Wenn Barbara Boßler in ihrem Heimatlandkreis Reutlingen dienstlich unterwegs ist, dann meistens, um chronisch oder mehrfach erkrankte (multimorbide) Menschen zu versorgen. Sie ist eine der wenigen Community Health Nurses, die aktuell in Deutschland tätig sind, meist im Rahmen von Modellprojekten. In Boßlers Fall trägt dieses vom Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg gefördertes Projekt den langen Namen „Neuentwicklung innovativer Versorgungsschwerpunkte am PORT Gesundheitszentrum Schwäbische Alb Hohenstein“ und wird vom Kreisgesundheitsamt Reutlingen fachlich unterstützt. Angestellt ist Boßler bei der Gemeinde Hohenstein.
Doch was genau ist eine Community Health Nurse, welche Aufgaben hat sie und wie kann sie pflegende Angehörige unterstützen?
Woher kommt der Begriff Community Health Nurse?
Der Begriff Community Health Nurse entstammt der englischen Bezeichnung “Community Health Nursing” und beschreibt die gesundheitliche Basisversorgung auf Gemeindeebene. Zwar ähnelt das Tätigkeitsfeld durchaus dem der traditionellen Gemeindeschwester, doch hat die Community Health Nurse umfassendere Kompetenzen (z. B. die Durchführung von Schulungen, Beratungsleistungen). Zudem handelt es sich um einen akademischen Beruf, für den ein Hochschulstudium notwendig ist.
Welche Aufgaben hat eine Community Health Nurse?
Auch in den deutschen Modellprojekten ist eine Community Health Nurse eine spezialisierte Pflegefachkraft, deren Aufgabe es ist, Gesundheitsdienstleistungen in Gemeinden zu erbringen. Ein besonderer Fokus der Community Health Nurse liegt auf der Versorgung chronisch erkrankter sowie multimorbider Patienten. „Unser Ziel ist beispielsweise, pflegebedürftigen Menschen so lange es geht ein Leben in häuslicher Umgebung zu erhalten“, berichtet Barbara Boßler.
Weitere Aufgaben sind:
- Sicherung der Versorgungskontinuität im ambulanten Sektor
- Angebote zur Primär- und Sekundärprophylaxe, z. B. Programme zur Raucherentwöhnung
- Durchführung und Organisation von Schulungen zur Verbesserung der Gesundheitskompetenz oder zur Bewegungsförderung
- Unterstützung von pflegenden Angehörigen, u. a. durch regelmäßige Treffen
- Förderung des Selbstmanagements der Patienten durch Information, Beratung und Anleitung
Hinter dem letzten Punkt steht der Anspruch, bei den Erkrankten das Bewusstsein dafür zu stärken, wie sie ihren Krankheitsverlauf selbst aktiv günstig beeinflussen können.
Um wen kümmern sich Community Health Nurses?
Auf kommunaler Ebene stehen vor allem chronisch sowie multimorbid erkrankte Menschen im Mittelpunkt der Arbeit einer Community Health Nurse. Zum Management chronischer Erkrankungen gehört zum Beispiel die Koordination des Versorgungsprozesses, bestehend aus Kontrolluntersuchungen, Therapiesitzungen etc. Multimorbide Menschen werden durch die spezialisierten Pflegekräfte dahingehend unterstützt, welche Ansprechpartner, insbesondere spezialisierte Fachärzte, in Behandlung und Bewältigung der Erkrankung(en) zur Seite stehen. „Wir nennen dies Case Management, bei dem wir die Betroffenen dabei unterstützen, den Überblick über ihre Situation zu behalten“, so Boßler.
Wie unterstützt eine Community Health Nurse pflegende Angehörige?
Doch nicht nur die Erkrankten selbst werden von Barbara Boßler unterstützt. Auch pflegende Angehörige, meist Partner, Kinder oder Geschwister der pflegebedürftigen Person, dürfen sich vertrauensvoll an eine Community Health Nurse wenden.
Um passende oder konkrete Hilfsangebote unterbreiten zu können, müssen Community Health Nurses deshalb zunächst einmal solche Angehörige in ihrem Zuständigkeitsbereich identifizieren. „Ein guter Ort, um hier Kontakte zu knüpfen, ist die örtliche Hausarztpraxis“, sagt Boßler. Optimalerweise ließen sich so auf kommunaler Ebene ein Hilfenetzwerk für pflegende Angehörige aufbauen und folgende Unterstützungsleistungen anbieten:
- Bildung und Schulung: Die Community Health Nurse kann pflegende Angehörige hinsichtlich spezieller Patientenbedürfnisse schulen, also etwa im Umgang mit medizinischen Geräten, in der Verwaltung von Medikamenten und in der Bewältigung von Krankheitssymptomen.
- Ressourcenvermittlung: Hier können Informationen zu Unterstützungsgruppen, Beratungsdiensten oder finanziellen Hilfsprogrammen vermittelt werden.
- Koordination mit anderen Gesundheitsdienstleistern: Die Community Health Nurse kann als Bindeglied zwischen den pflegenden Angehörigen und anderen Gesundheitsdienstleistern fungieren, um eine nahtlose Pflege und Versorgung zu gewährleisten und sicherzustellen, dass alle beteiligten Parteien informiert sind und zusammenarbeiten.
- Emotionale Unterstützung: Pflegende Angehörige erleben mitunter Stress und emotionale Belastung. Die Community Health Nurse kann hier Entlastungsgespräche führen und Möglichkeiten zur Bewältigung von Stress anbieten.
- Förderung der Selbstpflege: Pflegende Angehörige vernachlässigen oft ihre eigene Gesundheit. Die Pflegefachkraft kann dazu ermutigen, dass sich die Angehörigen um ihre eigene physische und mentale Gesundheit kümmern, indem sie regelmäßige Pausen einplanen, gesunde Lebensgewohnheiten pflegen und professionelle Unterstützung und Angebote zur Entlastung in Anspruch nehmen.
- Entwicklung von Pflegeplänen: In Zusammenarbeit mit den pflegenden Angehörigen kann die Community Health Nurse individuelle Pflegepläne entwickeln, die den Bedürfnissen von Pflegebedürftigen und Pflegenden gerecht werden. Dies kann die Organisation von Pflegeleistungen, die Koordination von Arztterminen und die Planung von Ruhepausen für die Angehörigen umfassen.
„Die Unterstützungsmöglichkeiten sind groß, doch es gibt natürlich noch Luft nach oben. So bauen wir ín Hohenstein gerade eine Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige auf“, berichtet Boßler. Auch mahnt die studierte Pflegewissenschaftlerin an, dass Strukturen nötig sind, die eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ermöglichen. Auch hierbei kann eine Community Health Nurse helfen, doch muss dieses Berufsbild in Deutschland erst einmal etabliert werden.
Wie geht es weiter mit der Community Health Nurse?
Hierzu stellt Barbara Boßler fest: „Unser Modellprojekt läuft Ende September 2024 aus. Zwar gibt es derzeit Gespräche über eine Anschlussfinanzierung, generell darf sich der Beruf einer Community Health Nurse künftig aber nicht auf solche Projektphasen beschränken.“ Auch bedarf es gesetzlicher Vereinfachungen, denn aktuell werden Community Health Nurses wie Barbara Boßler in ihren Tätigkeiten noch stark eingebremst: „Streng genommen darf ich ohne ärztliche Anweisung nicht einmal den Blutdruck messen.“
Fest steht zweifelsohne, dass der Bedarf an Fachkräften wie Barbara Boßler riesig ist. Das liegt vor allem an Faktoren wie dem demografischen Wandel und der Zunahme chronischer Erkrankungen. Gerade im ländlichen Raum wie der Schwäbischen Alb verstärkt sich zudem der Nachwuchsmangel bei Hausärzten. Es hängt nun vor allem von politischen Entscheidungen ab, wie es weitergehen wird. „Ich hoffe, dass der große Bedarf durch die Modellprojekte erkannt und Finanzierungsmöglichkeiten für den großflächigen Einsatz von Community Health Nurses gefunden werden“, so Barbara Boßler, „insgesamt bin ich aber zuversichtlich“.