Delir: Zwischen Realität und Illusion

Delir

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Nach einer Operation können Patienten ein Delir entwickeln – mit erheblichen Belastungen für die Betroffenen und deren Angehörige. Wir beleuchten anhand eines Fallbeispiels, was sich hinter dem Verwirrtheitszustand verbirgt und wie Angehörige dazu beitragen können, die Entstehung eines Delirs zu vermeiden.

Der 85-jährige Herr M. lebt mit seiner Ehefrau in einer gemeinsamen Wohnung. Herr M. ist von einer leichten Alzheimer-Demenz betroffen, die sich darin äußert, dass er sich Dinge nicht mehr so gut wie früher merken kann. Darüber hinaus ist seine Sehleistung stark eingeschränkt. Seit einigen Tagen leidet Herr M. unter einer Magen-Darm-Infektion mit Erbrechen und Durchfall. Daher ist ein Besuch bei seinem Hausarzt notwendig. Dieser kann jedoch nicht mehr stattfinden, da Herr M. kurz vorher über einen Teppich in der Wohnung gestolpert und gestürzt ist. Herr M. hat starke Schmerzen und muss in ein Krankenhaus eingewiesen werden. Hier wird die Diagnose „Hüftfraktur“ gestellt. Der Bruch der Hüfte muss operiert werden.

Nach der Operation wacht Herr M. auf der Station auf. Er leidet unter starken Schmerzen und wurde mit einem Blasenkatheter versorgt. Der Ehefrau von Herrn M. fällt auf, dass er sich sehr ungewohnt und auffällig verhält: Herr M. wirkt teilnahmslos, ist daraufhin unruhig und kann den Gesprächen mit seiner Frau nicht folgen. Zudem kann er das Gehörte nicht umsetzen und einordnen. Frau M. hat den Eindruck, dass sich die Demenz ihres Mannes verschlimmert hat. Außerdem macht ihr Angst, dass ihr Mann Dinge sieht, die nicht vorhanden sind.

Delir – eine ernste Komplikation

Wie lässt sich der Zustand von Herrn M. nach seiner Operation erklären? Es ist anzunehmen, dass Herr M. nach der OP als Komplikation ein Delir entwickelt hat.

Ein Delir stellt ein Syndrom dar, dass sich durch Störungen der Aufmerksamkeit bemerkbar macht. Des Weiteren kann bei einem Delir die Denkfähigkeit der Betroffenen abnehmen und es kann zu Wahrnehmungsveränderungen wie bspw. Halluzinationen kommen. Darüber hinaus tritt ein Delir innerhalb eines kurzen Zeitraums auf und ist durch Phasen gekennzeichnet, in denen die Betroffenen unruhig, sehr schläfrig oder auch weitestgehend unauffällig sein können.

Häufig wird ein Delir auch mit dem Begriff „Durchgangssyndrom“ bezeichnet. Diese Bezeichnung unterstellt, dass eine Patientin oder ein Patient (im Folgenden: Patient) den Zeitraum des „Durchgangs“, also des Delirs, bewältigt und danach wieder alles wie vorher ist. Das ist in vielen Fällen allerdings nicht so, denn ein Delir ist mit bedeutenden Folgen für die Betroffenen und deren Angehörige verbunden.

Grundsätzlich können die Einschränkungen der Hirnfunktionen und die Delirsymptome (Unaufmerksamkeit, Desorientiertheit, Gedächtnisstörungen) noch bis zu drei Jahre nach dem Auftreten des Delirs existieren. Es besteht die Gefahr, dass die bisherige Vitalität nur erschwert oder gar nicht mehr erreicht werden kann. So ist es möglich, dass bei Patienten nach erlebtem Delir ein Eintritt in ein Pflegeheim zwei- bis dreimal wahrscheinlicher wird, verglichen mit Patienten ohne Delir.

Belastungen von Patienten und Angehörigen

Viele Betroffene können sich an ihr Delir erinnern und berichten z. B. über ihre Unfähigkeit, zwischen Realität und Illusion zu unterscheiden. Zudem fühlen sie sich kraftlos und von ihren Familienmitgliedern verlassen. Rückblickend werden auch starke Schuldgefühle, Scham und Reue beschrieben.

Auch für die Angehörigen ist diese Situation häufig besonders herausfordernd und belastend: Ein erlebtes Delir kann das emotionale, psychologische und physische Wohlbefinden von Angehörigen über das Delir hinaus negativ beeinflussen. So be-richten Betroffene über Depressionen, eine schlechte Gesundheit und Stress.

Ein weiterer Punkt, der von Angehörigen als Belastung wahrgenommen wird, ist das fehlende Wissen über das Phänomen Delir. In diesem Zusammenhang äußern Angehörige etwa Unsicherheit darüber, welche Aufgaben sie bei der Pflege einnehmen sollten.

Auslösende Faktoren

Warum hat Herr M. nun ein Delir entwickelt? Bei einem Delir im Alter ist es schwierig, einen einzigen auslösenden Faktor zu benennen. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Gesichtspunkten. Diese können personen- und umgebungsbezogen sein. Weiterhin kann die Einnahme bestimmter Medikamente zu einem Delir führen. Als wichtige Faktoren gelten u. a. nachfolgende Aspekte, die teilweise auch die Delirentstehung von Herrn M. begünstigt haben:

Angehörige können zur Delirvermeidung beitragen

Die Aufstellung der Risikofaktoren zeigt, dass unterschiedliche Faktoren aus allen drei Bereichen zur Delirentstehung bei Herrn M. geführt haben. Zwar wird deutlich, dass nicht alle beeinflussbar sind. Nichtsdestotrotz können Angehörige einen wertvollen Beitrag zur Delirvermeidung leisten.

  • Demnach sollten Angehörige darauf achten,
    dass Stolperquellen im häuslichen Umfeld (z. B. die „Teppichkante“) beseitigt werden, damit es nicht zu einem Sturz kommt,
  • dass Sehhilfen frühzeitig verfügbar sind,
  • dass eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr gewährleistet ist,
  • dass – wenn möglich – auf die Anlage eines Blasenkatheters verzichtet wird,
  • dass – wenn möglich – keine Vollnarkose, sondern eine Spinalanästhesie durchgeführt wird.

Außerdem sollte ermittelt werden, ob sich das Verhalten der Betroffenen nach einer Operation verändert hat:

  • Ist der Patient unaufmerksam, unruhig oder ängstlich?
  • Leidet er unter Halluzinationen oder Schmerzen?

Falls eine solche Auffälligkeit besteht, sollten Angehörige diese unmittelbar dem Behandlungsteam mitteilen.

Eine weitere entscheidende Maßnahme stellt die Reorientierung des Patienten dar. Diese ist notwendig, da sich die Betroffenen wegen des Krankenhausaufenthalts in einer für sie fremden Umgebung befinden und dies ihre bisherige Orientierung beeinträchtigt.

Um diese wiederherzustellen, können Angehörige etwa Gespräche über aktuelle Ereignisse wie Sport, Tagespolitik oder Dinge, die sich im Privatleben ereignet haben, führen. Zudem sollten im Krankenhaus für die Betroffenen vertraute und persönliche Objekte (z. B. Kleidung, Pflegeutensilien) genutzt werden. Um einen Bezug zum persönlichen Umfeld herzustellen, können Fotos verwendet werden, die bedeutend für den Patienten sind (z. B. Familienmitglieder, Haustiere). Weiterhin sollte geprüft werden, ob das jeweilige Krankenhaus anbietet, die Betroffene oder den Betroffenen auch über Nacht zu begleiten.

Delirvermeidung während der COVID-19-Pandemie

Die gegenwärtige COVID-19-Pandemie erschwert die Unterstützung von Angehörigen bei der Delirvermeidung deutlich, da Besuche im Krankenhaus nur eingeschränkt oder schwer möglich sind.

Doch auch in dieser problematischen Situation können Angehörige helfen, indem sie bspw. das behandelnde Team darauf hinweisen, dass die zu behandelnde Person an Demenz erkrankt ist oder bereits während eines vorherigen Klinikaufenthalts ein Delir entwickelt hat.
Darüber hinaus können tägliche Telefonate oder ein Austausch per Videotelefonie dabei unterstützen, die Betroffenen über aktuelle Ereignisse auf dem Laufenden zu halten.

 

 

 

Über den Autor

Stefan Sniatecki ist Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie, Pflegeexperte APN, Kaiserswerther Diakonie, Florence-Nightingale-Krankenhaus, Düsseldorf.