Bauernhof statt Altenheim

Bauernhof

B. Waldmann

Auf einem Bauernhof im Westerwald leben 22 Seniorinnen und Senioren mit Hühnern, Alpakas, Kühen und Gänsen. Das Modell der Wohngemeinschaft mit 24-Stunden-Pflegedienst-Betreuung ist so beliebt, dass es eine Warteliste gibt.

 

Willi May hält sich bereit. Zum wiederholten Mal tritt der 82-Jährige mit dem Wunsch an Guido Pusch heran, nun aber die Alpakas von der Weide zu holen. „Du hast noch etwas Zeit“, sagt Pusch, der einen Bauernhof mit Pflege-Wohngemeinschaften (WG) im Westerwald betreibt. Der Hofbesitzer schenkt seinem Bewohner Kaffee nach. Und setzt sich zu ihm an den Tisch. May ist einer von insgesamt 22 Senioren, die in einer der 3 Wohngemeinschaften auf dem Bauernhof von Guido Pusch leben.

Vor zehn Jahren zogen auf Puschs Hof, den seine Familie schon seit fast 250 Jahren bewirtschaftet, die ersten Senioren ein. Auf die Idee, eine Pflege-WG zu gründen kam der 46-Jährige, da seine Oma selbst pflegebedürftig wurde, den Hof aber auf keinen Fall verlassen wollte. So gründete er eine Wohngemeinschaft mit weiteren pflegebedürftigen Senioren und organisierte einen Pflegedienst, der die Bewohner auf dem Hof betreute.

Mittlerweile ist sein Konzept gewachsen. Der gebürtige Marienrachdorfer kaufte das angrenzende Nachbarhaus in dem 1.000 Einwohner zählenden Ort und richtete dort eine selbst organisierte WG ein, deren Bewohnerinnen und Bewohner noch keine oder wenig Pflegeunterstützung benötigen.

Eigenen Pflegedienst gegründet

Bewohnerinnen und Bewohner mit einem Pflegegrad teilen sich im Haupthaus und in der Scheune auf dem Hof auf in 2 Wohngemeinschaften. Dort ist auch eine 24-Stunden-Betreuung gesichert. Diese übernimmt seit Sommer vergangenen Jahres der eigene Pflegedienst, der ganz nach dem Konzept von „Green Care“, unter dem Namen „Natürlich GmbH“ von Pusch ins Leben gerufen wurde. Als selbstständiger Unternehmer mit einer Maschinenbaufirma kennt er sich in wirtschaftlichen Dingen aus. Allerdings betrat er mit der Gründung eines Pflegedienstes Neuland und bei der Zulassungsbehörde prophezeite man ihm: „Herr Pusch, Sie werden kein Personal bekommen.“ Damit sollten sie jedoch kein recht behalten.

Nachdem das ZDF in seiner Fernsehreihe „37 Grad“ einen Bericht über die Pflege-WG auf dem Bauernhof gesendet hatte, der dann später auch auf der Internetplattform „facebook“ eingestellt wurde, bekam er über 100 Bewerbungen und führt nun nicht nur für neue Bewohnerinnen und Bewohner eine Warteliste, sondern auch für neue Mitarbeiter – aus dem gesamten Bundesgebiet. Sie alle finden das Arbeiten in einer Seniorengemeinschaft mit Verbindung zu derzeit 3 Alpakas, einem Pony, 40 Hühnern, einer Sau und 5 Ferkeln sowie 9 Kühen und 5 Kälbern äußerst ansprechend.

Auch wenn es nicht verpflichtend ist, helfen viele der Bewohnerinnen und Bewohner gerne regelmäßig bei der Versorgung der Tiere, bei der Heuernte, misten Ställe aus und sammeln die Eier aus dem Hühnerstall. Die Futterküche ist das Reich von Karl-Heinz Degen. Hier befeuert der 73-Jährige den Dämpfer für die Kartoffeln, mit denen die Schweine der Rasse „Bunte Bentheimer“ gefüttert werden, und portioniert das Futter.

 

Nicht verpassen: Pflegekasse übernimmt Kosten für Online-Pflegekurs

Pflegende Angehörige haben einen gesetzlichen Anspruch auf einen kostenfreien Schulungskurs. Die Kosten für den zertifizierten Online-Pflegekurs von „Angehörige pflegen“ werden von jeder Pflegekasse komplett übernommen.

Haustiere dürfen mitgebracht werden

Über einen Fernsehbericht wurde auch Maria Rohner aus der Nähe von Freiburg auf die Pflege-WG aufmerksam. Die 89-Jährige wohnt seit 1,5 Jahren auf dem Hof und hat auch ihren Kater mitgebracht. „Ich habe im Fernsehen gesehen, wie nett er mit den alten Menschen umgeht“, erzählt die Seniorin. Und das tut Guido Pusch nicht nur, wenn das Fernsehen zu Besuch ist.

Wenn der Pfälzer Unternehmer gefragt wird, warum sein Konzept so erfolgreich ist, zählt er Faktoren auf wie das gemeinsame Versorgen der Tiere, die Nähe zur Natur, keine wechselnden Pflegepersonen, das gemeinschaftliche Kochen in der großen Bauernküche und anderes mehr. Dabei vergisst Pusch jedoch sein eigenes Wirken. Denn er lebt dieses Konzept, hat selbst in stressigen Zeiten wie der Ernte für jede Bewohnerin und jeden Bewohner eine nette Ansprache, ein Lächeln. Und wenn die demente ältere Dame im Sessel ein Nickerchen macht, streicht er ihr im Vorbeigehen zärtlich über die Wange. Die derzeitigen Bewohner sind zwischen 56 und 95 Jahre alt und haben einen der Pflegegerade 1 bis 5. Auch eine ambulante Palliativbegleitung ist gesichert. Daher ist ein Leben bis zum Schluss auf dem Hof möglich.

Dann ist es endlich so weit. Samira, die 14-jährige Tochter von Alexandra und Guido Pusch, begleitet Willi May zur Weide und wenig später kommen sie mit den drei Alpaka-Damen „Inka“, „Madita“ und „Amelie“ zurück auf den Hof. Gefragt, wie lange er denn schon auf dem Hof lebe, antwortet der Senior: „Schon immer“ und lacht.

 

Über die Autorin

Britta Waldmann ist Redakteurin des Magazins Angehörige pflegen und steht in engem Kontakt mit pflegenden Angehörigen in ganz Deutschland.