„Ich bin einfach froh, dass er noch da ist“

Foto: Boschmann

Henk Boschman ist erst seit kurzer Zeit in Rente, als ihn ein Schlaganfall ereilt und nicht nur sein Leben auf den Kopf stellt, sondern auch das seiner Frau Josefine. Trotzdem schaffen sie es gemeinsam und mit Hilfe, ihre Freude am Leben wiederzufinden.

Der Vatertag 2015 beginnt für Josefine Bosch-man ganz normal. Sie liegt im Bett und freut sich auf den Tag. Der erwachsene Sohn hat sich zum Weißwurstfrühstück angemeldet, ihr Mann Henk wollte Brezeln holen gehen. Seltsam nur, dass er ihr heute keinen Kaffee ans Bett gebracht hat. Das tut er sonst immer.

Nach dem Duschen und Anziehen geht Boschman runter in die Küche, ihr Mann ist scheinbar noch nicht zurück. Sie steigt in den Keller, um etwas zu holen und sieht ihn dort auf dem Boden liegen. Nicht bewusstlos, aber auch nicht „er selbst“, wie sie erschrocken feststellt.

Der große kräftige Mann versucht verzweifelt, zur Treppe zu robben. Sie kann ihn weder beruhigen noch ihm hochhelfen. Eine Seite seines Körpers ist schlaff und schwer.

Seine Frau ruft den Notarzt, dieser vermutet einen Schlaganfall und lässt Henk Boschman sofort in die Stroke Unit einer größeren Klinik bringen. Der ältere Sohn fährt dem Krankenwagen hinterher, die Ehefrau bleibt zu Hause und wartet auf den jüngeren.

Unwirkliche Situation

Es ist so unwirklich. Henk, ein Jahr jünger als sie, ist ein starker Mann, temperamentvoll und redegewandt. Er ist IT-Spezialist und erst seit wenigen Monaten in Rente. Sie hatten sich so gefreut auf die Zukunft. Josefine Boschman, früher Friseurin, hat nach einer Familienpause eine Ausbildung in Bürokommunikation gemacht und im Vorzimmer der Oberfinanzdirektion gearbeitet. Zusammen sind sie immer viel gereist, nun wollten sie sich ein Wohnmobil zulegen und richtig weit wegfahren.

Dazu wird es nicht mehr kommen, das ahnt Josefine Boschman bereits an diesem Morgen. Die nächsten Wochen verbringt sie wie „in einem Tunnel“. Ihrem Mann geht es schlecht, eine großflächige Gehirnblutung, Lungenentzündung, Sepsis.

Die Ärzte bitten die Familie zum Gespräch. Sollen wirklich alle therapeutischen Möglichkeiten ausgeschöpft werden? Auch wenn man nicht wisse, welche geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen bleiben können, wenn er es überhaupt schafft? Ehefrau und Söhne überlegen nicht lange: „Ja klar.“ Henk ist doch kein alter Mann. Er war doch noch nicht fertig mit dem Leben!

Nach einer Gehirnoperation wird Henk zeitweise ins künstliche Koma versetzt. Danach hängt er noch länger an einer Beatmungsmaschine. Josefine Boschman fährt jeden Tag zu ihm, auch wenn sie nicht weiß, ob er das überhaupt merkt. Überall Kabel und Schläuche, manchmal schaut er sie an, will etwas sagen, kann nicht und schlägt verzweifelt mit dem gesunden Arm gegen die Bettkante.

Zu Hause weint Josefine Boschman stundenlang. Sie hat so Angst, dass er sie nie wieder erkennt, behindert sein wird, für immer im Wachkoma bleibt. Trifft sie Bekannte, geht sie schnell vorbei. Sie weiß, dass die Tränen wieder fließen, sobald man sie nach Henk fragt. Sie kann nichts dagegen tun.

Hilfe von der Psychologin

Ein paar Wochen geht das so, dann sucht ihr Sohn für sie nach einer Psychologin. Die wöchentlichen Therapiegespräche tun ihr gut. Mit der Fachfrau spricht sie über ihre Verzweiflung, nichts tun zu können. „Sie sind da für ihn. Das ist schon sehr viel“, sagt diese. Auch eine Ärztin bestätigt ihr, dass ihre Anwesenheit nicht umsonst ist. Sie könne an ihren Patienten immer den Unterschied sehen. Wer Besuch bekomme, mache viel bessere Fortschritte.

Josefine Boschman traut sich langsam mehr. Sie beginnt zu testen: Wen erkennt ihr Mann? Mit dem Beatmungsschlauch in der Luftröhre kann er nicht sprechen. Sie bittet ihn, mit dem Augen zu zwinkern, wenn er Ja sagen möchte. Aber ob das klappt? Einmal kommt eine gemeinsame Freundin mit ins Krankenhaus. Sie heißt Thea. „Wer ist das?“ fragt Josefine Boschman ihren Mann. „Hanni?“ Keine Reaktion. „Angela?“ Wieder nichts. „Thea?“ Gespannte Stille, dann ein leichtes Augenzwinkern. Sie durchströmt eine große Erleichterung.

Ihr Mann wird in eine Rehaklinik verlegt, 100 Kilometer von zu Hause. Dort verbringt er noch neun Monate. Josefine Boschman, die keinen Führerschein hat, braucht mit dem Zug drei Stunden für den Hin- und Rückweg. Sie kommt trotzdem drei bis vier Mal die Woche und hat den Eindruck, dass er sich freut.

Mittlerweile kann ihr Mann im Rollstuhl sitzen, sie geht mit ihm an die frische Luft, an einer Straße kommen Autos vorbei. Sie testet weiter: Ein VW? Ein Golf? Ein Ferrari? Henk ist ein großer Autoliebhaber. Er nickt, wenn sie richtig liegt. Und scheint zufrieden. Am nächsten Tag aber ist es wieder ein Kampf, ihn zum Aufstehen zu überreden. Er will im Bett bleiben, schimpft, sie bittet, überredet, irgendwann willigt er ein.

Ein neuer Alltag

Das hat sich nicht geändert, sagt Josefine Boschman heute, fünf Jahre später. „Ich muss ihn immer motivieren.“ Henk hat riesige Fortschritte gemacht. Er kann sich mit Worten ausdrücken, auch wenn er manchmal lange nach dem richtigen sucht. Die Körperpflege macht er langsam, aber allein.

Sie haben einen Treppenlift einbauen lassen, und er läuft mit einem Gehstock und schafft damit auch mal kürzere Wege draußen. Aber er würde am liebsten den ganzen Tag in seinem Sessel sitzen, lesen, fernsehen, sagt Josefine Boschman. Das sei schlecht, sagt sie, „Ohne tägliche Bewegung baut er schnell ab, wird unsicherer beim Laufen.“ Auch deswegen haben sie sich geeinigt, dass er im Haushalt hilft. Er holt die Brötchen beim Bäcker um die Ecke, dort kennt man ihn. Er saugt die Teppichböden und räumt die Geschirrspülmaschine aus.

Auch beim Sprechen solle Henk Boschman mehr üben, meint seine Frau und schlägt ihm vor: „Lies doch jeden Tag eine Seite deines Buches laut vor!“ Manchmal fängt er an – und hört auf, sobald sie aus dem Raum ist. Dann streiten sie. „Ich verstehe nicht, warum er nicht erkennt, dass das doch für ihn wichtig ist!“ In solchen Momenten komme es ihr vor, als hätte sie ein Kind zu Hause, sagt Josefine Boschman. Und das ist ein Warnsignal für sie. „Er ist mein Partner und das soll er auch bleiben.“

Aber natürlich hat sich ihre Beziehung verändert. Vor dem Schlaganfall war Henk der Leitwolf. Er hat viel entschieden und geregelt, er hat aber auch immer geschaut, wie es ihr geht. Heute ist er weniger mitfühlend, sagt seine Frau. Er scheint es als selbstverständlich hinzunehmen, dass sie kocht und putzt und beim Spazierengehen geduldig auf ihn wartet.

Trotzdem: Sie fühle fast noch mehr Liebe und Wärme als vorher. Ihr Verhältnis zueinander ist zärtlicher geworden. Sie geben sich Kosenamen, halten sich an der Hand oder nehmen sich in den Arm. „Ich bin einfach froh, dass er noch da ist. Ich hatte ihn ja fast verloren.“

Kontinuierliches Training

Er imponiert ihr auch, weil er unbedingt allein zurechtkommen will. Eine Physiotherapeutin, eine Logopädin und eine Ergotherapeutin kommen wöchentlich ins Haus, trainieren mit ihm und geben wertvolle Tipps: Das Bad etwa ist nicht behindertengerecht, Henk muss sich in der Badewanne duschen. Er setzt sich dort auf ein Sitzbrett, nimmt mit der gesunden Hand die Flasche mit dem Duschgel, drückt einen Klecks auf den Oberschenkel und nimmt das Gel mit der Hand auf.

Aber auch seine Frau trainiert: auszuhalten, dass im Haus nicht immer alles tipptopp läuft. Anzuerkennen, dass sie nicht alles allein schaffen kann. Um Hilfe zu bitten. Rasen mähen, Hecken stutzen, mit ihr zum Baumarkt fahren – Nachbarn und Freunde machen das gerne, aber sie muss sie eben fragen. „Das kommt mir vor wie Bittstellerei.“ Mithilfe der Psychologin lernt sie langsam, sich zu überwinden.

An der Wirklichkeit wachsen

Außenstehende bewundern Henk oft, dass er sich nicht unterkriegen lässt. Der mittlerweile 71-Jährige ist meistens gut gelaunt, beklagt sich so gut wie nie über sein Schicksal. Mit den geplatzten Reiseplänen scheint er nicht zu hadern. Aber seine Frau? „Mir macht es schon etwas aus“, sagt Josefine Boschman leise. Es war ja auch ihr Traum, auf den sie hingearbeitet hat. „Sei froh, dass ihr schon viel auf Reisen wart“, sagten die einen. „Fahr doch mal allein auf Tour!“, die anderen, auch Henk übrigens. Das traut sie sich nicht. Die Familie schenkt ihr eine Woche Verona. Die Reisegruppe besteht nur aus Pärchen, was für eine Enttäuschung! Dann ist es doch ganz schön.

Einmal fährt auch Henk ohne sie weg, der Sohn nimmt den Vater mit auf den Jakobsweg und schiebt ihn im Rollstuhl. Und irgendwann gehen Josefine und Henk Boschman auch wieder zusammen auf Tour. Zwei Wochen Pauschalurlaub auf Teneriffa im Las Americas, dort ist alles rollstuhlgerecht.

Im nächsten Jahr sind sie wieder da. Einmal ist auch Josefines Schwester dabei, eine resolute Frau. Sie schafft es, Henk zu überreden, in den Swimmingpool zu gehen. Josefine lacht, als sie davon erzählt. Das mit Wohnmobil war ein Traum. Das hier ist die Wirklichkeit, und an der wachsen sie beide.

Über die Autorin

Hanna Lucassen ist freie Journalistin und ehemalige Gesundheits- und Krankenpflegerin.