Behindertenbeauftragter für mehr Barrierefreiheit im Gesundheitssystem

Jürgen Dusel

Behindertenbeauftragter/Henning Schacht.

15.02.2022 – Das Gesundheitssystem in Deutschland hat nach Ansicht des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel, ein Qualitätsproblem, und sei nicht barrierefrei. Das wolle er ändern, sagte Dusel vergangenen Dienstag anlässlich seiner erneuten Ernennung für das Amt.

Konkret betreffe das die ambulante wie die stationäre Versorgung, also Krankenhäuser, Rehabilitationseinrichtungen, ärztliche und therapeutische Praxen.

Dabei kritisierte Dusel nicht nur bauliche Mängel, sondern auch nicht barrierefreie Webseiten, fehlende Informationen in leichter Sprache, Gebärdensprache und vernünftige Blindenleitsysteme.

Dusel betonte auch, wie wichtig ihm sei, seine Arbeit als ressortübergreifende Tätigkeit zu begreifen:

„Gute Politik für Menschen mit Behinderungen ist eine Querschnittsaufgabe, die alle Lebensfelder und damit alle Ressorts betrifft. Es geht um selbstbestimmte Teilhabe, so gestaltet, dass sie passend ist für jede Lebensphase, jede Lebenssituation. Denn auch Menschen mit Behinderungen sind keine homogene Gruppe. Die Bedarfe und Bedürfnisse sind höchst unterschiedlich, so wie bei jedem und jeder von uns.“

Er sehe den Staat in der Pflicht, diese Teilhabe für die 13 Mio. Menschen mit Beeinträchtigung in Deutschland zu gewährleisten und für umfassende Barrierefreiheit und damit für ein menschenwürdiges Dasein zu sorgen.

Besonders die Pandemie habe deutlich gemacht, dass noch Handlungsbedarf beim Thema Inklusion besteht.

Aufgaben im Sinne der Menschen mit Behinderungen angehen

„Ich bin froh, dass die Regierungskoalition diesen ressortübergreifenden Ansatz in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hat. Jetzt muss es darum gehen, die anstehenden Aufgaben systematisch und im Sinne der Menschen mit Behinderungen anzugehen. Nicht kleckern, sondern klotzen, muss die Devise sein“, so Dusel weiter.

Er benannte 6 Themenfelder, die er angehen wolle: Gesundheit, Wohnen, Mobilität, Familien mit chronisch kranken und schwerbehinderten Kindern, Gewaltschutz und Arbeit.

Gesundheit

Die Bundesregierung habe sich bereits einen Aktionsplan für ein inklusives und barrierefreies Gesundheitssystem vorgenommen, der bis Ende des Jahres stehen soll und den Dusel unterstützt.

Wohnen

Aus Dusels Sicht sei es wichtig, ausreichend bezahlbaren und barrierefreien Wohnraum zu schaffen. Es dürfe keine einzige öffentlich geförderte Wohnung mehr geben, die nicht barrierefrei gebaut werde.

Auch im privaten Sektor müsse deutlich mehr barrierefrei gebaut werden. Das verursache sogar kaum oder nur sehr geringe Mehrkosten bei Neubauten, betonte Dusel mit Verweis auf entsprechende Studien.

Mobilität

Sowohl im Öffentlichen Personennahverkehr als auch bei der Deutschen Bahn bzw. bei privaten Anbietern gäbe es noch immer große Einschränkungen für Menschen mit Behinderungen.

Beispiele dafür seien der oft unflexible Mobilitätsservice der Deutschen Bahn, fehlende Blindenleitsysteme, Lautsprecherdurchsagen, visuelle Informationen, fehlende Informationen in Leichter Sprache.

Dusel fordert, dass die klaren gesetzlichen Vorgaben zur Barrierefreiheit eingehalten werden. So müssten mehr Investitionen in Barrierefreiheit getätigt und mehr Mittel vom Bund für Barrierefreiheit an kleineren und mittleren Bahnhöfen bereitgestellt werden.

Familien mit chronisch kranken und schwerstbehinderten Kindern

Dusel will sich dafür einsetzen, dass die gesetzlichen Leistungsansprüche viel niedrigschwelliger und unbürokratischer zu den Familien gebracht werden, um diese zu entlasten.

Gewaltschutz

Menschen mit Behinderungen hätten ein hohes Risiko, Opfer von Gewalterfahrungen in allen Lebensbereichen zu werden.

Insbesondere das Thema Gewalt in Einrichtungen der Behindertenhilfe sei Dusel ein Anliegen.

Arbeitsmarkt

Die Arbeitsmarktsituation für Menschen mit Behinderungen erhole sich langsamer als für Menschen ohne Behinderungen.

Daher bedürfe es vermehrt Anstrengungen auf dem Arbeitsmarkt, damit Menschen mit Behinderungen die Chancen erhalten, die sie bräuchten, so weiter.

Zudem müsse in dieser Legislatur die Ausgleichsabgabe erhöht und eine vierte Stufe eingeführt werden – für Unternehmen, die keine Menschen mit Behinderung beschäftigten.

Über die Autorin

Kristina Stein ist Redakteurin im Bibliomed-Verlag.