„Idealismus gehört bei der Quartiersentwicklung dazu“

„Idealismus gehört bei der Quartiersentwicklung dazu“

Die ambulante Versorgung von pflegebedürftigen Menschen braucht eine Bündelung. Davon ist Torsten Anstädt überzeugt, denn ineffiziente Organisation von ambulanter Pflege sorge unter anderem für einen hohen CO2-Ausstoß, viel Zeit im Pkw und weniger Zeit bei den Patienten. Außerdem fallen dem „Quartiersaktivisten“, wie er sich selbst bezeichnet, weitere Gründe ein, warum er sich für ganzheitliche Pflegelösungen stark macht und die Entwicklung von Quartieren begleitet. Wir sprachen dazu mit ihm im Interview.

Ein modernes Wohnviertel oder Quartier
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Inhaltsverzeichnis
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    Herr Anstädt, Sie bezeichnen sich selbst als Quartiersaktivist. Was ist es, das für Sie die Entwicklung von Quartieren so erstrebenswert macht?

    Ich habe einen inneren Antrieb, bundesweit Quartiere zu entwickeln. Meine persönliche Motivation hat einen positiven Nebeneffekt: Ich lerne ganz Deutschland kennen.

    Was genau umfasst ein Quartier?

    Ein Quartier kann ein Dorf, ein Stadtviertel, ein Straßenzug, ein Ortsteil oder ein Wohnkomplex sein. Es ist ein sozialer Lebensraum, in dem Menschen und Organisationen vor Ort zusammenarbeiten, um die Lebensbedingungen für die Gemeinschaft und den Einzelnen zu verbessern. Ein wesentlicher Faktor ist die Größe des Quartiers, also die Menge der Bewohner, die es umfasst. Das können wenige hundert, bis zu 10.000 Menschen sein. Nach oben gibt es eine Grenze, weil es dann zu komplex wird. Wenn es zu klein ist, kann es sein, dass es sich wirtschaftlich nicht rechnet.

    Im Interview

    Torsten Anstädt (55) absolvierte ein betriebswirtschaftliches Studium und ist Geschäftsführer der humaQ gGmbH in Wiesbaden. Als Experte für Quartiersentwicklung und Digitalisierung in Pflege und Gesundheit, begleitet er Kommunen, Wohnungsunternehmen und soziale Träger von der Quartierspotenzialanalyse über die finanzielle Planung bis hin zur Umsetzung konkreter Maßnahmen. Ehrenamtlich engagiert er sich u. a. als Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Quartier, ist Beiratssprecher bei Care for Innovation e.V., einem europäischen Verbund für innovative und digitale Lösungen in der Pflege, bei der Informationstechnischen Gesellschaft (ITG) für Digitalisierung im Gesundheitswesen und ist Mitgründer des digitalen Kultur Online-Formats „Die gute Stunde“ gegen Einsamkeit. Zudem ist er pflegender Angehöriger und betreut seine an Frontotemporaler Demenz erkrankte Ehefrau. Kontakt: t.anstaedt@humaq.org

    Definieren Sie doch bitte kurz, von welcher Art Quartier wir sprechen.

    Wir entwickeln sogenannte Versorgungsquartiere, also pflegerisch, medizinisch und sozial ausgerichtete Wohnquartiere.

    Wer profitiert alles von einem Versorgungsquartier?

    Vor allem die Bewohner, und das über alle Generationen hinweg, auch die Älteren.

    Unsere Versorgungssysteme sind ohne Frage überlastet. Die veränderte Bevölkerungsstruktur mit der hohen Anzahl älterer und pflegebedürftiger Menschen, fehlende Fachkräfte in der pflegerischen Versorgung und die prekäre finanzielle Situation unseres Gesundheitssystems zwingen zum Umdenken. Aus Krisen entstehen aber auch nicht selten Chancen. Sie führen da gerne das Beispiel aus den Niederlanden an.

    Ja, denn auch in den Niederlanden gab es vor etwa 20 Jahren eine pflegerische Krise. Niemand war mehr bereit, in der Pflege zu arbeiten und auch die Betroffenen zeigten sich sehr unzufrieden mit ihrer Versorgung. In dieser Zeit entwickelte der gelernte Krankenpfleger Jos de Block eine Vision, um die Pflege wieder attraktiver und qualitativ hochwertiger zu machen. Er rief 2007 die gemeinnützige Stiftung „Buurtzorg“ (deutsch: „Nachbarschaftspflege“) ins Leben. Heute versorgt „Buurtzorg“ mit über 14.000 Pflegekräften den größten Teil der Niederlande. Er ist nicht nur der größte Pflegedienst der Niederlande, sondern gilt seit fünf Jahren in Folge als das arbeitnehmerfreundlichste Unternehmen dort. Dieses Beispiel sollte uns vor Augen führen, dass es bei der Bewältigung des Pflegenotstandes nicht allein um eine bessere Bezahlung der Pflegekräfte geht.

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    Lässt sich das niederländische Modell denn auch nach Deutschland übertragen?

    Ja, aber nicht zu 100 Prozent. Wir müssen ein deutsches Modell daraus machen und die Pflegekassen müssen das unterstützen. In dem Quartier, in dem ich in Wiesbaden lebe und das wir mit entwickelt haben, haben wir vor neun Jahren damit begonnen. Es gibt dort zum Beispiel ein festes Team.

    Wenn ich es richtig verstehe, ist ein Quartier in Ihrem Sinne eine Versorgungsgemeinschaft in einem Sozialraum. Dazu bedarf es einerseits hauptamtliches, aber auch ehrenamtliches beziehungsweise nachbarschaftliches Engagement. Ziel muss doch aber auch eine engere Zusammenarbeit zwischen Apotheke, Pflege, Betreuungsdiensten, Angehörigen und Pflegebedürftigen sein. Wie kann das erreicht werden?

    Es ist ein Prozess, in dem immer wieder Optimierungen vorgenommen werden müssen – sowohl analog als auch digital. Und es gibt noch einen weiteren Aspekt, an den ich erinnern möchte: Ich möchte für die sozio-ökonomische Inklusion sensibilisieren. Darüber kann zum Beispiel in der Nachbarschaftssorge eine sinnvolle Refinanzierung erreicht werden. Ich finde, wir sollten Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung nicht in Werkstätten abschieben, sondern sie als Säule in die Versorgung mit einbinden. Sie könnten älteren Menschen beispielsweise beim Einkaufen behilflich sein, auch in Altenheimen wird diese Teilhabe schon gelebt.

    Schauen wir beim Versorgungsquartier noch auf einen anderen Aspekt: Mitarbeitende von Pflegediensten verbringen sehr viel Arbeitszeit im Auto und fahren nicht selten eine Strecke von 80 Kilometern pro Tag. Wie sieht es nach Ihrer Erfahrung in einem Quartier aus?

    Ich nehme noch einmal das Beispiel Wiesbaden, dort sind zurzeit 65 Pflegedienste aktiv, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter etwa 40.000 Kilometer pro Tag fahren. In einem Versorgungsquartier gibt es nachweislich ein Einsparpotenzial von 30 Prozent, was die Fahrzeiten betrifft. Ein großes Thema ist bei den Dienstfahrten die Zeit, die beispielsweise durch Staus oder Umleitungen aufgrund von Baustellen oder bei der Parkplatzsuche verloren geht. Der ambulante Pflegedienst in unserem Quartier beschäftigt 10 Mitarbeitende. Durch die Strukturierung konnten etwa die Hälfte der Fahrzeuge eingespart und etwa zehn bis 15 Patienten mehr am Tag versorgt werden als vorher.

    Inwieweit können die heutigen technischen Möglichkeiten die Entwicklung eines Quartiers unterstützen?

    Sie können auf jeden Fall beim Matching unterstützen. Es gibt beispielsweise digitale Angebote wie das „Helferportal“ aus München, das Menschen mit Unterstützungsbedarf oder ihre Angehörigen und professionelle Pflegekräfte zusammenbringt. Generell kann Videotelefonie in der Pflegeberatung hilfreich sein oder Künstliche Intelligenz (KI) in der Pflegedokumentation entlasten. Routenmanagement brauchen wir aber im Quartier tatsächlich nicht. Und ich muss sagen, dass es ein Stadt-Land-Gefälle gibt. In ländlichen Gebieten ist die Digitalisierung noch nicht so etabliert.

    Wenn ein Interesse besteht, ein Quartier zu schaffen. Welche Akteure braucht es da unbedingt für die ersten Schritte?

    Es braucht immer die Bürgermeisterin oder den Bürgermeister. Denn wenn der politische Wille fehlt, wird es schwierig. Es gibt keine Verpflichtung für Kommunen, sich um Quartiersentwicklung zu kümmern. Aber es besteht eine große Motivation bei den Landkreisen und Städten, die Versorgungslandschaft auszubauen. Das gelingt am ehesten über ein Quartiersmanagement. Hintergrund ist, dass Landkreise oder Städte über ihre Sozialämter Hilfe zur Pflege leisten müssen, wenn das Einkommen der pflegebedürftigen Person nicht ausreicht und die nahen Angehörigen nicht zahlungspflichtig sind. Es ist also in deren Interesse, eine ambulante Versorgung so lange wie möglich aufrecht erhalten zu können. Der Eigenanteil der Bewohner in Pflegeheimen beläuft sich durchschnittlich auf 3.200 Euro monatlich. Bei immer mehr Menschen reicht das Einkommen dafür nicht.

    Welche Organisationsform empfehlen Sie für ein Quartiersmodell?

    Das muss individuell betrachtet werden, aber es gibt beispielsweise die Möglichkeiten als Initiative, eingetragener Verein, Genossenschaft oder gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH) ein Quartier zu entwickeln.

    Gibt es Fördermöglichkeiten?

    Jede Menge, diese sowohl als Abschreibungen oder auch als aktive Finanzierungshilfen. Ich bin in der Beziehung rigoros, denn ich halte nichts von Förderprogrammen, wenn die Gründung eines Quartiers nicht ernsthaft betrieben wird und ein nachhaltiges Konzept dahintersteht.

    Idealismus allein genügt also nicht?

    Nein, aber Idealismus gehört bei der Quartiersentwicklung dazu. Jede Finanzierungshilfe ist aber lediglich als Starthilfe zu sehen. Man braucht auf jeden Fall einen Businessplan, in dem auch die Refinanzierung gesichert aufgeführt ist. Dazu muss man auch Träger und Vertreter der Städte beziehungsweise Gemeinden an einen Tisch holen. Jedes Quartier lässt sich nachhaltig finanzieren, ich muss nur schauen, wie ich das hinbekomme, ansonsten ist nach drei bis fünf Jahren wieder Schluss.

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