Tanzen: Fitness erhalten, Gemeinschaft fördern

Tanzen

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Tanzen erhält nachweislich unsere Fitness, regt das Gehirn an und ist auch noch förderlich für die Gemeinschaft. Selbst in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen finden beim Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband das passende Angebot. Wir sprachen dazu mit der Seniorentanz-Beauftragten des Verbandes, Claudia Krehn-Azghandi.

 

Frau Krehn-Azghandi, wie hat sich die Nachfrage nach Seniorentanz in den vergangenen 20 Jahren entwickelt?

Sehr positiv. Senioren von heute sind deutlich aktiver als die Generation, die den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt hat. Tanzen hat bei den heutigen Senioren einen sehr hohen Stellenwert. Die Nachkriegsgeneration ist in den Zeiten des Wirtschaftswunders schon tanzen gegangen und die Musiken, angefangen mit Boogie Woogie oder Rock‘n‘Roll der 1950er- und 1960er-Jahre begeistern sie. Aber Senioren von heute wollen auch aktuelle Songs hören und sich dazu bewegen.

Ist es also so, dass der Einfluss, den Musik und Tanz in der Jugend auf einen Menschen genommen haben, sich auch im späteren Leben durchsetzt?

Ich denke ja. Beispielsweise bei meinem Vater und meiner Mutter, die heute 84 und 87 Jahre alt sind, sie gehören zu der Generation, die als Teenie zum Tanztee ging und Tanzen als gesellschaftliches Ereignis erlebte. Sie wurden eins der erfolgreichsten Turnierpaare ihrer Zeit. Unter anderem wurden sie 13-mal deutsche Meister im Turniertanz. Ende der 1950er-Jahre eröffneten sie ihre Tanzschule.

Wie wird das Thema Tanzen in der Öffentlichkeit dargestellt? Findet es überhaupt statt?

Ja, es gibt durchaus viele positive Presseberichte, Bücher und Artikel in Gesundheitsmagazinen, die immer wieder Tanzen besonders hervorheben. Auch Beiträge im Fernsehen tragen dazu bei, dass immer mehr Senioren Tanzen neben dem gesellschaftlichen Aspekt als Therapie sehen oder zumindest als leichte und seniorengerechte Sportart.

 

Info

Der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband e. V. ist eine der größten Dachorganisationen von Tanzschulen und Tanzlehrenden. Er wurde 1922 in Halle gegründet und hat seinen Sitz heute in Hamburg. Dem ADTV gehören rund 800 Tanzschulen und 3100 Tanzlehrende in Deutschland an. 


Wer fragt heute nach Angeboten und welche Art Angebote können Sie unterbreiten?

Deutlich zeigt sich das Interesse am Tanzen bei Menschen, die kurz vor dem Ruhestand stehen oder gerade in Rente gegangen sind. Sie möchten ihre Freizeit sinnvoll und altersgerecht neu gestalten. Im ADTV gibt es ein breites Angebot für alle Altersstrukturen. Paartanz, für langjährige Tänzer auch in Tanzkreisen, Singlekurse, sportliche Angebote wie Zumba®, Movita®, bis hin zum Orientalischen Tanz, aber eben auch das neue ADTV-TanzFit®, das seit drei Jahren in immer mehr ADTV-Tanzschulen angeboten wird.

Können Sie unseren Lesern näher erklären, was es mit TanzFit® auf sich hat?

TanzFit® wurde gerade für jüngere Senioren konzipiert, die Tanzen als Freizeitbeschäftigung ansehen und ihre Fitness trainieren wollen, aber ohne festen Tanzpartner kommen. TanzFit® steht für eine ganzheitliches Tanztraining in Gruppen mit Linedance, Paartanz, Round- und Squaredance, Stepptanzen bis hin zu aktuellen Modetänzen. Übrigens begeistern sich auch ältere Teilnehmer dafür, weil sie sich mit dieser moderaten und gelenkschonenden Sportart geistig und körperlich fit halten können.

Sie sind Seniorentanz-Beauftragte des ADTV. Anscheinend nimmt Ihr Verband diese Zielgruppe sehr ernst.

Durchaus. Die Fachtanzlehrer für Seniorentanz haben eine Ausbildung im Bereich Gesundheit und Prävention absolviert. Es ist wichtig zu verstehen, wie sich der Körper im Alter verändert, aber auch die Ressourcen, die ältere Menschen noch haben, im Blick zu behalten. Das ist entscheidend, wenn man Seniorentanz im Altenheim, Tanztees, Tanznachmittage im Altenheim, Rollator-Tanz oder Tänze im Sitzen anbieten möchte. Selbst Parkinson-Patienten und Menschen mit Demenz beziehen wir mit ein.

Der Wunsch, tanzen zu gehen, hat eine soziale Komponente. Hier kommt man in Kontakt.

Richtig, die Geselligkeit mit anschließendem Kaffeeplausch wird gerne genutzt, sodass viele auch neue Bekannte und Freunde finden. Ab einem höheren Alter ist dies besonders wichtig, da sich oft das private Umfeld, beispielsweise durch den Wegzug der erwachsenen Kinder, Todesfälle im Freundeskreis oder den Verlust des Lebenspartners, stark verändert und die Vereinsamung zunimmt. Viele unserer neuen Kunden reden in den ersten Wochen sehr viel über ihre Verluste. Das ändert sich aber schnell zum Positiven, denn Tanzschulen bieten ein neues interessantes gesellschaftliches Umfeld, traditionelle Veranstaltungen, neue Bekannte und Freunde oder sogar Partner.

Doch Tanzen hat ja nachweislich auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Wie regelmäßig und wie lange sollte man Tanzen gehen, wenn man den positiven Effekt für Geist und Körper für sich nutzen möchte?

Von Ärzten wird heute für gesunde Menschen dreimal pro Woche eine Stunde Sport empfohlen. Wenn man zweimal pro Woche tanzen geht, wäre eine Stunde Spazieren gehen oder Schwimmen eine gute Ergänzung. Viele Kunden kommen öfter zu unseren Angeboten, verbringen bei uns drei- bis viermal in der Woche ihre Freizeit. Tanzen wird in vielen medizinischen Fachberichten als nachweisbar positiv im Kampf gegen Demenz, Parkinson und bei vielen anderen Krankheitsbildern empfohlen. Die Studien vieler Neurologen belegen eine wirklich sehr positive Wirkung auf den Geist und den Organismus. Selbst lethargische Patienten oder altersbedingt langsamer gewordene Teilnehmer werden durch Musik und Tanz aus ihren oft leicht depressiven Stimmungen herausgeholt. Musik und Tanz rufen Erinnerungen wach, auch Schmerzen rücken in den Hintergrund.

Mit dem Alter gehen oft verminderte Sinnesleistungen einher. Viele Menschen können schlechter sehen oder hören. Ist auch für diese Menschen ein Angebot dabei?

Schlechter sehende Menschen haben wir einige in den Gruppen, das ist in der Regel kein Problem. Ich habe auch mit Menschen zu tun, die schlecht hören, das muss kein Hindernis sein. Die Lautstärke passen wir auf Wunsch immer an. Mit vollständig tauben Menschen habe ich auch schon getanzt, beispielsweise einen Wiener Walzer für eine Hochzeit einstudiert. Nach langem Suchen haben wir eine Musik gefunden, die genug Vibrationen hatte, um von ihnen über die Schwingungen wahrgenommen zu werden.

Einen besonderen Stellenwert nimmt der Rollator-Tanz ein. Wie kam es dazu, dass der ADTV sich auch in diese Richtung geöffnet hat?

Der Rollator-Tanz stößt auf sehr großes Interesse. Menschen gewinnen Sicherheit beim Laufen und der Rollator als Tanzpartner führt auch dazu, dass er als Hilfsmittel im Alltag besser akzeptiert wird. Die Idee kommt ursprünglich aus Holland.

Was ist es, das Sie am Tanzen im Alter so fasziniert?

Ein 104-Jähriger tanzte neulich mit mir voller Begeisterung, obwohl er mir vorher versichert hatte, er könne nicht tanzen. So bot ich ihm an, dass wir im Sitzen schunkeln. Zweimal nach rechts, zweimal nach links, danach zweimal vor und zurück. Und beim dritten Mal stand er auf und tanzte mit mir den Rest des Liedes. Seine 106-jährige Frau klatschte begeistert im Rollstuhl sitzend mit. Lebensfreude beginnt genau da.

 

Über die Autorin

Britta Waldmann ist Redakteurin des Magazins Angehörige pflegen und steht in engem Kontakt mit pflegenden Angehörigen in ganz Deutschland.