie und den individuellen Erfahrungen ab“, erklärt Neugebauer. Demnach ist Musik, mit der wir einzigartige Erlebnisse verknüpfen, z. B. die erste Liebe oder den ersten gemeinsamen Tanz mit dem Partner, besonders verankert. Dies kann genutzt werden, um mit Menschen eine Verbindung wieder herzustellen, die aufgrund einer Pflegebedürftigkeit verloren gegangen ist, oder eine neue Beziehung aufzubauen.

„Wenn Ihr pflegebedürftiger Vater früher zum Beispiel beim Frühstücken oder im Bad gern ein bestimmtes Lied gesungen hat, so bietet es sich an, mit ihm genau dieses Lied zu singen“, rät der Musiktherapeut betroffenen Angehörigen. „Nutzen Sie Musik, um miteinander Zeit zu verbringen. Und singen Sie gemeinsam die Lieder, die Ihrem pflegebedürftigen Angehörigen gefallen. Die ausgelösten Reaktionen sind so für Sie und Ihren Pflegebedürftigen unmittelbar seh- und spürbar, und es lässt Sie in die Beziehung zueinander zurückfinden oder eine neue schaffen.“

Alle Beteiligten profitieren

Dass sich Musiktherapie nicht nur positiv auf die Patientinnen und Patienten selbst auswirkt, sondern auch auf ihr Umfeld, sofern es einbezogen wird, hat ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Projekt namens „Musiktherapie 360°“ ergeben: Musiktherapeuten der SRH Hochschule Heidelberg boten in zwei geriatrischen Einrichtungen zweimal wöchentlich Musiktherapie im Zimmer, direkt am Bett, während der Pflege, auf der Station oder in Gemeinschaftsräumen an. „Hier standen gemeinsames Singen, Trommeln oder Musizieren und Improvisieren auf anderen Instrumenten auf dem Stundenplan, zuweilen auch verbunden mit Sitztänzen und Bewegungsspielen“, erklärt Musiktherapeut Michael Keßler in einer Mitteilung der SRH Hochschule Heidelberg. Befragungen nach waren Bewohnerinnen und Bewohner, Pflegepersonal und Angehörige sehr zufrieden mit der Therapie und bewerteten ihre Wirkung positiv.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gaben zudem ein geringeres Burnoutrisiko und eine höhere Arbeitszufriedenheit an. Die Musiktherapie habe die gesamte Pflegesituation erleichtert, heißt es in der Mitteilung. Das Pflegepersonal sehe, dass die Therapie „eine emotionale und körperliche Aktivierung bei den Bewohnern“ bewirke. Die Patientinnen und Patienten klingelten seltener nach den Pflegenden und räumten ihnen so mehr Ruhepausen ein. Und auch auf die Angehörigen wirkt die Musiktherapie der Hochschule zufolge beruhigend. Sie erlebten die Bewohnerinnen und Bewohner „häufig aktiver als sonst und entdeckten, welche Ressourcen noch in ihnen schlummern“.

„Das beobachten wir oft auf Mitmach-Konzerten. Hier sagen die Angehörigen zu Beginn immer wieder ‚Aber meine Mutter kann nichts mehr‘. Dann passiert es aber, dass die alten Menschen zunächst mit dem Fuß schaukeln und dann auch singen“, freut sich Neugebauer. „Da bestätigt sich, Menschen, die ihr Sprachvermögen verloren haben, können durchaus Liedtexte singen. Und es gelingt über das Musizieren, den Realitätsbezug wiederherzustellen bei Menschen, die sich ansonsten in ‚fließenden Gewässern‘ – wie die Autorin Dörte Hansen in einem Buch schreibt – aufhalten, wo Raum und Zeit durcheinanderkommen.“

 

Therapeutinnen- und Therapeutensuche

Auf der Webseite der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft (DMtG) gibt es die Möglichkeit, über die Eingabe eines Ortes oder die Postleitzahl nach Musiktherapeutinnen und -therapeuten in Ihrer Nähe zu suchen. Zusätzlich erfahren Sie hier Wissenswertes über die Bedeutung der Musiktherapie, die verschiedenen Arbeitsfelder, Forschung und Literatur. Die DMtG ist eigenen Angaben nach der größte Fach- und Berufsverband für Musiktherapie in Europa mit mehr als 1.600 Mitgliedern.
https://www.musiktherapie.de/

Singen ohne Leistungsdruck

Um das eigene Wohlbefinden zu stärken, ist in einer Pflegesituation die Selbstsorge der pflegenden Angehörigen ein wichtiger Schlüssel. Eine große Chance für Angehörige sieht Neugebauer in der Möglichkeit, einen Chor zu besuchen. „So kommen Sie in eine soziale Verbindung, die Sie aus der belastenden Pflegesituation holt. Und Sie kommen mit Menschen zusammen, mit denen Sie eine Gemeinsamkeit haben, die Sie nicht erst suchen müssen.“

In einem Chor zu singen, kann aber auch für kranke Menschen ein wertvolles Erlebnis sein. „Es gibt beispielsweise Chöre für Krebspatienten. Hier steht klar das eigene Wohlerleben im Mittelpunkt, ganz ohne den Zwang, eine Leistung erbringen zu müssen.“ Nicht immer sei Musik Musiktherapie, sagt Neugebauer, immer aber sei sie hilfreich. „Denn sie bringt uns mit anderen Menschen in Kontakt. Wir drücken uns gemeinsam durch die Musik aus und können aus der miteinander aufgebauten Beziehung Kraft schöpfen.“

 

Über die Autorin

Johanna Kristen ist Redakteurin im Bibliomed-Verlag.