Psychische Erkrankungen: Verletzte Seele

Psychische Erkrankungen

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Im Gegensatz zu Knochenbrüchen lassen sich von psychischen Erkrankungen keine Röntgenbilder anfertigen – obwohl beides Verletzungen sind. Eine psychische Störung zu erkennen, ist aber wichtig, damit eine geeignete Therapie gefunden werden kann.

Hektik, Stress und Überlastung können unser Wohlbefinden negativ beeinflussen und psychische Erkrankungen hervorrufen.
Diese frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, ist ausschlaggebend für die Genesung. Auch genetische Anlagen oder biochemische Ungleichgewichte können psychische Störungen mit befördern. Beispiele sind: zu viel oder zu wenig eines Hormons oder zu viel oder zu wenig eines bestimmten Neurotransmitters. Neurotransmitter sind Botenstoffe, über die die einzelnen Nerven interagieren. Häufig schlägt sich dies auch im Verhalten nieder.

Ab wann lässt sich ein Verhalten nun als „gestört“ bezeichnen? Spätestens dann, wenn das Verhalten einen Menschen (oder andere Menschen) einschränkt. Wer beim Anblick einer Spinne wegläuft, aber sonst sein Leben wirksam steuert, hat keine Angststörung. Wer sich wegen möglicher Spinnen im Garten gar nicht mehr aus dem Haus traut, schon eher.

Zu den häufigsten psychischen Erkrankungen zählen Angststörungen (ca. 15 Prozent), Depression (ca. 8 Prozent) und Suchterkrankungen (Alkohol/Medikamente ca. 6 Prozent).

Depression

Phasen tiefer Traurigkeit erlebt jeder Mensch – Verluste durch Tod, der Verlust von Kontakten und Sicherheit (z. B. Freunde, Familie, Arbeitsplatz), die Erkenntnis, dass man sein Ziel nicht erreicht und gefühlt versagt hat. Die bringt das Leben mit sich.

Eine sogenannte Major Depression (schwere depressive Störung) trägt jedoch mehr als Traurigkeit in sich und ist verbunden mit weiteren Symptomen: Die Stimmung ist gedrückt, Betroffene verlieren das Interesse an allem, sie empfinden keinerlei Freude mehr. Oft ermüden sie schnell und sind wenig aktiv. Hinzu kommt häufig, dass sie sich schlecht konzentrieren können und wenig aufmerksam sind. Sie hegen Schuldgefühle, fühlen sich wertlos, haben kaum Appetit.

Die Verläufe einer Depression sind verschieden: Es kann ein einmaliges Erlebnis sein, in Episoden auftreten oder chronisch werden. Für die Diagnose Depression müssen verschiedene Aspekte zusammenkommen (z. B. Dauer und Häufigkeit der Episoden, Schwere der mentalen und körperlichen Symptome).

Auslöser für eine Depression

Körperliche (somatische) Erkrankungen können auch eine Depression bedingen, etwa Störungen im Hormonhaushalt wie eine Unterfunktion der Schilddrüse. Gleichzeitig weiß man, dass eine schlechte Nachricht – z. B. die Diagnose einer Krebs- oder Herzerkrankung – eine depressive Verstimmung auslösen kann.

Erbliche Anlagen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für eine depressive Episode ebenso wie ein Ungleichgewicht bestimmter Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin, Noradrenalin – depressive Menschen haben davon meist einen Mangel.

Doch Depressionen lassen sich heute gut behandeln. Eine Säule ist die Psychotherapie. Sie vermittelt den Betroffenen, wie sie ihre Situation bewältigen können. Manchmal können auch Medikamente sinnvoll sein. Sie regulieren die Konzentration der Neurotransmitter im Gehirn.

Angststörungen

Angst und Furcht sind prinzipiell zwei überlebenswichtige Gefühle – sie bewahren uns davor, zu hohe Risiken einzugehen. Bei einigen Menschen ist diese Angst aber viel zu oft oder sogar immer da. Aus von außen nicht oder kaum erkennbarem Anlass rast das Herz, schnürt der Hals zu, bricht der kalte Schweiß aus. Für die Betroffenen ist das jedes Mal eine schlimme Erfahrung. Um dem aus dem Weg zu gehen, ziehen sie sich oft aus dem sozialen Leben zurück – meiden womöglich jeden Kontakt nach außen.

Angststörungen werden oft nicht oder nicht früh genug erkannt. Häufig wird zu lange nach körperlichen Ursachen für das Herzrasen, die Schlafstörungen, die Rücken- oder Kopfschmerzen gesucht. Schätzungen zufolge wird deshalb etwa die Hälfte aller Angststörungen nicht erkannt und behandelt.

Eine Angststörung erleben ca. 15 Prozent der Bevölkerung. Viele Angststörungen treten bereits im Kindes- und Jugendalter auf. Heutige Erkenntnisse weisen darauf hin, dass auch Angststörungen ein Mangel an Neurotransmittern zugrunde liegt – und zwar von Serotonin (das sogenannte Glückshormon) und Noradrenalin (ein Stresshormon).

Mit der Angst leben lernen

Wer sich seiner Angst stellt und sie behandeln lässt, überwindet sie mit 80- bis 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit. Sie oder er lernt, die Angst zu kontrollieren. Ein psychotherapeutischer Ansatz ist etwa die Kognitive Verhaltenstherapie (vor allem bei konkreten Ängste wie der vor Tieren oder bestimmten Situationen): Schritt für Schritt wird die oder der Betroffene, geschützt begleitet von einer Therapeutin oder einem Therapeuten, mit seiner Angst konfrontiert. Das Ziel ist, dass sich darüber die Angstsymptome nach und nach legen.

Wie unser Gehirn funktioniert

Uns Menschen macht das Großhirn aus. Es ist unsere Denkfabrik. Auf unsere sogenannten kognitiven Fähigkeiten wie Denken, Sprechen, Planen und Vorausschauen sind wir besonders stolz. Dahinter steckt vor allem der Präfrontale Kortex – das ist der Teil des Hirns, der hinter der Stirn liegt. Aber: Dieser Teil des Hirns ist evolutionsgeschichtlich gesehen noch sehr jung. Viel älter sind Strukturen wie das Limbische System.

Dieser Teil des Hirns verarbeitet z. B. Gefühle und reguliert Triebe. Ein Teil des Limbischen Systems ist die Amygdala – eine kleine, aber wirkmächtige Struktur. Sie ist, im positiven Sinne, unsere Alarmglocke. Sie registriert Gefahr und versetzt den Körper in einen hoch wachsamen, aber gestressten Zustand – der Mensch ist bereit, sein Überleben zu sichern.

Im negativen Sinne kann sie aber zur „Terroreinheit“ des Hirns werden – und zwar dann, wenn sie ununterbrochen aktiv ist und keine Phasen der Entspannung mehr zulässt. Dann herrschen dauerhaft Stress und Angst im Leben.

Unser Gehirn baut Strukturen, die wir oft nutzen, aus. Solche, die wir nicht nutzen, werden kleiner oder verschwinden. Steht ein Mensch lange unter Stress oder Angst, sind die Strukturen für diesen (neuronalen) Weg so breit wie eine Autobahn.

Wird der Mensch morgens wach und setzt das Gedankenkarussell ein, nimmt unser Gehirn gern den einfachsten Weg und der Mensch ist wieder in der Stress- und Angstspirale. Nun könnte man denken, der vernunftbegabte Präfrontale Kortex könne dem Einhalt gebieten mit Worten wie: „Nun entspann dich mal. Das wird schon wieder.“ Kann er aber nicht, denn die alten Hirnstrukturen schalten ihn einfach aus.

Sich selbst umprogrammieren

Wirksame, körpereigene Werkzeuge gegen diese Spirale sind z. B. unsere Aufmerksamkeit und Konzentration – und Bewegung. Richten wir unsere Aufmerksamkeit (auch ein eher altes System) auf andere (schöne) Dinge, bauen wir eine Umgehungsstraße zur Stress-Angst-Autobahn. Bewegungstechniken wie Tai Chi oder Yoga etablieren sie über Bewegung und Konzentration.

Mentale Techniken wie Meditation, Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung lassen uns „umdenken“. Wir können uns selbst umprogrammieren. Hinzu kommt: Sport und Bewegung (dazu gehört durchaus auch ein Spaziergang) lassen den Körper Hormone ausschütten – etwa Serotonin, das bei Depression und Angst oft erniedrigt ist. Außerdem lockt Bewegung Endorphine, das sind „körpereigene Schmerzmittel“, die Menschen in eine glückliche Stimmung versetzen.

Anpassungsstörungen

Manchmal gelingt es einem Menschen nicht oder nicht so gut, sich auf eine neue Situation einzustellen. Vor allem dann, wenn eine Situation als besonders belastend empfunden wird. Auslöser für eine solche Anpassungsstörung können bspw. der Verlust eines Menschen oder des Arbeitsplatzes und damit verbundene Existenzängste sein. Aber auch schwere Konflikte, körperliche Erkrankungen, veränderte Lebensumstände (etwa Schul- und/oder Wohnortwechsel, Scheidung) oder die Erfahrung von Gewalt. Entscheidend bei der Diagnose Anpassungsstörung ist die subjektiv empfundene Schwere des Ereignisses – und nicht irgendein „objektiver“ Maßstab.

Ein weiteres wichtiges Kennzeichen ist, dass die Betroffenen das traumatische Ereignis klar benennen können. Eine Anpassungsstörung tritt größtenteils innerhalb eines Monats nach dem Ereignis auf und dauert selten länger als sechs Monate. Meist zeigen Betroffene vorübergehend eine depressive Verstimmung, sie sind ängstlich, sorgen sich viel, grübeln. Fühlen sich unfähig, vorübergehend ihr altes Leben aufrechtzuerhalten, ziehen sich z. B. zurück von ihren sozialen Kontakten.

Gerade auch bei Jugendlichen kann ein verändertes Sozialverhalten (wie plötzlich starke Aufmüpfigkeit bis Renitenz) ein Hinweis sein. Körperliche Symptome zeigen sich etwa in Verspannungen, Rückenschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden. Eine Anpassungsstörung lässt sich mit sozialer Unterstützung oft bewältigen. Betroffene benötigen Verständnis für ihre Situation, Gespräche, Kraft und etwas Zeit, um die Lebenslage (aus sich selbst heraus) zu bewältigen. Manchmal ist auch eine Psychotherapie hilfreich, die Wege der Bewältigung aufzeigen kann. Nur selten brauchen Betroffene Medikamente.

Corona und die psychischen Folgen

Seit mehr als einem Jahr bestimmt das Coronavirus unser Leben. Das bleibt nicht ohne Folgen. So schadet die Corona-Pandemie auch der psychischen Gesundheit. Das ist das Ergebnis des im März 2021 veröffentlichten „Deutschland-Barometer Depression“ – eine jährliche, repräsentative Bevölkerungsumfrage der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Deutsche Bahn Stiftung. Dies betrifft zum einen Menschen, die psychisch erkrankt sind: Ihre Versorgung hat sich in der aktuellen Situation verschlechtert, weil sie z. B. weniger Kontakt zu ihren Behandelnden haben. Zudem macht ihnen zu schaffen, dass der Alltag wenig Struktur besitzt. Viele berichten, dass sich ihre Erkrankung verschlechtert habe.

Ähnliches gilt auch für die Allgemeinbevölkerung: Fast drei Viertel der Menschen empfinden die Corona-Situation als bedrückend, jeder Dritte macht sich Sorgen um die berufliche Zukunft. Ersten Erhebungen verschiedener Krankenkassen zufolge ist der Anteil der Krankschreibungen wegen psychischer Störungen merklich angestiegen.

Darüber hinaus zeigt beinahe jedes dritte Kind psychische Auffälligkeiten. Die betroffenen Kinder haben Sorgen und Ängste, sind depressiv verstimmt und bilden häufiger psychosomatische Beschwerden aus. Das geht aus der „COPSY-Studie (Corona und Psyche)“ des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hervor.

Unterstützung annehmen

Wer von einer psychischen Erkrankung betroffen ist, ist nicht allein damit und findet bei zahlreichen Stellen Hilfe – z. B. bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe (www.deutsche-depressionshilfe.de) oder der Deutschen Angst-Hilfe (www.angstselbsthilfe.de).

Im Fall von Suchterkrankungen können bspw. der Fachverband Sucht (www.sucht.de/betroffeneangehoerige.html), die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (www.bzga.de) oder die Anonymen Alkoholiker (www.anonyme-alkoholiker.de) mögliche Anlaufstellen sein.

 

 

Über die Autorin

Sabine Josten ist Medizinjournalistin.