Schlaganfall: Wenn jede Minute zählt

Schlaganfall: Jede Minute zählt

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Ein Schlaganfall kommt plötzlich und unerwartet, quasi „aus heiterem Himmel“ – so beschreiben es viele Patientinnen und Patienten. Jährlich sind in Deutschland schätzungsweise 250.000 Menschen von einem Schlaganfall betroffen. In Europa steht der Schlaganfall an zweiter Stelle der Todesursachen. Er ist der häufigste Grund für die Entwicklung einer Behinderung im Erwachsenenalter.

Der Schlaganfall ist eine akute, meist plötzlich auftretende Durchblutungsstörung im Gehirn, die von Fachpersonen als „Hirninsult“ bezeichnet wird. Die Unterbrechung der Blut- und Sauerstoffzufuhr kann durch einen Thrombus, der eine Hirnarterie verstopft (ischämischer Schlaganfall), oder durch eine Blutung, die auf eine Arterie drückt (hämorrhagischer Schlaganfall), verursacht werden.

In beiden Fällen wird das hinter der Störung liegende Hirngewebe unzureichend mit Blut bzw. Sauerstoff versorgt. Ausmaß und Art der Schlaganfallsymptome sind abhängig von der Größe des minderdurchbluteten Gewebes und von der Lokalisation im Gehirn.

Verschiedene Faktoren erhöhen das Risiko, einen Schlaganfall zu entwickeln. Dazu gehören zum Beispiel eine bewegungsarme Lebensweise, ballaststoff-, vitamin- und gemüsearme Ernährung, Rauchen und übermäßiger Alkoholgenuss. Auch Herzrhythmusstörungen (das sogenannte Vorhofflimmern) können das Risiko für einen Schlaganfall erhöhen, da sich durch den unregelmäßigen Herzschlag Thromben bilden können, die mit dem Blutstrom ins Gehirn gelangen können.

Auch ein fortgeschrittenes Alter und die damit häufig verbundenen Gefäßveränderungen stellen unter anderem ein gewisses Risiko dar, erkranken doch deutlich mehr ältere und alte Menschen. Inzwischen sind aber auch zunehmend jüngere Menschen davon betroffen.

Veränderungen rasch ansprechen und sofort Hilfe holen

Je nachdem wie groß die betroffene Arterie ist und wo sie im Gehirn liegt, kann sich der Schlaganfall an verschiedenen Veränderungen zeigen. Meist beobachten vor allem die Angehörigen Zeichen wie zum Beispiel einen einseitig hängenden Mundwinkel schon sehr früh.

Daher ist es besonders wichtig, diese Anzeichen zu kennen, um sofort ärztliche Hilfe holen zu können. Damit man sich diese Zeichen gut einprägen kann, wurden sie mit dem Begriff FAST („fast“ aus dem Englischen für schnell) umschrieben.

Viele Menschen kennen die eindrücklichen und ausgeprägten Zeichen eines Schlaganfalls. Diese sind zum Beispiel die Lähmung einer Körperhälfte oder wenn man plötzlich überhaupt nicht mehr sprechen kann. Ein Schlaganfall kann sich aber auch an anderen, vermeintlich nur leichten Veränderungen zeigen. Dazu gehört beispielsweise ein Taubheitsgefühl in der Hand oder im Arm.

Die meisten Menschen kennen das Gefühl, wenn der Arm „eingeschlafen“ ist. Meist wacht man in der Nacht auf, weil man auf dem Arm gelegen hat. Verändert man die Position, verschwindet das Taubheitsgefühl oder das Kribbeln sofort. Beim Schlaganfall ist das anders. Verschwinden die Symptome nicht, kann das auf einen Schlaganfall hinweisen. Auch ein Fuß oder Bein können betroffen sein.

Plötzlich auftretende Übelkeit, Schwindel und Sehstörungen können ebenfalls vorkommen. Dann ist unbedingt schnelle Hilfe nötig. Denn bei der Schlaganfallbehandlung gilt das Prinzip „Zeit ist Gehirn“ („time is brain“). Das bedeutet: Je schneller die Schlaganfallbetroffenen im Krankenhaus sind und behandelt werden können, umso mehr Hirngewebe kann gerettet werden. Und umso kleiner sind die Einschränkungen, die nach einem solchen Ereignis bestehen bleiben.

Schnelles Handeln kann Lebensqualität fördern

Leider werden vor allem die leichten Symptome von vielen Menschen zunächst ignoriert. Oder sie deuten die Zeichen falsch und meinen, wenn sie sich hinlegen oder früh zu Bett gehen, sei es am nächsten Morgen wieder gut. Eine fatale Fehleinschätzung. Denn so vergeht wertvolle Zeit, in der die Durchblutungsstörung hätte behandelt werden können.

Wird ein ausgeprägter Schlaganfall nicht sofort behandelt, leiden die Betroffenen in der Folge meist an großen Einschränkungen im Alltag. Sie benötigen dann z. B. Hilfe bei der Körperpflege, können evtl. nicht mehr selbstständig gehen, essen oder die Toilette rechtzeitig aufsuchen. Die Fähigkeit zu sprechen oder zu schlucken kann eingeschränkt sein und sich so negativ auf das Wohlbefinden und die Stimmung der Schlaganfallbetroffenen auswirken.

In Deutschland wurden inzwischen in vielen Städten und ländlichen Regionen sogenannte „Stroke Units“ in Krankenhäusern eingerichtet. Dies sind auf die Behandlung und Pflege von Menschen mit Schlaganfall spezialisierte Abteilungen, die die Behandlungsempfehlungen sehr gut kennen und als eingespieltes Team rasch helfen können.

Erfolgt die Behandlung sehr schnell und wirkt sie erfolgreich, erholen sich die meisten Betroffenen häufig wieder vollständig. Aber auch nach dem Ereignis bestehende Einschränkungen, z. B. Kraftlosigkeit im Arm oder Bein oder Sprachstörungen können sich mit einer entsprechenden Behandlung noch verbessern.

Diese Behandlung erfolgt beispielsweise in einer Rehabilitationsklinik. Hier macht man sich eine wichtige Fähigkeit des Gehirns zunutze – die sogenannte Neuroplastizität. Wird das Gehirn mit gezielten Reizen und ständig wiederholten Übungen stimuliert, können in den betroffene Hirnarealen neue Verbindungen entstehen und sich die Symptome weiter zurückbilden.

Betroffene benötigen dafür ausreichende Motivation und Durchhaltevermögen. Auch dabei können die Angehörigen eine wichtige Unterstützung und Hilfe sein.

Neue Leitlinien in der Schlaganfallversorgung

Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) zur „Akuttherapie des ischämischen Schlaganfalls“ wurde im Mai 2021 aufgrund neuer Studienergebnisse umfassend überarbeitet.
An der neuen Leitlinie waren neben der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) noch 13 weitere Fachgesellschaften und Gruppen beteiligt.

Über die Autorin

Dr. Elke Steudter ist Pflegewissenschaftlerin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Studiengangleitung Stroke Care, Careum Hochschule Gesundheit, Zürich.