Ratgeber zu Gesprächen am Lebensende – Autorin Anke Nolte im Interview

Lebensende

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Die Journalistin Anke Nolte sprach mit Schwerkranken, Angehörigen, Hospizmitarbeitenden und Palliativmedizinern darüber, wie Gespräche vor dem Hintergrund des nahenden Lebensendes gelingen können. Entstanden ist ein kompakter Ratgeber.

Frau Nolte, warum war es Ihnen so wichtig dieses Buch zu veröffentlichen?

Nolte: Ich schreibe seit über 25 Jahren über Themen im Bereich Medizin und Gesundheit, da kommt irgendwann der Punkt, über das Sterben zu schreiben. In diesem Fall ist zunächst der Verlag mit dem Anliegen an mich herangetreten. Ich habe den Auftrag gerne angenommen, denn es war für mich persönlich an der Zeit, mich dem Thema zu stellen. Zumal mir eine gute Kommunikation im Gesundheitswesen sehr am Herzen liegt.

Wie denken Sie nach Abschluss des Buches über das Sterben? Fühlen Sie sich besser vorbereitet auf die Situationen, die entstehen können und die Sie an vielen Beispielen in Ihrem Ratgeber beleuchten?

Nolte: Nun, zunächst war es für mich eher eine theoretische Auseinandersetzung im professionellen Rahmen. Aber seit einem halben Jahr befinde ich mich persönlich in einer Lage, in der das Thema plötzlich an Bedeutung gewinnt.

Meine 87-jährige Mutter erlitt vor einigen Monaten einen Schlaganfall und ist seitdem schwer beeinträchtigt. Dadurch, dass ich das Buch geschrieben habe, fühle ich mich besser auf diese existenzielle Situation vorbereitet.

Auf das Lebensende vorbereitet sein

Wem empfehlen Sie dieses Buch?

Nolte: Jedem! Ja, im Ernst: Schließlich sollte sich jeder Mensch darüber klar werden, dass er einmal sterben wird. In diesem Zusammenhang spielen dann auch formale Dinge wie Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht eine Rolle.

Auch diese Themen werden in meinem Buch angesprochen. Das Buch richtet sich natürlich insbesondere an schwer Erkrankte und an ihre Angehörigen sowie ihre guten Freundinnen und Freunde, um ihnen zu helfen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein Kapitel widmet sich aber auch Gesprächen zwischen Arzt und Patient.

Was ist Ihnen da bei Ihren Recherchen aufgefallen?

Nolte: Ärztinnen und Ärzte und auch das Pflegepersonal stehen teilweise sehr unter Druck. Oft verhindern schlicht Zeitmangel und Stress ein einfühlsames, klärendes Gespräch. Aber es gibt auch unabhängig davon in diesen Berufsgruppen Menschen, die wenig empathisch sind oder persönliche Schicksale nicht an sich heranlassen können.

Was empfehlen Sie Patienten, die sich nicht gut behandelt fühlen?

Nolte: Als Betroffener habe ich alle Rechte der Welt. Wenn etwas unklar ist, darf ich als Patientin oder Patient den Ärztinnen, Ärzten und Pflegefachkräften Fragen stellen. Und ich sollte meine Meinung und meine Wünsche äußern dürfen. Wenn ich in meinen Bedürfnissen nicht wahrgenommen werde, dann kann ich auch die Ärztin oder den Arzt beziehungsweise die Einrichtung wechseln.

Wohin kann ich mich denn alternativ wenden?

Nolte: Aus meinen Beobachtungen heraus würde ich sagen, dass Palliativmedizinerinnen und -mediziner sowie Hospizmitarbeitende ganz anders in solche Gespräche gehen. Das sind Menschen, die sich bereits intensiv mit den Themen Vergänglichkeit, Sterben und Tod auseinandergesetzt haben und den Betroffenen mit Empathie und ohne Abwehr und Angst begegnen.

Wie gehe ich damit um, wenn ein intensives Gespräch überhaupt nicht zustande kommt?

Nolte: Wenn Menschen in dieser Situation tiefgehende, einfühlsame Gespräche mit dem anderen führen können, dann ist das ein großes Glück. Denn dabei gibt es natürlich jede Menge Stolpersteine. Es kann sein, dass ich als Angehöriger Gesprächsbedarf habe, aber der Erkrankte keine Kraft oder starke Schmerzen hat und sich gar nicht auf ein Gespräch konzentrieren kann.

Oder dass der Erkrankte sein nahendes Ende nicht wahrhaben will. Oder andersherum: Der Erkrankte hat das Bedürfnis, seine Gefühle, Ängste und Sorgen mitzuteilen, aber die Menschen im nächsten Umfeld können es nicht aushalten. Man kann es nur immer wieder probieren und sich an ein Gespräch vorsichtig annähern.

Angenommen mein Gegenüber blockt. Wie kann ich dennoch versuchen, ins Gespräch zu kommen?

Nolte: Ich würde empfehlen, immer von sich selbst zu sprechen, von dem eigenen Empfinden, den eigenen Ängsten und Bedürfnissen. Beispielsweise kann ich formulieren, dass ich mich gerade traurig fühle und gerne darüber reden würde.

Und wie gehe ich damit um, wenn nie ein wirkliches Gespräch zustande gekommen ist und der Erkrankte stirbt?

Nolte: Wenn ein Gespräch nicht stattfinden konnte, dann muss ich das natürlich zunächst akzeptieren. Ich muss es aushalten. Dabei kann ich mir klarmachen, dass ein Gespräch nicht die Lösung für alles gewesen wäre, danach nicht „alles gut“ gewesen wäre. Vielleicht hilft das etwas.

Was wünschen Sie unheilbar erkrankten Menschen?

Nolte: Ich wünsche ihnen, dass sie innerhalb des Gesundheitssystems fachlich gut versorgt werden von Menschen, die zu Empathie fähig sind. Dass ihre Symptome beherrschbar sind und dass sie im privaten Umfeld mindestens einen Menschen haben, mit dem sie über alles sprechen können.

Wünschenswert wäre es auch, dass sie einen Sinn in ihrem Leben sehen und dass sie im Zweifelsfall akzeptieren können, dass man sich nicht mit jedem Menschen versöhnen kann.

Zur Person

Anke Nolte (57) ist studierte Germanistin und freiberufliche Medizinjournalistin in Berlin.

Buch: “Einfühlsame Gespräche am Lebensende. Eine Hilfe für sprachlose Momente” von Anke Nolte, Duden Verlag 2020, 12,40 Euro.

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Auch für die Entlastung der Seele gibt es einen Ratgeber für pflegende Angehörige

Über den Autor

Britta Waldmann, Redakteurin.