Kinder als Pflegende: Einfach mal Pause drücken

 

Junge Pflegende

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Plötzlich Pflegende: Kinder und Jugendliche übernehmen oft eine wichtige Rolle in der häuslichen Pflege. Dabei stellen sie sich existenziellen, psychischen und intimen Herausforderungen, über die sie oft nicht sprechen – aus Scham oder Unsicherheit. Auch deshalb gibt es für junge Pflegende spezielle Hilfsangebote.

 

Zwischen Schule und Pflege: Minderjährige, die einen Angehörigen pflegen, sind oft täglich dieser Doppelbelastung ausgesetzt. Einerseits verpflichtet die familiäre Verbundenheit, andererseits besteht oft der Wunsch nach Freiheit und einem sorgloseren Erwachsenwerden. Wie viele Kinder und Jugendliche sich im häuslichen Umfeld um erkrankte Personen kümmern, ist nicht klar: In einer Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) aus dem Jahr 2017 gaben etwa 5 % der befragten Jugendlichen im Alter von 12–17 Jahren an, regelmäßig substanzielle pflegerische Aufgaben bei der Pflege und Versorgung eines Angehörigen zu übernehmen. Das wären hochgerechnet etwa 230.000 der 12–17-Jährigen in Deutschland. Experten gehen allerdings davon aus, dass die Dunkelziffer sehr viel höher ist. All diese jungen Menschen sollen mit der „Pausentaste“, einem besonderen Online-Angebot des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Unterstützung erhalten.

Unsichtbare Familien

Weil junge Pflegende selten über die Arbeit, die sie in ihrer Familie leisten, sprechen, ist es schwierig, passende Hilfsangebote zu vermitteln. Sabine Metzing, Professorin für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Kinder und Jugendliche, weiß, dass die Familie mit wachsendem Unterstützungsbedarf immer „unsichtbarer“ wird: „Eine chronische Erkrankung betrifft immer die gesamte Familie. Ihr Unterstützungsbedarf ist komplex und zieht die Inanspruchnahme unterschiedlicher Kosten- und Leistungsträger nach sich. Kinder und Jugendliche können gegen eine elterliche Erkrankung nicht abgeschirmt werden.“ Für junge Menschen, die zwischen Familie und Pflege und Freunden und Schule oder Ausbildung stehen, wird der Alltag oft zur Zerreißprobe: Ungewohnte Nähe und Intimität und ein durchgeplanter Tagesablauf stehen im Gegensatz zu unbeschwerter Freizeit mit Freunden und schulischen Verpflichtungen. Folgen der großen Verantwortung in jungen Jahren können soziale Isolation, Gefühle der Einsamkeit, Angst, Traurigkeit oder Schwierigkeiten in der Schule oder der Ausbildung sein.

Das liegt auch daran, dass sich Kinder und Jugendliche, wie die ZQP-Studie herausfand, selbst oft gar nicht als Pflegende wahrnehmen. Ständige Überlastung und daraus resultierende Unsicherheit sind die Konsequenz – weil es so scheint, als würde den anderen doch vieles leichter von der Hand gehen. Und während die Freunde auf Partys gehen, Bewerbungen schreiben oder die erste große Liebe kennenlernen, fühlen sich junge Menschen, die zu Hause pflegen, oft nicht zugehörig. Die Verbundenheit zu den Eltern, Geschwistern oder nahen Verwandten ist oft so groß, dass sie keine anderen Aktivitäten zulässt, ohne dass Schuldgefühle aufkommen. Genau deshalb ist ein Austausch mit anderen Jugendlichen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, oder mit Experten, die mit Rat und Tat zur Seite stehen, so wichtig. Unterstützung kann zwar nicht die Schwere einer Erkrankung mindern, aber sie kann helfen, den Alltag nachhaltig zu verbessern und damit viele Dinge einfacher zu machen: „Ein wachsendes gesellschaftliches Bewusstsein und die Enttabuisierung des Themas sind unabdingbare Voraussetzungen für Hilfsangebote. Komponenten eines familienorientierten Hilfskonzeptes sind: Unterstützung der erkrankten Person, Organisation von Hilfen über zentrale Anlaufstellen, Information und Beratung, Gesprächsangebote und Auszeiten von der Pflege“, weiß Sabine Metzing.

 

 

 

Zwischen Helfen und Sorgen

Egal ob mehrmals in der Woche oder täglich: Pflegende Jugendliche unterstützen ihre Angehörigen in vielen Belangen. Sei es beim Einkaufen, beim Zubereiten der Mahlzeiten, beim Aufstehen oder Gehen oder bei ganz klaren pflegerischen Tätigkeiten wie der Hilfe bei der Nahrungsaufnahme, bei der Einnahme von Medikamenten oder bei der Körperpflege. Mit den Aufgaben und Verpflichtungen geht jeder Mensch anders um. In der ZQP-Studie wird klar, dass junge Pflegende sowohl Positives als auch Negatives aus ihrem Alltag mitnehmen. Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, die mit der Pflege eines Angehörigen konfrontiert werden, macht sich viele Sorgen um ihre Angehörigen, 12 % fehlt die Freizeit, 10 % finden die körperliche Anstrengung belastend und 9 % bedrückt es, niemanden zum Reden zu haben. Dass sie helfen und die Situation verbessern können, finden fast alle Jugendlichen gut – genauso wie das Gefühl, dass die Familie zusammenhält. Knapp die Hälfte der Jugendlichen fühlt sich zwar durch die Pflege nicht belastet, aber 46 % sehen sich etwas und 5 % sehr belastet. Deshalb überrascht es auch nicht, dass ein beträchtlicher Teil der Young Carers, wie junge Pflegende auch genannt werden, gerne Hilfe durch einen Pflegedienst, Beratung oder ein Sorgentelefon in Anspruch nehmen würde.

Pausentaste ohne schlechtes Gewissen

Junge Pflegende werden oft von Gewissensbissen geplagt, wenn sie sich etwas anderem als der Pflege ihrer Angehörigen widmen, aber: Wer anderen hilft, braucht manchmal selber Hilfe – und das ist ganz normal. Damit der Pflegedschungel etwas weniger dicht wird, hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein Angebot erstellt, das sich ganz klar an Kinder und Jugendliche richtet, die sich um ihre Familie kümmern: die Pausentaste. Gerade weil sich junge Pflegende für ihre Situation schämen und sich anders als alle anderen fühlen, haben sie hier die Möglichkeit zu sehen, dass sie gar nicht anders sind – und vor allem nicht alleine. Tausend andere, die ganz ähnliche Erfahrungen machen, sind auf dem Online-Portal unterwegs. Einige davon erzählen auf der Pausentaste davon. Und auch von allem anderen, was sie in ihrem Alltag umtreibt: Probleme in der Schule, Angst, Trauer, Überforderung oder Einsamkeit beispielsweise.

Auch die Nummer gegen Kummer spielt hier eine Rolle. Immerhin wünschen sich viele Young Carers jemanden zum Reden. Hier finden sie Berater/-innen, die ihre Umstände in aller Vertraulichkeit ernst nehmen. Das geht per Telefon oder online und erleichtert manchmal ungemein. Vor allem wenn man den Freunden nicht erzählen möchte, was einen beschäftigt, weil man denkt, dass sie das alles eh nicht verstehen würden. Häufig hilft es, einen anderen Blickwinkel bei Problemen zu finden und mit Menschen zu sprechen, die gerade nicht persönlich involviert sind. Bei der Pausentaste werden außerdem weitere verschiedene Hilfsangebote vorgestellt, an die sich die jungen Pflegenden in spezifischen Situationen wenden können. Es soll ein Bewusstsein für die Young Carers geschaffen werden, denen in Deutschland immer noch zu wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Deshalb findet sich online auch ein Bereich, in dem sich Experten austauschen können, in dem Wissen zum Thema abrufbar ist und Kontakte zu finden sind.

Einen Raum für sich selbst finden

Die Last, die die oft noch so jungen Pflegenden auf ihren Schultern tragen, ist enorm. Es handelt sich nicht nur um die körperliche, sondern vor allem auch um die psychischen Herausforderungen, die der Alltag immer wieder aufs Neue stellt. Gerade in einer Zeit, in der junge Menschen entdecken können, wer sie sind und wie sie ihr Leben gestalten möchten, kann eine so große Verantwortung wie die, einen geliebten Menschen zu pflegen, wie ein Seil wirken, das einen immer wieder zurückzieht, wenn man versucht voranzukommen. Deshalb ist es umso wichtiger, einen Raum für sich selbst zu finden und sich immer wieder klar zu machen, dass es noch belastender ist, die vermeintliche Schuld irgendwo zu suchen. Schließlich ist es unmöglich, sie zu finden. Es gibt viele Hilfsangebote, die nicht nur die jungen Pflegenden, sondern auch die ganze Familie unterstützen und den Spagat zwischen Pflege und Erwachsenwerden leichter machen.

Alle Informationen finden Sie auf www.pausentaste.de.

 

 

Über die Autorin

Patricia Schaller