Technik in der häuslichen Pflege: Hilfreiche Assistenten

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Während in der Medizin moderne Technologien mittlerweile fast selbstverständlich
eingesetzt werden, sind viele Innovationen für die häusliche Pflege noch nicht alltagsreif. Dennoch gibt es bereits Systeme, die das Leben von hilfe- und pflegebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen erleichtern und sicherer machen können. Der Nutzen solcher technischen Helfer sollte allerdings dabei immer bedacht werden.

 

Einfach einen Knopf drücken und schon setzen sich zahlreiche Helfer in Gang. Was wie eine Mischung aus Luxushotel und Science-Fiction klingt, ist in der häuslichen Pflege mitunter Alltag. Die Rede ist von einem Hausnotrufsystem, ein elektronisches Meldesystem, das mit einer Notrufzentrale oder mehreren Zielnotrufnummern verbunden ist und in Notlagen Hilfe organisiert. „Das ist heute vielerorts genauso selbstverständlich wie ein Smartphone“, sagt Prof. Dr. Anne Meißner vom Institut für Sozial- und  Organisationspädagogik der Universität Hildesheim.

Aktuell zudem schon im Einsatz sind sogenannte Fallsensoren, die am Körper getragen werden. Dabei handelt es sich um eine Erweiterung des gewöhnlichen Hausnotrufsystems. Sobald eine Person stürzt, wird dies von den Sensoren wahrgenommen, die einen automatischen Notruf absetzen. Auch eine automatische Übermittlung medizinischer Messergebnisse – wie Blutdruck oder Blutzucker – an die Arztpraxis ist keine Zukunftsmusik mehr. „Wir haben in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern eine sehr aktive Startup-Szene, die sich besonders gesundheitlichen und damit auch pflegerischen Fragen widmet“, sagt Meißner.

Noch relativ neu, aber bereits in der Anwendung sind solche Systeme, die das Leben etwas vergnügter machen. Hat man vor einigen Jahren noch reine Gedächtnistraining-Apps für Menschen mit Demenz entwickelt, werden solche heute vermehrt mit Spiel und Spaß verbunden. Insgesamt nimmt Digitales für den Zeitvertreib zu.

Gerade in Zeiten des Corona-Lockdowns hat sich ein Wandel im Umgang mit modernen Kommunikationstechnologien eingestellt, nicht nur bei älteren Personen. Videochat und Nachrichtendienste auf dem Handy – zuvor mitunter etwas argwöhnisch beäugt – waren plötzlich die einzigen Möglichkeiten, mit Angehörigen und Freunden auch visuell in Kontakt zu treten.

Es geht um den Nutzen Die Technik hat das Bedürfnis der Menschen nach Nähe und Austausch in einer Zeit befriedigt, in der dies aus Sicherheitsgründen stark eingeschränkt war. Laut Meißner sind es genau solche Ereignisse, die Entwicklungsgrundlage für neue Technologien in der häuslichen Pflege sein müssen.

„Innovationen sollten immer vom konkreten Nutzen und nie von der eigentlichen Technik und den Funktionen her gedacht werden“, so die Pflegeexpertin. „Technik ist nur wertvoll, wenn sie etwas bewirkt und etwas verändert. Schließlich gibt es einen Grund für den Einsatz und ein Ziel. Etwas soll besser oder anders werden. Und nur, wenn das gelingt und Technik den Menschen das Leben erleichtert und angenehmer gestaltet, dann macht Technik im Alltag überhaupt erst Sinn.“ Je nachdem kann Technik beruflich Pflegende oder pflegende Angehörige unterstützen, genauso wie Menschen, die hilfe- oder pflegebedürftig sind. Hier wurden in der Vergangenheit Fehler gemacht, indem die Industrie Systeme ohne Bezug zum späteren Alltag entwickelt hat. Das, so Meißner, ändere sich nun aber zunehmend.

Roboter in der Pflege

Es gab Zeiten, in denen der elektrische Rollstuhl oder der Treppenlift unvorstellbar waren, von E-Bikes ganz zu schweigen. Wie überall ist auch die Entwicklung der Technologien, die in Pflege und Versorgung helfen, ein schleichender Prozess. Spricht man über dieses Thema, denken viele sofort an Roboter, die mit ihrer kalten und metallischen Hand die Betreuung Pflegebedürftiger übernehmen. 

Hierzu gibt es zwei Dinge zu sagen“, betont Meißner: „Roboter in der Pflege befinden sich aktuell noch in der Innovations- und Pilotphase. Bis sie wirklich einsatzbereit sind, wird noch viel Zeit vergehen. Zudem dürfen wir uns nicht von dem Bild blenden lassen, welches in Filmen über Roboter gezeichnet wird.“

Dass Stahlmenschen durch den Haushalt wirbeln, das Kommando übernehmen und die Großmutter pflegen, hat nichts mit der Technologie zu tun, die gefragt ist. Bis ein Roboter bei der Pflege unterstützen kann, sind noch viele technische – vor allem aber auch juristische Fragen – zu klären. Etwa wer verantwortlich ist, sollte ein Roboter oder ein ähnliches System einmal einen Fehler machen.

Ängste abbauen – Kommunikation verbessern

Als Hemmnis für Innovationen sieht Meißner bspw., dass die Verantwortung für Innovation in der häuslichen Versorgung auf politischer Ebene sprichwörtlich in verschiedenen Händen liegt. Das bremse die Entwicklung aus, da unterschiedliche Entscheider nicht immer einem gemeinsamen roten Faden folgten. Generell, so Meißner, stehe Deutschland in der Entwicklung neuer Pflegetechnologien im internationalen Vergleich aber gut da. Einschränkend ist der noch nicht ausreichende Breitbandausbau. „Umso wichtiger, dass auch Systeme entwickelt werden, die alternative Kommunikationswege nutzen – etwa über das Fernsehen oder Festnetztelefon“, erläutert die Expertin.

Kommunikation ist aber ohnehin ein Thema, an dem es in diesem Zusammenhang mangelt. So gibt es kaum Angebote für Betroffene und ihre Angehörigen, um sich über digitale Helfer in der häuslichen Pflege zu informieren. „Wo soll man da als Laie anfangen zu suchen?“, fragt sich auch Meißner. Dabei baut gerade der direkte Kontakt zu moderner Technik Ängste ab, wie man am Beispiel digitaler Kommunikationswege während des Corona-Lockdowns eindrucksvoll sehen konnte.

Und es ist die Art der Fragestellung, die über die Offenheit gegenüber Innovationen entscheidet. Stellt man älteren Menschen die Frage, ob sie sich von einem Roboter pflegen lassen würden, fällt die Rückmeldung mindestens skeptisch, wenn nicht sogar ablehnend aus. Verknüpft man die Frage aber mit der Aussicht, dadurch länger selbstständig im eigenen Haushalt leben zu können, sieht die Antwort wesentlich positiver aus. „Auch hier gilt wieder: Der tatsächliche Nutzen muss im Mittelpunkt stehen, nicht das technische Endgerät“, stellt Meißner fest. Pflegetechnologien müssen in den Alltag integriert werden – ganz egal ob schlichter Hausnotruf oder irgendwann einmal der helfende Roboter. Und es muss eine unabhängige Stelle geben, die alle Systeme auf Herz und Nieren prüft, damit Betroffene wissen, worauf sie sich einlassen.

Soziale Kontakte sind unabdingbar

Sorgen technische Helfer dafür, dass pflegebedürftige Personen weniger Unterstützung brauchen, ist das wünschenswert. Hat dies aber zur Folge, dass persönliche Kontakte abnehmen, ist zu diskutieren, ob das gewünscht ist. Alles muss sich an der Frage orientieren, wie der künftige Alltag gestaltet werden soll. Und natürlich auch, wie die zunehmende Technisierung der Pflege finanziert werden kann. Von den heute verfügbaren Systemen ist ein Teil als Hilfsmittel anerkannt (z. B. der erwähnte Hausnotruf), der Rest ist privat zu finanzieren. Wenn es aber irgendwann Lokalisationssysteme, Assistenzroboter und Co. aus der Pilotphase in die Wohnräume geschafft haben, muss ein Finanzierungskonzept durch Kranken-, Pflegekassen und Staat bereitstehen. „Bekommt man eine Leuchtleiste zur nächtlichen Orientierung in der Wohnung noch relativ preiswert im Baumarkt, werden ausgeklügelte Assistenzsysteme den finanziellen Rahmen der meisten Betroffenen sprengen“, vermutet Meißner.

Grundsätzlich darf eines nicht zu kurz kommen: die soziale Beziehung. Zu vermeiden ist, dass menschliche Pflege irgendwann zum Luxusgut wird. Andererseits sollte man sich technischen Neuerungen in der häuslichen Pflege keinesfalls verschließen. Meißner empfiehlt Offenheit gegenüber Innovationen. Immer aber sollten die Betroffenen darüber entscheiden, welche und wie viel Technik sie benötigen, um das Leben wirklich angenehmer, selbstständiger und sicherer zu gestalten. Gedanken machen sollte man sich darüber besser schon heute, denn die Auswahl technischer Errungenschaften steigt auch in der Pflege rasant.

 

 

Über die Autorin

Gunnar Römer ist Wissenschaftsjournalist.