Angehörigenpflege: So können Arbeitgeber unterstützen

Angehörigenpflege zu ermöglichen, ist Chefsache – davon ist Ludger Osterkamp, Geschäftsführer der ExTox Gasmess-Systeme GmbH in Unna überzeugt. Es sei ganz klar Aufgabe des Chefs dafür zu sogen, dass das Thema Pflegebedürftigkeit aus der Tabuzone geholt werde. „Das gelingt beispielsweise, indem der Chef selbst offen über seine eigene Mutter berichtet, die 93 Jahre alt ist“, verdeutlicht Osterkamp, der rund 70 Mitarbeiter bei sich beschäftigt. Da jede Angehörigenpflege aber anders gelagert sei, hat er sich entschlossen, sich und einen weiteren Mitarbeiter als Pflegebegleiter ausbilden zu lassen. Gemeinsam stehen sie ihren Kollegen mit Rat und Tat zur Seite, wenn es um die richtige Formulierung in der Patientenverfügung oder die richtige Wahl von Hilfsmitteln wie Rollatoren oder auch Inkontinenzwindeln geht.
Für dieses Engagement hat die Firma 2015 den Otto-Heinemann-Preis erhalten und ist 2016 zum familienfreundlichsten Unternehmen Deutschlands gekürt worden. Der Preis wird an Unternehmen vergeben, die sich vorbildhaft für eine pflegefreundliche Arbeitswelt engagieren. „Der Preis ist nicht wichtig, wohl aber die Nachahmer, die unsere Arbeitswelt menschlicher machen und somit den vermeintlichen Gegensatz Familie und Arbeit auflösen“, betont Osterkamp.
Pflegenlotsen und Angehörigenpflege
An diesem Prinzip orientiert sich auch die Lapp Gruppe, Hersteller von flexiblen Kabeln und Leitungen sowie Kabelzubehör: Das Stuttgarter Familienunternehmen setzt drei Pflegelotsen ein, die als erste Anlaufstelle für Kollegen dienen, die sich mit dem Thema Pflege auseinandersetzen müssen. Die Lotsen sind Mitarbeiter, die sich freiwillig gemeldet und eine entsprechende Fortbildung absolviert haben. „Sie geben Tipps und vermitteln Kontakte. Vor allem aber sollen sie die Hemmschwelle senken, Unterstützung aufzusuchen“, verdeutlicht Iris Lange, Personalreferentin bei der U.I. Lapp GmbH, einer Gesellschaft der Lapp Gruppe.
Viele Kollegen würden den Gang in die Personalabteilung scheuen, weil sie wegen der Angehörigenpflege – wenn auch grundlos – negative Auswirkungen auf ihren Job fürchteten. Neben den Pflegelotsen gibt es eine Schicht-Tauschbörse sowie eine Kooperation mit dem Pflegestützpunkt in Stuttgart und dem PME Familienservice. Dort können Mitarbeiter unter anderem vertrauliche Einzelberatungen in Anspruch nehmen. Warum Lapp diese Angebote macht, verdeutlicht Lange: „Wenn einem Mitarbeiter die Pflege eines Angehörigen über den Kopf wächst, wenn jemand mit der Situation nicht zurechtkommt, dann kann das seine Produktivität natürlich deutlich beeinflussen. Deshalb ist es im ureigensten Interesse des Unternehmens, den Mitarbeitern zu helfen, wenn sie sich um einen Pflegefall kümmern müssen.“ Nicht zuletzt sei Lapp ein Familienbetrieb. „Wir unterstützen und helfen uns gegenseitig, so, wie es auch in einer Familie sein sollte.“
Pflegehotline für Mitarbeiter
Diese beiden kleineren Unternehmen sind zwei von erst wenigen Leuchtturmprojekten, wenn es um die Vereinbarkeit und Beruf und Pflege geht. Denn generell sind größere Firmen besser auf solche Situationen vorbereitet. Wie etwa das Medizintechnikunternehmen B. Braun Melsungen AG in Nordhessen.
Der internationale Konzern bietet seit 2007 unter anderem Familienteilzeit an. Das Programm richtet sich neben jungen Eltern an Mitarbeitende, die Familienangehörige pflegen wollen und seit mindestens zwei Jahren in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis mit dem Unternehmen stehen. Bei einer 50-Prozent-Tätigkeit erhalten Teilnehmende einen finanziellen Aufstockungsbetrag in Höhe von 15 Prozent für bis zu drei Jahre. Eine Verlängerung auf fünf Jahre ist in Einzelfällen möglich. „Diese Form der Teilzeit ermöglicht es unseren Beschäftigten, neben der Angehörigenpflege aktiv im Beruf zu bleiben und den Anschluss nicht zu verlieren. Gleichzeitig können sie sich intensiv um ihre Angehörigen kümmern“, sagt Reinhild Gutzeit, Gruppenleiterin Traineeprogramme und Work-Life-Konzepte bei B. Braun. Umgekehrt profitiere das Unternehmen von diesem Angebot, weil die Beschäftigten motivierter in den Beruf zurückkehrten und nicht für längere Zeit komplett ausfielen.
Drei Möglichkeiten für Familienpflege
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hat zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf im Pflegezeit- sowie Familienpflegezeitgesetz verschiedene Regelungen verankert. So können in einer akuten Pflegesituation nahe Angehörige bis zu zehn Arbeitstage der Arbeit fernbleiben, um bedarfsgerechte Pflege zu organisieren oder selbst sicherzustellen. Seit 2015 kann über die Pflegeversicherung des Pflegebedürftigen zusätzlich Pflegeunterstützungsgeld als Lohnersatzleistung für diese Zeit beantragt werden. Im Rahmen der Pflegezeit ist eine vollständige oder teilweise Freistellung bis zu sechs Monaten möglich. Für diese Zeit kann seit 2015 ein zinsloses Darlehen beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben beantragt werden, um die Einkommensverluste abzufedern. Wenn nahe Angehörige länger pflegebedürftig sind, besteht Anspruch, über die Familienpflegezeit bis zu 24 Monate die Arbeitszeit auf bis zu 15 Stunden pro Woche zu reduzieren. Auch für diese Zeit kann ein zinsloses Darlehen in Anspruch genommen werden.
Flexible und individuelle Lösungen für pflegende Angehörige
Auch der Automobilhersteller Ford engagiert sich für seine Arbeitnehmer, die einen Angehörigen pflegen. Bereits seit 2003 gibt es das Mitarbeiternetzwerk „Arbeiten und Pflegen“, in dem sich pflegende Kollegen mit ersten Informationen rund um das Thema Angehörige pflegen informieren können – beispielsweise welche Unterlagen von Ärzten, Kranken- und Pflegekassen eingeholt werden müssen. Auch hat das Netzwerk einen Notfallplan erarbeitet, der übersichtlich auflistet, was konkret innerhalb der ersten Tage und Wochen zu tun ist. Neu seit Oktober 2016 ist das Programm „Elder Care“ bei dem Ford mit einem externen Dienstleister zusammenarbeitet.
Im Rahmen dieses Services werden Mitarbeiter etwa unterstützt, wenn sie einen Pflegeplatz oder Pflegedienst suchen. Außerdem gibt es Pflegesprechstunden und spezielle Pflegekurse. Eine Pflegehotline, die rund um die Uhr zu erreichen ist, sorgt darüber hinaus für einen kompetenten Ansprechpartner in besonders schwierigen Situationen in der Angehörigenpflege. „Unser Ziel ist es, Vorgesetzte zu motivieren, für betroffene Mitarbeiter im Rahmen der betrieblichen Möglichkeiten flexible und individuelle Lösungen zu finden“, beschreibt Ute Mundolf, Leiterin Lifestyle- und Markenkommunikation bei Ford. Und Ford-Vizepräsident Dr. Wolfgang Schneider betont: „Pflege ist keine karitative Freundlichkeit, sondern Kernverantwortung eines engagierten, globalen Unternehmens.“
Nur wenige pflegende Angehörige informieren den Arbeitgeber
Einige Unternehmen bündeln ihre Aktivitäten auch in Netzwerken, damit sich ihre Mitarbeiter familiären Pflegeaufgaben widmen können. Im mittleren Ruhrgebiet gibt es beispielsweise seit Mitte 2013 ein entsprechendes Projekt, in dessen Rahmen Unternehmen und kommunale Arbeitgeber aus der Region Informationen austauschen und Ressourcen gemeinsam nutzen können.
So bietet das Netzwerk für seine derzeit rund zehn beteiligten Unternehmen etwa gemeinsame Schulungen zu Mitarbeitergesprächen an oder vermittelt wichtige Ansprechpartner. Noch bis Ende 2016 wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Zu den Gründen, warum das Projekt gestartet wurde, sagt Christian Pälmke vom Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik und Mitarbeiter des Projekts: „Das Thema Pflege wird personalpolitisch unterschätzt. Trotz wachsendem Problemdruck herrschen nach wie vor Widerstände seitens der Arbeitgeber, sich diesem Thema zu öffnen.“ Kooperationen wie das regionale Netzwerk erleichterten den Einstieg in diese Thematik, gäben die notwendige Hilfestellung und Begleitung.
In die Zukunft denken
Auch im oberfränkischen Coburg hat sich Anfang 2015 ein Netzwerk aus acht Unternehmen zusammengeschlossen, um mit mehreren Aktionen über das Jahr verteilt ein Bewusstsein für das Thema Angehörigenpflege zu schaffen und unterstützende Angebote aufzuzeigen. Denn: Nicht selten bringe die Doppelbelastung aus Vollzeitjob und Pflege eines Angehörigen die Betroffenen an ihre Grenzen, besonders, wenn sie beide Bereiche schlecht miteinander vereinbaren können. Das weiß auch Tanja Bächer-Sürgers vom Landkreis Coburg und Initiatorin des Projekts „Zwischen Beruf und Pflege muss kein oder!“ „Nur wenige sprechen offen mit ihrem Arbeitgeber über ihre Situation“, sagt sie. Aus Sorge um ihren Arbeitsplatz, Angst vor mangelndem Verständnis der Vorgesetzten oder weil ihnen das Thema als zu persönlich erscheine. „Mit unserer Initiative zeigen wir, wie man gemeinsam mehr bewegen und Ideen in die Breite tragen kann.“ Dafür ist das Projekt im Juni 2016 mit dem Sonderpreis beim Unternehmenswettbewerb Erfolgsfaktor Familie ausgezeichnet worden.
Insgesamt betrachtet hat die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege hierzulande zwar an Bedeutung gewonnen, aber es ist noch ein weiter Weg, bis entsprechende Angebote auch in der Mehrheit der Unternehmen zu finden sein werden.
Unternehmen sind nicht vorbereitet
Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums sind derzeit etwa 2,6 Millionen Menschen pflegebedürftig, 70 Prozent davon werden zu Hause betreut, sehr häufig von Familienangehörigen. Nach den Angaben des Ministeriums wird die Zahl der Pflegebedürftigen in den nächsten 15 Jahren um gut 700000 steigen und 2040 bei 3,64 Millionen liegen. Immer mehr Arbeitnehmer werden sich neben dem regulären Job um einen Pflegefall kümmern müssen. Zwar halten zwei Drittel der Unternehmen die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege für wichtig (76 Prozent). Allerdings bietet der Großteil der Unternehmen (72 Prozent) keine Angebote an, um sie zu ermöglichen, und plant das auch nicht. Das geht aus einer Forsa-Umfrage unter 200 Unternehmen im Auftrag des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) aus Ende 2014 hervor. Allerdings sind größere Firmen besser auf die künftige Situation eingestellt. 43 Prozent der Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern halten betriebsinterne Angebote bereit. Bei den Unternehmen zwischen 50 und 249 Mitarbeitern sind das nur 13 Prozent. Unter den bestehenden Angeboten spielen die Nutzung von Arbeitszeitkonten, flexible Arbeitszeiten sowie individuelle Absprachen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern die größte Rolle. Nur etwa ein Fünftel der Unternehmen schult seine Führungskräfte im Umgang mit dem Thema Pflege.