Familiale Pflege: Demenz und Depression

Familiale Pflege: Demenz und Depression

(c) canva

Die familiale Pflege soll Betroffene und Angehörige nach der Entlassung aus einer stationären Einrichtung im häuslichen Umfeld unterstützen. Bei rein körperlichen Erkrankungen gelingt das den Pflegetrainerinnen recht einfach. Eine besondere Herausforderung stellt jedoch die Arbeit mit psychisch Kranken, vor allem mit Demenz und Depression, und ihren Angehörigen dar, wie Fachgesundheits- und Krankenpflegerin Brigitta Braß-Horlemann berichtet.

Hilfe für Angehörige von Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen

Seit 10 Jahren ermöglicht das Angebot der familialen Pflege Menschen nach ihrer Entlassung aus einem Krankenhaus, zu Hause weiter betreut zu werden. Das bedeutet, dass Betroffene und Angehörige während der Überleitung aus einer Einrichtung bei Bedarf bis zu 6 Wochen eine Pflegetrainerin zur Seite gestellt bekommen. Diese unterstützt beispielsweise bei der Beschaffung von Hilfsmitteln oder vermittelt Pflegetechniken. Im Bereich der psychiatrischen Erkrankungen ist das jedoch erst seit 2013 möglich. Seitdem sind psychiatrische Krankenhäuser in das Modellprogramm “Familiale Pflege” der Universität Bielefeld eingebunden.

Fachgesundheits- und Krankenpflegerin Brigitta Braß-Horlemann aus Nettetal im Kreis Viersen ist seit über 30 Jahren in der Psychiatrie tätig und schult seit 3 Jahren als Pflegetrainerin Angehörige von Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen, insbesondere die von Demenzkranken oder Depressiven, in der familialen Pflege.

Demenz und Depression in der familialen Pflege

Im Gegensatz zum Pflegetraining bei somatischen Erkrankungen, so die Beobachtung der 55-Jährigen, gibt es im häuslichen Umfeld bei Menschen mit Demenz immer wieder Probleme in Bezug auf Aggressionen, Angst und Unruhe.

Bei Menschen mit Depressionen stehen dagegen häufiger Probleme in der Kommunikation im Vordergrund. “Depressive Menschen sind in Mimik und Gestik stark eingeschränkt. Angehörige empfinden deshalb den Betroffenen dann häufig als gefühllos und sehen sich selbst nicht wertgeschätzt. Es findet häufig nur noch ein mechanischer Austausch von Informationen statt, und der Angehörige kommt früher oder später an den Punkt, die Beziehung infrage zu stellen”, berichtet Brigitta Braß-Horlemann.

Verständnis für ein Krankheitsbild schaffen

Nun sei es an ihr, in individuellen Pflegetrainings, Verständnis für das Krankheitsbild zu schaffen, Angehörigen neue Handlungsstrategien aufzuzeigen und Hoffnung auf Besserung zu vermitteln. Innerhalb der 6 begleitenden Wochen geht sie maximal 6 Mal für 1,5 Stunden in die Familien.

“Es entsteht eine intensive Beziehung, die ich nach der Zeit auch professionell beenden muss”, sagt Braß-Horlemann. Wenn sie die Familien verlässt, hat sie viele Inhalte ihres Pflegetrainings individuell behandelt.

Dazu gehören

  • Umgang mit Menschen mit Demenz oder Depression
  • Grundversorgung unter Berücksichtigung der speziellen Bedürfnisse des Erkrankten
  • Strukturierung und Planung des Tagesablaufs unter Berücksichtigung der speziellen Bedürfnisse des Erkrankten
  • Erkennen von Symptomen
  • Kommunikationsschulung
  • Angemessener Umgang mit krankheitsbedingtem Verhalten
  • Orientierungshilfen und Milieugestaltung
  • Beschäftigung mit dem Erkrankten
  • Verhalten bei akutem Verwirrtheitszustand und Delir
  • Übungen zur Erhaltung der Alltagskompetenz
  • Konzentration auf noch vorhandene Fähigkeiten
  • Beziehungsarbeit sowie
  • Deeskalationsstrategien

Fingerspitzengefühl bei Demenz und Depression

In der Hilfsmittelberatung müsse sie manchmal mit Fingerspitzengefühl vorgehen. Während es bei somatischen Erkrankungen nicht infrage stehe, dass die Anschaffung eines Hilfsmittels Erleichterung verschaffe, könne es beim Depressiven ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit hervorrufen.

Immer wieder beobachte sie bei Klienten, dass eine Depression im Alter nicht als eigenständiges Krankheitsbild gesehen werde. “Depressive haben ein gesteigertes Schmerzempfinden. Jede Art der Symptomatik wird übersteigert wahrgenommen. Daher dauert es manchmal auch so lang bis eine Erkrankung als Depression erkannt wird – in Akutkrankenhäusern werden zunächst einmal die körperlichen Symptome behandelt.”

Wie Angehörige mit Depression und Demenz umgehen können

Die Fachgesundheits- und Krankenpflegerin erlebt immer wieder, dass Angehörige sich mit der Schuldfrage belasten oder auch damit, was sie falsch gemacht haben könnten. In solchen Fällen verdeutliche sie, dass es immer Vorbedingungen gibt, die das Entstehen einer Depression begünstigen. Das können genetische Veranlagung oder auch bestimmte Umstände sein.

“Angehörige lassen sich häufig von der negativen Haltung des Erkrankten anstecken. Dem muss ich entgegenarbeiten.”

Im Bereich der Demenzerkrankungen sieht sie immer wieder, dass Angehörige weit über ihre Belastungsgrenzen gehen. “Dann bin ich es, die das Thema einer weiteren Versorgung im Heim anspricht.”

Merke

Das Modellprogramm “Familiale Pflege unter den Bedingungen der G-DRGs” der Universität Bielefeld existiert seit 2003 und dient der Unterstützung und Kompetenzförderung von pflegenden Familien im Übergang vom Krankenhaus in die familiale Versorgung. 1.000 Pflegetrainerinnen an etwa 400 Allgemeinkrankenhäusern, Psychiatrien und Reha-Kliniken in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Schleswig-Holstein sind in dem Modellprogramm eingebunden und begleiten pflegende Angehörige bis 6 Wochen nach dem Krankenhausaufenthalt. Hintergrund des Projekts war eine wissenschaftliche Befragung von pflegenden Angehörigen, die 2001 erfolgte und unter anderem zu Tage brachte, wie schwerwiegend die Konflikte innerhalb der Familie häufig sind, wenn eine Pflegesituation auftritt.


Über den Autor

Britta Waldmann ist Fachjournalistin und Redakteurin.