Multiple Sklerose: Fünf Fragen zum Krankheitsbild

 

Multiple Sklerose

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Die Lebenserwartung von an Multipler Sklerose erkrankten Menschen liegt heute nur knapp unter der von nicht betroffenen Personen. Mit modernen Therapien können Symptome gelindert und die Lebensqualität positiv beeinflusst werden.

Was ist Multiple Sklerose?

Die Multiple Sklerose, kurz „MS“, ist eine chronische Erkrankung, bei der es zu Entzündungen des Gehirns und des Rückenmarks kommt. Sie führen zur Zerstörung verschiedener Strukturen der Nervenzellen und des Hirngewebes. Die MS tritt meistens im frühen Erwachsenenalter auf, seltener ist ein Erkrankungsbeginn im Kindes-alter oder im höheren Erwachsenenalter.

Ist die Ursache bekannt?

Trotz intensiver Forschung ist es immer noch nicht gelungen, die Ursache der MS genau zu bestimmen. Derzeit lautet die Annahme, dass es sich um eine Fehlreaktion des körpereigenen Immunsystems handelt – also um eine „Auto-Immunerkrankung“. Auch eine Infektion mit Viren, eine gewisse Vererbbarkeit, Umweltfaktoren oder sogar die Geografie (MS ist in nördlichen Ländern viel häufiger als in südlichen Gebieten) spielen wahrscheinlich eine Rolle. Und nachdem Frauen ungefähr doppelt so häufig betroffen sind wie Männer, sollen auch Hormone von Bedeutung sein.

Welche Symptome können auftreten?

Die oben erwähnte Zerstörung von Strukturen der Nervenzellen und des Hirngewebes führt zu einer Unterbrechung oder sogar dauerhaften Störung der Verarbeitung und Weiterleitung verschiedener Reize zwischen den unterschiedlichsten Nervenfasern. Die Symptome können daher so unterschiedlich sein, dass die MS auch als „Krankheit mit den tausend Gesichtern“ bekannt ist: Manche Patientinnen und Patienten (im Folgenden Patienten) zeigen am Anfang nur ein einzelnes Symptom, wie etwa Sehstörungen.

Kurios

Bei starker Hitze (heißes Wetter, Fieber, sehr warmes Vollbad) können sich die Symptome verschlimmern, was als „Uhthoff-Phänomen“ bekannt ist.

Bei anderen sind von Beginn an mehrere Symptome gleichzeitig vorhanden, z. B. Sehstörungen plus Gefühlsstörungen an der Haut. Im Laufe der Zeit können andere Symptome hinzukommen, während manche wieder verschwinden.

Die „tausend Gesichter“ lassen sich auch anhand der Liste der wichtigsten Symptome erkennen. Dazu zählen bspw.:

  • Verschwommenes Sehen, Sehverlust, Schmerzen bei Augenbewegungen, Doppelbilder, Sehstörungen auf einem Auge,
  • Kribbeln, „Ameisenlaufen“, Taubheitsgefühl der Haut,
  • Unsicherheit beim Gehen oder Greifen,
  • Fatigue (starke, anhaltende generelle Schwäche und schnelle Erschöpfbarkeit),
  • Störungen der Blasen- und/oder Darmentleerung,
  • Sprachstörungen, Schluckstörungen, sexuelle Funktionsstörungen,
  • Konzentrationsprobleme,
  • Kopf- und Rückenschmerzen,
  • krampfartige, schmerzhafte Lähmungen der Arme oder Beine,
  • Schwindel,
  • depressive Verstimmung.

Diese große Bandbreite erschwert die Diagnose, denn viele dieser Symptome können auch ganz harmlose Ursachen haben. Zudem gibt es keine Symptome, die ausschließlich bei MS vorkommen. Die Diagnose der Multiplen Sklerose wird daher erst dann gestellt, wenn sich nach einer Reihe von neurologischen und bildgebenden Untersuchungen keine andere Erklärung für die Beschwerden finden lässt.

Wie verläuft die Erkrankung?

Der Verlauf der Erkrankung ist individuell sehr unterschiedlich und daher nicht vorhersehbar. Aus ärztlicher Sicht werden allerdings zwei Hauptverläufe unterschieden: Beim sogenannten „schubförmigen“ Verlauf treten Symptome (Sehstörungen, eine Lähmung) kurzfristig auf und verschwinden dann wieder, zumindest teilweise.

Bei einem von Anfang an „fortschreitenden“ Verlauf werden die Symptome kontinuierlich immer schlimmer, was als „primär progredienter“ Verlauf bekannt ist. Manche Betroffenen haben auch zunächst einen schubförmigen Verlauf, der später auf einen fortschreitenden Verlauf „umsteigt“. Dies wird als „sekundär progredienter“ Verlauf bezeichnet.

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Die Multiple Sklerose ist zwar eine schwere Erkrankung, der Verlauf lässt sich jedoch mithilfe moderner Behandlungen und nicht zuletzt der Unterstützung durch das soziale Umfeld der Patienten lange herauszögern und verbessern.

Grob geschätzt wird ungefähr ein Drittel der Betroffenen zeitlebens einen günstigen Verlauf der Krankheit erleben (nach Krankheitsschüben bilden sich die Beschwerden wieder zurück), bei einem weiteren Drittel treten bleibende Behinderungen auf, jedoch bleibt die Selbstständigkeit erhalten. Für ein Drittel der Patienten bringt die Multiple Sklerose schwerere Behinderungen mit sich. Nur eine Minderheit erleidet sehr schwere Behinderungen.

Wie wirkt sich die Behandlung aus?

Die Therapie zielt dabei darauf ab, die akute Entzündung zu hemmen, die Zeit zwischen Schüben zu verlängern, die Symptome zu lindern und mögliche Komplikationen zu vermeiden. Die Lebensqualität kann ebenfalls häufig entscheidend positiv beeinflusst werden, vor allem auch durch die konsequente Behandlung von Begleiterkrankungen wie Depressionen oder chronischen Erschöpfungszuständen.

Dank der heute verfügbaren Therapien ist der Großteil der Betroffenen, nämlich rund 65 Prozent, auch nach 25 Jahren Krankheitsdauer zumindest gehfähig, benötigt also keinen Rollstuhl, während gut 30 Prozent zu diesem Zeitpunkt sogar noch arbeitsfähig sind. Und: Die Lebenserwartung liegt insgesamt nur wenig unter der von Menschen ohne MS – Männer mit MS haben eine Lebenserwartung von 72 Jahren (vs. 78 Jahre). Bei Frauen mit MS liegt sie bei etwa 77 Jahren (vs. 84 Jahre).

Über die Autorin

Dr. Lydia Unger-Hunt ist Medizinerin und Medizinjournalistin.