Maria Roth* genießt ihr Frühstück sichtlich: Schwungvoll schmiert sie sich Marmelade auf ihre Salamisemmel und beißt mit Freude hinein. „Möchten Sie auch Kaffee?“, fragt sie ihre Tischnachbarin und versucht, aus ihrer eigenen Tasse etwas in die andere umzuschütten.
Schräg gegenüber sitzt Erwin Hasemann*. Er löffelt Naturjoghurt auf sein Brötchen und versucht dann, die Semmel mit dem Löffel in kleine Stücke zu teilen. Am Tisch nebenan schlummert eine Dame im Rollstuhl, ihr grauer Pagenkopf ruht auf einem bunten Kissen auf dem Tisch.
10 Uhr in der „Gammel-Oase“ im nordrhein-westfälischen Marl: Um diese Zeit hat sich heute erst eine gute Handvoll älterer Damen und Herren in der offenen Wohnküche zusammengefunden. Es ist die erste Einrichtung in Deutschland, in der „Gammeln“ das Therapieziel ist (s. Kasten). Hier leben 14 Bewohnerinnen und Bewohner zwischen 60 und 89 Jahren – alle mit fortgeschrittener Demenz.
Seit Mai 2023 gibt es die erste Gammel-Oase in Deutschland. Im Julie-Kolb-Seniorenzentrum in Marl, einer Einrichtung des AWO Bezirksverbandes Westliches Westfalen e. V., ist sie 1 von 7 Wohngruppen der Einrichtung. Die 14 Bewohnerinnen und Bewohner leben in 7 Doppelzimmern mit großem Wohn-, Küchen- und Gartenbereich. Sie können ihren Tagesablauf so weit wie möglich selbst gestalten. Vorgeschriebene Aktivitäten oder Abläufe gibt es nicht. 5 Pflegefachpersonen, 6 Pflegeassistentinnen und 5 Betreuungskräfte arbeiten hier. Ende des Jahres wird aufgrund des guten Erfolgs die nächste Gammel-Oase in der Einrichtung eröffnet – diesmal für 16 Bewohner.
Die Gammel-Oase beruht auf dem Konzept des „Therapeutischen Gammelns“, das der Altenpfleger und promovierte Soziologe Stephan Kostrzewa entwickelt hat. Das Konzept versteht sich als Gegenentwurf zum „Aktivierungswahn“ von Menschen mit Demenz. Statt künstlich zu „bespaßen“, steht das Wohlbefinden dieser Menschen im Mittelpunkt. Denn Gammeln meint nicht nur – wie im heutigen Wortgebrauch – faulenzen, nichts tun oder verderben, sondern geht auf den urgermanischen Begriff „gamaną“ zurück, was so viel wie Spaß, Fröhlichkeit und Genuss bedeutet.
Frühstück und Abendessen gleichzeitig – alles ist möglich
Im Küchenbereich hängt ein Poster: „Du tust genug, du hast genug, du bist genug.“ Dieser Slogan ist Programm: In der Gammel-Oase gibt es keinen Druck und keine Erwartungen. Die Bewohner entscheiden selbst, wie lange sie schlafen möchten, wann und was sie essen möchten und wie sie ihren Alltag gestalten.
„Bei uns werden die Bewohner nicht geweckt, denn es gibt keine festen Termine oder Abläufe“, sagt Christian Löbel, Leiter der Gammel-Oase und gerontopsychiatrische Fachkraft.

„Einige Bewohner frühstücken um 13 Uhr, andere essen dann schon zu Mittag und der nächste Bewohner, für den es gefühlt Abend ist, möchte ein Bier zu seinem Brot trinken.“ Jeder Tag sei irgendwie gleich, aber auch total anders. „Für die Mitarbeiter ist das eine Wundertüte.“
Das Besondere an der Gammel-Oase: Hier dürfen die Bewohner wirklich tun und lassen, was sie möchten. Eine feste Tagesstruktur oder Gruppenangebote – wie Basteln, Zeitungsrunde oder Sitzgymnastik – gibt es nicht. Das bedeutet aber nicht, dass die Bewohner sich einfach selbst überlassen sind und nichts tun. Stattdessen wird individuell geschaut: Was möchte der Bewohner? Woran zeigt er Interesse? Was tut ihm gerade gut?
Jeder Bewohner findet seine eigene Beschäftigung
Dafür haben alle Mitarbeitenden einen „imaginären Bauchladen“, den sie anbieten können, wie Löbel sagt – von der grundpflegerischen Versorgung über einen Spaziergang bis zum Singen, Klatschen oder Tanzen. Die Mitarbeitenden unterbreiten also individuelle Einzelangebote, und die Bewohner entscheiden selbst, was sie davon haben möchten und was nicht.
Zusätzlich finden sich im ganzen Wohnbereich sogenannte Materialien mit Aufforderungscharakter. An den Handläufen hängen zum Beispiel Schals und gefüllte Handtaschen zum Herumstöbern, über einer Stuhllehne hängt ein Fußballtrikot.

Foto: Julie-Kolb-Seniorenzentrum, Marl
Auf den Tischen finden sich Magazine, Sonnenhüte, Malstifte oder auch laminierte Fotos von bekannten Persönlichkeiten. „Die Bewohner laufen daran vorbei, nehmen sich etwas mit, gehen damit in Interaktion und dann können wir mit einsteigen“, sagt Löbel.
Manchmal findet der Bewohner auch eine Beschäftigung, die man auf den ersten Blick erstmal gar nicht so deuten würde, erzählt der Leiter der Gammel-Oase. Vielleicht hat er eine Tasse Kaffee verschüttet und ist nun damit beschäftigt, den Tisch mit seiner Hand zu säubern und dabei den Kaffee weiter zu verteilen. „Warum sollte ich ihn dabei stören, wenn ihm die Beschäftigung gerade guttut?“, fragt er. „Und warum sollte ich die Pfütze wegmachen und ihm damit zeigen, dass man das eigentlich nicht machen sollte, um ihn dann zu einem Gedächtnistraining zu schieben?“
Die Kunst der Langsamkeit
Helles Licht fällt durch die bodentiefen Fenster in den Wohnraum. Um drei runde Tische sind grüne und gelbe Polsterstühle gruppiert, im Raum verteilt sind mehrere Sofas und Relax-Sessel.

Foto: Julie-Kolb-Seniorenzentrum, Marl
Eine weißhaarige zierliche Dame mit Kurzhaarschnitt steuert mit ihrem Rollator das gelbe Sofa an. Dort angekommen, kuschelt sie sich mit angezogenen Beinen in die Kissen, schließt ihre Augen und döst eine Weile vor sich hin.
Ausruhen ist in der Gammel-Oase ausdrücklich erwünscht. Neben dem großen Wohnraum befindet sich ein kleineres Zimmer mit einem XXL-Sofa, ausgestattet mit zahlreichen Kissen und Wolldecken. „Manchmal liegen zwei oder drei Leute gleichzeitig darauf“, erzählt Löbel. „Und ein Bewohner schläft nachts sogar lieber hier als in seinem eigenen Bett.“


Foto: B. Teigeler
Überhaupt ist die Kunst der Langsamkeit gefragt – vor allem im direkten Kontakt mit den Menschen mit Demenz. „Vieles läuft bei uns über Körperkontakt“, erläutert Löbel. „Wir setzen uns zum Beispiel zum Bewohner und reichen ihm erstmal unsere Hand. Wenn der Bewohner unsere Hand von sich aus ergreift, braucht er vielleicht gerade körperliche Nähe. Wir bleiben bei ihm sitzen, reden mit ihm oder sagen auch mal gar nichts. Allein das ist schon eine richtig gute Beschäftigung.“
Ständiges Korrigieren kann Stress bedeuten
Grundsätzlich wird in der Gammel-Oase korrigierendes Verhalten – wie „Essen Sie nicht mit den Fingern“, „Ihr T-Shirt ist verkehrt herum“ – so weit wie möglich vermieden. Leiter Christian Löbel ist überzeugt, dass ständiges Korrigieren und Verbessern zu Stress, Wut und Aggressionen führen kann. Hinzu komme, dass sich die Betroffenen oft nicht mehr mitteilen können, wenn sie Stress, Unwohlsein oder auch Schmerzen erleben.
Die mögliche Folge sind sogenannte herausfordernde Verhaltensweisen – ein häufiges Problem bei fortgeschrittener Demenz. Das können ständiges Rufen, Schreien, Weg- oder Hinlaufen, das Verweigern von Nahrung, Medikamenten oder pflegerischen Maßnahmen, aber auch Apathie und Teilnahmslosigkeit sein. Oft werden diese Verhaltensweisen dann mit Psychopharmaka – also starken Beruhigungsmitteln – behandelt, die wiederum die Apathie verstärken.
Statt die Bewohner medikamentös „ruhigzustellen“, macht sich das Team in Marl gezielt auf die Suche nach den Ursachen, die hinter dem herausfordernden Verhalten stehen. Hat der Bewohner vielleicht Schmerzen? Hat er Hunger oder Durst? Ist es ihm zu warm oder zu laut? Braucht er mehr Aufmerksamkeit? Hat er einen beginnenden Infekt? Denn der Bewohner selbst kann die Ursache für sein Unwohlsein in der Regel nicht mehr benennen.
Lösungen erfordern oft Ideenreichtum
Die Ursache zu finden, geht meist nur durch Ausprobieren. Im Fachjargon spricht man von Verstehenshypothesen. Eine solche wäre zum Beispiel: „Der Bewohner ist unruhig, weil er Durst hat.“ Darauf aufbauend macht man ein Angebot oder ändert eine äußere Bedingung. Und dann wird geschaut, wie der Bewohner darauf reagiert. Klappt das nicht, versucht man eine andere Maßnahme, zum Beispiel einen gemeinsamen Spaziergang auf dem Flur, eine Massage oder Ähnliches. Wenn verschiedene Maßnahmen nicht greifen, kann auf Verdacht ein Schmerzmedikament verabreicht werden. Und nur wenn all das nicht hilft, wird im letzten Schritt versuchsweise ein Psychopharmakon gegeben.
Manchmal sind die Lösungen für ein Problem alles andere als naheliegend: „Wir hatten eine Bewohnerin, die plötzlich nicht mehr allein gegessen hat. Bis wir herausgefunden haben: Wenn wir beim Essenanreichen singen, öffnet die Bewohnerin wieder ihren Mund. Jetzt wird bei den Mahlzeiten immer gesungen“, schmunzelt Löbel. Bis man auf eine wirksame Methode kommt, könne es aber dauern – oft sei Ideenreichtum gefragt.
Nach zwei Jahren Gammel-Oase zieht Löbel eine positive Bilanz: „Die Bewohner sind entspannter und ausgeglichener. Viele ziehen bei uns mit mehreren Psychopharmaka ein, bei einigen sind diese mittlerweile komplett abgesetzt“, sagt er. Dafür sei die Gabe an Schmerzmitteln hochgegangen. Denn in vielen Fällen hängen herausfordernde Verhaltensweisen nicht mit der Demenz zusammen, sondern weil die Person Schmerzen hat oder unter Juckreiz leidet.
Angehörige gehören selbstverständlich mit dazu
Gegen 11 Uhr betritt ein weißhaariger Mann die Gammel-Oase. Ute Herbst*, die noch am Frühstückstisch sitzt, strahlt ihn an: „Hallo, mein Stern, woher weißt du denn, dass ich heute hier bin?“ Er lacht zurück: „Du bist doch seit zwei Jahren hier, hast du das etwa vergessen?“
Gestern hatten die beiden ihren 64. Hochzeitstag, ein großer Strauß mit rosa Rosen steht noch auf dem Tisch. Jeden Tag kommt Manfred Herbst* und besucht seine Frau. Sechs Jahre ist es her, seit bei ihr eine Demenz diagnostiziert wurde. Viele Jahre hat er sie gepflegt. Dann wurde er selbst krank und konnte die Pflege zu Hause nicht mehr leisten. Mit der Betreuung ist er sehr zufrieden: „Es gefällt ihr gut, hier ist immer etwas los.“
Die Angehörigen gehören in der Gammel-Oase selbstverständlich mit dazu. Sie setzen sich bei den Mahlzeiten mit an den Tisch – meist erhalten sie einen Kaffee oder bekommen einen Salat angeboten. „Die Bewohner essen deutlich besser, wenn alle am Tisch etwas zu essen haben“, weiß Löbel. „Oft sind das noch angelernte Verhaltensweisen von früher: Man darf erst beginnen, wenn alle etwas haben.“
Wo das Gewährenlassen seine Grenzen hat
Gibt es Situationen, in denen das Nichts-Müssen an seine Grenzen kommt? „Natürlich“, meint Löbel. „Medikamente müssen verabreicht, Wunden versorgt oder die Haut bei Inkontinenz geschützt werden. Alles, was für den Bewohner nachteilige Folgen haben könnte, müssen wir als Pflegende im Blick haben.“ Manchmal wird nach Rücksprache mit dem Arzt aber auch die Medikation geändert, zum Beispiel einmal statt dreimal pro Tag, oder Tropfen statt großer Kapseln. Ansonsten lässt das Team die Bewohner gewähren. „Solange sie selbst oder andere keinen Schaden davontragen – warum nicht?“
Es gebe auch Kritiker des Konzepts. Die wenden zum Beispiel ein, dass Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz bestimmte Entscheidungen nicht mehr selbst treffen oder auch deren Reichweite nicht einschätzen könnten. „Sie wüssten also nicht, was gut für sie ist und was nicht“, erläutert Löbel. „Wir sehen das anders. Und wir begleiten sie bei der Entscheidungsfindung. Dafür sind wir als Pflegende ja da. Der Bewohner kommt vielleicht nicht von allein darauf, was er für ein Bedürfnis hat, aber wir können ihm dabei helfen.“
Es ist kurz vor 12 Uhr. Manfred Herbst* verabschiedet sich von seiner Frau: „Ich muss los, Schätzchen, zur Massage.“ Leiter Christian Löbel verteilt noch eine Runde Apfelschorle und Schokokekse. In der Zwischenzeit betritt Bewohner Elmar Meppert* den Wohnraum und lässt sich auf einem der Sofas nieder, auf seinem Kopf eine Baskenmütze. Eine Betreuerin reicht ihm eine Tasse Kaffee. Er lacht, hebt seine Hand zum Gruß in die Runde und fängt kraftvoll an zu jodeln: „Holla da ritio“. Die Damen am Nebentisch lachen mit und winken zurück.
*Die Namen der Bewohnerinnen und Bewohner wurden von der Redaktion geändert.
