Humor für pflegende Angehörige: Wenn die Banane zum Telefon wird

Humor

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Pflegende Angehörige meistern täglich einige Herausforderungen. Trotzdem ist es wichtig, sich den Humor im Alltag zu bewahren. Wir geben Ihnen Tipps, wie Sie dies schaffen können. 

Viele Sätze, Sprichwörter oder Kalendersprüche über Humor sind bekannt. „Lachen ist die beste Medizin!“, „Humor ist, wenn man trotzdem lacht!“ oder „Der Arzt wohnt in dir selbst und lacht!“. Sie haben mindestens zwei Dinge gemeinsam: Sie hören sich einleuchtend an, allerdings gelingt uns die Umsetzung im Alltag nicht regelmäßig.

Ein bunter Blumenstrauß an Angeboten, Ideen und Anregungen soll Sie dabei unterstützen: Nehmen Sie sich die Blumen heraus, die zu Ihnen passen und die Sie im Alltag nutzen können.

Mal sind Sie der Fels in der Brandung, mal das Wasser

Der Hintergrund dieser Metapher ist die Tatsache, dass Sie in der Betreuung Ihrer Lieben multiplen Anforderungen gegenüberstehen. Auf der einen Seite sind Sie der starke Rückhalt, der mit Verlässlichkeit die Pflege im eigenen Heim organisiert. Auf der anderen Seite müssen Sie manchmal kreativ, flexibel und spontan auf neue Situationen reagieren können.

Das bedeutet etwas sehr Wichtiges: Sie können sehr stolz auf sich sein! Sie bewältigen täglich einen Drahtseilakt auf zwei Drähten! Wenn Sie ein positives Selbstbild von sich haben, dann strahlen Sie diese innere Haltung auf Ihr Umfeld aus. Da diese Haltung für gewöhnlich nicht vom Himmel fällt, müssen Sie sich darum kümmern (auch das noch!).

Die eigene Widerstandsfähigkeit stärken

In der Psychologie wird diese Fähigkeit mit dem Begriff der Resilienz zusammengefasst. Er beschreibt – vereinfacht ausgedrückt – die Eigenschaft, gestärkt aus einer Krise hervorzugehen oder schneller durch eine Lebenskrise zu kommen. Ähnlich einer Bambuspflanze, die sich in einem Sturm zur Seite neigt und, sobald der Sturm nachlässt, wieder stabil und aufrecht steht. Sie ahnen es sicherlich schon: Diese Resilienzfaktoren sind erlernbar und Sie müssen sich wieder selbst um sich kümmern! Es gibt verschiedene Faktoren, die sehr gut helfen, Ihre persönliche Widerstandsfähigkeit zu steigern.

Akzeptieren lernen

Ein wichtiger Punkt ist eine gelebte Akzeptanz. Der Satz „Du bist hier nicht bei ‚Wünsch dir was‘, du bist hier bei‚ So ist es!‘“ beschreibt es sehr gut. Akzeptieren Sie Ihre Situation und fangen Sie an, nach Lösungen zu suchen. Solange Sie hingegen mit Ihrem Schicksal hadern, fallen die Lösungssuche (und der Humor!) schwer. Es bedeutet nicht, dass Sie alles super finden müssen. Die Haltung, Situationen so anzunehmen, wie sie sind, lässt Sie zunehmend ins Handeln kommen. Sie werden wieder die Kapitänin oder der Kapitän auf Ihrem Schiff.

Soziale Kontakte pflegen

Ein weiterer Punkt ist die Pflege und Gestaltung Ihrer sozialen Kontakte. Stabile soziale Faktoren sind der Schlüssel, das Leben – mit all seinen Widrigkeiten – lebens- und liebenswert zu machen. Ebenso können Sie sich bei Selbsthilfegruppen Unterstützung zu behördlichen oder fachlichen Fragen einholen. Nutzen Sie die mobilen medialen Möglichkeiten, um Freunde, Nachbarn oder Familie anzurufen. Lassen Sie sich in die Welt der Videotelefonie z. B. von Ihren Enkeln einweisen und genießen Sie den „kurzen Draht“.

Ebenso ist eine positive Denk- und Handlungsweise wichtig, damit Sie entspannter miteinander lachen können. Fördern Sie die Eigenständigkeit und „feiern“ Sie Erfolge.

Was hat das alles mit Humor zu tun?

Gemeinsam erlebter sozialer Humor braucht eine stabile Basis. Resilienz erhöht diese Stabilität und festigt Ihre Persönlichkeit.

Pflegen und lachen Sie miteinander

Die Pflege eines lieben Menschen ist fast komplexer als die Arbeit von Pflegenden in Krankenhäusern oder Seniorenheimen. Sicherlich ist Ihr Zeitdruck nicht so immens, dennoch sind Sie als „Laie“ in pflegerischen Fragen gleich mehrfach gefordert. Neben den fachlichen Ansprüchen müssen Sie z. B. die Kommunikation mit der Kranken- oder Pflegekasse leisten, Termine koordinieren und lernen – wider dem ersten Impuls heraus, alles für Ihren Angehörigen tun zu wollen –, zunächst die Eigenständigkeit zu fördern.

Emotionale Nähe nutzen

Die größte Herausforderung jedoch ist die enorme emotionale Nähe, die Sie zu Ihren Lieben haben. Nutzen Sie diese zu Ihrem Vorteil! Sie erkennen die „emotionale Großwetterlage“ zuerst und können am besten einschätzen, ob überhaupt und welche Dosis von Humor angebracht ist. Die Empathie als Fähigkeit, sich in Ihr Gegenüber hineinversetzen zu können, ist der Schlüssel zum Herzen. Gehen Sie in den Schuhen des anderen und schauen Sie mit den Augen Ihrer Angehörigen. Reden Sie über Wünsche und nutzen Sie die Mahlzeiten als kleine und wichtige Möglichkeit, sich den Tag zu verschönern.

Eine eigene „Humorbiografie“ erstellen

Eine eigene „Humorbiografie“ kann helfen, Fröhlichkeit in den Alltag zu bringen. Worüber lachen Sie gemeinsam gern? Wen finden Sie komisch? Mit wem (oder über wen) lachen Sie? Gibt es Fernsehsendungen, die Sie besonders mögen? Ja? Dann los! Entscheiden Sie sich am Abend bewusst nicht für den nächsten Krimi, die fünfte Nachrichtensendung, die sechste Corona-Sondersendung oder „Aktenzeichen XY … ungelöst“. Suchen Sie das aus, was Ihnen gut gefällt und vor allem guttut!

Gehen Sie mit der Zeit – lachen Sie in der Zeit

Hier wartet auch schon der nächste Spagat auf Sie! Das Pflegen von Ritualen gibt Beständigkeit und Sicherheit. Sie wissen, was kommt und das ist gut so. So richtig Würze in den Alltag bringt die Frage, welche Sie gern gemeinsam beantworten können: „Wann haben wir das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“ Blicken Sie bewusst über den Tellerrand und genießen Sie von dort aus eine andere Perspektive.

Eine andere Sicht auf die Dinge haben

Was Humor auf jeden Fall leisten kann, ist eine neue Sichtweise auf die Dinge. So kann eine Haarbürste schnell zum Mikrofon werden, ein Kochlöffel zur hervorragenden Balalaika oder die Banane zum Telefon! Spielen Sie mit Ideen, Sprache (Können Sie einen Dialekt?) und entfremden Sie Gegenstände. Das ist aber albern! Genau!

Jeder Punkt für sich allein ist vielleicht nicht besonders humorvoll, aber die Summe der vielen kleinen positiven Dinge am Tag ist entscheidend. Humor muss nicht immer laut sein. Ein Lächeln, ein Schmunzeln, ein dankbarer Blick und ein liebes Wort sind genauso wichtig wie das schallende Gelächter. Es hilft Ihnen, Ihren persönlichen Akku wieder aufzuladen.

Freuen Sie sich jeden Tag, dass Sie in Gemeinschaft zu Hause leben. Begreifen Sie jeden Tag als Geschenk und seien Sie sich gewiss: „Niemand kann das Spiel des Lebens gewinnen, wir können es alle nur spielen.“

Neugierig bleiben

Gestatten Sie mir noch eine nautische Metapher zum Abschluss. Das Leben ist ein Ozean und die Liebe ist Ihr Boot. Bewahren Sie sich Ihren Humor und Sie behalten das Ruder in der Hand. Natürlich ist ein Hafen der sicherste Ort für ein Schiff, aber dafür wurde es nicht gebaut.

Seien Sie mutig und bleiben Sie neugierig. Dann wird es Ihnen leichter fallen, Ihren besonderen Alltag zu meistern. Viel Glück!

 

 

Über den Autor

Matthias Prehm ist Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie, Inhaber der Seminaragentur HumorPille und Buchautor.