Emanzipation in der häuslichen Pflege

Emanzipation in der häuslichen Pflege: Frauen sind viel häufiger vertreten als Männer

(c) canva

Kommt es in einer Familie zum Pflegefall, übernehmen meist Frauen die pflegerische Verantwortung. Nicht selten müssen sie dafür den Beruf aufgeben und werden mit der Situation zu Hause alleingelassen. Wie kann Pflege innerhalb der Familie gerecht aufgeteilt werden? Das fragten wir die Leiterin des Projekts Familiale Pflege, Prof. Katharina Gröning.

Frau Prof. Gröning, wenn eine Familie einen Pflegefall hat, übernehmen in den meisten Fällen Frauen die Pflege. Warum ist das so?

Das hat mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu tun und damit, wie pflegerische Arbeit bewertet und charakterisiert wird. Aristoteles hat schon zwischen der Arbeit als Plage (Sklavenarbeit), der praktischen Arbeit, zum Beispiel des Handwerks, und der geistigen Arbeit unterschieden. Die Pflege eines Menschen wurde als schmutzige Aufgabe betrachtet, die vor allem Angehörige niedriger
Klassen verrichten mussten. Dagegen galten das Handwerk als praktische, und Wissenschaft und Politik als privilegierte Arbeit. Die Tatsache, dass Frauen vor allem die Pflege verantworten, hat also etwas mit ihrer Benachteiligung und der Geschichte zu tun und dass sie heute noch dem Haus zugeordnet werden.

Das klingt so, als sei die Emanzipation noch überhaupt nicht fortgeschritten.

Das ist sie auch nicht. Im Gegenteil: Die Ungleichheit bekommt nur immer neue Gesichter. Sie steckt mitunter im Gewand der Konsum- und Leistungsgesellschaft.

Inwiefern?

Beispielsweise im Pflegeversicherungsgesetz. Da wird überhaupt nicht zwischen Familie und Ehrenamt unterschieden. Das heißt, alle pflegenden Angehörigen – zum Stichwort Emanzipation: Das sind zu über 70 Prozent Frauen – gelten letztlich als Ehrenamtliche. Der Begriff wurde einfach ausgeweitet. Damit wird verdeckt, dass es sich bei den Pflegenden vorwiegend um Familienangehörige handelt.

Welche Folgen hat diese Verallgemeinerung?

Es bleibt damit völlig unklar, welchen Unterstützungsbedarf pflegende Angehörige haben. Erst 2008 hat man sich überhaupt Gedanken zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf gemacht. Die Pflegezeitgesetze kamen noch viel später. Sie sind noch, unabhängig von der Emanzipation, von einer traditionellen Hausfrauenehe ausgegangen, in welcher die Frau vom Mann ernährt wird und die Pflege der Schwiegereltern übernimmt. Dieses Lebensmodell trifft nur noch auf sechs Prozent der pflegenden Angehörigen zu. Die Pflegeversicherung geht aber davon aus, dass dieses Familienbild nach wie vor besteht. Da stehen wir also noch ganz am Anfang.

Obwohl das traditionelle Familienbild kaum mehr vorkommt, übernehmen Frauen die Pflege oft allein. Wie kommt es dazu?

In unserem letzten Forschungsbericht haben wir vorgefunden, dass Frauen von ihren Familien erheblich unter Druck gesetzt werden, die Pflege zu übernehmen. Ein Aspekt ist, dass die alten Eltern Angst haben, „abgeschoben“ zu werden, und deshalb ihre Töchter zur Pflege verpflichten. Das macht es den Söhnen leicht, sich zu entziehen. Auf der anderen Seite steht ein bereits vergeschlechtlichter Lebenslauf, das bedeutet, die Frau arbeitet bereits in Teilzeit oder ähnlichem. Da argumentiert die Familie dann flugs, dass es doch vernünftig sei, wenn diese Tochter die Pflege übernimmt. Eine weiterer Grund ist die Ehevormundschaft. Der pflegebedürftige Ehemann bestimmt, dass seine Frau ihn pflegt und auch zu welchen Bedingungen, nach dem Motto: Wir brauchen keinen Pflegedienst, meine Frau macht das allein.

Welches Vorgehen empfehlen Sie Familien, um zu einer gerechten Aufteilung von Pflege zu kommen?

Die Familie sollte sich so früh wie möglich zusammensetzen und die Situation besprechen. Bei einem Pflegefall müssen auch diejenigen einbezogen werden, die sich der Verantwortung entziehen wollen. Man muss sich auch klarmachen, wie giftig eine Entsolidarisierung der Familie ist. Rückzug oder stumme Vorwürfe tun niemandem gut. Auch denen nicht, die sich herausziehen und sagen, dass sie damit nichts zu tun haben wollen. Unsere Forschung zeigt: Gelingt es einer Familie, solidarisch und in Kommunikation zu bleiben, dann ist die ganze Familie stolz auf die Leistung und der Zusammenhalt wird gestärkt.

Was tun, wenn sich gemeinschaftlich keine faire Lösung findet? Wann sollte man sich extern Hilfe holen?

Familien sollten die Angebote einer Pflegeberatung grundsätzlich in Anspruch nehmen. Hier sehe ich das Problem aber weniger in den Familien, sondern mehr in der Beratung. Die Beratungsangebote sind meistens noch sehr dienstleistungsorientiert und lassen die Familiensituation außen vor. Sie verstehen ihr Angebot als Auskunft über Dienste und die Leistungen der Pflegeversicherung. Eine lebensweltliche Beratung machen leider die wenigsten.

Was sind Gefahren der einseitigen Aufteilung von Pflege?

Zunächst einmal sind die pflegenden Frauen natürlich gekränkt und fühlen sich zu recht schlecht behandelt. Sie halten den Alltag zusammen und dann wird ihre Leistung von der Familie so wenig geachtet. Gleichzeitig verlieren die Frauen Ressourcen wie Zugänge zum Beruf und zur gesellschaftlichen Teilhabe. Kommt häusliche Isolation dazu, ist die Krise noch größer. Auch Kinder treten gerne als Konkurrenten auf. Wer hat das Recht auf die Mutter? Wenn Ehemänner sich raushalten und zurückziehen, kann das Familienklima sehr belastet sein. Pflegt die Schwiegertochter, ist das übrigens einfacher, da fühlt sich der Sohn stärker zur Solidarität verpflichtet. Schwiegertöchter haben deshalb bei einem Pflegefall die besten Pflegenetzwerke.

Wie sieht so ein Pflegenetzwerk aus?

Ein Pflegenetzwerk ist ein professionell, privates Netz mit geteilten Verantwortlichkeiten, das bereits bei beginnender Pflegebedürftigkeit aufgebaut werden muss. Ein modernes Pflegenetzwerk sollte aus einem Mix aus professionellen Hilfen, innerfamilialer Gerechtigkeit und praktischer Fairness bestehen. Das setzt aber voraus, dass die Leistung der Pflege auch in der Familie geschätzt wird.

Das ist aber häufig nicht der Fall.

Richtig. Frauen, die die Pflege eines Familienangehörigen übernehmen, stehen in der Rangordnung schlechter da als solche, die extern einem Beruf nachgehen, weil sie gesellschaftliche Normen besser erfüllen.

Wie kann man diese Sichtweise verändern?

Eine Änderung müsste gesellschaftlich erfolgen. Bisher gibt es keine politische Pflegelobby, keinen grundgesetzlichen Schutz, eben auch keine Verankerung im Pflegeversicherungsgesetz. Gerade der grundgesetzliche Schutz müsste auf die späte Familie, also die pflegende Familie, übertragen werden. Dann hätte diese auch dieselben Ansprüche, zum Beispiel was die Wahlfreiheit, Selbstverwirklichung, Fragen der sozialen Sicherung oder ähnliches angeht.

Oft beklagen pflegende Frauen, dass sie die schlechte Laune des Pflegebedürftigen abbekommen. Kommt dann der weit entfernt wohnende Sohn, ist die Stimmung bestens. Ist das typisch?

In unserer Forschung haben wird das durchaus vorgefunden. Wenn Söhne oder Schwiegersöhne in die Pflege einsteigen, dann adeln sie diese gleichermaßen. Familien und Pflegebedürftige blühen auf, weil die männliche Zuwendung als besonderes Privileg betrachtet wird. Es ist wichtig, dass in Familien hierzu, auch im Rahmen der Emanzipation, eine Reflexion einsetzt.

Ist eine Pflegebedürftigkeit häufig Anlass für Streit in einer Familie?

In unseren Evaluationen wird das nicht so häufig angegeben, vielleicht auch, weil viele Ehepartner mittlerweile pflegen. Jedoch verdoppelt sich die Angabe, wenn die pflegebedürftige Person an Demenz leidet.

Warum ist das so?

Das liegt an der gesellschaftlichen Bewertung der Erkrankung. Demenz gilt als „dämonisch“. Zur Zeit des Nationalsozialismus galt für Nichtnormalität die Euthanasie. Die Personen, die jetzt an Demenz erkrankt sind, gehören oft der Nachkriegsgeneration an. Diese Generation hat noch ein ganz anderes Denken mitbekommen. Entsprechend gilt Demenz als eine peinliche Erkrankung. Daneben liegt hier der Anteil an pflegenden Frauen noch einmal höher, nämlich bei 81 Prozent. Das Netzwerk ist noch kleiner, es kommt häufiger zu Isolation und innerfamilialen Konflikten.

Was kann man tun, um Familienstreit vorzubeugen?

Familiengespräche sind sehr wichtig, um Streit vorzubeugen. Gleichzeitig wird aber mit dem Eintritt der Pflegebedürftigkeit immer die Kultur einer Familie, also die Machtverhältnisse, die Arbeitsteilung, das Ausmaß der Zuneigung, deutlich. Insofern lernt man seine Familie hier noch einmal richtig kennen.

Kann man sich als Familie auf die Situation „Pflegefall“ vorbereiten?

Natürlich kann man sich mit der Lebenssituation auseinandersetzen. Es ist jedoch angemessener, wenn das Hilfesystem wirklich organisiert würde, wie dies zum Beispiel bei den frühen Hilfen nach der Geburt eines Kindes der Fall ist. Ein obligatorischer Hausbesuch mit Informationen, Kontakten und Beratung ist auch bei einem Pflegefall unumgänglich.


Über den Autor

Prof. Katharina Gröning ist Professorin an der Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Universität Bielefeld und Wissenschaftliche Leitung des Projekts „Familiale Pflege“.
Magdalena Jung ist Fachjournalistin und Redakteurin.