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Waldbaden

Waldbaden: Einfach mal abtauchen

Waldbaden

GettyImages/Lisa-Blue

Den Wald mit allen Sinnen erleben, Kraft schöpfen und die Akkus mit neuer Energie aufladen: Waldbaden tut gut und kann ganz einfach auch mit wenig Zeit in den Alltag integriert werden.

Sie brauchen kein Handtuch, keine Sonnenliege und auch keine Eintrittskarte. Sie brauchen nur sich selbst, ein paar Minuten Zeit – und die Natur. Was in Japan schon seit Jahrzehnten als Medizin gilt, wird in Deutschland erst seit wenigen Jahren aktiv betrieben: das Waldbaden, auch Shirin-yoku genannt. Das ist Japanisch für Wald(luft)bad. Nach Abschluss eines Forschungsprogramms, das die medizinische Wirkung des Waldbadens nachwies, eröffneten in Japan Zentren für Waldtherapie, Universitäten bieten seither fachärztliche Spezialisierung in Waldmedizin an – alles dreht sich um die Heilungskräfte der Natur. Schließlich wurde im Rahmen des Forschungsprogramms herausgefunden, dass im Wald die Zahl der Killerzellen steigt, Blutdruck, Kortisol und Puls sinken und das Immunsystem profitiert. Fährt dieses hoch, so werden eben auch mehr Killerzellen, also weiße Blutkörperchen, gebildet: Nach einem Waldspaziergang sind im Körper etwa 50 Prozent mehr dieser Zellen vorhanden. Die bekämpfen einerseits körperfremde Keime, aber auch körpereigene Krebszellen. Dass Sie sich Zeit für sich nehmen, tut also nicht nur Ihrer Psyche, sondern auch Ihrem Körper gut und steigert Ihr Wohlbefinden langfristig.

Grüne Erholung

Höher, schneller, weiter? Entspannung im Wald zu finden, hat nichts mit Sport, Übungen oder Regeln zu tun. In der Umgebung sinkt der Leistungsdruck, der Sie im Alltag umgibt, automatisch. Wenn Sie sich für einen Spaziergang im Wald entscheiden, so legen Sie vorab keine Strecke fest: Bleiben Sie stehen, wenn Ihnen das Licht gefällt, hören Sie genau hin, ob nicht irgendwo ein Bach plätschert – und wenn Sie möchten, machen Sie sich auf die Suche nach dem Ursprung. Wenn Sie den Wald bewusst betreten, um zu entspannen, geht es letztlich nur um Achtsamkeit. Fragen Sie sich, was Ihnen in dem Moment guttut, wie Sie eine Verbindung zur Natur aufbauen und was Ihnen Kraft spendet. Weil es um Ihre ganz persönliche Wahrnehmung geht, ist es auch sinnvoll, zur Entspannung alleine in den Wald zu gehen. So müssen Sie auf niemanden Rücksicht nehmen und können allein auf Ihre Sinne achten. Gerade wenn Sie in der häuslichen Pflege viel Verantwortung tragen, können Sie in diesen Zeiten Entlastung finden.

Sie merken schon beim Lesen: Wenn Sie sich vornehmen, 4 Kilometer in einer bestimmten Zeit zu meistern, werden Sie sich an die Vorgabe halten wollen. Und so wird die eigentliche Entspannung gleich wieder zum Druck. Deshalb: Lassen Sie los! Setzen Sie sich beim Waldbaden beispielsweise auf eine Bank, vielleicht sogar auf einen Baumstumpf, wenn Sie es möchten, und geben Sie sich dort die Zeit, die Sie investieren können und wollen. Die typische Waldatmosphäre aktiviert dabei das parasympathische Nervensystem, das für den Aufbau körpereigener Reserven, die Erholung und den Stoffwechsel verantwortlich ist. Folglich werden Stresshormone zurückgefahren und sorgen für einen Ausgleich, von dem Sie auch noch nach dem Waldbaden profitieren werden.

Waldbaden lernen

  • Neugierig sein: Gehen Sie in den Wald, als wäre es das erste Mal, und erkunden Sie die Umgebung.
  • Einfach drauf los: Setzen Sie sich keine Ziele, sondern versuchen Sie herauszufinden, was Ihnen gut tut.
  • Sehen, hören, riechen, fühlen: Lassen Sie sich von Ihren Sinnen leiten! Wie riecht beispielsweise die Waldluft, wie fühlt sich die Rinde an, welche Formen und Farben sehen Sie?
  • Innehalten: Wie wirkt der Wald auf Sie? Welche Gedanken löst er aus?
  • Bewusstsein: Gehen Sie bewusst in den Wald, tauchen Sie in Ihre Entspannung ein und verlassen Sie den Wald wieder ebenso bewusst.
  • Rituale: Sie tragen zur Entspannung bei. Begrüßen Sie beispielsweise den Wald, den Sie betreten, auf eine spezielle Art und Weise oder bedanken Sie sich bei „Ihrem“ Wald für die Kraft, die er Ihnen gespendet hat.
  • Regeln? Gibt es nicht. Bedenken Sie, dass wir Ihnen ausschließlich Anregungen bieten wollen, denn im Wald gilt: Jeder badet, wie es ihm gefällt.


Über den Autor

Patricia Schaller ist Redakteurin der Zeitschrift „Angehörige pflegen“.

Junge pflegende Angehörige

Junge Pflegende – Gestohlene Kindheit?

Junge pflegende Angehörige

GettyImages/Juanmonino

Wenn Kinder zu Pflegenden werden, übernehmen sie plötzlich viel Verantwortung und sorgen oft alleine dafür, dass das Familienleben noch funktioniert. Weil sie so aber ein verzerrtes Bild von Bindungen bekommen, hat die Pflege in jungen Jahren oft weitreichende Folgen. Prof. Dr. Michael Klein, klinischer Psychologe und Psychotherapeut, erklärt, wie sich diese Pflege auf das Erwachsenwerden auswirkt.

Es sind die Eltern, die ihre Kinder großziehen, Verantwortung übernehmen und sich kümmern: Wenn ein Elternteil plötzlich pflegebedürftig wird, verschiebt sich diese Abhängigkeit. Kinder sind nicht mehr von den Erwachsenen, sondern Erwachsene von den Kindern abhängig. Aber was macht das mit dem Erwachsenwerden – und welche Auswirkungen hat das auf die Psyche?

Emotionale Stabilität bei jungen Pflegenden

Eltern, Geschwister, Großeltern: Egal welche Angehörigen ein junger Mensch pflegt; der bisher gekannte Familienalltag verändert sich. Manche, vielleicht jahrelang bestehende, Aktivitäten, können nicht mehr ausgeübt werden. „Dies kann eine Störung wichtiger Familienrituale, wie beispielsweise die gemeinsamen Mahlzeiten, Ausflüge oder Feiern, mit sich bringen. Geplante und durchgeführte gemeinsame Familienaktivitäten sind für junge Menschen allerdings sehr wichtig: Sie sind stabilisierend und geben ihnen Sicherheit, indem sie erwartete Rollen klarstellen, Grenzen innerhalb der Familie beschreiben und Regeln so definieren, dass Kinder lernen, wie die Familie und andere soziale Gefüge und Beziehungen funktionieren“, erklärt Prof. Dr. Michael Klein. Weil junge Pflegende quasi durchgehend mit Unsicherheit konfrontiert werden, brauchen sie gerade diese Stabilität, um auch emotionale Ausgeglichenheit zu finden. Wenn ein Angehöriger zum Beispiel an psychischen Störungen leidet oder suchtkrank ist, und deshalb ein problematisches Bindungs- und Erziehungsverhalten zeigt, ist die junge pflegende Person oft Stimmungsveränderungen oder Persönlichkeitsstörungen ausgesetzt: „Deshalb können die Kinder oft nicht richtig versorgt und die materiellen sowie emotionalen Bedürfnisse nach Nähe, Zuneigung und Liebe nicht mehr erfüllt werden.“

Gestohlene Kindheit

Gerade wenn ein Elternteil erkrankt ist oder es die familiäre Situation nicht anders zulässt, übernehmen Kinder und Jugendliche die Elternrolle und die Verantwortung meistens automatisch – einfach, weil die Veränderung des Familienlebens durch die Erkrankung nichts anderes zulässt. Fragt man Betroffene, so hört man regelmäßig, dass sie eben „funktionieren“, um ein möglichst geregeltes Leben führen zu können: „Die intensive und umfassende Veränderung der Familienrealität durch die Erkrankung lässt nichts anderes zu. So werden junge Menschen zu pflegenden Angehörigen wider Willen“, weiß Michael Klein. Man kann hier auch von gestohlener Kindheit sprechen. Schließlich können Betroffene ihre alterstypischen Entwicklungsaufgaben nicht angemessen bewältigen und sind chronisch überfordert: „Insbesondere Mädchen scheinen hiervon betroffen zu sein und in Gefahr, internalisierende psychische Störungen wie beispielsweise Angst, Depression oder Somatisierung zu entwickeln. Jungen reagieren öfter mit externalisierenden Verhaltensweisen und Störungen wie Aggressivität und Hyperaktivität.“ Auch Benjamin Salzmann, Projektkoordinator von www.echt-unersetzlich.de, Diakonisches Werk Berlin Stadtmitte e.V., beschäftigt sich mit jungen Pflegenden und erklärt: „Das generelle Überforderungsgefühl kann überwältigend sein. Mit am Schwierigsten daran ist, dass dieses Gefühl sehr diffus ist und den Betroffenen nicht ganz klar ist, welche die genauen Problemlagen sind.“

Es ist schwierig zu erkennen, wer Hilfe benötigt, weil junge Menschen sich in dieser Situation oft besonders belastbar präsentieren wollen. Hierbei handelt es sich um einen Schutzmechanismus: „Viele Betroffene zeigen nach außen das Bild eines starken, kompetenten, schon sehr reifen Kindes. Oft werden sie als älter eingeschätzt, als sie wirklich sind. Dieser Zustand, der durch die Anforderungen der Familie und Umwelt begünstigt und beschleunigt wird, täuscht aber oft über die wahren inneren Bedürfnisse des jungen Menschen hinweg. Werden diese nicht erkannt, sind Selbstwertprobleme, Ängste und Depressionen oder Aggressivität, Devianz, Leistungsverweigerung, Schulversagen und Hyperaktivität die Folge. Auch die Ausbildung körperlicher Symptome als Resultat von Überforderung, Angst und Erschöpfung ist bekannt. Viele betroffene Kinder sehen sich außerdem in einschlägigen Rollen: Besonders häufig sind die Begriffe ‚Heldenkind‘, ‚schwarzes Schaf‘, ‚verlorenes Kind‘ und ‚Clown‘. Das ‚Heldenkind‘ zeigt mit seinem stark leistungsbetonten Verhalten, dass in der Familie kein relevantes Problem vorherrschen kann und dass es in der Lage ist, selbst schwierigste Aufgaben zu meistern. Es erhält dafür besonders viel positive Aufmerksamkeit. Die anderen Rollen beziehen sich auf negative Aufmerksamkeit (‚schwarzes Schaf‘ bzw. ‚Sündenbock‘), Ablenkung der Aufmerksamkeit (‚verlorenes, einsames Kind‘) und Fokussierung von Aufmerksamkeit (‚Clown‘). Die unterschiedlichen Ausprägungen haben jedoch alle eins gemein: Sie stabilisieren das ‚falsche‘ Familiensystem unbewusst, weil sie vom eigentlichen Kernproblem ablenken.“ Wie wichtig es ist, den richtigen Zugang zu den Jugendlichen zu finden, um Verunsicherungen entgegenzuwirken, weiß auch Benjamin Salzmann: „Vor allem, wenn die Eltern oder Großeltern an Demenz, psychischen Erkrankungen oder Inkontinenz leiden, schämen sich junge Menschen, weil sie davon ausgehen, dass Krankheiten wie diese gesellschaftlich nicht wirklich akzeptiert werden. Leidet ein Familienmitglied beispielsweise an Krebs, gehen junge Pflegende auch anders mit der Situation um. Wir haben mit Echt Unersetzlich ein Portal gegründet, auf denen sich die sogenannten Young Carers über einen Online-Service Antworten auf die Fragen bekommen, die sie persönlich oder telefonisch nicht stellen möchten.“ Schulungen und Veranstaltungen für Fachkräfte in der Pflege, Bildung oder Jugendarbeit machen diese zu Multiplikatoren, die den richtigen Zugang zu den jungen Menschen schaffen.

Young Carers: Jugend zulassen

Das angesprochene eigentliche Kernproblem liegt in der großen Verantwortung, die junge Menschen in ihrer Pflegerolle übernehmen – und in den vertauschten Zuständigkeiten, die das Erwachsenwerden erschweren. Diese Doppelbelastung führt zu einer Jugend, die Kindlichkeit, wenn überhaupt, in nur sehr wenigen Momenten zulässt. Das liegt unter anderem daran, dass die Young Carers nur schwierig Verantwortung abgeben können, weil sie sich eine moralische Verpflichtung auferlegen. Damit die negativen psychischen Auswirkungen und die damit verbundenen möglichen Somatisierungen nicht überhand nehmen, ist es wichtig, sich bestenfalls frühzeitig Hilfe zu suchen. Dies kann in Form einer Therapie, im Austausch mit anderen Angehörigen oder über ganz spezielle Hilfsangebote für junge Pflegende funktionieren: „Wenn sich Kinder und Jugendliche vernachlässigt fühlen und die Last der Verantwortung zu schwer wird, sind Erzieher/-innen, Lehrer/-innen oder Sozialarbeiter/-innen die richtigen Ansprechpartner. Zu ihnen können sie Vertrauen fassen und sich auf deren Hilfe verlassen. Auf jeden Fall sind Maßnahmen wichtig, die Kinder aus der Pflegeverantwortung lösen. Dabei ist die notwendige Pflege nicht immer nur physisch, körperlich, sondern meist besonders im psychischen Bereich anzusiedeln. Kümmern, sorgen, aufpassen, kontrollieren, schützen, vermitteln, Stress reduzieren und Streit schlichten sind dabei nur die wichtigsten Aufgaben in diesem Bereich“, merkt Michael Klein an. Oft belasten die jungen Menschen die indirekten Auswirkungen der Pflege. Benjamin Salzmann erläutert: „Der Freundeskreis bricht beispielsweise weg, körperliche Belastungen führen zu Erschöpfung oder man grenzt sich selbst nach und nach aus, weil man das Gefühl hat, dass man andere Dinge tut und dadurch nicht mehr dazugehört.“

Maßgeblich ist es, die jungen Menschen etwas von ihrer Verantwortung zu lösen, damit sie zumindest ein Stück weit zu ihrer Kindheit und Jugend zurückgelangen und auf natürliche Weise lernen, wie soziale Beziehungen, Vertrauen und Abhängigkeit funktionieren. Dass durch die Pflege von Angehörigen in jungen Jahren ein Teil der Kindheit gestohlen wird, bemerken die Young Carers in den meisten Fällen erst, wenn sie die Pflegerolle verlassen – und auch dann sehen sie dies nicht als negativ, sondern als eine Situation, die nicht zu ändern war. Deshalb ist es umso wichtiger, bereits Maßnahmen während der häuslichen Pflege zu ergreifen, die junge Menschen entlasten, und ihnen Raum zur Entwicklung ihrer Individualität und ihrer Wünsche und Bedürfnisse schenkt.

Zögert nicht, in den Kontakt mit anderen Betroffenen zu kommen und euch Hilfe zu holen. Die gibt es beispielsweise bei Echt Unersetzlich oder bei der Pausentaste.


Über den Autor

Patricia Schaller ist Redakteurin.