Die Bedeutung des Gartens im Alter: „Der Garten ist unser Leben – er bestimmt unseren Alltag“

Garten

Christl Weber

Freude, Ertrag und Familienleben: Der Garten bietet viele Möglichkeiten der Abwechslung – auch im Alter – und kann Teil des Lebens werden. Das veranschaulichen die Erfahrungen des Ehepaars Christl und Erich.

Im März dieses Jahres lag noch Schnee auf den Beeten, der nur langsam schmelzen wollte. Sobald die Sonne ein wenig Wärme zugab, lugten kleine Pflänzchen durch die Lücken in der Schneedecke. Einige Zeit später öffneten sich bereits die gelben Blüten der Winterlinge, sie reckten und streckten sich der Sonne entgegen und lockten die ersten Bienen an. Die Natur war wieder erwacht: eine echte Augenweide für die Eheleute Christl und Erich, die beide über 80 sind.

Der Garten hat für sie in den letzten Jahren eine immer höhere Wertigkeit bekommen. Lag früher die Leidenschaft im Wandern in den Bergen und auf der Schwäbischen Alb, hat sich seit einigen Jahren der Fokus immer mehr auf den Garten hin konzentriert: kein Tag ohne Garten. „Ein Garten ist einem Wandel unterzogen, das macht es interessant.“

Nutzgarten

Für Erich als ehemaligen Ingenieur bietet der Garten vor allem als Nutzgarten viele Möglichkeiten und ist beeinflussbar. Erich macht jedes Jahr im Februar/März Pläne zur Anordnung der Pflanzen: Was kann in welcher Menge an welchem Ort mit welchen anderen Pflanzen gesetzt und gezogen werden. Nicht alles verträgt sich. Man muss wissen, wann der richtige Zeitpunkt ist, etwas anzupflanzen, wann der Boden die richtige Temperatur hat, wann die Setzlinge sprießen werden.

Neben den eigenen Erfahrungen finden die beiden in ihrer „Kartoffel-Bibel“ oder dem Garten-Tageskalender von Gärtner Pötschke wertvolle ergänzende Literaturhinweise. Der Ertrag der Kartoffeln ist in der Regel eins zu zehn: Es wird gesetzt und das Zehnfache davon geerntet.

Ein guter Schnitt, doch nicht immer geht die Planung auf. Starker Regen oder Unwetter können nicht reguliert werden und so wird auch mal eine Ernte in kürzester Zeit durch diese Naturgewalten verhagelt.

Tomaten werden angezüchtet – am besten auf der Fensterbank im Wohnzimmer, damit sie stark genug werden, um sie auszusetzen. Ein Gewächshaus hat sich als besonders wertvoll erwiesen – Christl schenkte es ihrem Mann zum Ruhestand: ein wahrer Segen.

Neben Zwiebeln, die „immer im Keller sein müssen“, gibt es vor allem Bohnen, Radieschen, Brokkoli und „alles, was uns schmeckt“. Im Spätjahr kommen Wintersalate und Spinat dazu – so kommt man durch das ganze Jahr. Während früher eingekocht wurde, ist heute die Tiefkühltruhe eine Schatztruhe für frische eigene Lebensmittel.
Besonders die Kartoffel ist den beiden wichtig, sie taucht vielfältig im Alltag auf.

Für Kartoffeln gibt es verschiedene Anpflanzzeiten – wie ein schwäbischer Spruch sagt: „Setzsch mi im April, komm i wann i will, setzsch mi im Mai, komm i glei.“ Kartoffeln sind kälteempfindlich und müssen bis zu den Eisheiligen Mitte Mai auch immer wieder abgedeckt werden.

Naturwissen für Generationen

Alle Kinder und Enkel haben gelernt, „wo die Kartoffel herkommt“ und wie sie geerntet wird: Wichtiges Naturwissen wird hier an die nächsten Generationen weitergegeben. Für den schwäbischen Kartoffelsalat hat Erich eine eigene „Rädlesma-schine“ erfunden, sodass sich Christl um die geschmackliche Zubereitung kümmern kann und der Salat stets in gemeinschaftlicher Produktion erfolgt – ein leckerer Salat, der „schwätzt“ und schmeckt, eine echte Leibspeise.

Nach einer ernsten Erkrankung von Erich gewann der Garten erneut an Bedeutung. In der Erholungsphase kam damals unverhofft die Aufforderung von Erich: „Wir müssen Kartoffeln setzen.“ Die beiden Säckchen mit Setzkartoffeln konnte er wieder selbst mit den eigenen Händen in den Boden bringen: Die Rückkehr ins Leben war geschafft – auch dank der Kartoffel.

Ziergarten

Neben dem Wirtschaftsteil des Gartens gibt es einen Ziergarten: einen Stein- und Staudengarten. Das Besondere hier: Jeder Stein ist von der Schwäbischen Alb bei den unzählig vielen Wanderungen mitgebracht und im Garten eingefügt worden – eine Art Lebensgarten der letzten 50 Jahre.

Die Pflänzchen sind gekauft oder geschenkt, und der Garten ist im stetigen Wandel – eine unendliche Ansammlung kleiner Schildchen der Pflanzen zeugt davon. Manches wächst mehrjährig von alleine, Stauden werden nach einigen Jahren ausgegraben, geteilt und wieder neu eingepflanzt.

Der Garten lädt auch ein, um mit Menschen, die man mag, Zeit darin zu verbringen und Feste zu feiern. Für die Enkel wurden in frühen Jahren Änderungen eingebaut: ein Sandkasten, später ein Planschbecken, eine Gartendusche, ein Volleyballfeld – immer im Einklang mit den Tomaten und Kartoffeln. Das freie Herumtoben für die inzwischen erwachsenen Kinder und Enkel war für alle ein Highlight.

Gartenleidenschaft

Nicht immer wird im Garten „geschafft“ und gearbeitet – wenn aber Aufgaben anstehen, werden diese selbstredend erledigt. „Sobald man im Garten ist, ist man ein anderer Kerle“, die persönliche Zufriedenheit hebt Erich besonders hervor. Manchmal müssen sich die beiden ein wenig aufraffen.

„Wenn ich mal schief gewickelt bin, es mir psychisch nicht so gut geht – dann gehe ich in den Garten, das Gruble tut mir gut und nach zwei Stunden geht es mir besser.“ Und Christl verweist dabei auf ein Gedicht von Hermann Hesse (aus: Freude am Garten, 2012):

Christl und Erich hatten als Kinder bei den Großvätern entweder in den Gärten mitgearbeitet oder kleine süße Erdbeerfrüchte ernten dürfen. „Der Samen einer Gartenleidenschaft wird im Kindesalter gelegt.“ In dieser Zeit wurden Grundlagen für das spätere Gärtnern geschaffen, wobei der Garten in der Nachkriegszeit das Überleben gesichert hatte.

Für Erich ist das Kompostieren eine eigene Kunst der Umschichtung und Zusammensetzung im dreijährigen Rhythmus. „Ein guter Komposthaufen ist das Sparschwein vom Gärtner.“

Hochqualitativer Humus ist das letztliche Resultat, das sich auch durch das Durchschlagen des Komposts durch ein Gitter ergibt – ergänzt mit einer kleinen Anekdote: Vor drei Jahren war beim Kompostieren der Ehering von Erich verloren gegangen, vor zwei Jahren kam er beim Durchschlagen wieder zum Vorschein – ein lebensfroher Kreislauf.

Gartenpensum

Mit den Jahren schwinden die Kräfte und damit in direktem Zusammenhang die Möglichkeiten der Bewirtschaftung und Bearbeitung. Christl und Erich gehen diesen Prozess mit der klaren Botschaft: „Man muss sich auch fordern und etwas zutrauen und es nicht gleich streichen.

Man darf nicht zu schnell aufgeben. Man hat eine Aufgabe.“ Der Garten und das Pensum müssen aus ihrer Sicht dann angepasst werden, wenn beide merken, dass es gegenseitig nicht mehr machbar ist, dann wird Rasen eingesät. „Zum Tyrann darf der Garten nicht werden.“

Vor einiger Zeit wurde dann das Rasenmähen für beide zu anstrengend – ein Rasenroboter war die Lösung. Dieser motorisierte Helfer wurde „Aloisius“ getauft und als erweitertes Garten- und Familienmitglied aufgenommen. Verlässlich dreht er seine Runden.

Man macht sich Sorgen, wenn er mal nicht läuft, und kümmert sich um angemessene Wartung und Pflege – eine durchdachte Technik und eine Bereicherung, denn er entlastet und gibt Möglichkeiten für andere Tätigkeiten im Garten.

Im Alltag von Christl und Erich geht es um Gartenfreude, Gartenertrag und Gartenleben mit Familie und Freunden. „Wir zwei ohne Garten, das wäre eine Katastrophe.“ Bald steht die diamantene Hochzeit an – der Garten wird wieder eine besondere Bedeutung erhalten.

In Zeiten von Corona braucht es Abstand und Luft – der Garten ermöglicht beides. Das Fazit von Christl und Erich: „Der Garten ist ein Lebensinhalt. Wir sind dankbar, dass wir ihn haben.“

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Über den Autor

Almut Hartenstein-Pinter, examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, Lehrerin für Pflegeberufe sowie Pflegewissenschaftlerin an der Universität Witten/Herdecke, Department für Pflegewissenschaft.