Noch kann die Wissenschaft nicht vollständig erklären, warum neurologische Erkrankungen mitunter mehr Männer oder mehr Frauen betreffen. Einige Faktoren und geschlechtsspezifische Unterschiede gelten jedoch als besonders wahrscheinlich.
Geschlechtsspezifische Risikofaktoren für neurologische Erkrankungen
1. Der Aufbau des Gehirns
Sicher haben Sie schon oft gehört, dass bestimmte kognitiven Fähigkeiten tendenziell eher Männern oder Frauen zugeschrieben werden. So sind Männer im Durchschnitt in der Koordination von Bewegungen überlegen, während Frauen besser im Erkennen von Gesichtern oder Bilder sind. Diese Unterschiede lassen sich durch die Größe und Vernetzung verschiedener Gehirnareale erklären. Bei Frauen sind beide Gehirnhälften tendenziell stärker miteinander vernetzt, wohingegen bei Männern die Vernetzung innerhalb der Gehirnhälften ausgeprägter ist.
2. Der Hormonhaushalt
Der Hormonhaushalt eines Menschen wird durch die sogenannten Geschlechtschromosomen, „XX“ oder „XY“, vorprogrammiert. Sowohl Östrogene als auch Androgene (u. a. Testosteron) sind zwar grundsätzlich bei beiden Geschlechtern vorhanden, jedoch in unterschiedlicher Menge. Bei Männern steigt der Testosteronspiegel während der Pubertät an und sinkt im Laufe der Zeit langsam ab – genau genommen um etwa 1 Prozent pro Jahr. Frauen erleben hingegen recht drastische Hormonumstellungen: Der Östrogenspiegel steigt ab der ersten Menstruation rapide an und sinkt schließlich in den Wechseljahren ebenso rapide wieder auf ein sehr niedriges Niveau ab. Das führt dazu, dass Frauen nach den Wechseljahren sogar niedrigere Östrogenspiegel haben als Männer. Da Östrogene eher einen positiven Effekt auf Nervenzellen haben, könnten Frauen zwar während der fruchtbaren Lebensjahre besser vor neurodegenerativen Erkrankungen geschützt sein, später jedoch anfälliger für ebendiese sein.
3. Das Immunsystem
Wussten Sie, dass Frauen im Schnitt ein stärkeres Immunsystem haben als Männer? Das liegt an der unterschiedlichen Erbinformation, die den Grundstein für das Immunsystem legt. Aber auch Hormone haben ihren Anteil daran, denn Östrogene wirken tendenziell stimulierend auf das Immunsystem. So kann der weibliche Körper zwar Viren, Bakterien oder Pilze oft besser bekämpfen – gleichzeitig ist jedoch auch das Risiko von Autoimmunerkrankungen höher.
4. Psychosoziale Faktoren
Psychosoziale Faktoren sind äußere Einflüsse auf die Gesundheit oder das Wohlbefinden. Dazu gehören zum Beispiel kulturelle Gegebenheiten, traditionelle Geschlechterrollen, berufliche Belastung oder das soziale Umfeld.
Männer haben tendenziell weniger soziale Kontakte, bringen Gefühle seltener zum Ausdruck und erhalten so oft erst später Hilfe – ein Risikofaktor für viele Erkrankungen. Zudem ist der Konsum ungesunder Genussmittel wie beispielsweise Tabak oder Alkohol unter Männern höher.
Frauen haben hingegen im Schnitt eine niedrigere Stressresistenz. Bei Stressreaktionen schüttet der Körper das Hormon Kortisol aus, welches wiederum die Entstehung einiger neurodegenerativer Erkrankungen begünstigt.
So unterschiedlich treffen neurologische Erkrankungen Männer und Frauen
Biologische Unterschiede führen also dazu, dass das Risiko für bestimmte neurologische Erkrankungen wie beispielsweise Demenz, Multiple Sklerose oder der Parkinson-Krankheit bei Männern und Frauen verschieden ist. Welches Geschlecht häufiger betroffen ist und wie sich eine Erkrankung früh erkennen lässt, erfahren Sie hier.
Demenz/Alzheimer
Demenz ist eine neurodegenerative Erkrankung, bei der die geistigen Fähigkeiten nach und nach abnehmen. Meist handelt es sich bei einer Demenz um die Form Alzheimer, die unter anderem durch schädliche Proteinablagerungen im Gehirn verursacht wird. Das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, steigt mit dem Alter. Dass rund doppelt so viele Frauen wie Männer betroffen sind wurde daher lange Zeit vor allem der höheren Lebenserwartung zugeschrieben. Mittlerweile weiß man, dass auch genetische und psychosoziale Faktoren sowie der Hormonhaushalt eine wichtige Rolle spielen.
Bei Frauen gilt die Anzahl der fruchtbaren Lebensjahre, also der Zeit zwischen der ersten Menstruation und den Wechseljahren, als Einflussfaktor für eine spätere Demenzerkrankung. Beträgt diese weniger als 30 Jahre, so ist das Risiko um etwa ein Drittel erhöht.
Wie bei den meisten Erkrankungen gilt auch bei Demenz: Je früher die Diagnose, desto besser die Möglichkeiten einer Behandlung. Die folgenden Symptome können auf eine Demenzerkrankung hindeuten:
- Zerstreutheit
- Häufiges Verlegen von Gegenständen
- Wortfindungsschwierigkeiten
- Wiederholung von Fragen und Aussagen
In unserem Artikel „Zerstreutheit oder Demenz? Symptome und Risikofaktoren“ erfahren Sie mehr zu diesem Thema.
Lange gab es keine ursächliche Therapie für Alzheimerpatienten. Nun könnte eine Antikörpertherapie die Erkrankung vor allem im frühen Krankheitsstadium verlangsamen. Lesen Sie mehr in unserem Artikel „Meilenstein in der Therapie? Antikörper als neue Waffe gegen Demenz“.
Parkinson
Parkinson ist eine neurodegenerative Erkrankung, bei der Nervenzellen in einem bestimmten Bereich des Gehirns absterben. Diese Zellen produzieren normalerweise den wichtigen Botenstoff Dopamin, der für eine reibungslose Kommunikation zwischen unseren Nervenzellen sorgt. Fehlt dem Gehirn Dopamin, so können Reize nicht optimal an die Muskulatur weitergeleitet werden. Patienten leiden dann häufig unter motorischen Symptomen wie beispielsweise Zittern oder Muskelsteife.
Bei der Parkinson-Krankheit sind Männer im Nachteil: Sie haben ein rund 50 Prozent höheres Risiko zu erkranken und leiden bei Beginn der Erkrankung oft an schwereren Symptomen als Frauen.
Zu den frühen Symptomen einer Parkinson-Erkrankung gehören unter anderem:
- Schlafstörungen
- Leistungsminderung
- Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns
- Veränderung der Handschrift
Sind Sie oder Angehörige von der Parkinson-Krankheit betroffen? Dann bietet unser Artikel „Die Parkinson-Krankheit: Ursachen, Symptome, Therapie und Prävention“ weiterführende Informationen.
Multiple Sklerose
Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung des Nervensystems. Das bedeutet, dass das eigene Immunsystem überaktiv ist und fälschlicherweise Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark angreift. Multiple Sklerose betrifft häufig junge Erwachsene, wobei der Unterschied zwischen den Geschlechtern besonders stark ausgeprägt ist: Frauen sind rund drei Mal häufiger betroffen als Männer. Die Ursache für den starken Geschlechterunterschied ist bisher nicht vollständig bekannt. Klar ist aber, dass das unterschiedliche programmierte Immunsystem dabei eine Schlüsselrolle spielt.
Eine möglichst frühe Diagnose ist auch bei Multipler Sklerose sehr wichtig, denn die richtige Therapie kann dazu beitragen, weitere Krankheitsschübe zu verhindern. Zu den frühen Symptomen der Erkrankung zählen:
- Sehbeschwerden und Sehausfälle
- „Kribbeln“ oder Missempfinden an Armen und Beinen
- Koordinationsschwierigkeiten
Sind Sie von multipler Sklerose betroffen? Dann interessiert Sie vielleicht unser Artikel „Erfülltes Leben trotz MS“ oder „Multiple Sklerose: Fünf Fragen zum Krankheitsbild“.
5 Tipps, wie Sie aktiv vorbeugen können
Die gute Botschaft ist: Mit einem gesunden Lebensstil können Sie viel bewirken, auch wenn es um neurologische Erkrankungen geht. Hier sind 5 Tipps, die Ihnen dabei helfen, aktiv vorzubeugen:
- Viel bewegen: Sportliche Aktivität kann dazu beitragen, kognitive Fähigkeiten zu erhalten. Es muss jedoch nicht immer eine intensive Trainingseinheit sein, denn auch mit alltäglicher Haus- und Gartenarbeit tun Sie Ihrer Gesundheit etwas Gutes.
- Gesund ernähren: Besonders die mediterrane Ernährung (viel Obst, Gemüse und gesunde Fette, sowie wenig Fleisch- und Milchprodukte) ist seit Langem bekannt für positive Effekte auf die Gesundheit – das gilt auch für neurodegenerative Erkrankungen.
- Auf ausreichend Schlaf achten: Beim Schlaf sollten Sie keine Kompromisse machen, denn ihr Körper benötigt diese Erholung und muss wichtige Reparaturprozesse in Gang bringen. Untersuchungen zeigen, dass dauerhafter Schlafmangel Symptome neurologischer Erkrankungen verstärken kann.
- Risikofaktoren eliminieren: Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht sind Risikofaktoren für einige neurologische Erkrankungen. So erhöht beispielsweise Fettleibigkeit im mittleren Alter das spätere Demenzrisiko um etwa 30 Prozent. Beugen Sie vor, indem sie diese Erkrankungen rechtzeitig behandeln.
- Kontakte pflegen: Soziale Isolation trägt zum Abbau der geistigen Fähigkeiten bei. Pflegen Sie ihr soziales Netzwerk und verbringen Sie Zeit mit anderen Menschen – auch im Alter oder bei Erkrankung.
