Haarpflege für Menschen mit Demenz [Interview]

 

Frisuren und Haarpflege bei Demenz

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Die Frisur ist ein Ausdruck der Individualität eines Menschen. Sie fußt auf seiner eigenen Biografie und drückt Persönlichkeit aus. Menschen mit demenziellen Veränderungen sind häufig nicht mehr in der Lage, ihr Haar so zu gestalten, wie sie es in ihrem bisherigen Leben getan haben. Wie lässt sich die Haarpflege unterstützen?

Weg vom Einheitsschnitt

Besonders in Alteneinrichtungen trifft man zunehmend auf Bewohnerinnen, die ihre Haare in einem „Einheitsschnitt“ tragen, womit ihre persönliche Note verloren geht. In einem Projekt von Studierenden der Pflegewissenschaft an der Universität Witten/Herdecke wurde der Frage nachgegangen, warum der Haargestaltung nicht mehr die Aufmerksamkeit zuteil wird, wie es vor dem Beginn der demenziellen Erkrankung üblich war. Das Projekt beschäftigt sich mit Frauen, die nicht mehr den Friseur aufsuchen können, sondern die einer spezifischen Unterstützung bei der Haargestaltung bedürfen. Hierzu wurden Beobachtungen und Befragungen in Alteneinrichtungen vorgenommen, Literatur gesichtet und auf dieser Grundlage Ideen entwickelt und erprobt.

Star-Friseur Udo Walz half

Als Leiterin des Projekts wandte ich mich mit meiner Fragestellung an den bekannten Friseur Udo Walz mit der Bitte, mit mir eine Broschüre zur Gestaltung der Haare von Menschen mit Demenz herauszugeben. Seine Pressesprecherin verwies mich an seinen ehemaligen Creativdirektor Dennis Creuzberg, der inzwischen ein eigenes Unternehmen in Berlin führt. Creuzberg war sofort von der Idee begeistert, hatte er doch seinen Zivildienst in einem Altenheim absolviert und dort den Damen die Haare gepflegt.

Nach umfänglichen Gesprächen und dem Austausch über die von den Studierenden und mir gefundenen Erkenntnisse, machten wir uns auf die Suche nach einem Altenheim, das unser Vorhaben unterstützte. Wir wurden in Berlin fündig, nahmen den Kontakt zu den Bewohnerinnen und ihren Angehörigen und Betreuern auf. Durch die Unterstützung des Unternehmens Schwarzkopf wurde es möglich, dass eine professionelle Fotografin engagiert werden konnte, die die Haargestaltung festhielt.

Friseur Dennis Creuzberg gelang es, Kontakt zu den Bewohnerinnen herzustellen und ihnen in kurzer Zeit eine lebensorientierte Frisur zu gestalten. Nun ist geplant, eine Broschüre zu erstellen, in der weitere Ideen vorgestellt werden.

Ziel ist es, dass auch professionell Pflegende und pflegende Angehörige über Möglichkeiten verfügen, die Frisuren bei Menschen mit Demenz wieder individuell zu gestalten und ihnen ein positives Erlebnis zu vermitteln.

Frisur ist kultureller und individueller Ausdruck

Die Gestaltung der Haare ist ein kulturelles Gut. Seit Jahrhunderten gehört die Frisur zum individuellen Ausdruck einer Person. Während in jungen Jahren häufig ein Wechsel der Haarfarbe und der Schnittlänge erfolgt, bildet sich im mittleren Alter ein eigener Stil heraus, der über Jahre beibehalten wird. Menschen im Pensionsalter bleiben häufig ihrer Haargestaltung bis zum Lebensende treu. Oftmals suchen sie immer den gleichen Friseur auf, der ihre Vorlieben kennt.

Die Art und Weise, in der das Haar getragen wird, bildet einen Beitrag zur eigenen Identität und einen Wiederkennungseffekt für andere Menschen. Wenn auch nicht alle Personen der Haarpflege die gleiche Aufmerksamkeit schenken, so überwiegen doch die, die ihr Wohlbefinden mit der Gestaltung der Haare direkt in Verbindung bringen.

Biografie und Vorlieben beachten

Friseure müssen sich zunehmend mit der Frisurgestaltung älterer Menschen beschäftigen, da viele von ihnen zu den regelmäßigen Kundinnen zählen, die vor Wochenenden und Feiertagen den Salon aufsuchen. Je älter diese Menschen werden, desto trockener wird ihre Kopfhaut. Häufig entfällt das Waschen der Haare in der eigenen Häuslichkeit. Dieses wird dann mit einem Friseurbesuch kompensiert. Neben dem Waschen der Haare und dem Schneiden und Legen nimmt auch die Bereitschaft zum Färben der Haare ab. Das Aufsuchen eines Friseurs gilt bei vielen Frauen als ein besonderer Event, als etwas worauf sie sich freuen können.

Sowohl die Literaturrecherche als auch Beobachtungen und Befragungen ergaben, dass die Haarpflege häufig in das Baden und Duschen der Menschen mit Demenz integriert ist. Dabei haben wir es zurzeit in Alteneinrichtungen mit Menschen zu tun, die in ihrer Biografie nicht täglich geduscht haben und wo die Haarpflege in das Duschen nicht einbezogen wurde, sondern der Haarpflege wurde eine eigenständige Aufmerksamkeit gewidmet.

Haarpflege ist in vielen Fällen mit

  • positiven Erinnerungen,
  • Vorfreude auf ein Ereignis,
  • gutes Aussehen oder
  • schöne Erlebnisse verbunden.

Veränderungsprozesse bei der Haarpflege

Mit fortschreitender Demenz verändert sich bei vielen Frauen die eigene Körperpflege. Das betrifft auch die Pflege des Haupthaars. Während bei Beginn des demenziellen Prozesses ein Besuch bei dem bekannten Friseur und für eine Weile auch die damit verbundene Prozedur noch möglich ist, werden nach und nach die Dauer der Haargestaltung und die damit verbundenen Wasch- und Einlegevorgänge als immer belastender empfunden. Es kann zu deutlichen Missbekundungen im Salon kommen, der Platz wird eventuell verlassen, die Friseurin aufgefordert, mit dem Procedere aufzuhören usw.

Auch die Begleitung der betroffenen Personen durch einen Angehörigen ändert häufig an dem ablehnenden Verhalten nichts. Viele Angehörige entscheiden sich daher, den Friseurtermin nicht mehr wahrzunehmen. So berichteten pflegende Angehörige, dass sich 20 Prozent der zu Hause betreuten Menschen mit Demenz gegen die Anwendung von körperpflegerischen Maßnahmen wehren, die Anzahl der abwehrenden Reaktionen wurde in Alten- und Pflegeeinrichtungen sogar mit einem noch höheren Anteil angegeben.

Der Widerstand zeigte sich durch

  • Abwenden,
  • Abwehren,
  • Verlassen des Badezimmers sowie
  • verbale und physische Abwehrhaltungen gegen die pflegende Person usw.

Gründe für eine ablehnende Haltung

Nicht alle Menschen mit Demenz zeigen eine komplette Ablehnung bezüglich der Haar- oder Körperpflege. Dennoch ist ein individueller Ausdruck durch die Gestaltung der Haare oftmals nicht mehr möglich. Damit wollten wir uns jedoch nicht zufrieden geben und gingen der Frage nach, wie eine Haargestaltung stattfinden kann, ohne zu einer ablehnenden Haltung zu führen?

  1. Ein Grund für eine Ablehnung der Haargestaltung kann schon der Hinweis sein, dass geplant ist, eine körperpflegerische Maßnahme zu ergreifen.
  2. Das Integrieren der Haarwäsche in das Duschen oder Baden kann zu einem zu lang dauernden Prozess oder einem aufkommenden Kälteempfinden führen.
  3. Es kann als unangenehm empfunden werden, wenn Wasser über das Gesicht läuft.
  4. Auch Nacktheit (beim Baden oder Duschen) wird nicht mit einem Friseurbesuch in Beziehung gesetzt. Von einem ehemals positiven Erlebnis wird es zu einem Erlebnis, das nicht identifiziert werden kann und Ängste bis hin zur Abwehr auslösen kann.
  5. Das Umfeld entspricht oftmals nicht der Erfahrung „Haarpflege“: Es wird im Zimmer der Bewohnerin vorgenommen, Materialien sind für die zu frisierende Person nicht erfahrbar, der Geruch stimmt nicht mit alten Erfahrungen überein.
  6. Mangelndes lebensorientiertes Wissen über bislang selbstständig vorgenommene Körper- und Haarpflege kann diese Situation negativ beeinflussen.
  7. Oftmals wird dem Friseur kein individuelles Bild der Person gezeigt, das die damalige Haartracht widerspiegelt. Somit wird der Friseur gefordert, seine Vorstellung ohne eine Personenorientierung vorzunehmen.

Menschen mit Demenz haben das Recht, ihrer eigenen Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen. Dieses Recht ist gleichberechtigt zu den Rechten, sich bewegen zu können, schmerzfrei zu sein und seine Biografie in den Begleitungsprozess einzubeziehen. Außerdem macht es sehr viel Spaß, Menschen zu einem individuellen Aussehen zu verhelfen.

Was Sie tun können
  • Sammeln Sie die lebensorientierenden Eckpunkte zur Haarpflege der betroffenen Person. Halten Sie ein gutes Bild bereit, das die Haartracht in den Jahren vor Eintritt des demenziellen Prozesses zeigt. Besprechen Sie das mit den Angehörigen und Bezugspersonen, ob dieses Foto als Grundlage gewählt werden kann.
  • Finden Sie heraus, warum und was die Bewohnerin bei der Haarpflege ablehnt.
  • Suchen Sie einen Friseur, der auf die Haarpflege von Menschen mit Demenz vorbereitet ist und ein Interesse hat, die Haare möglichst dicht an der Foto-Vorlage orientiert zu gestalten.
  • Es sollte darauf geachtet werden, dass die Haarpflege eine eigenständige Situation wird, losgelöst vom Baden, Waschen oder Duschen.
  • Prüfen Sie, ob Sie die Ruhe und das Interesse haben, die Haare der Bewohnerin jetzt zu gestalten.
  • Ermöglichen Sie, dass der Prozess der Haargestaltung nicht mehr als 20 Minuten in Anspruch nimmt und unangenehme Erfahrungen vermeidet (zu kaltes Wasser, Abkühlen des Kopfes, unbequemes Sitzen, zu warmes Föhnen, schmerzhaftes Eindrehen von Wicklern usw.).
  • Vermitteln Sie den Eindruck, dass es sich um etwas Schönes handelt, was jetzt gemeinsam erlebt wird.
  • Nähern Sie sich der Bewohnerin von vorne und auf Augenhöhe.
  • Gestalten Sie die Umgebung. Es sollte ein Spiegel vorhanden sein, in dem sich die Bewohnerin sehen kann. Legen Sie die Materialien bereit, die für einen Friseurbesuch selbstverständlich sind: Bürsten, Kämme, Spray, Föhn, Umhang, Handtuch, Lockenwickler, etc.
  • Geben Sie der Bewohnerin die typischen Gegenstände in die Hände.
  • Führen Sie ihre Hände mit einer Bürste und kämmen Sie mit ihr gemeinsam die Haare.
  • Sorgen Sie dafür, dass es nach Friseur riecht.
  • Vermeiden Sie Ablenkung durch andere Personen und arbeiten Sie alleine.
  • Unterbrechen Sie immer dann, wenn die Bewohnerin Ihnen deutlich macht, dass sie Ihr Vorgehen so nicht haben möchte. Geben Sie ihr Zeit, sich wieder auf die Fortführung einzustellen.
  • Melden Sie der Bewohnerin zurück, wie sie nun aussieht und lassen Sie sie ihr Aussehen im Spiegel überprüfen.
  • Eventuell machen Sie ein Foto von der nun fertigen Frisur und fügen es der Dokumentation bei. Beschreiben Sie, wie der Prozess geklappt hat und was Sie als hilfreich empfunden haben.
  • Besonders das ernsthafte Interesse an der Bewohnerin, ein positives auf sie Eingehen werden helfen, die Haargestaltung zu einer wirklich guten gemeinsamen Erfahrung zu machen.
Über den Autor

Prof. Dr. Christel Bienstein ist Pflegewissenschaftlerin und ehemalige Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaften der Privatuniversität Witten-Herdecke.