Ein Hilfe-Telefon gegen Einsamkeit

Hilfe-Telefon

Foto: Silbernetz/Schärf

Pflegende Angehörige haben ein erhöhtes Risiko für Einsamkeit. Mit dem Silbernetz e. V. steht ein bundesweit agierendes, kostenfreies Hilfs- und Kontaktangebot für ältere Menschen zur Verfügung.

 

Cornelia G. ist 67 Jahre alt, hat zwei erwachsene Töchter, die mehrere Hundert Kilometer entfernt wohnen und durch Beruf und kleine Kinder sehr eingespannt sind. Sie lebt in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt und pflegt ihren bettlägerigen Schwiegervater (94). „Ich wünsche mir einfach jemanden, der mich versteht“, sagt sie. Cornelia G. hat zwar zwei Freundinnen aus alten Zeiten und einige Bekannte, aber die winken beim Thema Pflege ab, empfehlen ihr, sie solle ihren Schwiegervater in professionelle Hände geben und ihr eigenes Leben genießen. „Das sehe ich aber anders“, sagt die ehemalige Erzieherin, „Familie ist füreinander da. In guten und in schlechten Zeiten – das gehört sich einfach so. Ich habe vor einigen Jahren ein Pflegeheim angesehen, aber die Atmosphäre hat mir überhaupt nicht gefallen.“ Mehrmals in der Woche ruft Cornelia G. beim „Silbertelefon“ an, wenn sie es in ihren Tagesablauf einbauen kann und sich danach fühlt. Das Silbertelefon ist eine kostenfreie Hotline des Vereins. Dort stellt niemand ihren Lebensentwurf infrage, sie kann „einfach mal reden“ und durch ein gutes Gespräch Kraft tanken.

Freundschaften per Telefon

Christian S. (48) aus Berlin ist als Außendienstmitarbeiter viel im Auto unterwegs und hat über das Radio vom Verein Silbernetz erfahren. „Das ist etwas für meine Mutter, das wusste ich gleich.“ Seine Mutter Wiltrud A.-C. (79) ist in ihrer Mobilität stark eingeschränkt, aber geistig fit. Sie würde am liebsten noch viel erleben, ist immer gereist und mag interessante Gespräche. „Wir haben extra einen modernen Pflegedienst ausgewählt, die Pflegepersonen sind reizend, aber leider immer so schnell weg“, sagt sie. Eine Silbernetz-Freundschaft bietet die Möglichkeiten für einen intensiveren Austausch: Dabei werden Seniorinnen und Senioren mit einer oder einem bestimmten Ehrenamtlichen vernetzt und dann einmal pro Woche für ein persönliches Telefongespräch angerufen. So gibt es inzwischen Telefonfreundschaften, die über zwei Jahre bestehen. Christian S. meldete sich im Spätsommer 2020, um einen regelmäßigen Telefonkontakt für seine Mutter zu erbitten. Dort erfuhr er, dass sich die interessierten Seniorinnen und Senioren selbst an der kostenfreien Hotline melden müssen. „Das hat uns einfach die Erfahrung gezeigt“, sagt Silbernetz-Gründerin Elke Schilling (76), „Die älteren Menschen müssen dieses Angebot wollen. Dass ihre Kinder oder Bekannte der Meinung sind, die Telefonate täten ihnen gut, reicht nicht aus.“

 

Das Hilfe-Telefon

Über Silbernetz

Silbernetz e. V. ist ein dreistufiges Angebot für Menschen ab 60 Jahren mit Einsamkeitsgefühlen. Das Silbertelefon ist täglich von 8 bis 22 Uhr besetzt.

18 Festangestellte und rund 40 Ehrenamtliche heben den Hörer ab zum „einfach mal reden“. Anders als bei Krisentelefonen braucht es für ein Gespräch mit Silbernetz kein Problem und keine Notlage. In vielen Telefonaten zeigt sich, dass die Anrufenden mehr Hilfe benötigen oder offen sind für andere Angebote, um mit Menschen in Kontakt zu treten. Hierfür gibt es die Silberinfo: Die Silbernetz-Mitarbeitenden geben deutschlandweit Kontaktinformationen zu Angeboten der Altenhilfe der Länder und Kommunen weiter. Alle Angebote sind vertraulich, kostenfrei und anonym. Mehr Informationen unter www.silbernetz.de, E-Mail: Kontakt@silbernetz.de.

Kostenfreie Hotline: (0800) 4 70 80 90

 

Das sogenannte „Matching“, also das Finden geeigneter Freundschaftspartner, ist aufwendig. Eine Silbernetz-Mitarbeiterin führt dafür mit beiden Seiten ein ausführliches Gespräch, wie der Freund oder die Freundin sein sollte (und wie nicht), welche Themen besprochen werden können, und bildet dann geeignete Kombinationen.

Einsamkeit als unterschätzte Gesundheitsgefahr

Einsamkeit ist durch die Corona-Pandemie verstärkt in das öffentliche Bewusstsein gerückt, trotzdem ist sie noch immer ein Tabuthema. Viele pflegende Angehörige trauen sich nicht, ihre Familienmitglieder darauf anzusprechen oder sich selbst einzugestehen, dass sie sich einsam fühlen. „Es kann jeden erwischen und bedeutet nicht, dass die Angehörigen sich nicht genug kümmern. Einsamkeit ist ein Gefühl“, sagt Elke Schilling. „Der Tag hat 24 Stunden und will gefüllt werden, und viele Themen lassen sich tatsächlich mit Fremden leichter besprechen.“

Es gibt keinen Grund, sich für Einsamkeit zu schämen, wichtig ist nur, sich Hilfe zu holen. Denn Einsamkeit tut nicht nur weh, sondern ist ein ernst zu nehmender Risikofaktor für die Gesundheit und verringert die Lebenserwartung. Chronische Einsamkeit hat ähnliche Auswirkungen auf den Körper wie starkes Übergewicht oder das tägliche Rauchen von 15 Zigaretten, haben wissenschaftliche Studien gezeigt. Einsamkeit schwächt das Immunsystem und erhöht die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und Demenz.

Da alle Gespräche bei Silbernetz vertraulich und anonym sind, wurden die persönlichen Angaben und Lebensumstände der geschilderten Personen teilweise verfremdet.

 

 

 

Über die Autorin

Amira Mahdi ist bei Silbernetz e. V. zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit.