Schlaganfall – und dann?

Schlaganfall - und dann?

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Die Versorgung von Schlaganfallpatienten konnte in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert werden. Viele Patientinnen und Patienten leiden nach einem Schlaganfall aber häufig an körperlichen, seelischen oder geistigen Einschränkungen. Einige Funktionen lassen sich wiedererlangen. Dafür geht es für viele nach dem Krankenhausaufenthalt zur Weiterbehandlung in eine Rehaklinik.

Dank wesentlich verbesserter Akutversorgung konnte die Überlebensrate nach einem Schlaganfall in den letzten Jahren kontinuierlich gesteigert werden. Dennoch sind weiterhin viele Patientinnen und Patienten nach einem Schlaganfall körperlich, seelisch oder geistig eingeschränkt. Diese Einschränkungen können die Sprache, das Sprechen, halbseitige Lähmungen und viele andere neurologische Störungen betreffen, bis hin zu Persönlichkeitsveränderungen.

Die Notfallbehandlung nach einem Schlaganfall erfolgt auf einer Stroke Unit. Diese Behandlung dauert in der Regel zwischen fünf und acht Tagen. Danach wird etwa ein Drittel der Patienten in einer Rehabilitationsklinik weiterbehandelt. Bei etwa zwei Dritteln der Patienten hatten sich die neurologischen Behinderungen entweder gut gebessert oder die Prognose war so schlecht, dass die Betroffenen von einer stationären Rehabilitationsbehandlung nicht profitieren konnten.

Den Weg von zu Hause in die Notaufnahme des Krankenhauses mit einer Anschlussbehandlung in einer Rehabilitationsklinik und wieder zurück nach Hause hat auch Ute Schiller erlebt.

Ute Schiller ist 69 Jahre alt, lebt mit ihrem Sohn, ihrer Schwiegertochter und ihrer Enkelin in einem Haus. Sie sitzt entspannt mit ihrer Familie im Garten, als plötzlich ungewohnte Kopfschmerzen auftreten. Sie geht zunächst nicht weiter darauf ein. Als sie kurz darauf ein Kribbeln im rechten Arm wahrnimmt, beschließt sie, den Notarzt zu rufen. Sie hatte früher einmal bei einem Vortrag gehört, dass dies ein Anzeichen für einen Schlaganfall sein kann und es sich in diesem Fall um einen Notfall handelt.

Die Akutversorgung

Der Notarzt kommt in wenigen Minuten. Frau Schiller wird auf die Stroke Unit des Krankenhauses gebracht. Dort wird ein Schlaganfall durch Blutmangel in einer Hirnregion festgestellt, ein Hirninfarkt. Als Ursache wurde die Verstopfung (Thrombose) einer Hirnarterie durch ein Blutgerinnsel erkannt und medikamentös durch die Lyse-Therapie aufgelöst.

Es werden Vitalparameter wie beispielsweise Herz- und Atemfrequenz kontinuierlich beobachtet, damit sofort eingegriffen werden kann, falls sich der Zustand verschlechtert. Das ist deshalb so wichtig, da das Risiko für einen erneuten Schlaganfall, also ein Rezidiv, in der ersten Woche nach dem Schlaganfall sehr hoch ist.

Auf der Stroke Unit bemerkt Frau Schiller, dass sie trotz der Akuttherapie noch immer Probleme mit ihrer rechten Körperhälfte hat. Sie kann ihre Beinbewegungen nicht richtig koordinieren, weshalb sie beim Gehen Hilfe benötigt. Die rechte Hand kann sie nur noch eingeschränkt, die Finger gar nicht mehr bewegen.

Ihre Stationsärztin erklärt ihr, dass das nicht untypisch ist: „Etwa 80 Prozent der Betroffenen leiden nach einem Schlaganfall an einer Lähmung der oberen Extremität und auch die Beinfunktion ist bei über der Hälfte der Patienten eingeschränkt. Auch Probleme beim Sprechen oder Schlucken treten oft nach einem Schlaganfall auf.“ Schluckbeschwerden hat Frau Schiller glücklicherweise keine.

Weiterbehandlung auf der neurologischen Station

Bereits auf der Stroke Unit beginnt für sie die Frührehabilitation mit Physio- und Ergotherapie. Zudem wird sie bei der täglichen Pflege ausdrücklich dazu angehalten, immer wieder den rechten Arm zu bewegen, die Finger zu strecken und feine Bewegungen zu versuchen. Auch gedachte Bewegungen führen zur Bahnung von Nervenimpulsen des Gehirns zur Muskulatur.

Da sich der Zustand weiter verbessert, wird Frau Schiller auf eine Normalstation des Krankenhauses verlegt. Gleichzeitig werden die rehabilitativen Maßnahmen verstärkt. Der Physiotherapeut trainiert mit ihr das Aufstehen und Gehen und zeigt ihr Übungen, mit denen sie die Hand aktivieren kann. Die Ergotherapeutin trainiert mit ihr alltagsrelevante Fähigkeiten wie zum Beispiel das Halten einer Gabel oder die Benutzung einer Zahnbürste.

Ihr Sohn oder die Schwiegertochter kommen täglich zu Besuch. Sie unterstützen sie nicht nur emotional und sprechen ihr Mut zu, sondern wiederholen auch die therapeutischen Übungen mit ihr, was einen sehr positiven Effekt auf weitere Verbesserungen der gestörten Funktionen hat. Es ist auch ihr Sohn, der eine Veränderung in ihrem Verhalten bemerkt. Sie scheint sehr viel weinerlicher zu sein als vor dem Schlaganfall. Zunächst denkt sich ihr Sohn nichts dabei, schließlich ist es normal, dass man nach so einem Erlebnis aufgewühlt ist.

Doch es macht ihn stutzig, dass sie in ganz unpassenden Momenten plötzlich zu weinen beginnt, beispielsweise als die Enkelin Maria ihr von einer guten Schulnote erzählt. Als der Sohn sie fragt, warum sie denn weint, kann sie sich das auch nicht erklären. Gemeinsam sprechen sie die Stationsärztin an, die daraufhin einen Psychiater konsultiert. Nach längeren Gesprächen zu Frau Schillers Gefühlsausbrüchen stellt er fest, dass es infolge des Schlaganfalls zu einer Affektinkontinenz gekommen ist.

Dies bedeutet, dass Teile des Gehirns geschädigt wurden, die für die Emotionsregulierung zuständig sind. Aus diesem Grund zeigt Frau Schiller spontan Gefühlsregungen wie Weinen oder Lachen, die nicht zur Situation passen. Schätzungen zufolge leiden bis zu 50 Prozent der Schlaganfallpatienten unter Affektinkontinenz. Bei manchen bildet sich diese im Laufe der Zeit wieder zurück, andere müssen lernen, damit zu leben. Auch weitere emotionale Veränderungen wie depressive Verstimmungen oder Persönlichkeitsveränderungen sind nach einem Schlaganfall keine Seltenheit.

Als die Entlassung näher rückt, hat sich die Lähmung der rechten Seite gebessert. Damit die notwendige Weiterbehandlung lückenlos fortgeführt werden kann, wird eine Anschlussheilbehandlung geplant. Den Antrag stellt die behandelnde Stationsärztin gemeinsam mit dem Sozialarbeiter der Klinik. Dabei müssen viele Faktoren wie beispielsweise die Spezialisierung der Rehaklinik, aber auch die schnellstmögliche Verfügbarkeit berücksichtigt werden.

Nicht immer ist ein nahtloser Übergang vom Krankenhaus in die Rehaklinik möglich. Frau Schiller beispielsweise kann bis zum Antritt der Reha nach Hause entlassen werden, da sie deutlich selbstständiger geworden ist. Wenn eine häusliche Pflege bzw. Betreuung nicht möglich ist, kann – auch ohne Pflegegrad – eine Kurzzeitpflege beantragt werden.

In der Rehaklinik

Zu Beginn ihres Rehaaufenthalts bespricht Frau Schiller mit den Ärzten und Therapeuten ihre Ziele. Was möchte sie nach ihrem dreiwöchigen Aufenthalt wieder machen können? Was ist ihr am wichtigsten? Was ist realistisch? Ihr oberstes Ziel ist selbstständiges Gehen, gefolgt von der Nutzung ihrer rechten Hand.

In den nächsten Wochen stehen unterschiedlichste Therapien auf dem Plan. Von klassischer Physio- und Ergotherapie über Wassergymnastik bis hin zu Laufbandtraining und Kraftübungen. Zwischen den Behandlungen nimmt sie sich bewusst Zeit, sich zu entspannen und ihrem Körper Zeit zur Regeneration zu geben. Zwischendurch notiert sie sich immer wieder Übungen, die sie nach der Reha zu Hause weitermachen möchte.

Am meisten freut sich Frau Schiller aber auf die Wochenenden, denn dann kommt ihre Familie zu Besuch. Sie gehen gemeinsam spazieren und essen Eis. Nach diesen Besuchen ist sie immer besonders motiviert weiterzumachen. Bei ihren Besuchen sprechen die Angehörigen auch mit dem behandelnden Arzt. Dieser erklärt ihnen, dass Frau Schiller weiterhin Fortschritte macht. Da sich ihr Aufenthalt in der Reha dem Ende nähert, ist es wichtig, an die Zeit danach zu denken.

Sie muss weitertrainieren, um die bisherigen Erfolge zu festigen und auch weitere Fortschritte zu machen. Besprochen wird auch die Wichtigkeit der konsequenten Behandlung der bestehenden Gefäßrisikofaktoren, da Frau Schiller unter Bluthochdruck und Diabetes mellitus leidet. Um zu gewährleisten, dass die notwendige medizinische Versorgung nach dem stationären Rehaaufenthalt zielgerichtet fortgesetzt, koordiniert und auch dokumentiert wird, ist die Weiterbehandlung durch einen niedergelassenen Neurologen erforderlich.

Die Angehörigen konnten die Zeit, die Frau Schiller in der Rehabilitationsklinik verbrachte, dazu nutzen, sich auf ihre Heimkehr vorzubereiten. Das Bad wurde behindertengerecht umgebaut, ein Treppenlift eingebaut und es wurde ein Kontakt zur örtlichen Selbsthilfegruppe geknüpft.

Weiterbehandlung am Wohnort

Gemeinsam mit ihrer Familie findet Frau Schiller bald eine Neurologin, die sie in den nächsten Jahren begleiten wird. Diese erklärt ihr erneut, dass es auch nach der Reha besonders wichtig ist, motiviert daran zu arbeiten, alte Fähigkeiten wiederzuerlangen.

Gerade in der ersten Zeit nach einem Schlaganfall ist das Gehirn besonders regenerationsfähig. Deshalb können Schlaganfallpatienten intensiv mit Heilmitteln wie Physio-, Ergo- oder Sprachtherapie versorgt werden. Bei ihnen herrscht ein „besonderer Versorgungsbedarf“. Dieser ist unabhängig von der Schwere der Beeinträchtigung des Patienten.

Frau Schiller bekommt nun regelmäßig Physio- und Ergotherapie und kann schon bald wieder selbstständig mit dem Rollator laufen. Auch im Alltag wird sie wieder unabhängiger. Hin und wieder wird sie von Gefühlsausbrüchen überwältigt, doch da sie und ihr Umfeld wissen, woher diese kommen, können alle gut damit umgehen.

Auch wenn die Folgen eines Schlaganfalls zunächst sehr belastend sind, kann eine gezielte und konsequente Rehabilitation in allen Phasen der Erkrankung vielen Patientinnen und Patienten helfen, diese Folgen zu bewältigen und am Alltag teilhaben zu können.

Über die Autorin

Dr. med. Jürgen Kunz ist Neurologe und Schlaganfallexperte, Facharzt für Neurologie am Neurozentrum Ravensburg und schreibt für die Schlaganfall-Begleitung.