Diskriminierung aufgrund von Pflege: Über ärgerliche Ratschläge

Zwei Frauen unterhalten sich

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Christine Sowinski ist pflegende Angehörige. Sie pflegt ihre Mutter und kümmert sich um ihren Bruder. Doch statt Wertschätzung erfährt sie immer wieder Ablehnung und kränkende Ratschläge.

Tu doch was für dich“, „Gib sie doch ins Heim“ und „Du hast doch so kein Leben mehr“, das höre nicht nur ich im sozialen Umfeld, auch andere pflegende Angehörige bekommen solche Sätze zu hören – selbst von sehr netten Menschen. Ich bin Jahrgang 1957, Krankenschwester und Diplom-Psychologin, gehe nächstes Jahr in Rente, pflege und unterstütze zusammen mit anderen Familienangehörigen und externer Hilfe seit Langem zwei Familienangehörige. Ich bemühe mich, mit meinen Pflegeaktivitäten keinem auf die Nerven zu gehen oder eine schlechte Stimmung zu verbreiten. Nur wenn ich gefragt werde, rede ich darüber.

Der Grund ist folgender: Die Reaktionen schockieren mich jedes Mal aufs Neue. Die zwei klassischen Ratschläge, die ich wirklich als Schläge empfinde, sind (wie schon erwähnt): „Tu doch mal was für dich“ und „Gib sie doch ins Heim“. Auf einer Veranstaltung sagte mir eine ebenfalls pflegende Berufskollegin, wenn noch einmal jemand zu ihr sagen würde, „Tu doch was für dich“, dann schlage sie zu. Sie habe genug von solch ärgerlichen Anmerkungen. Mir geht es genauso.

Hilfreiche Unterstützung

Eine hilfreiche Unterstützung sieht anders aus. Folgende Fragen und Sätze wären geeigneter:

  • „Wie geht es dir?“
  • „Was wünscht du dir?“
  • „Was befürchtest du?“
  • „Wie denkst du über die Situation?“
  • „Was hat dir in der Vergangenheit geholfen?“
  • „Wie könnte ich dich unterstützen?“
  • „Du kannst mich jederzeit anrufen, auch nachts.“
  • „Ich kann das und das für dich tun.“
  • „Ich kenne jemand, der dir eventuell helfen könnte.“

Askese vs. Hedonismus

Ich habe mich gefragt, ob das mit meiner Altersgruppe zusammenhängt. Die Journalistin Sabine Bode hat mit ihren Bestsellern über „Kriegskinder“, „Kriegsenkel“ usw. so viel zum Verständnis der Elterngeneration beigetragen. Wie alle Menschen in meiner Altersgruppe haben unsere Eltern als Kinder Furchtbares im Krieg erlebt. Daraus resultierte meist ein Erziehungsstil, der zwar nicht auf eine „preußische Art“ hinauslief, aber irgendwie doch auf Abhärtung und Dankbarkeit für das, was da ist – aus war. Süßigkeiten waren etwas Besonderes, genauso wie Fast Food. Das war ein Festessen für uns Kinder.

Sehr oft kam früher der Satz: „Wenn ihr so verwöhnt seid, wie soll das mal werden, wenn wieder schlechte Zeiten kommen?“ Von daher rebellierten wir, wie alle Jugendliche, gegen die Generationen unserer Eltern. Genießen, Freude und Konsum waren angesagt. Als Jugendliche konnten wir uns nicht in die Nöte der Eltern und Großeltern hineinversetzen. Verzicht war keine Option. Genießen war angesagt.

Familienorientierung vs. Freiheit

Ich habe sehr oft in meiner Altersgruppe erlebt, dass Bindungen jeglicher Art als Belastung in jungen Jahren empfunden wurden. Ich kenne noch Sprüche wie: „Wer zweimal mit derselben Person pennt, gehört zum Establishment.“ In den Wohngemeinschaften wurden Bücher über offene Beziehungen diskutiert. Keine Eifersucht zu zeigen, darum bemühte man sich. Gerade die Bindung an Familienangehörige wurde sehr kritisch gesehen.

Generationenvertrag vs. Bestrafung der Eltern

In Mode waren zu meiner Jugendzeit auch verschiedene Therapierichtungen, bei denen hart gegen die Elterngeneration vorgegangen wurde. So war es z. B. üblich, dass in manchen psychiatrischen Aufnahmestationen das Personal verstärkt wurde, wenn in bestimmten Kreisen gruppendynamische Marathonsitzungen mit manchmal hundert Personen abgehalten wurden. Manch einer verkraftete das nicht und kam als psychiatrischer Notfall in die Klinik.

Immer ging es um falsche frühkindliche Prägungen, ausgelöst durch angeblich furchtbare Eltern. So wurde ich von Altersgenossen gefragt, warum ich mir nicht jetzt schon mein Erbe, den Pflichtanteil, auszahlen lassen wolle. Irgendwie war die Elterngeneration an allem schuld, besonders die Großeltern, die Nazis. Von daher passte der Generationenvertrag nicht ins Konzept, der eine beidseitige Verpflichtung vorsieht. Nicht nur Eltern sorgen für ihre Kinder, sondern auch Kinder für die alt gewordenen Eltern.

Geerdet sein vs. brüchige Lebenskonzepte

Ich frage mich, wenn die Tatsache, dass Menschen Angehörige und Freunde auch über lange Zeiträume pflegen, so provozierend wirkt, was ist da beim Gegenüber los? Denn die Ratschläge, die auf Nachfrage gut gemeint scheinen, wirken nicht besonders hilfreich und liebevoll. Ist das Pflegen von Angehörigen bedrohlich für die eigenen Lebenskonzepte?

Resilienz vs. Abwehr von Leid

Andere pflegende Angehörige – auch ich – spüren bei ärgerlichen Ratschlägen die massive Abwehr von Leid bei denen, die den ärgerlichen Ratschlag geben. „Ich will das nicht hören oder sehen, was du da machst.“ Das ist sehr kränkend. Wenn Leid so stark abgewehrt werden muss, dann hat man dem Leben nicht genügend Widerstandskraft entgegenzusetzen. Vielleicht ist das ein Problem einer Generation, in deren Lebenskonzepten die Pflege der Eltern nicht vorgesehen war.

Blut ist dicker als Wasser

Wenn die Pflege von Familienangehörigen für außenstehende Menschen ein Problem darstellt, so sagen viele pflegende Angehörige: „Blut ist dicker als Wasser.“ Eine Situation hat mein Leben dazu komplett verändert. Ich arbeitete als Krankenschwester auf einer internistischen Station, die auf seltene, nicht ansteckende Krankheiten spezialisiert war.

Dort lagen junge Menschen, teilweise aus wohlhabenden Verhältnissen, die sich auf Weltreisen ungewöhnliche, auch tödliche Krankheiten zugezogen hatten. Manche starben schnell. Einen jungen Mann – sehr abgemagert und eingeschränkt mit Infusion und Urinbeutel – begleitete ich auf die Toilette. Dort sagte er mir etwas, was ich nie mehr vergessen konnte, auch in dieser Dramatik und Schmerzhaftigkeit: „Wissen Sie, gleich kommt meine Mutter. Ich habe sie lange Zeit gehasst. Immer ihr besorgter Gesichtsausdruck, ihre übergriffige Fürsorglichkeit. Ständig wird etwas in Tupperdosen verpackt und mitgegeben. Auch dieses Rumgefummel. ‚Mache den Kragen richtig‘, ‚Ist dir nicht zu kalt?‘.

Jetzt freue ich mich auf sie. Ihr besorgter Gesichtsausdruck bleibt immer gleich. Sie weiß, was zu tun ist. Ich bin froh, wenn sie mir in ihren Tupperdosen etwas mitbringt. Ihre jetzt präzise Fürsorglichkeit, ihre Selbstverständlichkeit beim Helfen. Jetzt bin ich froh, dass sie so ist. Meine Freunde kann ich schlecht ertragen und sie mich auch nicht. Ich sehe an ihrem erschreckten Gesichtsausdruck, wie schlecht es um mich steht. Meine Mutter hingegen guckt immer gleich.“ Gerade beim Sterben – so meine beruflichen Erfahrungen als Krankenschwester – war eher die Familie dabei als der Freundeskreis. Deshalb konnte ich durch den Pflegeberuf Familie anders erleben als meine Altersgruppe.

Beziehungen sind auch Verrechnungsgeschäfte

Ich war entsetzt, als ich im Psychologiestudium im Fach Sozialpsychologie hörte, dass Beziehungen Austauschhandlungen sind, also Verrechnungsgeschäfte. Du gibst mir das, dafür bekomme ich das. Die Begründungen, neben ethischen, kulturellen und finanziellen Gründen die Pflege zu übernehmen, liegt auch in diesen Verrechnungsgeschäften. Weil Eltern, Geschwister, Freunde so viel für mich getan haben, helfe ich ihnen auch. Aber muss man dann das gegenüber Dritten immer wieder betonen, wenn die ärgerlichen Ratschläge kommen? Versteht sich das nicht von selbst?

Freundschaften und Zugabteile

Wie geht man nun mit den ärgerlichen Vorschlägen – auch von lieben Menschen – um? Man muss es ansprechen, Alternativen aufzeigen. Sagen, was hilfreicher wäre. Und manchmal auch weniger von der Pflege erzählen. Was mir dabei sehr geholfen hat, ist das Bild „Freunde und Zugabteile“. Jemand sagte mal, wenn das Leben eine Zugfahrt wäre, dann steigen Menschen in unser Zugabteil zu und wieder aus. Nur wenige werden uns die ganze Zugfahrt begleiten.

Auch wenn es mich oft wütend macht, versuche ich zu akzeptieren, wie es ist. Es gibt wenige Menschen, mit denen man viel teilen kann, auch die Angehörigenpflege. Manche eignen sich eher nur für die schönen Momente. Für beides gibt es eine Zeit und eine Berechtigung.

Über die Autorin

Christine Sowinski ist Krankenschwester und Diplom-Psychologin.