Inkontinenz: So schützen Sie bestmöglich die Haut

Inkontinenz

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Bei einer Harn- und Stuhlinkontinenz kann es leicht zu Hautirritationen kommen. Eine gute Pflege ist besonders wichtig, um die Haut zu schützen und intakt zu halten – von der sanften Reinigung der Haut über die richtigen Inkontinenzprodukte bis zu geplanten Toilettengängen.

Duftende Seifen, Intimwaschlösungen, Babycremes – wenn Simone Hartmann-Eisele Menschen mit Inkontinenz berät, präsentieren diese ihr oft eine Vielzahl an ungeeigneten Hautpflegeprodukten. „Meistens sage ich als Erstes: Lassen Sie diese Mittel bitte komplett weg. Sie schützen Ihre Haut damit nicht, sondern zerstören den natürlichen Säureschutzmantel der Haut“, erzählt die Kontinenzberaterin, die am Agaplesion Bethanien Krankenhaus in Heidelberg arbeitet. Denn viele Pflegeprodukte enthalten Alkohol sowie Zusatz- und Duftstoffe. Diese trocknen die Haut aus und verschieben den natürlichen pH-Wert der Haut, der bei 5,5 liegt, vom sauren in den alkalischen Bereich. Dadurch können sich Keime und Pilze leichter vermehren und in die Haut eindringen. Das kann zu schmerzhaften Rötungen und Entzündungen führen.

Risiko Harn- und Stuhlinkontinenz

Vor allem Menschen mit einer Inkontinenz sind durch den beständigen Kontakt mit Urin und/oder Stuhl gefährdet. Feuchtigkeit ist der Hauptrisikofaktor für Entzündungsprozesse im Intimbereich. Hinzu kommen aggressive Substanzen, wie sie zum Beispiel durch den Abbau von Urin oder Stuhl entstehen, etwa Ammoniak. „Dieser hat einen sehr alkalischen pH-Wert und zerstört ebenfalls den natürlichen Säureschutzmantel der Haut“, erklärt Hartmann-Eisele.

Eine Doppelinkontinenz, also das gleichzeitige Vorliegen einer Harn- und einer Stuhlinkontinenz, ist ein besonderes Risiko für Hautirritationen. Kommt es durch den andauernden Kontakt mit Urin und/oder Stuhl zu einer lokalen oberflächlichen Entzündung der Haut, spricht man im Fachjargon von einer Inkontinenz-assoziierten Dermatitis, kurz IAD. Eine IAD kann sich dabei sehr schnell, oft innerhalb von ein bis zwei Tagen, entwickeln.

Dazu muss es aber nicht zwangsläufig kommen. Eine gute Pflege schützt die Haut auch bei Inkontinenz. Das Ziel ist es, Feuchtigkeit in der Intimregion zu vermeiden und eine intakte Hautflora zu erhalten. Entscheidend sind dabei eine gute Hautpflege und die passenden Inkontinenzprodukte. Sehr wichtig ist auch die Förderung der Kontinenz, zum Beispiel durch geplante Toilettengänge. Denn: Jeder erfolgreiche Toilettengang ist eine vermiedene Inkontinenzepisode und schützt damit die Haut.

Tipps für eine sanfte Hautreinigung

Um die ohnehin gefährdete Altershaut effektiv zu schützen, braucht es gute Hautpflegeprodukte. „Menschen mit einer Inkontinenz sollten auf Seife verzichten“, empfiehlt Hartmann-Eisele. Besser seien seifenfreie Produkte und hautneutrale Reinigungssubstanzen (Syndets) mit einem pH-Wert von 5,5. „Am besten ist es, die Haut mit klarem Wasser zu reinigen. Eventuell kann dem Waschwasser auch ein Esslöffel Zitronensaft zugesetzt werden“, sagt die Kontinenzberaterin. Das fördere ein saures Milieu im Intimbereich und unterstütze damit die natürliche Barrierefunktion der Haut. Auch sollte das Waschwasser nur lauwarm sein. Heißes Wasser entzieht der Haut Fett und trocknet sie zusätzlich aus. Nach dem Reinigen wird die Haut behutsam abgetrocknet. Starkes Rubbeln und Reiben sollten dabei vermieden werden.

Generell gilt: Bei der Hautpflege ist weniger oft mehr. Produkte mit Duft- und Zusatzstoffen sollten komplett weggelassen werden. Dazu gehören zum Beispiel Intimwaschlösungen und Babyreinigungstücher. „Problematisch sind auch reine Fett-, Baby- und Zinkcremes, die manchmal noch von Ärzten empfohlen werden“, sagt Hartmann-Eisele. Werden diese nach dem Motto „Viel hilft viel“ dick aufgetragen, müssen sie anschließend wieder mit hohem mechanischem Druck entfernt werden. Zudem verkleben Fettcremes Inkontinenzvorlagen. Dadurch kann die Vorlage den Urin nicht mehr richtig aufsaugen und die Betroffenen liegen oder sitzen im Nassen.

Um gereizte Haut zu schützen, können Barrierecremes oder -sprays genutzt werden. „Die Haut wird dabei mit einem speziellen Wirkstoff benetzt, der sich wie ein Schutzfilm über die Haut legt“, erklärt Hartmann-Eisele. „In der Praxis hat sich gezeigt, dass eine regelmäßige Anwendung dieser Cremes oder Sprays die Mazeration – also das Aufweichen der Haut – verhindern kann.“ Sie sollten jedoch maximal ein- bis zweimal pro Tag eingesetzt werden, dann ist die Haut gut geschützt. Auch gibt es in Apotheken und Sanitätshäusern spezielle Reinigungstücher mit Barrierefunktion. Diese sind auch zur Reinigung zwischendurch geeignet. Denn: „Bei einer Harninkontinenz muss die Intimregion nicht bei jedem Vorlagenwechsel mit Wasser gewaschen werden. Hier können Barrierereinigungstücher eine Alternative sein.“

 

Merke

5 Tipps zur Hautpflege bei Inkontinenz

  1. Hautschäden erkennen
    Bei Personen mit Inkontinenz ist es wichtig, die Haut im Intimbereich gut zu beobachten, um Hautschäden frühzeitig zu erkennen.  Ist die pflegebedürftige Person dazu nicht selbst in der Lage, sollte der ambulante Pflegedienst oder ein Angehöriger diese Aufgabe übernehmen.
  2. Haut sanft reinigen
    Die Intimregion mit klarem, nicht zu warmem Wasser reinigen, beim Abtrocknen nur vorsichtig tupfen und nicht rubbeln. Werden Waschzusätze genutzt, sollten diese dem natürlichen pH-Wert der Haut nahekommen (pH 5,5). Die Intimregion nach jeder  Stuhlausscheidung zeitnah reinigen und die Vorlage wechseln. Nach jeder Urinausscheidung ist das aber nicht erforderlich. Zu  häufiges Waschen trocknet die Haut aus.
  3. Feuchtigkeit erhalten
    Grundsätzlich ist die Altershaut trockener und damit anfälliger. Für die Haut älterer Menschen können rückfettende Produkte verwendet werden, zum Beispiel Wasser-in-Öl-Emulsionen (d. h. wenig Wasser in viel Öl). Konservierungs- und Duftstoffe sind zu vermeiden, denn diese trocknen die Haut zusätzlich aus.
  4. Hautschutzprodukte verwenden
    Bei häufigen Inkontinenzepisoden oder wenn gleichzeitig eine Harn- und Stuhlinkontinenz vorliegen, können Hautschutzprodukte mit Barrierefunktion eingesetzt werden. Diese legen sich wie ein schützender Film über die Haut. Sie sind in Apotheken oder  Sanitätshäusern erhältlich.
  5. Bei Bedarf Therapie einleiten
    Wenn bereits nässende oder blutende Stellen vorliegen, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Es können auch Salben erforderlich sein, die ein Antibiotikum oder Wirkstoffe gegen Pilze enthalten. Diese sind jedoch nur zur Behandlung und nicht vorbeugend  einzusetzen. Die betroffenen Hautareale müssen zudem vor Urin und Stuhl geschützt werden. Dazu kann eine Seitenlage indiziert  ein, aber auch spezielle Harn- und Stuhlableitungen.

Das richtige Inkontinenzhilfsmittel finden

Auch gute Inkontinenzprodukte schützen die Haut vor Feuchtigkeit. „Moderne aufsaugende Hilfsmittel haben ein Granulat im Hilfsmittelkern, den sogenannten Superabsorber. Dieser quillt im Kontakt mit Urin auf und bildet ein Gel“, erklärt Dr. Daniela Hayder-Beichel, Pflegewissenschaftlerin an der Hochschule Niederrhein und Inkontinenzexpertin. „Dadurch ist der Urin sicher aufgenommen und bleibt in der Vorlage. Damit ist die Haut vor Rücknässe geschützt.“ Grundsätzlich können moderne aufsaugende Hilfsmittel über mehrere Stunden und für mehrere Urinabgänge genutzt werden. Dennoch sollten sie mehrmals täglich und nach jeder Stuhlausscheidung so zeitnah wie möglich gewechselt werden.

Wichtig sei es, gemeinsam mit dem Betroffenen das richtige aufsaugende Hilfsmittel zu finden, empfiehlt Hayder-Beichel. Welches Produkt am besten geeignet ist, hängt von der Menge der Ausscheidung, der Körpergröße, aber auch der Selbstständigkeit und Mobilität des Betroffenen ab. Manchmal können auch mehrere Hilfsmittel infrage kommen – je nach Aktivität, Situation und Tageszeit. „Sinnvoll ist, dass Betroffene mehrere Produkte ausprobieren, bis sie ein Inkontinenzprodukt finden, mit dem sie sich wohlfühlen“, rät Hayder-Beichel. Trotz Hilfsmittel sollte jeder Mensch mit Inkontinenz aber weiter unterstützt werden, die Toilette aufzusuchen. „Ein gutes Hilfsmittel entbindet in keinem Fall von der Grundidee der Kontinenzförderung.“

Wenn möglich sind offene Inkontinenzprodukte zu bevorzugen. „Diese lassen Luft an die Haut und vermeiden einen Wärmestau. Eine Vorlage mit Netzhose ist somit eher zu empfehlen als ein Inkontinenzslip mit Klebestreifen an der Seite“, sagt Hartmann-Eisele. In der Praxis beobachtet die Kontinenzberaterin häufig typische Fehler, die im Umgang mit Inkontinenzprodukten gemacht werden: Es werden zum Beispiel mehrere Vorlagen ineinandergelegt, um den Schutz vermeintlich zu erhöhen, oder es werden zusätzlich Produkte für die Monatshygiene genutzt. Diese haben aber keinen Superabsorber und schützen nicht vor Rücknässe. Es sollten deshalb wirklich ausschließlich Produkte für Inkontinenz eingesetzt werden.

Stuhlinkontinenz ist besondere Herausforderung

„Eine reine Harninkontinenz stellt nur in Ausnahmefällen ein Problem dar“, weiß Hartmann-Eisele. Problematischer sei der beständige Kontakt der Haut mit Stuhl oder Durchfällen. Hier sei es entscheidend, nach einer Stuhlausscheidung zeitnah mit pH-neutralen Waschsubstanzen zu reinigen und die Haut mit Barrierecremes zu schützen. Gelinge dies nicht ausreichend, zum Beispiel bei Durchfällen oder Stuhlschmieren, komme es schnell zu Hautrötungen und Entzündungen. Meist helfe dann nur, den Kontakt von Stuhl zur Haut komplett zu vermeiden.

Ein mögliches Hilfsmittel stellen dabei Analtampons dar: Sie funktionieren ähnlich wie Tampons zur Monatshygiene, werden aber ins Rektum eingeführt und sollen unfreiwilligen Stuhlverlust zurückhalten. „Allerdings können Analtampons nur bei orientierten Menschen eingesetzt werden“, schränkt Hartmann-Eisele ein. „Auch ist die Akzeptanz der Anwender nicht besonders hoch, viele beklagen ein Fremdkörpergefühl.“

Ein weiteres Hilfsmittel sind Fäkalkollektoren. Dies sind Stuhlauffangbeutel, die mit einer Hautschutzplatte über den Anus aufgeklebt werden. „Das kann allerdings schwierig sein, wenn die Haut schon vorgeschädigt ist“, weiß die Kontinenzberaterin. Manchmal könne auch ein Stuhltraining helfen, bei dem die Betroffenen zu bestimmten Zeiten mithilfe eines Zäpfchens abführen. Insgesamt seien die Möglichkeiten bei Stuhlinkontinenz aber begrenzt.

Guter Hautschutz ist möglich

Bei einer reinen Harninkontinenz sind bei guter Hautpflege, den richtigen Inkontinenzhilfsmitteln und regelmäßigen geplanten Toilettengängen jedoch schnell Erfolge zu verzeichnen. „Betroffene und Angehörige arbeiten sehr gut mit uns zusammen, wenn die erforderlichen Maßnahmen verständlich erklärt werden“, so die Erfahrung der Kontinenzberaterin Hartmann-Eisele. „Werden die Maßnahmen zum Hautschutz konsequent umgesetzt, kann man den Erfolg von Tag zu Tag sehen.“

 

Über die Autorin

Brigitte Teigeler ist Journalistin und Diplom-Pflegewirtin.