Diabetes: Praktische Tipps zur Pflege, Ernährung und Versorgung

Diabetes Ernährungstipps

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Diabetes mellitus ist eine komplexe Erkrankung, die mit zahlreichen Gefährdungen für ältere Patienten einhergeht. Doch schon mit kleinen Maßnahmen können Betroffene und ihre Angehörigen viel Positives erreichen. Die Berliner Diabetesexpertin Katja Hodeck gibt im Interview praktische Tipps zur Pflege, Ernährung und Versorgung.

Warum ist Diabetes mellitus gerade für ältere Menschen so tückisch?

Hodeck: Ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus wirkt sich auf zahlreiche Gesundheitsprobleme des Alters zusätzlich negativ aus. Typische Beispiele hierfür sind Inkontinenz, Sturz, Wunden, Mundhygiene und Demenz. Das wird vielfach noch zu wenig wahrgenommen. Insofern ist es enorm wichtig, dass Pflegende, die im häuslichen Bereich arbeiten, über ein gutes Diabetes- Fachwissen verfügen. Auch pflegende Angehörige sollten sich mit dem Krankheitsbild und den grundlegenden Besonderheiten in Pflege, Ernährung und Behandlung auskennen.

Was sind die wichtigsten Punkte bei der pflegerischen Versorgung von Diabetespatienten?

Hodeck: An erster Stelle ist das Diabetische Fußsyndrom zu nennen. Eine gute Fußbeobachtung und -kontrolle ist bei Diabetespatienten das A und O. Das ist natürlich zunächst eine Aufgabe der professionellen Pflege. Doch es ist natürlich hilfreich, wenn auch pflegende Angehörige auf Risikofaktoren wie Druckstellen, Verletzungen, Wunden und Amputationen achten.

Wichtig ist es ebenso, den Hautzustand der Füße im Blick zu haben: trockene Haut, Risse, Einblutungen, Blasen, Pilz. Jede Abweichung vom Normalzustand sollte wahrgenommen werden und in eine Folgebehandlung münden, um weitere Komplikationen zu vermeiden.

Was ist beim Waschen der Füße zu beachten?

Hodeck: Das Wasser darf nicht zu heiß sein, sonst besteht Verbrühungsgefahr. Diabetespatienten können die Temperatur des Wassers oft nicht realistisch einschätzen. Zudem sollten Fußbäder nicht zu lange dauern, da die Haut dann zu sehr aufweicht und die natürliche Schutzfunktion der Haut in Mitleidenschaft gezogen wird.

Grundsätzlich sollten pHWert- neutrale Waschzusätze zum Einsatz kommen, weil diese die Haut am wenigsten austrocknen. Ganz wichtig ist auch ein sorgfältiges Abtrocknen, besonders in den Zehenzwischenräumen. Zudem ist auf eine angemessene Fußbekleidung zu achten. Socken, Schuhe und Hausschuhe sollten grundsätzlich passgenau und keinesfalls zu eng sein.

Ist das Eincremen der Füße vorteilhaft?

Hodeck: Eincremen ist immer gut, weil es die Haut geschmeidig hält. Diabetische Haut trocknet schnell aus und wird rissig. Diese Hautläsionen erhöhen wiederum die Gefahr von Infektionen. Harnstoffhaltige Pflegeprodukte bieten einen guten Schutz vor Trockenheit. Wichtig ist, die Socken erst anzuziehen, wenn die Creme in die Haut eingezogen ist. Sonst kann leicht ein feuchtwarmes Milieu besonders zwischen den Zehen entstehen,was ein idealer Nährboden für Pilzinfektionen darstellt.

Sollte die Nagelpflege stets Sache des Podologen sein?

Hodeck: Vorteilhaft ist es schon, wenn die Nägel vom Podologen versorgt werden. Denn diese Berufsgruppe verfügt über das nötige Know-how. Grundsätzlich gilt: Nägel von Diabetespatienten sollten aufgrund der  Verletzungsgefahr nicht geschnitten, sondern nur gerade und nicht zu kurz gefeilt werden. An den Nagelenden sollte nicht zu tief gefeilt werden, um das Einwachsen der Nägel zu vermeiden.

Welche Besonderheiten bestehen bei der Grundpflege noch?

Hodeck: Patienten sollten möglichst nicht zu lange baden oder duschen, um den natürlichen Hautschutz zu erhalten. Zudem ist es für Patienten vorteilhaft, auf synthetische Kleidungsstücke zu verzichten. So kann Schweißbildung vermieden werden. Sinnvoll ist nicht zu enge, atmungsaktive Kleidung. Strümpfe sollten täglich gewechselt werden.

Müssen sich Diabetespatienten grundsätzlich einschränken und auf Genussmittel verzichten?

Hodeck: Ganz klar nein. Bei hochaltrigen Patienten gilt: Die Diabetestherapie sollte sich an den individuellen Ernährungsgewohnheiten des Patienten orientieren und nicht umgekehrt. Das Wichtigste bei dieser Patientengruppe ist, eine gesunde und abwechslungsreiche Ernährung mit Kohlenhydraten, Vitaminen und Eiweiß sicherzustellen. Die Vorstellung, dass sich Diabetespatienten beim Essen beschränken müssen, ist im höheren Alter überholt. Es ist wesentlich sinnvoller, von individuellen Gewohnheiten wie dem Stück Torte am Sonntagnachmittag zu wissen und die Therapie entsprechend anzupassen.

Was sind die wichtigsten Grundregeln beim Insulinspritzen?

Hodeck: Fangen wir mit der Auswahl und dem Umgang mit den Kanülen an. Eine Kanüle ist eine hohle Nadel, die dazu benutzt wird, in menschliches Gewebe einzudringen, um mithilfe einer Spritze Flüssigkeiten einzubringen. Kanülen sind keimfreie Einwegprodukte und somit für den einmaligen Gebrauch bestimmt. Wenn Nadeln wiederverwendet werden – was in der Praxis leider immer noch sehr häufig vorkommt –, können sie stumpf werden und sich verbiegen.

Injektionsnadeln sind zudem mit einem Silikonschutzfilm versehen, der ein besseres und schmerzärmeres Einstechen ermöglicht. Dieser Schutzfilm wird vollständig abgerieben, wenn Kanülen mehrfach verwendet werden. Die Folge: Die Kanüle gleitet nicht mehr in die Haut, sondern reißt sie regelrecht auf. Das ist natürlich mit Schmerzen für den Betroffenen verbunden und kann zu einem Bluterguss führen.

Wonach richtet sich die Wahl der Kanülenlänge?

Hodeck: Nach der Dicke des Unterhautfettgewebes. Das ist die untere Schicht der Haut. Es gilt meist folgende Faustregel: Bei untergewichtigen Menschen werden 6er-Kanülen verwendet, bei schlanken Menschen 8er-Kanülen und bei übergewichtigen Menschen mit stärkeren subkutanen Fetteinlagerungen 10er- oder 12er-Kanülen. Ich würde dennoch jedem pflegenden Angehörigen dringend dazu raten, sich bei der Wahl der richtigen Kanülenlänge mit der betreuenden Pflegeperson oder mit dem Hausarzt abzusprechen.

Was ist bei der Wahl des Injektionsortes zu beachten?

Hodeck: Grundsätzlich wird empfohlen, schnell wirksame Insuline in den Bauch sowie lang wirkende Verzögerungsinsuline in den Oberschenkel zu spritzen. Bei der Auswahl der Injektionsstelle muss ein konsequenter, systematischer Wechsel der Spritzstellen beachtet werden. Dies hilft, unerwünschte Veränderungen wie Verhärtungen und blaue Flecke zu vermeiden.

Ein individueller Rotationsplan ist sinnvoll, um ein festes Rotationsprinzip einzuhalten. Wichtig ist auch, dass die Einstichstellen innerhalb einer Injektionsregion im Abstand von etwa zweieinhalb Zentimeter, also etwa zwei Fingerbreit, voneinander entfernt liegen.

Welche Strategien gibt es für die häusliche Versorgung von Diabetespatienten mit Demenz?

Hodeck: Hauptprobleme bei demenzerkrankten Diabetespatienten sind eine unkontrollierte Ernährung sowie Umherwandern und starker Bewegungsdrang. Denn dies sind stoffwechselwirksame Faktoren, die eine Über- oder Unterzuckerung begünstigen können. Ein weiteres relevantes Pflegeproblem ist die bei Demenz häufig vorkommende Verweigerungshaltung, da dies vor allem die medikamentöse Therapie erschwert.

Demenz ist in der Diabetespflege per se ein schwieriges Themenfeld und eine Wunderpille gibt es nicht. Es können bestimmte Empfehlungen ausgesprochen werden, allerdings ist es auf alle Fälle sinnvoll, eine Diabetes-Pflegefachkraft in die Betreuung mit einzubeziehen. Für Patienten und Angehörige ist es oft nicht leicht, eine fachkompetente Betreuung ausfindig zu machen.

Deshalb haben wir vor einiger Zeit unser Suchportal www.diabetespflegeeinrichtungen.de ins Leben gerufen. Hier finden Betroffene Pflegedienste und Heime, die sich für die Versorgung von Diabetespatienten besonders engagieren und ihre Mitarbeiter regelmäßig zu relevanten Diabetesthemen fortbilden. Bislang wird das Portal von den Patienten und Angehörigen sehr gut angenommen.

Gibt es Handlungsempfehlungen für Diabetespatienten mit Demenz?

Hodeck: Es ist sinnvoll, möglichst frühzeitig bestimmte Routinen einzuführen, an die sich der kognitiv eingeschränkte Patient gewöhnen kann, zum Beispiel im Bereich der Fußkontrolle und -pflege. Zudem sollte die bestehende Therapie so lange wie möglich fortgeführt werden. Denn Veränderungen sind für Menschen mit Demenz bekanntermaßen kontraproduktiv.

Ein weiterer wichtiger Bereich ist das Schmerzmanagement. Denn wenn ein demenzkranker Patient eine Schmerzsymptomatik aufgrund einer diabetischen Neuropathie oder Parodontose hat, sollten Pflegende über Instrumente und Interventionsmöglichkeiten verfügen, diese Schmerzen zu erkennen, einzuschätzen und zu behandeln.

Über den Autor

Katja Hodeck ist Leiterin der Diabetespflege-Akademie des IIGM – Institut für Innovatives  Gesundheitsmanagement in Berlin.