Barrierefreies Bad: Wanne ade!

Wohnen_im_Alter

Hanna Lucassen

Im Alter oder bei Krankheit können die eigenen vier Wände zur Herausforderung werden. Dann helfen oft spezielle Wohnraumanpassungen. Wie ein Badumbau Sicherheit und Selbstständigkeit in das Leben von Ursula und Roland Kreische zurückbringt.

 

Zwischen Blumensträußen und Glückwunschkarten steckt eine goldene 80. Roland Kreische hat vor ein paar Tagen Geburtstag gefeiert. „Mögen Sie Kuchen?“, fragt seine Frau. „Es ist noch etwas da.“ Ursula Kreische sitzt am Esstisch, das rechte Handgelenk in einer Bandage, ein Bein auf einem großen orangen Gymnastikball hochgelegt. Die 72-jährige gelernte Schneiderin mit den halblangen dunklen Haaren wirkt agil, fast jugendlich.

Dass sie seit ihrer Kindheit an Rheuma und Arthritis in fast allen Gelenken leidet, manchmal vor Schmerzen kaum aus dem Bett kommt und für alle Fälle einen Rollator in der Abstellkammer stehen hat, sieht man ihr kaum an. Nur als sie den Ordner mit Unterlagen zu sich heranziehen will, verzieht sie schmerzhaft das Gesicht, muss wieder loslassen. Zurzeit sind die Hände am schlimmsten betroffen. Das wechselt immer.

Gut eingespielt

Ihr Mann schiebt ihr die Unterlagen hin. Roland Kreische gießt ihr auch das Mineralwasser aus der Glasflasche ein und kocht den Kaffee für die Gäste. „Wir sind gut eingespielt“, bemerkt der ehemalige Elektroingenieur, ein großer schmaler Mann mit freundlichem Lächeln.

Seit 53 Jahren sind die beiden verheiratet. Seit 35 Jahren leben sie in dieser Eigentumswohnung im Zentrum von Offenbach. Siebter Stock, Hochhaus aus den 1970er-Jahren – das ist nicht ihr Traum gewesen damals, aber der Aufzug und die großzügigen Räume haben sie doch überzeugt. Heute wohnt auch der Sohn mit seiner Familie im Haus. „Und wir möchten hier nicht mehr weg“, weiß Ursula Kreische.

Problemzone Badezimmer

Da gibt es nur ein Problem, das in den vergangenen Jahren immer drängender wird. Das Bad, in der Mitte der Wohnung gelegen, ist mit vier Quadratmetern sehr klein und eng. Vor allem gibt es keine Dusche, nur eine Badewanne.

Der hohe Wannenrand, der nasse rutschige Boden – Ursula Kreische kommt dort nicht mehr alleine zurecht. Es existieren zwar  Haltegriffe und eine Einstieghilfe, aber ihre Hände sind zu schwach, um sich daran wirklich festzuhalten. Das Ergebnis: Sie wäscht sich immer öfter nur am Waschbecken oder muss ihren Mann bitten, sie zu stützen.

Beides keine gute Lösung für die gepflegte Frau, die viel Wert auf ihre Selbstständigkeit legt. Damit sie beweglich bleibt, treibt sie Reha-Sport, lässt sich Akupunkturnadeln stechen und versucht alles, „was irgend geht“, selbst zu machen. Ihr Mann hilft ihr gerne, das weiß sie, aber irgendwann vor einem Jahr, als sie wieder einmal nach ihm rufen muss, um duschen zu können, zieht sie innerlich die Reißleine und ist überzeugt: „Da muss was passieren. So geht das nicht weiter.“

Ein Umbau für mehr Sicherheit und Selbstständigkeit

Heute, ein gutes Jahr später, zeigt das Ehepaar stolz, was passiert ist: Das Bad blitzt frisch renoviert mit weißen Wandkacheln und  eleganten hellgrauen Bodenfliesen. Der Raum ist einen Quadratmeter größer als vorher – dafür ist der anliegende Flur gekürzt worden.  Dort, wo vorher die Badewanne gewesen ist, geht es nun ebenerdig in den durch eine Glaswand abgetrennten Duschbereich mit Duschhocker. Aber es hat sich noch mehr verändert: Rechts und links der Toilette sind Stützgriffe an der Wand angebracht. Das WC hat eine Bidet-Funktion. Das Waschbecken ist relativ weit oben und hat keinen Unterschrank, sodass ein Rollstuhl oder ein Rollator darunter passt. Beides braucht Ursula Kreische nur in Notfällen. Zum Flur hin gleitet eine Schiebetür leicht durch eine Schiene.

Unterstützung vom Wohnberater

„Ich komme hier alleine zurecht. Was für eine Erleichterung!“, freut sich Ursula Kreische. Ihr Mann lächelt dazu. Auch er ist erleichtert, dass seine Frau so glücklich ist. Und dass sie die anstrengende Umbauphase hinter sich haben. „Wir sind ja auch nicht mehr die  jüngsten.“ Dabei haben die Kreisches noch Glück. Die Bauarbeiten beginnen zügig und verlaufen ohne große Komplikationen. Eine Stütze in dieser Zeit ist Helmut Schwoll, ehrenamtlicher Wohnberater vom Sozialverband VdK in Offenbach. Nachdem Ursula Kreische im Internet recherchiert hat und ziemlich genau weiß, was sie will, hat sie ihn kontaktiert. Er ist zur Besichtigung gekommen, hat mit ihnen die Pläne besprochen und Ratschläge gegeben.

Einer der wichtigsten: „Beantragen Sie die Zuschüsse unbedingt, bevor die Bauarbeiten beginnen.“ Das tun sie – erfolgreich. 30.000 Euro kostet der gesamte Umbau. Von der örtlichen Wohnbauförderungsstelle bekommen sie knapp 5.000 Euro, von der Pflegekasse 4.000 Euro – da Ursula Kreische bereits einen Pflegegrad anerkannt bekommen hatte. Die übrigen 21.000 Euro müssen sie selbst bezahlen.

„Die Zuschüsse decken die Kosten immer nur teilweise“, erläutert Schwoll. „Ihre Höhe richtet sich nur nach den Umbaukosten. Soziale Bedürftigkeit zählt nicht, leider.“ Mit ein paar Tausend Euro Eigenanteil müsse man immer rechnen, führt er aus. Das sei für viele eine zu große Hürde. „Von denen, die uns kontaktieren, springen etwa 70 Prozent gleich ab, wenn sie hören, wie teuer das ist.“

Finanziell vorgesorgt

Roland Kreische hat vorgesorgt und immer gespart – für genau solche Fälle. Und so kann es bei ihnen noch im Sommer 2019 losgehen. Anfang August entsteht im Herzen der Wohnung eine Baustelle, zu allen Seiten mit Plastikfolie abgehängt. Im Wohnzimmer werden  Mörtel gemischt und Werkzeuge, Fliesen, Armaturen gelagert. Ein junger Handwerker kommt jeden Morgen um 8 Uhr und hämmert bis zum späten Nachmittag. Er entfernt die Fliesen von Wand und Boden, reißt Toilette, Waschbecken und Badewanne heraus, durchbricht die Wand zum Flur. Lärm, Schmutz und Staub – Ursula und Roland Kreische leben drum herum. Zu ihrem Schlafzimmer kommen sie jetzt nur über den Balkon. Immerhin haben sie eine Gästetoilette, „sonst hätte hier noch ein Dixi-Klo gestanden“. Zum Duschen gehen sie zu ihrem Sohn in den 13. Stock oder nutzen bei der Reha-Gymnastik die Waschräume.

Für die Umbauphase in den Urlaub fahren? Das geht nicht. „Der junge Mann ist ja ganz alleine gewesen. Anfangs sind wir fast jeden Tag zum Baumarkt gefahren, irgendetwas ist immer noch zu besorgen gewesen.“ Mit der Zeit finden sie aber ihren Rhythmus. Zwischen 13 und 14 Uhr machen sie immer Pause und essen mit dem Handwerker am niedrigen Couchtisch Mittag. Samstags kommt er nicht. „Man kann ja auch die Nachbarn nicht überstrapazieren. Es ist ein hellhöriges Haus.“

Barrierefreiheit hergestellt

Anfang September schließt dann die Baustelle. Zurück bleibt ein barrierefreies Badezimmer – und eine Wohnung, die nach  Großreinemachen schreit. „Wir haben endlos geputzt. Der Staub ist überall gewesen: im Geschirrschrank in der Küche, auf den Bilderrahmen, in den Schuhen in der Garderobe.“ Ihr Mann ärgert sich noch heute, dass niemand ihnen verraten hat, dass man während der Bauarbeiten einen Staubfilter hätte einsetzen können.

Es ist alles schon hart an ihre Grenzen gegangen. „Mir ist es danach gar nicht gut gegangen“, erzählt Ursula Kreische. „Ich habe einen neuen Schub bekommen und eigentlich bis Weihnachten gebraucht, um mich richtig zu erholen.“ Sie engagieren eine Putzhilfe, die auch heute noch zu ihnen kommt.

Erleichterung im Alltag spüren

Ursula und Roland Kreische sind Durchbeißer. Kämpfer. Der Umbau hat sie nicht umgehauen, aber wenn sie davon erzählen, dann lachen sie beide etwas ungläubig, was sie da eigentlich gestemmt haben − mit ihren 72 und 80 Jahren. Ihr Rat an andere ist deshalb, nicht so lange zu warten. „Je älter und gebrechlicher man wird, desto anstrengender wird das.“

Dennoch: Es hat sich gelohnt. Davon sind beide überzeugt. „Ich kann mich so ausgiebig duschen, wie ich will, wann ich will. Das ist einfach kostbar“, zeigt sich Ursula Kreische begeistert. Ihrem Mann ist die Sorge genommen, dass sie im Bad vielleicht ausrutscht. Und wer weiß, womöglich braucht auch er einmal einen Rollstuhl – oder die Hilfe einer ambulanten Pflegekraft. Dafür wäre im Badezimmer jetzt Platz genug.

Die Kreisches wissen beide nicht, was die Zukunft bringt. Aber die Chance, dass sie noch lange miteinander hier wohnen können, ist gestiegen. Ihr Beispiel macht übrigens Schule. Viele Nachbarn fragen nach. Und im Haus beginnen jetzt die nächsten mit dem Badumbau.

 

 

Über die Autorin

Hanna Lucassen ist freie Journalistin und ehemalige Gesundheits- und Krankenpflegerin.