Leben mit künstlichem Gelenk: „Man muss sich selbst immer wieder anspornen“

Künstliches_Hüftgelenk

Sarah W.

Trotz einer Gelenkendoprothese ein abwechslungsreiches Leben zu führen ist möglich. Das beweist täglich Karl-Heinz S. (65). Mit viel Mut, Humor und seiner Familie an der Seite gestaltet er seinen Alltag.

Der Rasenmäher brummt im Garten des Zweifamilienhauses im beschaulichen Wehretal, einer Gemeinde in Hessen. Dass Karl-Heinz S. das Gartengerät wieder im Griff hat, ist nicht selbstverständlich. Denn seit einer Gehirnblutung vor 20 Jahren ist der 65-Jährige rechtsseitig teilweise gelähmt. Hinzu kommt seit Herbst 2018 eine künstliche linke Hüfte. Die Gelenkendoprothese aber habe ihm wieder Lebensqualität zurückgebracht, sagt der Familienvater.

OP letztlich nicht zu umgehen

„Vor etwa fünf Jahren habe ich mit dem linken Bein immer schlechter laufen können. Große Schmerzen habe ich allerdings anfangs noch nicht gehabt. Trotzdem bin ich zu meinem Hausarzt gegangen, der mich an eine Orthopädin überwiesen hat“, erzählt Karl-Heinz S. „Solange es ging, haben wir eine OP erst einmal geschoben. Im Frühjahr 2018 sind die Schmerzen aber immer schlimmer geworden, bis ich mit dem Bein noch nicht einmal mehr meine Bettdecke hochheben konnte“, erinnert sich der Vater einer 35-jährigen Tochter. Ein operativer Eingriff ist schließlich nicht mehr zu vermeiden.

Früh wieder auf den Beinen

Mitte Oktober folgt dann die Operation in einer nordhessischen Fachklinik. „Um 8 Uhr bin ich in den OP gekommen, mittags war alles schon wieder vorbei“, blickt der lebensfrohe Mittsechziger zurück. Nach dem Eingriff sei alles so gewesen, wie er sich das vorgestellt habe. Schmerzen habe er keine gehabt. Allerdings zuvor etwas Angst, dass es bei der OP Komplikationen geben könnte. „Dann wäre ich nämlich auf beiden Körperseiten eingeschränkt gewesen“, so der gelernte Industriemeister Metall. Aber es sei ja alles anders gekommen: „Am ersten Tag nach meiner OP bin ich sogar schon wieder mit Unterstützung gelaufen. Und ich habe gleich Physiotherapie bekommen.“ Weil sein Bein nach der OP etwa ein bis zwei Zentimeter länger ist, kann er auch wieder gerade gehen. „Familie und Freunde sind ganz erstaunt gewesen, wie gut ich nach dem Eingriff in der Klinik schon laufen konnte.“ Dass die Genesung so gut läuft, führt er auch auf seine Familie und Freunde zurück, die ihn in der Klinik und auch während seiner sich direkt anschließenden dreiwöchigen Reha in der Kurstadt Bad Sooden-Allendorf regelmäßig besuchen. „Diese Unterstützung ist für den Kopf ganz wichtig“, betont Karl-Heinz S. „Und man muss das alles für sich wollen.“ Was bei ihm noch begünstigend hinzugekommen sei, sei die Tatsache, dass er aufgrund seiner rechtsseitigen Lähmung schon firm gewesen sei im Umgang mit Hilfsmitteln wie z. B. einem Rollator.

 

Screenings und Schulungen vor der OP

Präoperative Screenings

Laut Statistischem Bundesamt wurden in Deutschland 2018 mehr als 400.000 künstliche Hüft- und Kniegelenke implantiert. Ob Patientinnen und Patienten tatsächlich operiert werden müssen, ermitteln Kliniken z. B. mithilfe von standardisierten Erhebungsbögen. Sollte es die Erkrankung zulassen, erfolgt zunächst eine konservative Therapie. So können nicht notwendige Eingriffe vermieden werden. Ist eine OP unumgänglich, wird in einem präoperativen Screening untersucht, ob Erkrankungen wie z. B. Diabetes oder eine Anämie vorliegen. Erst wenn diese Erkrankungen behandelt sind, folgt der Eingriff.

Vorbereiten für die Zeit vor, während und nach dem Krankenhausaufenthalt

Um Patientinnen und Patienten über ihre anstehende Gelenkoperation, ihren Klinikaufenthalt und die Zeit nach ihrer Entlassung aufzuklären, bieten einige Kliniken Patientenschulungen an. In diesen werden die Betroffenen u. a. über ihre Behandlung informiert und erfahren, wie sie sich körperlich gut auf die OP vorbereiten können. Außerdem erhalten sie Empfehlungen, wie sie mit der neuen Gelenkprothese am besten umgehen. So können sie aktiv an ihrer Genesung mitwirken.

Mehr Mobilität im Alltag

„Locker vom Hocker“, beschreibt der leidenschaftliche Saunagänger sein Lebensmotto. Seine positive Einstellung hilft dem Rentner, den Mut nicht zu verlieren und viele Dinge einfach zu machen – wie einen Städtetrip nach Wien mit seiner Ehefrau Jutta, seiner Tochter sowie seinem Schwiegersohn und Enkel nur knapp ein Jahr nach seiner Gelenkoperation. Auch vor den österreichischen Bergen, die die Familie im Anschluss an die Tour durch die Kaiserstadt besucht, macht er sich „keinen Berg“ und erklimmt die Wanderpfade. „Zwar mit Rollator oder Gehstock, aber das geht alles“, resümiert Karl-Heinz S.

Begeisterung für den Sport, Entlastung für die Angehörigen

„Früher habe ich selbst Fußball gespielt. Heute bin ich jeden Sonntag auf dem Fußballplatz als Zuschauer dabei“, so der humorvolle Sportfan, der seine Mannschaft auch bei Auswärtsspielen regelmäßig anfeuert. Auch der Gang zu Fuß zur Physiotherapie im Ort ist kein Problem. „Mit meiner zurückgewonnenen Flexibilität kann ich auch meiner Frau wieder mehr unter die Arme greifen und ihr zum Beispiel bei der Gartenarbeit helfen – die Blumen gießen, die Himbeeren pflücken oder den Rasen mähen.“ Ganz besonders freut sich der stolze Großvater eines einjährigen Enkels aber, mit dem Nachwuchs spielen und später gemeinsam Fußball schauen zu können. „Mal sehen, ob er wie ich ein Schalke-Fan wird oder ob es doch die Borussia aus Dortmund wird. Denn ein Trikot des BVB hat er schon“ (lacht).

 

 

Über die Autorin

Johanna Kristen ist Redakteurin im Bibliomed Verlag.