10 Jahre häusliche Pflege und ein würdiger Abschied: “Alleine ist das nicht zu schaffen”

Häusliche Pflege

Foto: Marcus Schlaf

Der Pflegekritiker Claus Fussek hat gemeinsam mit seiner Familie viele Jahre seine Mutter Gertraud Fussek in ihrem eigenen Zuhause versorgt. Ende Februar ist sie gestorben, von der Familie in ihrem Sterbeprozess begleitet. Wie schwer häusliche Pflege über lange Zeit ist und wie es trotzdem gelingen kann, erzählt Fussek aus der Perspektive des pflegenden Angehörigen. 

“Acht Wochen hat meine Mutter keinen Bissen gegessen“, sagt Claus Fussek, „obwohl wir ihre Lieblingsspeisen gekocht haben. Damit sie keine Infusionen braucht, haben wir ihr mit viel Geduld immer wieder Getränke angereicht. Ein Becher Flüssigkeit dauerte oft über eine Stunde. Vor dem Umlagern hatte sie Angst. Das haben wir meist zu dritt gemacht.“ Natürlich habe keine Pflegekraft so viel Zeit für eine einzelne pflegebedürftige Person, bestätigt Fussek. Daher gebe es immer wieder Berichte über unwürdige Situationen im Pflegeumfeld: Austrocknung, Infusionen, Zwangsernährung, aber auch Sterbeprozesse in Einsamkeit, ohne Teilnahme und Trost.

Im Kreis der Familie

Nachdem Fusseks Vater im April 2019 im eigenen Zuhause starb, ist nun auch die 90-jährige Gertraud Fussek im Kreise ihrer Angehörigen gestorben. Pflegebedürftig war Fusseks Mutter schon lange, ein eingespieltes Team aus Familienangehörigen und 24-Stunden-Betreuerinnen aus Rumänien versorgte sie rund zehn Jahre in ihrem Haus in Lenggries, erlebte altersbedingten körperlichen Abbau, aber auch Demenz und psychotische Schübe hautnah.

Im Dezember 2020, zum ersten Mal in vielen Pflegejahren, gab es Betreuungsengpässe, denn coronabedingt konnte eine schon vertraute rumänische Hilfskraft nicht so zur Ablöse einreisen, wie geplant. Als sich abzeichnete, dass Gertraud Fussek an Substanz verlor, wurde eines der ehemaligen Jugendzimmer im Hause Fussek in München erst zum Gäste-, dann zum Pflegezimmer für die Mutter. Pflegebett, Pflegeartikel, ein ambulanter Pflegedienst mussten organisiert werden. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Auch ein in der Pflegeszene so vernetzter Mensch wie Claus Fussek hat die gleichen Aufgaben zu lösen wie alle pflegenden Angehörigen in einer solchen Situation. Und genau wie andere pflegende Angehörige kamen er und seine Familie an ihre Grenzen.

Fusseks Mutter baute rasch ab. Zu einer Rückkehr nach Lenggries kam es nicht. Erst lehnte sie die Nahrung ab, im Januar auch ihre Medikamente. Familie Fussek verständigte sich in Absprache mit Hausarzt und Pflegedienst auf eine rein palliative Versorgung und bereitete sich auf den Abschied vor: Absetzung der Medikamente, Morphinpräparate, wo notwendig, Konzentration auf Flüssigkeit, Zuwendung, Zeit – eine Rundumbetreuung durch vertraute Personen in Wechselschichten. Und immer wieder die Zusage: „Mutter, du musst hier nicht weg. Wir kümmern uns um dich.“ Im Rückblick sagt er: „Das war eine extrem schwierige Zeit, organisatorisch, konditionell, aber vor allem emotional. Eine einzelne Person kann das nicht schaffen und mehr als einmal haben wir uns gesagt: Hoffentlich halten wir das durch!“

Sie hielten durch. Claus Fussek empfindet große Erleichterung darüber, dass sie ihr Versprechen der Mutter gegenüber halten konnten. Er spricht von einer „demütigen Dankbarkeit“. Dafür, dass Gertraud Fussek tatsächlich bestmöglich versorgt wurde und alle Familienmitglieder heute genau wissen, unter welchen Umständen die lange pflegebedürftige, zuletzt bettlägerige, oft verwirrte, manchmal aggressive und heftig schimpfende, meist aber dankbare Mutter schließlich gestorben ist. Sie waren dabei. Sie haben am Bett gesessen, gemeinsam erzählt und auch gestöhnt, in angstvollen Stunden sogar bereitwillig Peter Alexander und Heintje für die Mutter aufgelegt und gemeinsam über die prompte Wirkung gestaunt.

Gutes Netzwerk war wichtig

Um Fusseks Mutter haben sich in ihren letzten zwei Lebensmonaten in München sieben Personen allein aus der Familie gekümmert: Claus Fussek selbst, seine Frau Ute, seine Geschwister Horst und Ingeborg, seine beiden Söhne und die verzögert wieder eingereiste rumänische Pflegehilfe, die die Familie seit vielen Jahren unterstützte und laut Fussek längst ebenfalls zur Familie gehört, obwohl sie für ihre Arbeit bezahlt wird. „Ohne Marinela und ihre Kolleginnen, die sich über die Jahre abwechselten und auch den Vater und eine Tante bis zu ihrem Tode mitbegleitet haben, hätten wir es nicht geschafft“, sagt Fussek. Auch über weitere wertvolle Unterstützung spricht er, etwa die fachliche und empathische Hilfe der Hausärztin, des ambulanten Pflegedienstes, alle palliativ geschult, und einer ehrenamtlichen Hospizkrankenschwester, die in besonders schwierigen Momenten auch nachts per Handy Empfehlungen und Trost für die Familie parat hatte.

Ist so eine Situation nicht Luxus? „Genau das sollte normal sein, gesellschaftlicher Standard“, sagt Fussek. „Jeder Mensch sollte in Würde altern und auch sterben dürfen! Aber nur für wenige Menschen geht dieser Wunsch in Erfüllung. Und ja, wir waren privilegiert, in vieler Hinsicht.“ Dann zählt er auf: Wir sind drei Geschwister, die sich verstehen. Es gab keinerlei Erbstreitigkeiten, im Gegenteil: Das Haus der Eltern wurde vor einigen Jahren im Einvernehmen verkauft, mit lebenslangem Wohnrecht für beide Eltern. Das Geld aus dem Hausverkauf wurde an Ort und Stelle „verpflegt“, die Geschwister brachten sich zusätzlich persönlich ein. Die früheren Zimmer der erwachsenen Söhne im Haus von Claus und Ute Fussek konnten, als es auf den Tod der Mutter zuging, als Pflegezimmer für die Mutter und als Gästezimmer für die 24-Stunden-Hilfe genutzt werden. Fussek und seine Frau, beide noch berufstätig, konnten coronabedingt im Homeoffice arbeiten. Sie wechselten vom Schreibtisch an das Pflegebett und wieder zurück. Die Familie lachte, sie weinte, sie nahm bewusst Abschied.

Für würdevolle Pflege muss sich viel tun

Seit rund 40 Jahren berät Fussek pflegende Angehörige. Er weiß, wie schwierig Pflegealltag sich für unzählige Menschen gestaltet. Tröstlich und befreiend ist es für ihn, für beide Eltern das erreicht zu haben, was vielen pflegenden Angehörigen und auch empathischen Pflegekräften trotz großer Hingabe und bester Absicht nicht gelingt. „Die gesellschaftlichen, politischen und medizinischen Voraussetzungen sind bei Weitem nicht so, wie sie sein müssten“, sagt Fussek, „die Corona-Pandemie hat die Situation verschärft, aber sie richtet nur ein weiteres Mal das Brennglas auf die Gesamtsituation der Pflege.“ Und Fussek wäre nicht Fussek, wenn er hier keine Forderungen anfügen würde: Er fordert demenzfreundliche Kommunen, palliative Schulungen und Infrastrukturen für alle Ärzte, Pflegekräfte sowie Mitarbeiter von ambulanten Pflegediensten. Er beschwört einen Perspektivwechsel innerhalb der Pflegebranche, mit attraktiven Arbeitsbedingungen und Kollegialität in der Pflege, außerdem eine Gesellschaft, die der Überlastung der pflegenden Angehörigen und Pflegefachkräfte ins Auge blickt und sich aktiv um hilfsbedürftige Menschen im Alter einsetzt – aus Überzeugung und aus Eigeninteresse. Er betont, wie wichtig Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung im Pflegealltag sind, bevor er wieder an die Arbeit geht. Er kämpft weiter für ein würdevolles Altern und Sterben für alle. Er berät tagtäglich Betroffene, bei denen es keine intakte Familie im Hintergrund gibt oder in deren Familien alte Rechnungen beglichen werden, wenn es zum Pflegefall kommt. Und er tröstet pflegende Angehörige und Pflegekräfte, wenn sie am Ende ihrer Kräfte sind und sich quälen, weil sie aufgeben müssen.

 

 

Über die Autorin

Esther Niederhammer ist freie Journalistin.