Demenz: Tipps für bessere Orientierung in der Wohnung

 

Demenz bessere Orientierung

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Jeder möchte sich in den eigenen vier Wänden geborgen und aufgehoben fühlen. Menschen mit einer Demenzerkrankung brauchen aber noch mehr – vor allem dann, wenn mit Fortschreiten des Krankheitsbildes ihre Orientierungsfähigkeiten nachlassen. Oft können schon kleine Maßnahmen helfen, dass sie sich in ihrem Zuhause besser zurechtfinden und ein relativ eigenständiges Leben führen können.

Mehr Orientierung erhöht die Sicherheit

Menschen mit einer Demenz benötigen vor allem eine sichere, Orientierung bietende Umgebung, die es ihnen ermöglicht, sich weitgehend selbstständig und stressfrei in ihrem vertrauten Umfeld zu bewegen. Trotz aller mit der Erkrankung verbundenen Herausforderungen gibt es viele Dinge, die sie noch gut beherrschen, vor allem in ihrem gewohnten Lebensumfeld. Wenn es gelingt, ihnen hier Sicherheit zu geben, werden viele Dinge im Alltag einfacher – sowohl für sie als auch für ihre Angehörigen.

Da eine Demenz vor allem im höheren Lebensalter auftritt, kommen zu den Demenz bedingten Symptomen typische Alterserscheinungen hinzu, wie verminderte Sehkraft und schlechteres Hörvermögen. Ältere Menschen benötigen deshalb zum Beispiel mehr Licht, um gut sehen und lesen zu können. Sie reagieren empfindlicher auf hohe Geräuschpegel und Nebengeräusche und sind meist aufgrund alterstypischer Erkrankungen stärker sturzgefährdet. Allein das ist schon Grund genug, die eigenen vier Wände kritischer in Augenschein zu nehmen und den jeweiligen Bedürfnissen anzupassen.

Was bedeutet „Demenz“?

Die Demenz ist ein komplexes Krankheitsbild und tritt infolge einer Erkrankung oder Schädigung des Gehirns auf. Je nach Ursache unterscheidet man verschiedene Formen. Die häufigste ist die Alzheimer-Demenz, gefolgt von den gefäßbedingten Demenzen.

Kennzeichnend für eine Demenz ist der kontinuierliche Verlust von übergeordneten Gehirnfunktionen. Das betrifft unter anderem das Gedächtnis sowie die Fähigkeit, sich zu orientieren, Neues zu lernen und sich auf unbekannte Situationen einzustellen. Im weiteren Verlauf der Erkrankung fällt es den betroffenen Menschen dann zunehmend schwerer, Dinge zu erkennen oder zu handhaben.

Weniger ist oft mehr

Oft sind es gerade die kleinen Dinge, die helfen, sich besser zu orientieren und ein relativ eigenständiges Leben zu führen. Doch was bedeutet das konkret? Wie kann das aussehen? Schließlich fallen Wohnungseinrichtungen je nach Temperament, Interessen und Herkunft sehr unterschiedlich aus. Und das macht eigentlich auch den Charme des jeweiligen Zuhauses aus.

Jeder demenziell erkrankte Mensch erlebt seine Erkrankung individuell. Trotzdem gibt es im täglichen Leben eine Reihe von allgemein gültigen Dingen, die die Erkrankten in ihrer Tagesgestaltung unterstützen. Dabei kann die Lösung im Einzelfall sehr unorthodox sein. Wichtig ist, dass anstehende Veränderungen in der eigenen Wohnung sehr behutsam angegangen werden, damit es durch die Neuerungen nicht noch zu zusätzlichen Problemen wie Angst, Unruhe oder auch Passivität kommt.

Klare Strukturierung erhöht die Übersicht

Da schon früh das Orientierungsvermögen eingeschränkt ist, benötigen Menschen mit einer Demenz eine übersichtliche und klar strukturierte Umgebung. Dabei sollte die Auswahl an Gegenständen, die an die Vergangenheit erinnern, begrenzt werden. Manchmal meinen Angehörige, möglichst viele Erinnerungsstücke präsentieren zu müssen, nach dem Prinzip „Viel hilft viel“. Doch oft ist weniger mehr. Je mehr Reize durch die Umgebung gesetzt werden, umso größer die Herausforderung für das erkrankte Gehirn, diese Reize zu verarbeiten und umso höher das Risiko, die Menschen zu überfordern.

Erleichternd wirken

  • eine übersichtliche und vertraute Möblierung,
  • Beibehaltung der gewohnten Ordnung von Möbeln und Erinnerungsstücken,
  • Reduzierung von Reizen – Ordnung statt Chaos.

Was viele nicht wissen: Für Menschen mit einer Demenz können gemusterte Flächen zu einer echten Herausforderung werden. Zum einen, weil sie optisch zunehmend Probleme haben zu differenzieren und durch Muster irritiert werden, zum anderen aber auch, weil Blumen im Stoff gelegentlich als real interpretiert und „gepflückt“ werden. Oder sie nehmen klein gemusterte Teppiche als verschmutzt wahr und versuchen mühsam, sie zu reinigen. Hier schaffen einfarbige Strukturen Abhilfe.

Das Suchen reduzieren

Viel Zeit verbringen demenziell erkrankte Menschen mit Suchen. Deshalb sollten ihre persönlichen Dinge wie Kleidung, Haustürschlüssel, Handtasche und Geldbeutel, Bücher, aber auch Zahnbürste, Kamm an ihrem gewohnten Platz zu finden sein, damit sie immer wieder an Gewohntem anknüpfen können. Gleiches gilt auch für den Lieblingssessel am Fenster oder den Platz am Esstisch. Andere, weniger wesentliche Dinge können dafür entfallen.

Ein nicht nur in diesem Zusammenhang wichtiger Tipp betrifft die Schlüsselsituation im Eingangsbereich. Wer hat sich noch nicht einmal selbst ausgeschlossen, weil er oder sie den Schlüssel vergessen oder, noch schlimmer, hat stecken lassen? Ein Zweitschlüssel in der Nachbarschaft und eine Schließanlage mit Doppelfunktion bringen schnelle Hilfe und helfen, die Kosten für den Schlüsseldienst zu vermeiden.

So schaffen Sie eine gute Umgebung für Menschen mit Demenz
  • Ausreichende und blendfreie Helligkeit gewährleisten
  • Treppen und Ecken gut ausleuchten, Stolperfallen (Matten, Türschwellen, Kabel) vermeiden
  • Lichtschalter und wichtige Gegenstände farbig (rot) markieren
  • Leicht verständliche Symbole und Beschriftungen verwenden
  • Dunkle und gemusterte Flächen vermeiden
  •  Türen und Wandflächen farblich absetzen, wichtige Bereiche „tarnen“
  •  Schließzylinder mit Doppelfunktion
  • Spiegel eventuell durch einen Vorhang entspiegeln

Zeitliche Orientierung

Relativ früh ist die zeitliche Orientierung gestört. Da Zeit etwas Abstraktes ist und sich stetig verändert, können schnell Stresssituationen entstehen. Termine werden vergessen oder verwechselt, der Tagesrhythmus gerät in Unordnung, oder auch das Gefühl für die Jahreszeiten lässt nach. Ansagen wie „In zehn Minuten starten wir“ können kaum verarbeitet werden.

Da brauchen die Menschen erkennbare Orientierungspunkte. Dazu gehören zum Beispiel:

  • gut sichtbare Uhren mit großen Zeigern, die wahrnehmbar die Zeit „zählen“, oder ein vom Bett gut sichtbarer Wecker auf dem Nachttisch
  • eine aktuelle Tageszeitung
  • ein großer, lesbarer Kalender, der hilft, die Wochentage zuzuordnen
  • ein gut strukturierter Tagesplan, der auch die wichtigsten Termine enthält und in der Küche oder im Flurbereich aufgehängt sein kann
  • zur Jahreszeit passende Dekorationen, zum Beispiel Osterkranz, Blütenzweige, Sommerblumen, Adventskranz, Tannenbaum

Räumliche Orientierung

Auch die örtliche Orientierung wird im Verlauf der Demenz zunehmend schwieriger. Oft betrifft das zunächst nur unbekannte Umgebungen, doch dann auch den eigenen Wohnort und die eigene Wohnung. So werden Wege wie ins Schlafzimmer oder zur Toilette nicht mehr gefunden, was mit vielen Komplikationen im Alltag – für Demenzkranke wie Angehörige – verbunden ist.

Hier helfen deutliche Markierungen weiter, wie:

  • Kennzeichnung von Bad und Toilette mit bekannten Symbolen an der Tür auf Augenhöhe
  • Beschriftung einzelner Räume wie Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer
  • eine gute blend- und schattenfreie Ausleuchtung – auch nachts
  • Experten empfehlen Symbol und Schriftzug zu kombinieren, also zum Beispiel ein Bild für das Bad und die Beschriftung „Bad“ zusätzlich.

Viele Menschen haben gerade im fortgeschrittenen Stadium der Demenz Probleme, sich im Raum zu orientieren und ihre eigene Lage im Raum zu bestimmen. Das führt nicht selten zu Fehltritten und Stürzen.

Deshalb sollten die Wege, die üblicherweise gegangen werden, frei von Hindernissen jeglicher Art sein:

  • keine störenden Möbelstücke
  • rutschfreie Teppiche
  • keine hochstehenden Teppichkanten
  • stolperfrei verlegte Kabel
  • keine Matten und Schwellen
  • keine dunklen Teppiche, weil sie optisch den Anschein erwecken, dass der bedeckte Bereich tiefer liegt (Stolperfalle)

In jedem Fall sollte die Beleuchtung ausreichend und schattenfrei sein – auch nachts. Dann sind eventuell auch Bewegungsmelder sinnvoll, die angehen, sobald jemand unterwegs ist. Wichtig ist auch, dass das Licht im Treppenhaus lange genug anbleibt, damit niemand plötzlich im Dunkeln steht.

Rot als Hinweis- oder Warnfarbe nutzen

Bei der Farbgebung sollten möglichst klare und freundliche Farben Verwendung finden, die sich gut voneinander unterscheiden. So sind Rot und Gelb besser zu trennen als Grün und Blau. Schwarz, Grau oder ähnliche Farben sollten tunlichst vermieden werden.

Bewährt hat sich die Farbe Rot. Sie ist die Hinweis- oder Warnfarbe schlechthin, regt an und stimuliert. Das wird deshalb bei der Gestaltung von Wohnbereichen für Menschen mit einer Demenz bewusst genutzt. So werden wichtige Gegenstände gezielt mit Rot markiert und andere, die nicht wahrgenommen werden sollen – wie vielleicht die Haustür –, Ton in Ton mit der Umgebung gehalten und dadurch wie durch eine Tarnfarbe getarnt.

Mahlzeiten gestalten

Wichtige Orientierungspunkte im Laufe des Tages sind die Mahlzeiten. Sie strukturieren den Tag, lassen Gemeinschaft erleben und rufen viele Erinnerungen wach. Im Verlauf der Demenzerkrankung kann es aber für die Erkrankten immer schwieriger werden, selbstständig zu essen, weil sie Besteck und Teller oder das Essen nicht „sehen“ oder erkennen.

Da ist mit kleinen Maßnahmen viel zu erreichen:

  • einfaches, aber kontrastreiches Eindecken
  • Nutzen der Farbe Rot (gibt Orientierung, stimuliert, regt Appetit an)
  • Beschränken auf das Notwendige, wenig Dekoration
  • ruhige Atmosphäre
  • gewohnte Rituale und Abläufe

Alltagshilfen

Manchmal sind Spiegel für demenziell erkrankte Menschen ein schwieriges Thema, vor allem dann, wenn sie sich in ihrem eigenen Spiegelbild nicht mehr wiedererkennen und meinen, eine weitere Person sei im Bad, Flur oder Schlafzimmer. Das Entfernen der Spiegel löst dann zwar vielleicht das Problem, führt aber gleichzeitig dazu, dass auch kein anderer mehr in einen Spiegel sehen kann. Eine einfache Lösung sind da Vorhänge, die bei Bedarf den Spiegel bedecken.

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl technischer Hilfsmittel, die Erkrankten und Angehörigen das Leben erleichtern. Das fängt bei einfachen Hilfsmitteln wie Toilettensitzerhöhungen, Rollatoren und einem höhenverstellbaren Bett an und reicht über Seniorentelefone mit Bild anstatt Ziffern, Zeitschaltuhren für technische Geräte und Temperaturbegrenzer bis hin zu Herdsicherungssystemen, Bewegungsmeldern und Alarmsystemen, wie elektronische Türsicherungen. Das sind dann aufwendigere Installationen, die gut überlegt und mit dem Fachmann abgestimmt werden sollten. Manchmal ist auch das herkömmliche Glöckchen an der Haustür anstatt einer elektronischen Türsicherung schon ausreichend.

Über den Autor

Dr. Ursula Sottong ist Ärztin und Leiterin der Fachstelle Demenz.