Unterstützung aus dem Ausland: Eine wertvolle helfende Hand

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Thea Müller ist demenziell erkrankt und bettlägerig. Sie muss jeden Tag betreut werden. Ihre Tochter Christiane sucht nach einer Unterstützung. Schließlich kommt Ewa aus Polen. Eine große Hilfe für alle. Die Geschichte dreier starker Frauen.

Durch ein Holztor geht es in einen kleinen gepflasterten Innenhof. Christiane Müller*, eine schmale 59-Jährige mit kurzen braunen Haaren, steht in der Mitte. Sie zeigt auf eine Eingangstür auf der linken Seite: „Hier lebe ich.“ Ihre Hand weist nach rechts: „Und dort meine Mutter und Ewa.“ Erst vor knapp vier Wochen kam die 40-jährige Polin Ewa Lewandowska* zu ihnen, die ihnen gut gefällt: „Ewa ist kompetent, gelassen, engagiert und einfach eine total nette Person“, sagt Christiane Müller.

Ein Blick nach oben zeigt: Über dem Hoftor sind beide Gebäudeteile verbunden. Auch dort gibt es eine Tür. „Die habe ich aber abgeschlossen. Wir gehen lieber über den Hof.“

Grenzen ziehen – das ist eine Herausforderung, wenn Familien eine sogenannte 24-Stunden-Betreuungskraft engagieren. Für Christiane Müller ist das besonders wichtig, weil sie mit im Haus wohnt. Wenn ihre demenziell erkrankte und bettlägerige Mutter nachts ein bisschen rumort, dann wacht sie nebenan auf. Mittlerweile weiß sie, dass ihre 88-jährige Mutter Thea sich meistens von selbst wieder beruhigt.

Diagnose Demenz

Thea Müller*, eine kleine schmale Frau, ist schon im mittleren Alter wegen einer Makuladegeneration sehbehindert. Sie lebt zu dieser Zeit in Nordrhein-Westfalen. Ihr Mann unterstützt sie im Alltag. Nach seinem Tod vor zehn Jahren kommt sie zunächst trotzdem gut alleine zurecht. Aber nach ein paar Jahren als Witwe beginnt Thea Müller, Dinge zu vergessen, immer wieder das Gleiche zu fragen. Es wird eine Demenz diagnostiziert.

Ihr Sohn praktiziert in der Nähe als Hausarzt. Tochter Christiane wohnt knapp drei Stunden entfernt in einer hessischen Kleinstadt, hat eine interessante Stelle als Journalistin. Sie setzt sich jeden zweiten Freitag nach der Arbeit ins Auto und verbringt das Wochenende mit der alten Dame. „Ich parkte ein, erschöpft von der Woche und der Fahrt. Die Haustür ging auf und wumm“ – sie reißt die beiden Arme hoch – „schlugen mir die geballten Probleme entgegen.“

Die Demenz wird stärker. Die Kinder organisieren Haushaltshilfen, aber das reicht bald nicht mehr aus. Einmal verbringt die Mutter sechs Wochen in der Kurzzeitpflege in einem Pflegeheim. Ihre Tochter empfindet die Angestellten als extrem unfreundlich, fast bösartig.

Ein Hin und Her

Christiane Müller sucht händeringend nach Lösungen. Bei Stiftung Warentest schaut sie nach seriösen Pflegevermittlungsagenturen. Die erste Polin zieht bei der Mutter ein, allerdings nicht für lange. Von heute auf morgen war die junge Frau weg – nach nur einer Woche. „Sie war überfordert“, sagt Christiane Müller. „Es war natürlich anstrengend mit meiner Mutter. Ich kenne das ja, war auch oft genervt. Sie wollte immer laufen. Und ständig stand sie da und fragte: ‚Und was machen wir jetzt?‘“

Es kommen weitere Betreuerinnen, insgesamt etwa sechs, jeweils ein paar Wochen. „Die meisten sind nett“, sagt Christiane Müller. Manchmal wundert sie sich über die Mengen Fleisch, die eine Betreuerin kauft, obwohl die Mutter Vegetarierin ist. Oder darüber, dass gegen ihren Wunsch alle Gardinen abgenommen und gewaschen werden und dafür Geld verlangt wird. „Es ist schwer für beide Seiten. Ich hätte mehr Beratung von der Agentur gebraucht, z. B. dazu, wie wir die Aufgaben so aufteilen, dass die Betreuerin eben nicht überfordert ist.“

Noch mal versuchen sie es mit einem Heim. Es ist nett und familiär dort. Aber oft findet Christiane Müller ihre Mutter „mit Beruhigungsmitteln vollgestopft“ auf dem Sessel dösend vor. Thea Müller stürzt mehrmals. Einmal ist sie lebensgefährlich ausgetrocknet. Als die Corona-Epidemie beginnt, darf die Tochter sie gar nicht oder nur kurz und hinter Plexiglas sehen. Zu Hause in Hessen macht Christiane Müller das Handy nie aus. „Ich hatte eigentlich immer Angst. Dass sie verdurstet oder dass sie sich mit Corona ansteckt.“

Im Oktober 2020 stürzt Thea Müller wieder. Diesmal bricht sie sich den Oberschenkel. Nach der Operation ist sie sehr geschwächt, steht nicht mehr auf. Christiane Müller entscheidet schnell. Sie kontaktiert die örtliche Filiale ihrer alten Pflegeagentur, räumt all ihre Dinge in die linke Haushälfte, schließt auf der rechten Seite die Küche an. Drei Wochen später, an einem Dienstag, klingelt es dreimal an ihrem Tor. „Morgens um 8.30 Uhr kam das Pflegebett, um 11 Uhr kam Ewa, um 14 Uhr meine Mutter.“

Unterstützung aus Polen

Ewa Lewandoswka hat ihre glatten dunklen Haare mit einem Gummiband zum Pferdeschwanz gebunden. Sie trägt Jeans und T-Shirt. Die wachen blauen Augen leuchten über der weißen FFP2-Maske. Seit zwei Jahren pendelt sie zwischen Polen und Deutschland. Die Müllers sind ihre achte Familie. Gelernte Pflegekraft ist sie nicht. „Ich bin Lehrerin.“ Sie tippt ein polnisches Wort in ihr Smartphone. Es erscheint auf Deutsch: „Fahrlehrerin.“ Mithilfe des Übersetzungsprogramms erzählt sie weiter: Zehn Jahre lang habe sie in einer Fahrschule gearbeitet, saß auch samstags und sonntags mit den Schülern im Auto, verdiente wenig. Eine Freundin war als Betreuerin in Deutschland und sehr zufrieden – also probierte sie es auch. Und es gefiel ihr.

Ewa Lewandowska hat keine Kinder und auch keinen Mann an ihrer Seite. Sie wohnt mit ihren Eltern zusammen. „Ich bin gerne auf Reisen. Und ich habe jetzt mehr Geld. Das ist schön.“ Manchmal muss sie ganz spontan ihre Koffer packen. So wie vor ihrer Abfahrt in die hessische Kleinstadt. Zuvor hat die Agentur angerufen: „Eine alte blinde Frau, die nicht aufstehen kann. Die Tochter wohnt auch dort. Kannst du das übernehmen?“

Drei Tage später steigt sie in den Kleinbus der Agentur, der sie und andere polnische Betreuungskräfte nach Deutschland fährt. Ob sie vorher mit Frau Müller telefoniert oder geskypt habe? Nein, habe sie nicht, sagt sie. Als sie in der fremden Kleinstadt vor dem Hoftor steht, weiß sie noch kaum etwas über Mutter und Tochter Müller.

Ein geregelter Alltag

Auch für Christiane Müller ist Ewa eine fremde Person. Aber die beiden Frauen sind sich gleich sympathisch. Und finden schnell in den gemeinsamen Alltag: Morgens macht Christiane Müller den Brei für die Mutter und verschwindet dann für den Vormittag an den Schreibtisch. Sie arbeitet überwiegend von zu Hause aus. Ewa reicht der alten Dame das Essen an, wäscht sie, kleidet sie an und setzt sie in den Rollstuhl. Im Laufe des Tages macht sie Bewegungsübungen mit ihr, hilft ihr zum Mittagsschlaf ins Bett, wechselt die Inkontinenzvorlage, gibt ihr zu trinken und zu essen, spricht mit ihr, ist da, wenn sie ruft. Thea Müller schläft sehr viel. Dann sitzt Ewa in ihrem Zimmer, chattet mit den Eltern oder Freunden.

In ihren Pausen geht sie spazieren oder auf den Wochenmarkt. In der Stadt hat sie ein Geschäft mit polnischen Lebensmitteln entdeckt. Gutes Fleisch, Wurst und Gemüse. Sie kocht für sich immer polnische Küche. „Das ist schön deftig“, lacht sie. Christiane Müller und Ewa essen nicht zusammen. Die Tochter kocht für sich und ihre Mutter und macht die Wäsche.

Keine Angst mehr

Wie lange die sympathische Polin bleiben kann, muss sie noch mit der Agentur besprechen. Sie würde gerne drei Monate vollmachen. Auch Christiane Müller wünscht sich das. „Das war meine beste Entscheidung“, sagt sie, die jetzt an den Wochenenden nicht mehr über die Autobahn hetzt. Dabei hat sie nicht unbedingt neue Freiheiten dazugewonnen. Freunde besuchen, Ausflüge unternehmen, ungestört arbeiten – das konnte sie auch, als ihre Mutter im Heim war.

Aber sie fühlt sich trotzdem wie befreit, denn die ständige Angst ist weg. „Natürlich muss ich jetzt wegen Corona aufpassen. Aber das ist eine andere Sorge als vorher.“ Die Mutter ist in der Nähe, die Tochter geht rüber, wann sie kann. „Manchmal frühmorgens oder abends nach der Arbeit setze ich mich zu ihr. Ich bin nicht mehr genervt. Ich habe sie einfach lieb.“

*Name von der Redaktion geändert.

 

 

Über die Autorin

Hanna Lucassen ist freie Journalistin und ehemalige Gesundheits- und Krankenpflegerin.