Draußen ist es ungemütlich nasskalt, als mir Martin Reinhardt die Haustür öffnet, mich hineinbittet und mir aus dem Mantel hilft. Verabredet sind wir zu einem Gespräch über ein Fotoprojekt, an dem er und seine Frau teilgenommen haben. Im Eingangsbereich ist es im Gegensatz zu draußen wohlig warm. An den Wänden hängen dutzende Familienfotos. Auf ihre drei Kinder und fünf Enkelkinder sind der 85-Jährige und seine ein Jahr jüngere Ehefrau Ute besonders stolz. „Aus allen ist etwas geworden. Sie haben Abitur gemacht und studiert“, freut sich Frau Reinhardt, die gestützt auf einem Gehstock aus einem Zimmer kommt und mir freundlich die Hand reicht. „Außerdem sind wir schon 58 Jahre verheiratet“, ergänzt ihr Mann und fährt fort: „Kommen Sie doch gleich mal mit hierüber in den Flur, hier hängt eines der wertwollen Werke – unser Lieblingsbild.“
„Wir sind glücklich, wenn wir morgens gemeinsam aufwachen“
So müssen Glück, Zufriedenheit und Dankbarkeit im Alter aussehen, denke ich, als ich das auf Leinwand gedruckte Porträt des Ehepaars ansehe. Entstanden ist es während eines speziellen Fotoshootings im letzten Jahr. Die beiden Senioren waren beim Projekt „Das Leuchten des Alters“ des Oldenburger Fotografen Johannes Bichmann dabei, der damit älteren Menschen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen und ihnen seine Wertschätzung entgegenbringen möchte. Dazu besucht der Freiberufler mit seinem mobilen Fotostudio ehrenamtlich Pflegeheime und Treffpunkte für Senioren hierzulande. Im August führte sein Weg in den nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis nach Melsungen, eine Kleinstadt mit rund 14.000 Einwohnern. Zu dem Event eingeladen hatte die örtliche Kirchengemeinde. „Das war wahrlich ein Highlight für uns und eine Staatsaktion für die Melsunger Stadtkirche“, blickt Herr Reinhardt, der auch Mitglied der Kantorei ist, auf das Ereignis zurück. Vorbereitet haben sich der gebürtige Gießener und seine aus Frankfurt stammende Frau allerdings nicht auf das professionelle Shooting. „Unser Pfarrer hat uns angerufen und gefragt, ob wir Lust hätten, beim Projekt mitzumachen, und dann sind wir einfach spontan hingegangen. So sind wir. Wir planen nichts mehr in unserem Alter, sondern sind glücklich, wenn wir morgens gemeinsam aufwachen. Wir leben jeden Tag.“
Das Alter ist nicht nur trist
Wir setzen uns an einen Tisch im Esszimmer, und Herr Reinhardt bringt mir umgehend eine Tasse Kaffee. Wir plaudern weiter über das Fotoshooting, das mit 21 Seniorinnen und Senioren in der Pfarrscheune in Melsungen stattgefunden hat. Das „Gemeindehaus“ befindet sich unweit der Melsunger Stadtkirche und bietet Menschen Raum zum Austausch. „Die Atmosphäre in der Pfarrscheune war vertraut und losgelöst“, erzählt Ute Reinhardt. „Außerdem ist der Fotograf auf jeden eingegangen und hat uns ein gutes Gefühl vermittelt“, ergänzt ihr Mann. Die Aktion an sich, aber vor allem das Ergebnis lösen bei dem Ehepaar, das sich während des Studiums in Gießen kennengelernt und nun seit 50 Jahren seinen Lebensmittelpunkt in Melsungen hat, immer wieder Begeisterung aus. „Dieses Fotobuch hier hat uns unser Sohn zu Weihnachten geschenkt, mit allen Porträts des Shootings“, strahlt der promovierte Allgemeinmediziner. Innig vertraut, lächelnd voller Glück oder einfach nur ausgelassen sind die Gesichter auf den Fotos, von denen einige auch im Herbst vergangenen Jahres in einer Ausstellung in Melsungen zu sehen waren. Das Alter muss also nicht eintönig und trist sein, sondern es ist durchaus lebendig und reichhaltig – die Vision des Fotografen ist aufgegangen. Sowohl für die Teilnehmenden als auch für die Angehörigen sind einzigartige Momente für die Ewigkeit festgehalten worden, die darüber hinaus viel Raum für Erinnerungen schaffen.
Auf Erlebtes dankbar zurückblicken und nicht hadern
Auf die gemeinsam erlebte Zeit blicken Martin und Ute Reinhardt sowieso gern und dankbar zurück. Auch dabei spielen Fotoaufnahmen eine besondere Rolle für das Ehepaar. „14 dicke Alben, die wir uns immer wieder anschauen, habe ich mittlerweile zusammengestellt, darunter auch welche von Reisen nach Syrien und Jordanien, Länder, in die man ja heute nicht mehr so leicht kommt“, erklärt Herr Reinhardt. „Ja, wir haben sehr viel Schönes zusammen erlebt“, bestätigt seine Frau, die Pädagogik studierte und sich in der Zeit, als ihr Mann die Praxis für Allgemeinmedizin führte, zu Hause liebevoll um die Kinder und den Haushalt kümmerte. „Meine Frau war die beste Hauslehrerin für unsere Kinder und eine begnadigte Köchin“, sagt Herr Reinhardt voller Lob. „Heute klappt das mit dem Kochen allerdings nicht mehr. Jetzt gibt es für uns Essen auf Rädern.“
Zufriedenheit ist eine Lebenseinstellung
Aber auch solche Einschnitte im Leben haben das Paar, das stets seine sozialen Kontakte pflegt, organisiert und gut vernetzt ist, nicht aus der Bahn geworfen. Denn: Sie sind einfach zufrieden. Zufrieden, dass sie sich haben und ihre Familie für sie da ist, waren sie doch Jahrzehnte für andere da – die Kinder, Freunde, Bekannte oder die Patienten. „Mein Mann ist jederzeit für alle ansprechbar und sehr häuslich“, betont Ute Reinhardt. Auch für sie ist das wichtig, denn eine Reanimation nach einer Blutdruckkrise blieb nicht ohne Folgen. Seitdem ist sie nicht mehr so mobil und bereits ein paar Mal gestürzt. „Alleine kann ich sie nicht mehr lassen“, sagt ihr Mann, der sie im Alltag unterstützt, wo es nur geht. „Zuhause muss alles laufen“, berichtet Herr Reinhardt, der selbst bereits einen Herzinfarkt überstanden hat, ganz selbstverständlich: „Montags fahre ich zu Edeka, donnerstags geht es zum Markt und zur Sparkasse. Dort trifft man immer wen und kann so Kontakte aufrechterhalten.“
Die Kraft der Erinnerung
Das gute soziale Netz des Ehepaars erleichtert den Alltag, bringt Sicherheit, schafft Abwechslung und vor allem: Zufriedenheit. Selbst als Herr Reinhardt über sein geliebtes Hobby spricht, das er aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste, scheint sich diese grundlegende positive Einstellung zum Leben nicht zu ändern. „Ich war ein leidenschaftlicher Posaune-Spieler“, sagt er und zeigt mir voller Freude und ohne über die Situation viel zu hadern ein Foto seiner Hochzeit, auf dem das frisch getraute Paar umgeben ist von seinen fünf Bläser-Kollegen. Die Erinnerung an die schöne Zeit reicht ihm, um zufrieden zu sein. Ich bin beeindruckt von dieser Lebenseinstellung – aus meinem Bekanntenkreis kenne ich das auch ganz anders mit ständigem Klagen über das Älterwerden, über erlebte Verluste und schwere Einschnitte im Leben. Als ich mich nach einem erkenntnisreichen Gespräch (über das Fotoprojekt und das Leben der Reinhardts) von den beiden verabschiede – Herr Reinhardt hilft mir wieder in den Mantel – nehme ich mir vor, darüber nachzudenken, was Zufriedenheit für mich und meine Familie bedeutet, und dankbar für jeden Tag zu sein, den wir mit unseren Lieben haben. Denn das ist das, was wirklich zählt.
