Das Potenzial der Digitalisierung für Menschen mit Demenz

Digitalisierung und Demenz

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In Deutschland leben rund 1,6 Millionen Menschen mit Demenz. Die meisten von ihnen leben in ihrem eigenen Zuhause und werden dort vor allem von ihren Angehörigen betreut und gepflegt. Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen können vom digitalen Wandel profitieren und Technik nutzen, um die Bewältigung des Alltags so lange wie möglich selbstbestimmt zu organisieren.

Die Ursache für Demenz sind Erkrankungen des Gehirns, bei denen geistige Fähigkeiten im Verlauf zunehmend verloren gehen. In der frühen Phase äußert sich eine demenzielle Erkrankung vor allem durch leichte Störung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Denkvermögen sowie durch erste Schwierigkeiten, den Alltag selbstständig zu bewältigen. Auch nach dem Auftreten der ersten Symptome können Betroffene noch viele Jahre mit der Erkrankung leben.

Demenz und Digitalisierung

Besonders in den ersten Jahren sind viele Ressourcen vorhanden, die Menschen mit Demenz weiterhin ein selbstständiges Leben in ihrem gewohnten Umfeld und im Kreis ihrer Familie und ihrer Freunde ermöglichen. In dieser Phase der Erkrankung können Betroffene sehr viel tun, um den Verlauf der Demenz und die eigene Lebensqualität positiv zu beeinflussen. Sie können ihre vorhandenen Fähigkeiten trainieren und Routinen etablieren, die ihnen in einem späteren Stadium bei der Organisation ihres Alltags helfen können. Dazu gehört auch der Einsatz von digitaler Technologie.

Nützlich für Menschen mit Demenz sind zum Beispiel Sprachassistenten, Navigationssysteme und Erinnerungsfunktionen im Smartphone. Diese können dabei helfen, sich besser zu orientieren, das Gedächtnis zu unterstützen und sich im Alltag sicher zu fühlen. Auch Smart-Home-Technologien, bei denen intelligente Systeme die Steuerung der Haustechnik übernehmen, können für Menschen mit Demenz sehr nützlich sein. Gleiches gilt für Alarmsysteme, bei denen beispielsweise ein Angehöriger informiert wird, wenn der Betroffene morgens bis 10 Uhr nicht in der Küche war. Menschen mit Demenz können Technik also bewusst dazu einsetzen, um den Verlust der eigenen Fähigkeiten auszugleichen.

Die Rolle der Angehörigen

Ob Menschen mit Demenz digitale Technologien leicht nutzen können, ist individuell unterschiedlich und hängt zum Beispiel davon ab, ob sie bereits daran gewöhnt sind, Technik zu nutzen. Aber auch die Gestaltung der Anwendungen und Geräte ist hier wichtig. Digitale Technik für Menschen mit Demenz muss barrierearm und einfach zu handhaben sein. Für die oder den Einzelnen kann auch die Unterstützung des Umfelds entscheidend sein. Angehörige von Menschen mit Demenz können hier wichtige Unterstützung bieten, indem sie Betroffenen einen ersten Zugang zur Technik schaffen, ihnen die Nutzung erklären und mit ihnen die Anwendung einüben.

Digitale Technologien können aber auch pflegende Angehörige selbst unterstützen, nicht nur bei der Selbstpflege und bei der direkten Pflege und Betreuung in der häuslichen Umgebung. Es gibt dazu vielfältige assistive Technologien wie elektronische Erinnerungshilfen, Fernbedienungen für elektronische Geräte, alltagstaugliche Haushaltsrobotik (Saug- und Mähroboter) oder elektronische Aufstehhilfen. Sicherheitssysteme wie der Hausnotruf, Tür- und Fensteralarme, Rauch-, Wasser- und Bewegungsmelder sowie Beleuchtungssysteme können Angehörige ebenfalls zu Hause unterstützen.

Menschen mit Demenz und ihre pflegenden Angehörigen können hier aus einem wachsenden Angebot digitaler Technik wählen und dieses in den unterschiedlichen Phasen der Erkrankung einsetzen. Digitale Technologien können dazu beitragen, dass ein selbstständiges Leben im Alter, auch bei Pflegebedürftigkeit möglich ist.

Beratung zur Techniknutzung

Ältere Menschen benötigen in der Regel Beratung und Begleitung bei der Anwendung von Technik, um diese kompetent und eigenständig zu nutzen. Besonders hilfreich sind sowohl für ältere Menschen als auch Angehörige institutionalisierte Beratungsangebote, die den Einsatz von Assistenztechnik im eigenen Lebensumfeld und im Kontext unterschiedlicher Pflegearrangements zeigen. Dazu gehören zum Beispiel mobile Beratungsangebote oder Musterwohnungen, die den möglichen Einsatz von Technik zeigen.

Noch gibt es bundesweit keine flächendeckende Technikberatung. Pflegestützpunkte, Pflege- und Wohnberatungsstellen, Mehrgenerationenhäuser, Seniorenbüros und Verbraucherzentralen bieten aber Technikberatung an. Musterwohnungen, die mit assistiver Technik ausgestattet sind, gibt es unter anderem in Norderstedt, Hannover, Sigmaringen, Villingen-Schwenningen und in Berlin-Marzahn. Das Kompetenzzentrum 4.0 Berlin betreibt zudem eine virtuelle Musterwohnung, die man digital besichtigen kann.

Auf lokaler Ebene gibt es viele Angebote und Initiativen. Zum Beispiel sind in Rheinland-Pfalz Digitalbotschafterinnen und -botschafter (DigiBo) im Einsatz. Sie helfen bei Bedarf persönlich bei der Nutzung von Handy, Tablet und PC. Über das Projekt „DigitalPakt Alter“ sind bundesweit bereits über 100 Erfahrungsorte mit Angeboten und Hilfestellung beim Umgang mit digitalen Technologien entstanden. Eine Landkarte ermöglicht es, alle Hilfs- und Unterstützungsangebote in der Nähe zu finden.

Ethische Fragen beim Einsatz von Technik

Bei der Betreuung und Versorgung von Menschen mit Demenz in einem späteren Stadium der Erkrankung sind vor allem digitale Technologien gefragt, die Angehörige bei der Gestaltung einer sicheren Umgebung unterstützen. Dazu gehören Sicherheitssysteme für den Wohnraum oder auch GPS-Trackingsysteme zur Unterstützung der Mobilität im Sozialraum. Der Einsatz dieser Technologie ist mit ethischen Fragen verbunden. Wenn eine Person zum Beispiel mittels Trackingtechnologie geortet werden kann, stellt dies einen Eingriff in die Privatsphäre der betroffenen Person dar.

Bei Menschen mit Demenz kommt hinzu, dass ihnen aufgrund ihrer Erkrankung eventuell nicht bewusst ist, dass sie geortet werden können. Hier entsteht also ein Widerspruch zwischen dem Recht des Einzelnen und dem Wunsch der pflegenden Angehörigen, für dessen Sicherheit zu sorgen. Mit dem Einsatz von digitaler Technologie sind außerdem Fragen nach Datenschutz und Datensicherheit verbunden. Die Nutzerinnen und Nutzer von Technik müssen hier Risiko und Vorteil der Technik individuell abwägen.

Die frühe Phase nutzen

Auf diese Fragen Antworten zu finden und Entscheidungen zu treffen, ist für Angehörige oft nicht leicht, vor allem wenn sie diese Fragen mit der betroffenen Person nicht mehr besprechen können. Bei einer fortgeschrittenen Demenz kommen pflegende Angehörige häufig in Situationen, in denen sie im Sinne der Betroffenen handeln müssen, ohne deren genaue Wünsche und Vorstellungen zu kennen. Deshalb ist es wichtig, möglichst viele Themen bereits in einer frühen Phase der Demenz zu besprechen. Menschen mit Demenz haben dadurch die Möglichkeit, die eigene Zukunft mit der Erkrankung zu gestalten. Zum Beispiel können sie dem Einsatz von Trackingtechnologie an dieser Stelle widersprechen.

Voraussetzung dafür ist ein offener Umgang mit den ersten Symptomen der Demenz. Das fällt Betroffenen und pflegenden Angehörigen oft schwer. Kognitive Einschränkungen sind mit einem gesellschaftlichen Stigma verbunden und demenzielle Erkrankungen sind bisher nicht heilbar.

Die frühe Diagnose einer Demenz hat aber viele Vorteile. Unter anderem können die Möglichkeiten, die digitale Technik besonders Menschen mit Demenz bietet, bewusst genutzt werden, um die eigene Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten. Und pflegende Angehörige können gute Voraussetzungen für die Anwendung digitaler Technologie in der Zukunft schaffen.

Über die Autorin

Barbara Boos ist stellvertretende Projektleitung. Sie hat u. a. Multiprofessionelle Versorgung von Menschen mit Demenz M.A. studiert.
Astrid Lärm leitet die Geschäftsstelle Nationale Demenzstrategie am Deutschen Zentrum für Altersfragen.