Bewegungsentwicklung von Kindern: Hilf mir, es selbst zu tun!

Bewegungsentwicklung

Abbildung: European Kinaesthetics Organisation (EKA), 2006

Bewegungsentwicklung von Kindern begleiten (Teil 2) – vom Liegen zum Stehen und Gehen. Im ersten Teil (Angehörige pflegen 3/20) haben Sie gelernt, auf den Aufbau der Körperspannung bei Bewegungsaktivitäten zu achten. Sie verstehen, dass die Interaktion langsam und in kleinen Schritten mit dem Kind geschehen soll. Im zweiten Teil erfahren Sie, wie sich die Entwicklung vom Liegen zum Stehen und Gehen über die Grundpositionen vollzieht und eine dazu fördernde Umgebungsgestaltung kreativ gestaltet werden kann.

 

Menschen entwickeln in circa gut einem Jahr oder etwas mehr die Kompetenz, auf ihren Füßen zu stehen und erste Schritte zu gehen. Dabei folgen die Entwicklungsschritte mit kleinen individuellen und zeitlichen Abweichungen dem Modell der Grundpositionen. Die nebenstehende Grafik zeigt sieben Grundpositionen, die nach und nach erreicht werden. Dabei entwickelt das Kind zuerst die Fähigkeit, sich in der jeweiligen Position zu bewegen und erlernt so die Fähigkeiten zum Erreichen und Halten in der nächst höheren Position.

1 | Rückenlage

Es beginnt mit der tiefsten Position Rückenlage, in der die Kinder sich einige Monate überwiegend befinden. Dabei lernen sie den Umgang mit der Schwerkraft und steuern Kopf, Arme und Beine aufgrund gemachter Erfahrungen zunehmend differenzierter. Dabei folgen die Kinder mit Blicken der Umgebung, drehen den Kopf und bauen ihr Spannungsnetz über Drehen und Strecken so auf, dass ein Positionswechsel gelingt (siehe Abbildungen, Angehörige pflegen 3/20, S. 37).

Bewegungsförderung

Unterstützen Sie das Kind in seinen Bewegungen. Bieten Sie eine leicht schiefe Ebene durch z. B. eine gefaltete Decke mit Kopfunterstützung an. So kann das Kind bereits den Kopf nach hinten strecken oder nach vorne beugen und sich leichter in die Bauchlage drehen. Den Weg zurück können Sie auf gleiche Weise mit einer Decke, die unter einer Körperhälfte liegt, unterstützen. Wechseln Sie dabei täglich die Körperseiten, damit das Kind sich nach links und rechts drehen lernt.

2 | Ellenbogenstütz-Bauchlage

Nach drei bis fünf Monaten erreicht das Kind die Ellenbogenstütz-Bauchlage. Es lernt, seinen Kopf hochzunehmen, aktiviert die Streckmuskulatur im Rücken und beginnt, sich mit den Armen hochzudrücken. Diese Fähigkeiten braucht das Kind für das spätere Sitzen. In dieser Position lernt es mit spiraligen Bewegungen und Hilfe der Hände sowie den Knien, sich erstmalig über größere Strecken fortzubewegen (Kriechen).

Bewegungsförderung

Lassen Sie das Kind auf einer rutschfesten Unterlage mit den
Ellenbogen stützen. Auf Parkettböden rutschen die Ellenbogen noch weg. Unterstützen Sie das Kind einige Minuten in Intervallen durch seitliches Führen des Brustkorbs. Ein Kissen unter dem Brustkorb
erleichtert das Stützen auf den Armen.

Achtung! Die Ellenbogen sollen dabei nah zum Brustkorb stehen, nicht nach außen. So würde das Kind auf Dauer eine Fehlstellung der Handgelenke entwickeln mit späterer starker Störung der Handmotorik und Beugehaltung der Finger. Das Kind erwirbt in dieser Position die Fähigkeit, später aufrecht mit Kopf und Rumpfkontrolle zu sitzen. Dies reduziert die Gefahr von Skoliosen durch eine vorbereitete, gestärkte Rückenmuskulatur.

3 | Sitzen (Schneidersitz)

Über Beugen des Kopfes und Drehen gelangt das Kind schließlich einige Wochen später zum Sitzen mit angewinkelten Beinen (Schneidersitz). Auch hier entwickelt das Kind erstaunliche Fortbewegungsaktivitäten durch Abstoßen mit den Armen und Ziehen der Beine (Rutschen).

Bewegungsförderung

Das Kind ist nicht in der Lage, einen Sit-up zu machen. Keinesfalls sollten Sie das Kind aus der Rückenlage an den Händen oder Handgelenken zum Sitzen hochziehen. Dies verursacht oft Schäden an der Halswirbelsäule und den Schulter- sowie Handgelenken. Das Kind kann so nicht sein eigenes Gewicht organisieren und die Arme nutzen. Durch das Stützen seitlich auf die Arme benutzt das Kind seine ganze Handfläche und wirkt Verkrampfungen der Finger entgegen. Begleiten Sie das Kind langsam. Unterstützen Sie den Kopf sanft in der Beugung und den Brustkorb beim Drehen mit etwas Gewichtsübernahme. Eine solche Bewegungssequenz sollte langsam gut eine Minute oder mehr dauern. Geben Sie dem Kind die Zeit, sich seitlich auf einem Ellenbogen zu stützen. Legen Sie ein kleines Kissen unter den Brustkorb (so hängt der Brustkorb nicht seitlich durch) und helfen Sie dem Kind, einige Minuten in dieser Position zu verweilen. Stabilisieren Sie den stützenden Ellenbogen vor Wegrutschen und helfen Sie dem Kind zu balancieren. Dies ist eine Zwischenposition, die Erwachsene sehr häufig einnehmen, oft auch mit einem Kissen unter dem Brustkorb.

Achtung! Die Nahrungsaufnahme ist ein komplexer Vorgang, der sich nicht „nebenbei“ durchführen lässt. Schenken Sie sich für das Kind dazu ausreichend Zeit, geben Sie kleine Portionen in aufrecht gehaltener oder sitzender Position. Wichtig dabei ist, dass der Kopf nicht überstreckt ist, um das Schlucken zu ermöglichen und Aspirationen mit Pneumoniegefahr zu vermeiden.

Das ständige Beruhigen mit Handyvideos – besonders bei der Nahrungsaufnahme – sollte in den ersten Jahren unbedingt vermieden werden.

4 | Hand-Knie-Stand (Vierfüßlerstand)

Über viele Bewegungen entwickeln sich mehr und mehr Balancefähigkeiten und der Übergang zum Hand-Knie-Stand (Vierfüßlerstand). Erstmalig tragen die Oberschenkel einen Großteil des Gewichts und das Kind erlernt das Krabbeln. Neue Perspektiven der Wahrnehmung und sozialen Interaktion ergeben sich. Es folgt Erwachsenen oder anderen Kindern, kann sich selbst zu Gegenständen (z. B. einer Puppe) hinbewegen, sich von ihnen entfernen oder einen Ball holen. Das Kind ist nun zunehmend bestrebt sich weiter aufzurichten, bspw. an einem Sofa.

Bewegungsförderung

Die Position ist für das Kind noch sehr instabil. Begleiten Sie das Kind durch Führen am Brustkorb und Becken in diese Position. Ein Sofa kann auf einer Seite Stabilität geben. Das Kind wird noch nicht gleich mit den Armen stützen. Ein festes größeres Kissen unter dem Bauch kann helfen, das Gewicht zu tragen. Das Kind kann mit Ihrer Hilfe lernen, sich auf die Waden zu setzen. Sie denken dabei daran, dass die Füße nach innen zeigen und die Zehen sich berühren (siehe Abbildungen Teil 1, Angehörige pflegen 3/20).
Helfen Sie dem Kind auch, den Weg zurück in tiefere Positionen zu gehen. Ermöglichen Sie dabei das Stützen mit den Armen. Schauen Sie auf das Modell der Grundpositionen. Verinnerlichen Sie sich diesen Weg, indem Sie die jeweils gleiche Position des Kindes ein-nehmen, und suchen Sie in sehr langsamen Bewegungsabläufen mit vielen Wiederholungen verschiedene Wege, in die nächste Position (nach unten oder oben) zu kommen. In jeder bewussten Wiederholung erfahren Sie Neues.

Achtung! Reflektieren Sie dabei, was Sie an Fähigkeiten dafür einsetzen. Diese soll das Kind ja erlernen. Die Mühe und Ihr Fleiß, Bewegung verstehen zu lernen, lohnen sich. Als Bezugsperson nehmen Sie nun eine bewusste Rolle als kompetente Entwicklungspartnerin oder -partner ein.

5 | Einbein-Knie-Stand

Über die Versuche sich aufzurichten, bringt das Kind sein Gewicht mehr auf eine Seite, sodass das andere Bein aufgestellt werden kann (Einbein-Knie-Stand). Dabei hält sich das Kind anfangs an Gegenständen oder auch z. B. der Mutter fest. Nach wenigen Wochen und vielen Versuchen gelingt der Weg vom Liegen zum Sitzen und zurück scheinbar mühelos und schon recht sicher. Die Möglichkeiten der Eigenbeschäftigung („Spielen“) wachsen jeden Tag, die intellektuelle Reifung aufgrund vieler Erfahrungen macht täglich sichtbare Fortschritte.

Bewegungsförderung

Begleiten Sie das Kind durch Führen am Brustkorb und Becken mit Unterstützung der Drehung. Das Gewicht wird nun mühelos über den Oberschenkel eines Beines getragen. Unterstützen Sie, Balance zu halten und das freie Bein aufzustellen. Ihre Position ist dabei kniend hinter dem Kind. Helfen Sie, den Oberkörper aufzurichten, die Arme sollen stützen können. Bedenken Sie, dass das Kind noch sehr klein ist. Die Unterstützungsfläche soll nicht zu hoch sein und den Ellenbogen guten Halt geben. Diese sollen nah am Brustkorb anliegen.

Achtung! Die Kinder sollen sich keinesfalls krampfhaft an zu hohen Gegenständen hochziehen. Dies führt zu erhöhter Körperspannung (auch Spastiken) im gesamten Körper.

6 | Einbein- und 7 | Zweibein-Stand

Nach etwa einem Jahr gelingt der Positionswechsel in den Einbein- und Zweibein-Stand. Das Kind beginnt mit seitlichen Schritten, sich dabei haltend an Gegenständen (z. B. Mobiliar) und geradeaus geführt an den Händen. Der Weg durch die Grundpositionen ist begleitet durch die Herausforderung, die Körperteile im Zusammenspiel koordinieren und das Gewicht ausbalancieren zu können.

Bewegungsförderung

Unterstützen Sie das Becken beim Aufstehen aus dem Einbein-Knie-Stand, knien Sie dabei hinter dem Kind. So schonen Sie Ihren Rücken und können Ihren Körper nutzen, um das Kind zu stabilisieren.  Unterstützen Sie die Oberschenkel etwas, damit die Beine einen Moment gestreckt sein können. Das Kind wird Ihnen anzeigen, wann es wieder tiefer gehen möchte. Führen Sie das Kind am Brustkorb, wenn Sie erste Schritte im Raum gehen.

Fazit

Das Modell der Grundpositionen hilft, die Entwicklung des Kindes vom Liegen bis zum Stehen und Gehen zu verstehen und differenziert bei hilfebedürftigen und gesunden Kindern zu begleiten.

Fördernde Hilfsmittel können feste, bunte Schaumstoffwürfel in unterschiedlicher Höhe sein, die gleichzeitig Anreize zum Klettern und Spielen geben. Ziehen Sie das Kind nie unreflektiert zu sich hoch, begeben Sie sich selbst ganz auf den Boden und lassen Sie das Kind an Ihnen hochklettern. Geben Sie dem Kind die Chance, sich mit Ihnen gemeinsam zu bewegen. Sie selbst werden dabei am meisten lernen.

 

 

Über den Autor

Norbert Feldmann ist freiberuflicher Kinaesthetics-Trainer, Lehrer für Pflegeberufe und Entbindungspflege sowie Pflegewissenschaftler (Universität Witten/Herdecke).