Pflegende Angehörige in der Corona-Krise: Frischer Wind

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Hanna Lucassen

Die Corona-Krise hat den Alltag von Barbara Hedtmann (64) und Kurt Steffenhagen (86) verändert. Doch gemeinsam und mit viel Umsicht meistert das Ehepaar die außergewöhnliche Situation.

 

Der Lavendel blüht lila. Barbara Hedtmann und Kurt Steffenhagen sitzen auf ihrer kleinen Terrasse am Frankfurter Stadtrand, trinken Rotwein. Tara, die schwarze Labradorhündin, streckt sich genüsslich im Gras. Das Ehepaar liebt diese gemeinsame Stunde am frühen Abend. Ein Ritual, auf das es auch in der Corona-Krise nicht verzichtet. Vielleicht ist dies auch jetzt so wichtig wie nie: Es gibt ihnen Halt und hier finden sie in langen Gesprächen ihren individuellen Weg durch die Krise.

Gemeinsam stark

Barbara Hedtmann (64) ist Religionspädagogin. Eine temperamentvolle, durchsetzungsstarke Frau, die noch voll im Beruf steckt und für viele Themen brennt. Sie koordiniert die Seniorenarbeit und Erwachsenenbildung im evangelischen Regionalverband und hat einen Hochschullehrauftrag. Kurt Steffenhagen (86), ein großer schlanker Mann mit markanten Gesichtszügen und einem hellwachen Verstand, hat nur noch zwei Prozent Sehkraft. Seit einem Papilleninfarkt vor 13 Jahren kann der Diplom-Ingenieur nur noch grobe Umrisse erkennen. Ohne seine Frau, sagt er, wäre er aufgeschmissen. Sie legt ihm die passenden Hosen und Pullis hin, kauft ein, wäscht und kocht jeden Abend aufwendig. Sie achtet darauf, dass Zahnbürste und Telefon immer am selben Platz stehen und nichts auf dem Boden liegt, über das er stolpern könnte. Kurt Steffenhagen hat Pflegegrad 2. Der Antrag auf 3 läuft. In der Corona-Krise gehört er zur Risikogruppe der Hochaltrigen.

Ihr Weg durch die Krise

Die Pandemie wird für beide schlagartig ein Thema, als sie im März die Fernsehbilder aus Italien sehen: Schwerkranke, die isoliert im Krankenhaus liegen. Voll maskierte Pflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte. Sterbende, die sich von ihren Angehörigen nicht verabschieden können.

„Wollen wir das?“, fragt Barbara Hedtmann ihren Mann. Nein. Sie sind sich einig: Wenn einer von ihnen erkrankt, braucht er den anderen bei sich. Dann wollen sie nicht getrennt sein. Unter dem Eindruck der TV-Berichte verfasst Kurt Steffenhagen eine Corona-Patientenverfügung: „Für den Fall, dass ich mit dem Coronavirus infiziert werde, will ich nicht stationär in einer Klinik behandelt werden. Das gilt auch, wenn die Erkrankung COVID-19 einen schweren zum Tode führenden Verlauf nimmt.“ Kurt Steffenhagen zeigt die beiden handgeschriebenen Seiten, die in einem durchsichtigen Schutzumschlag liegen. „Ich habe keine Angst“, sagt er. „Wenn ich die Krankheit bekomme und daran sterben sollte, dann ist es so.“

Seine Frau sitzt daneben und nickt. Die beiden sind sehr offen miteinander, die Themen Tod und Sterben haben sie nie ausgeklammert. Von Anbeginn: Als sie sich vor 22 Jahren kennenlernen, sind sie beide geschieden und eigentlich frei füreinander. Aber Barbara Hedtmann braucht Zeit, um sich darauf einzulassen, der Altersunterschied macht ihr Sorgen. „Ich wusste ja, dass er wahrscheinlich lange vor mir gebrechlich werden würde.“ Sie nehmen sich Zeit, sich kennenzulernen und auch über diese Bedenken zu sprechen. Offen und ehrlich, ohne Tabus – das ist bis heute ihr Rezept.

Trotzdem – die beiden sind in der Pandemie nicht fahrlässig. Beim Einkaufen tragen sie eine Schutzmaske, sie halten Abstand und waschen sich regelmäßig die Hände. Die Verbindung zu ihren Kindern und sechs Enkelkindern halten sie aufrecht. Das ist ihnen wichtig. „Wir wägen das Risiko immer ab, aber wir wollen und brauchen eben auch den frischen Wind in unserem Leben.“

Verunsicherung

Zu dieser Klarheit müssen sie erst mal finden. Am Anfang sind auch sie verunsichert. Barbara Hedtmann ist in der schwierigen Situation vieler pflegender Angehöriger. Sie selbst gehört nicht zur Risikogruppe, muss aber aufpassen, dass sie das Virus nicht mit nach Hause schleppt und ihren Mann ansteckt. Um das Risiko zu minimieren, geht sie ins Homeoffice, obwohl sie nicht gerne zu Hause arbeitet. Inzwischen ist sie an drei Vormittagen wieder im Büro. Kolleginnen und Kollegen trifft sie dort kaum. Sie fährt mit dem Auto hin, parkt in der Tiefgarage, sitzt alleine im Büro. Auch privat ist sie jetzt selten weg.

Veränderter Alltag

Ihr Alltag hat sich verändert. Normalerweise haben beide ihr eigenes Leben: Vor Corona kommen zu Kurt Steffenhagen an zwei Vormittagen Assistenten und helfen ihm am Computer und beim Schriftverkehr. Er geht mit der Blindenhündin im Ort spazieren, trifft sich mit Senioren aus der Kirchengemeinde, um über Glaubensdinge zu diskutieren, besucht Kulturveranstaltungen. Wenn Barbara Hedtmann gegen 17 Uhr von der Arbeit kommt und sie sich zum Reden auf die Terrasse setzen, sind beide voll von Erlebnissen und Eindrücken. Frischer Wind eben.

Und nun sind sie die meiste Zeit gemeinsam zu Hause. Immerhin kommen mittlerweile die Reinigungskraft und die Assistenten wieder. Für Barbara Hedtmann ist es nicht leicht, sich zu Hause auf ihre Arbeit zu konzentrieren: den Abwasch zu ignorieren, ihren Mann auf später zu vertrösten, auch mal die Tür zu ihrem Arbeitszimmer zu schließen. Sie fühlt sich oft hin- und hergerissen und hat auch mit einem schlechten Gewissen zu kämpfen. „Wenn ich sonst zu Hause war, war ich es voll und ganz. Jetzt bin ich mit dem Kopf im Büro. Ist für uns beide nicht so einfach.“ Kurt Steffenhagen bestätigt, halb witzelnd: „Ja, wir brauchten ein bisschen Zeit, uns aneinander zu gewöhnen.“

Es komme ihr manchmal vor wie eine Probezeit, meint seine Frau später. In ein, zwei Jahren wird sie in Rente gehen und viel zu Hause sein. „Da schnupper ich jetzt mal rein – und übe, wie das geht.“ So kann sie in der Krise durchaus eine Chance sehen.

Lernen aus der Krise

Beide wissen, die Pandemie trifft andere härter: pflegende Angehörige etwa, die verzweifelt sind, weil die 24-Stunden-Pflegekraft oder der ambulante Pflegedienst nicht mehr kommen. Aber Corona hat auch im Hause Hedtmann-Steffenhagen etwas verändert. Die Krise kratzt an den Strukturen, die für die Eheleute wichtig sind, um ihre Liebe, ihren Respekt füreinander zu erhalten.

Barbara Hedtmann kämpft für diese Strukturen. Sie pflegt lange Jahre ihre Eltern – bis sie am Rand ihrer Kräfte ist und das Verhältnis zu den Eltern extrem gespannt.

Mit ihrem Mann, das weiß sie, will sie es nie so weit kommen lassen. Die beiden sorgen vor und beschließen rechtzeitig: Sie würde weiter Vollzeit arbeiten, weil es ihr gut tut. Sie würde ihn nicht körperlich pflegen. Sollte das notwendig werden, würde sie einen Pflegedienst engagieren. Gegebenenfalls würde Kurt Steffenhagen auch in das nahe gelegene Altersheim ziehen. „Mein Mann soll mein Mann bleiben – und nicht mein Patient werden“, sagt Barbara Hedtmann.

Aber natürlich sind es manchmal nur Nuancen, die den Unterschied machen. Grenzen zu ziehen, um selbst gesund zu bleiben, fällt in Zeiten von Corona noch schwerer als sonst. Zu Hause ist sie schneller erreichbar als im Büro. Und Liebe und Fürsorge gehören eben doch oft zusammen.

Gespräche liefern frischen Wind

Wie gut, dass es die Terrassengespräche gibt. „Ihre Stunde“ ist übrigens oft auch ein Fenster nach draußen. Nachbarn oder Passanten laufen vorbei, grüßen rüber. Manchmal bleiben sie auch für einen kleinen Schwatz stehen, in sicherer Entfernung. „Was gibt’s Neues?“ „Wie kommt ihr über die Runden?“ Barbara Hedtmann genießt das ganz bewusst. Der frische Wind, der ihr so wichtig ist, er weht jetzt vielleicht nicht so stark wie sonst in ihr Haus. Aber wenn ein Lüftchen kommt, eine Brise – dann macht sie die Tür weit auf. Und atmet ganz tief ein.

 

 

 

Über die Autorin

Hanna Lucassen ist freie Journalistin und ehemalige Gesundheits- und Krankenpflegerin.