In dem Buch „Der alte König im Exil“ schreibt Arno Geiger über seinen an Alzheimer erkrankten Vater und die Parallelwelt, in der dieser fortan lebt und aus der er „nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann“. Darum müsse eben er, der Sohn, „hinüber zu ihm“.
Dieses Motiv der Parallelwelten und der verbindenden Brücken greifen auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Deutsche Bischofskonferenz in einem gemeinsamen Text zum Umgang mit Demenz in der Kirche auf. Um an Demenz erkrankten Menschen zu ermöglichen, auch weiter am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, müssten eben solche Brücken zwischen den beiden Welten gesehen und stabil erhalten werden. Dazu bedürfe es einer entsprechenden Haltung.
Am 21. September findet der Welt-Alzheimertag statt. Er wurde 1994 von der Dachorganisation Alzheimer’s Disease International (ADI) ins Leben gerufen und soll die Öffentlichkeit auf die Situation der jährlich wachsenden Zahl von Menschen mit Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen aufmerksam machen.
Seit 2015 wird in Deutschland rund um diesen Tag die „Woche der Demenz“ begangen. Sie ist Teil der Nationalen Demenzstrategie und geht auf die Allianz für Menschen mit Demenz zurück, eine Initiative der Bundesregierung. Auch hier sollen Veröffentlichungen, Veranstaltungen und vielfältige Aktionen über das Thema Demenz informieren und für die Situation Betroffener sensibilisieren.
In diesem Jahr steht die Woche der Demenz vom 18. bis 22. September unter dem Motto „Demenz – die Welt steht Kopf“. Weitere Informationen sowie eine interaktive Suche zu regionalen Veranstaltungen bietet die Website der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft.
Auch auf Angehörige pflegen werden wir die Woche der Demenz mit täglichen Beiträgen begleiten.
Die ökumenische Veröffentlichung mit dem Titel „Menschen mit Demenz in der Kirche – wie eigene Angebote gelingen“ soll genau dabei helfen. Als Beitrag der beiden großen christlichen Kirchen Deutschlands zur Nationalen Demenzstrategie soll sie ermutigen, kirchliche Veranstaltungen und Angebote genauer zu betrachten und demenzsensibler zu gestalten. Denn gerade in Zeiten von Krankheit und des Angewiesen-Seins auf andere seien die Beziehungen zu Gott und Mitmenschen Pfeiler, „die eine Brücke zwischen den Welten erst ermöglichen“.
Ausgangspunkt für die Textsammlung ist eine Arbeitsgruppe der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Altenarbeit und des Bundesforums Katholische Seniorenarbeit. In elf Einzelbeiträgen reflektieren die Autoren etwa über das Leben mit Demenz im Kontext von Menschenwürde, Ethik und Spiritualität. Woran lässt sich Menschenwürde festmachen, welches Verständnis von Seele und Geist liegt diesem Verständnis zugrunde und was bedeutet der Verlust von Erinnerung und Orientierung für die spirituelle Begleitung, sind einige der diskutierten Fragen.
Das Kompendium beinhaltet aber auch eine explizite Warnung vor der mittlerweile zu einem „Lebensrisiko für ältere oder alte Menschen“ gewordenen mangelnden Differenzialdiagnostik, die dazu führt, dass unverarbeitete seelische Traumata und deren Folgen allzu oft als Anzeichen einer Demenzerkrankung gedeutet werden. Neben einer Einordnung der verschiedenen Begrifflichkeiten und ihren Charakteristika gibt die Autorin Empfehlungen, was in Begleitung, Seelsorge und Pflege getan werden kann – oder auch gelassen werden sollte.
Schließlich enthält die Textsammlung eine Reihe konkreter Hinweise, um Menschen mit Demenz sowie ihren Angehörigen eine bessere Teilhabe am Leben in der Kirchengemeinde zu ermöglichen. Sie reichen von Erfahrungen auf dem Weg zur demenzsensiblen Gemeinde über die Vorstellung konkreter Methoden der Gesprächsführung mit demenzkranken Menschen und den wertvollen Beitrag der Seelsorge für Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen bis hin zu konkreten Vorschlägen für demenzsensible Gottesdienste.
„Brücken zu bauen – sodass sich im kirchlichen Umfeld Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen ausdrücklich willkommen und eingebunden fühlen“, dazu möchten die Autorinnen und Autoren laut EKD anregen. Als potenzielle Leserinnen und Leser werden deshalb nicht nur Geistliche, Gemeinden und kirchliche Einrichtungen genannt, sondern ausdrücklich auch Angehörige.
Die ökumenische Publikation der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz steht als kostenloser Download zur Verfügung