Bewegungsförderung: Immer in Bewegung bleiben

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Körperliche Schwäche, Schmerzen, Angst zu stürzen – es gibt viele Gründe, warum sich Menschen immer weniger bewegen. Doch das kann gefährliche Folgen haben. Was Angehörige tun können, damit Bewegung wieder mehr Freude macht und so sicher wie möglich ist. 

Noch vor einem guten halben Jahr sind Norbert und Sonja Maria R. gerne zusammen rausgegangen. Sie sind mit dem Bus ins Kino gefahren oder haben nachmittags eine Runde übers Feld gedreht. Norbert R. hat viel im Haushalt mitgeholfen, Eintöpfe gekocht und sogar geputzt. Doch mit den Jahren haben seine Kräfte abgenommen. Der 78-Jährige hat eine Herzschwäche, die vor 10 Jahren mit einer neuen Aortenklappe und 6 Bypässen operativ behandelt wurde. Zusätzlich nimmt er zahlreiche Medikamente und lässt sich regelmäßig von seinem Kardiologen überwachen.

Doch in den letzten Monaten ist er schwächer geworden, wird schneller kurzatmig, kleine Anstrengungen fallen ihm schwer. „Längere Spaziergänge gehen gar nicht mehr“, sagt Sonja Maria R., „manchmal bekommt er schon keine Luft mehr, wenn er an der Spüle steht und abwaschen möchte.“ Am liebsten sitzt oder liegt er auf dem Sofa und versucht, anstrengende Bewegungen zu vermeiden. Auch den eigens angeschafften Rollator lässt er meist links liegen. „Wenn ich den Rollator nehme, ist sowieso alles vorbei“, sagt er.

Siegfried Huhn, Pflegeberater und Experte für Sturzprävention, weiß: Eine Herzschwäche ist eine typische Ursache, warum Bewegung vermieden wird. „Der Hauptgrund für Bewegungsmangel sind aber Schmerzen, vor allem Gelenkschmerzen oder Gelenkverschleiß bei rheumatischen Erkrankungen.“ Oft komme auch die Angst vor Stürzen hinzu: „Viele ältere Menschen sind schon mal hingefallen und haben Angst vor den Folgen eines erneuten Sturzes“, sagt Huhn.

Die Gefahr: Wenn sich Menschen kaum noch bewegen, kommt es sehr schnell zu einem Muskelabbau. Dadurch werden die Bewegungsabläufe unsicherer, und das Risiko zu stürzen nimmt zu. Auch versteifen sich die Gelenke, was die Beweglichkeit weiter einschränkt. Zudem erhöhe sich das Risiko für Druckgeschwüre, Lungenentzündungen und eine Thrombose, also einen Gefäßverschluss durch Blutgerinnsel. Deshalb sei es wichtig, alles, was noch an Bewegung möglich sei, zu fördern. „Wenn man sich bewegt, kommt der Kreislauf in Schwung, die Atmung wird tiefer und die kognitive Leistung nimmt zu“, erläutert Huhn. 

Mit Freude in Bewegung kommen 

Sonja Maria R. versucht, ihren Mann jeden Tag zur Bewegung zu motivieren, indem er z. B. von der Balkon- bis zur Küchentür geht. „Das macht er nicht so gerne und sieht wenig Sinn darin“, erzählt die 50-Jährige. „Mehr Spaß macht es ihm, wenn wir zusammen Stuhlgymnastik machen.“ Dazu setzen sich die beiden regelmäßig morgens nach dem Frühstück gegenüber auf einen Stuhl und machen leichte Übungen: Sie lassen die Arme und den Rumpf kreisen, heben die Beine an oder spielen wie früher Apfelpflücken. „Wenn mir nichts mehr einfällt, ist Norbert dran, sich Übungen auszudenken“, berichtet Sonja Maria R. „Dabei haben wir immer viel zu lachen.“

Auch die Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Angelika Zegelin empfiehlt regelmäßige kleine Bewegungssequenzen zu festen Zeiten, möglichst 3-mal am Tag für 10 Minuten. „Am besten ist dabei ein fester Übungsplan, der auch abgehakt wird“, sagt sie. Wenn jemand viel liege, seien regelmäßige Übungen besonders wichtig. „Schon nach 24 Stunden Liegen fängt bei älteren Menschen der körperliche Abbau an. Wenn jemand 3 Tage nicht aufsteht, sind die Muskeln fort“, erläutert die Pflegewissenschaftlerin. Deshalb sollten Menschen, die viel liegen, mindestens 10-mal am Tag aufstehen und ein paar Schritte durch die Wohnung laufen.

Um die Muskeln zu fördern, brauche es keine aufwendigen Fitnessgeräte. Alltägliche Gegenstände wie Wasserflaschen können als Gewichte dienen und mit einem Theraband – dem Fitnessband für zu Hause – könne man zahlreiche Übungen machen. Sinnvoll seien auch Bettfahrräder oder Hand- und Fußfahrräder, die mit Musik oder beim Schauen der Lieblingsserie eingesetzt werden können. „Das Wichtigste ist, dass Pflegebedürftige selbst zur Toilette gehen“, betont die Pflegewissenschaftlerin, „sowohl um die Bewegung zu fördern, aber auch um ihre Würde zu wahren.“ Deshalb sollte der Gang ins Bad zusammen mit Fachpersonen geprüft werden. „Manchmal reichen schon kleine Hilfsmittel wie Haltegriffe oder eine Toilettensitzerhöhung, um das wieder zu ermöglichen.

 

Nicht verpassen: Pflegekasse übernimmt Kosten für Online-Pflegekurs

Pflegende Angehörige haben einen gesetzlichen Anspruch auf einen kostenfreien Schulungskurs. Die Kosten für den zertifizierten Online-Pflegekurs von „Angehörige pflegen“ werden von jeder Pflegekasse komplett übernommen.

Das Umfeld so sicher wie möglich gestalten

Generell sollte die Wohnung so gestaltet werden, dass die Menschen sich sicher in ihr bewegen können. „Am einfachsten ist es, wenn die Möbel so gestellt werden, dass sie Haltemöglichkeiten bieten“, sagt Sturzexperte Siegfried Huhn. „Beim Aufstehen aus dem Sitzen kann das zum Beispiel ein zweiter Sessel oder auch ein entsprechend stabiler und hoher Tisch sein. An diesem kann sich die Person festhalten, bis sie ausreichend sicher steht.“

Auch empfiehlt Huhn, Bewegungsabläufe, die mit einer Sturzgefahr einhergehen, genau zu beobachten. Das können z. B. das Aufstehen aus dem Sitzen sein, die ersten Schritte nach dem Aufstehen oder auch das Treppensteigen. Hier sollte man gemeinsam überlegen, wie eine gute Unterstützung gestaltet werden könne. Hilfreich sei auch, wenn Angehörige lernen, den pflegebedürftigen Menschen in seiner Bewegung gezielt zu unterstützen, z. B. in einem Kinästhetik-Pflegekurs, der von der Pflegekasse finanziert wird.

Sonja Maria R. hat im vergangenen Sommer an einem solchen Kurs teilgenommen. Ihr Mann war im Bus gestürzt, und sie hatte es nicht geschafft, ihn alleine aufzuheben. „Seitdem hatte ich immer Angst, dass er wieder fallen könnte“, erzählt sie. „Im Kurs habe ich viele praktische Griffe und Tricks gelernt, wie ich ihn im Falle eines Sturzes vom Boden wieder auf die Beine oder in den Rollstuhl bekommen kann. Das hat mir viel Sicherheit gegeben.“

Bewegung mit Zuwendung verbinden

Sonja Maria R. hat die Erfahrung gemacht, dass die Bewegungsförderung besonders gut klappt, wenn sie mit Freude und Zuwendung verbunden ist. „Norbert mag besonders die Musik aus den 20ern und 50ern, oft Klassiker, die seine Mutter schon gehört hat. Wenn ich diese Lieder auflege, sagt er oft: ‚Komm, lass uns tanzen.‘ Meist bewegen wir uns dann nur auf der Stelle ganz sacht von links nach rechts, aber es macht uns beiden Spaß.“

In Zeiten von Corona sei es noch mal deutlich schwieriger geworden, sich zu bewegen und für ein paar Schritte vor die Tür zu kommen. Aufgrund seiner Grunderkrankung möchte sie ihren Mann unbedingt vor einer Infektion schützen. „Sonntagmorgens stehe ich um 7 Uhr auf und desinfiziere die Türgriffe im Hausflur – wir wohnen in einem Mehrfamilienhaus“, erzählt sie. Danach laufen sie ein paar Schritte durch die kühle Morgenluft. Wenn sie zurückkommen, ist ihr Mann ziemlich geschafft, trotzdem freut er sich und sagt meist: „Gut, dass wir jetzt draußen waren!“

 

Über die Autorin

Brigitte Teigeler ist Journalistin und Diplom-Pflegewirtin.