Für den Ernstfall vorsorgen

Ernstfall

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Millionen Menschen in Deutschland sind aufgrund von Erkrankung oder Behinderung auf die Pflege durch einen Angehörigen angewiesen. Dieser hat meistens den Überblick über die Gesamtsituation und managet den Pflegealltag. Was passiert aber, wenn der pflegende Angehörige plötzlich durch einen Unfall oder einen Schlaganfall selbst auf Pflege angewiesen ist? Und was passiert in einer solchen Situation mit demjenigen, den diese Person gepflegt hat?

Seit seiner Krebserkrankung ist mein Großvater auf Pflege angewiesen. Bisher hat meine Großmutter diese Aufgabe übernommen. Sie hat sich um die Arzttermine gekümmert, ihm im Alltag geholfen und dafür gesorgt, dass er seine Medikamente pünktlich nimmt. Sie stand im Kontakt mit der Krankenkasse und der Pflegekasse, hatte die Unterlagen im Blick und kümmerte sich um die Finanzen.

Als sie plötzlich einen Schlaganfall samt Hirnblutung erlitt, war sie nach diversen Operationen praktisch von einem Tag auf den anderen selbst auf Pflege angewiesen. Sogar mehr als mein Großvater, da sie nun im Rollstuhl sitzt und im Alltag sehr viel Hilfe braucht.

In der Zeit, in der sie im Krankenhaus war, mussten meine Eltern und meine Tante die Pflege meines Großvaters übernehmen. Später zusätzlich auch die Pflege meiner Großmutter. Meine Großeltern hatten in gewisser Weise dennoch Glück, dass sie viele weitere Familienangehörige in der Nähe haben, die in diesem Fall einspringen und die häusliche Pflege gemeinsam übernehmen können.

Was aber passiert mit pflegebedürftigen Menschen, die sonst niemanden mehr haben, der sich um sie kümmert, wenn der Pflegeperson etwas passiert?

Netzwerk für den Ernstfall aufbauen

„Es ist wichtig vorzusorgen und sich ein Netzwerk für den Notfall aufzubauen, auf das man zurückgreifen kann“, empfiehlt Alexandra Daldrup, Referentin mit den Schwerpunkten „Gesundheitsschutz für nicht erwerbsmäßig Pflegende“, „Selbstsorge und psychische Belastung“ sowie „Netzwerkbildung“ bei der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen. Sie hat an dem Ratgeber „Handlungshilfen für pflegende Angehörige“ mitgeschrieben, der wichtige Tipps zur Organisation der Pflege von Angehörigen enthält.

„Dazu sollten pflegende Angehörige zu der einen oder anderen Institution telefonisch Kontakt aufnehmen. Dies sollte schon im Vorhinein geschehen, um sich darüber zu informieren, wie diese Institutionen arbeiten und für welche Situationen diese Unterstützung anbieten“, schreibt Daldrup in dem Ratgeber.

Nicht verpassen: Pflegekasse übernimmt Kosten für Online-Pflegekurs

Pflegende Angehörige haben einen gesetzlichen Anspruch auf einen kostenfreien Schulungskurs. Die Kosten für den zertifizierten Online-Pflegekurs von “Angehörige pflegen” werden von jeder Pflegekasse komplett übernommen.

Sie empfiehlt deshalb, eine Pflegeberatungsstelle oder einen Pflegestützpunkt in das eigene Netzwerk einzuplanen und mit ihnen in Kontakt zu treten, weil pflegende Angehörige dort die Organisation der häuslichen Pflege und Betreuung des erkrankten Menschen mit jemandem besprechen können, der sich in dem Bereich gut auskennt und dem die Angebote der jeweiligen Stadt bekannt sind.

„Pflegende Angehörige können auch nahe Verwandte oder beste Freundinnen einplanen, jedoch sollten sie auch vorher mit ihnen darüber sprechen, inwieweit sie sich dazu bereit erklären, im Notfall – auch wenn dieser mitten in der Nacht sein sollte – für sie da zu sein oder ihnen zur Hilfe zu eilen.“

Notfallkarte

Für den Fall, dass man als pflegender Angehöriger gerade unterwegs ist und einem etwas passiert, sei es ein Unfall oder ein plötzlicher medizinischer Notfall, und man niemanden informieren kann, gibt es außerdem Notfallkarten. Eine Notfallkarte enthält die Information, dass man für die Pflege einer Person verantwortlich ist, sowie einen Notfallkontakt, der benachrichtigt werden soll. Die Karte ist so groß wie eine Visitenkarte und sollte sich stets im Geldbeutel oder der Handtasche befinden, am besten so, dass sie im Ernstfall schnell gefunden wird. Dabei kann zum Beispiel ein Haftnotizzettel auf dem Portemonnaie helfen oder die Karte direkt zum Personalausweis zu legen.

Auf der Karte sollte die Information vermerkt werden, dass zu Hause eine pflegebedürftige Person auf Ihre Hilfe angewiesen ist und Sie die Hauptpflegeperson sind. Außerdem sollte darauf die Telefonnummer einer Kontaktperson stehen, die im Notfall benachrichtigt werden soll. Dieser Notfallkontakt kann ein anderer Angehöriger, Freund oder Nachbar sein. Wichtig ist, vorher mit dieser Person abzusprechen, dass sie der Notfallkontakt ist, und zu klären, ob sie im Zweifelsfall auch die Pflege übernehmen kann. Die Infos sollten auf der Karte gut leserlich vermerkt sein.

Betroffene erhalten eine Notfallkarte zum Ausfüllen kostenlos beispielsweise beim Bundesweiten Pflegenetzwerk und dessen Partnern wie Apotheken, Pflegediensten, Arztpraxen, Selbsthilfegruppen, Pflegeeinrichtungen und weiteren. Zudem können die Notfallkarten auf der Webseite des Bundesweiten Pflegenetzwerks angefordert werden. Im Internet gibt es zudem Notfallkarten zum Ausdrucken, beispielsweise auf der Webseite: inklusionspflege.de und der Webseite der Unfallkasse NRW. Bei letzterer gibt es zusätzlich eine Notfallcheckliste für pflegende Angehörige und hilfsbedürftige Personen.

Über die Autorin

Kristina Stein ist Redakteurin im Bibliomed-Verlag.