Abschied von einem geliebten Menschen nehmen – Adieu Opa

Trauer

GettyImages/Chris Winsor

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, geht mit ihm auch ein Teil des eigenen Lebens. Was in diesen Momenten helfen kann, ist, gemeinsam Abschied zu nehmen – und die Erinnerung.

Den 13. September 2020, ein sonniger Sonntag, werde ich nicht vergessen. Er war schrecklich und schön zugleich. 92 Jahre alt ist mein Großvater geworden, bevor er an diesem Tag seine Augen für immer schloss – zu Hause, in den eigenen vier Wänden, so wie er sich das gewünscht hatte. Zwar wusste ich, dass dieser Tag des Abschied Nehmens einmal kommen würde, aber wenn es so weit ist, wird man von seinen Gefühlen doch übermannt.

Neuem gegenüber aufgeschlossen

„Kind, da gibt es doch eine Möglichkeit, die Zeitung auf so einem großen Handy zu lesen, wie Jonas eines hat?“, fragte mich mein Opa bei einem meiner letzten Besuche. Ich wusste, was Opa meinte. Er wollte wissen, ob er die Zeitung nicht auf einem Tablet-PC lesen und sich so die Buchstaben individuell vergrößern könne.

In den letzten Wochen hatte seine Sehkraft immer mehr nachgelassen, dabei war er doch solch ein begeisterter Leser. Was ich damit sagen möchte: Mein Großvater war bis zuletzt neuen Technologien und den Ansichten der „jungen Menschen“ gegenüber aufgeschlossen – das bewunderte ich an ihm und das machte es für mich zusätzlich schwer zu begreifen, dass er eines Tages nicht mehr da sein wird.

Ich versicherte ihm, dass wir beim nächsten Mal das Zeitunglesen auf dem Tablet-PC meines Bruders einmal ausprobieren könnten.

Schwindende Kräfte

Als ich meinen Opa wieder in seinem Reihenhäuschen mit kleinem Garten, Hütte und Garage besuchte, war ich erschrocken. Von dem so fidelen Mann war kaum etwas übrig. Fing der ehemalige Zimmermann sonst sofort ein Gespräch an und erkundigte sich nach dem Stand unseres Hausbaus oder nach unserem Wohlbefinden, musste ich ihm fast jedes Wort aus der Nase ziehen.

Außer einem „Ja“ und einem „Nein“ hörte ich fast nichts mehr. Er saß teilnahmslos in seinem Fernsehsessel, von dem aus er jahrelang leidenschaftlich Fußball, Tennis, Handball oder Formel 1 schaute.

Und waren ihm bis vor Kurzem feste Essenszeiten noch wichtig – vor allem sein Stückchen Kuchen am Nachmittag –, so war ihm das Essen nun gleichgültig. „Was gab es denn heute Mittag Gutes“, versuchte ich, Opa in ein Gespräch zu verwickeln. „Milchreis und Obst“, war die Antwort.

Ich schaute in den Kühlschrank und sah, wie beinahe noch die komplette Portion auf dem Teller war. „Hast du denn keinen Hunger?“, setzte ich nach. „Nein“, sagte Opa. Den Tablet-PC, den ich mitgebracht hatte, holte ich erst gar nicht mehr aus meiner Handtasche.

Abschied kündigte sich an

Es wurde mir klar, Opas Kraft schien langsam aufgebraucht zu sein. Auch wenn ich das immer noch nicht so recht begreifen wollte – kletterte er während unseres Richtfestes im Sommer 2018 doch noch mit 90 Jahren alle Leitern bis zum First hoch und sprach den Richtspruch. Das wollte er sich trotz unseres Widerstands einfach nicht nehmen lassen.

Die letzte Zeit aber litt er schon sehr unter dem Tod meiner Oma, mit der er 67 Jahre lang verheiratet war, und um die er sich aufopferungsvoll gekümmert hatte, als es ihr immer schlechter ging. Er war stets für alle da und gab uns in sämtlichen Lebenslagen Ratschläge, auf die wir in der Familie auch großen Wert legten – denn wer kann schon auf 92 Jahre Lebenserfahrung zurückblicken!

Doch alles änderte sich plötzlich: Im Blut meines Opas stellte sein Hausarzt sehr hohe Entzündungswerte fest, weshalb er in die Klinik kam. Dort bekam er Infusionen, es wurden Untersuchungen vorgenommen und es wurde festgestellt, dass die Nieren nicht mehr so arbeiteten, wie sie sollten. Zudem waren einige „Schatten“ auf dem Röntgenbild der Lunge zu sehen.

Gemeinsam Abschied nehmen

Nach einigen Tagen kam Opa wieder nach Hause. Der Aufenthalt fern seiner gewohnten vier Wände hatte ihn geschlaucht. Es ging rapide bergab, bis zu dem eben beschriebenen Punkt, dass er nichts mehr essen wollte, kaum noch ein Wort sprach und sich nicht mehr allein bewegen konnte.

Der Weg über die Treppe hoch ins Schlafzimmer – unmöglich. Und so räumten wir ein Zimmer in der unteren Etage aus, um dort ein Pflegebett aufstellen zu können. Meine Mutter schlief – provisorisch eingerichtet – auf einer Matratze im selben Zimmer, um bei ihrem Vater zu sein.

Keiner wollte Opa allein lassen. Wir alle wollten ihn in seiner letzten Lebensphase begleiten, wenngleich es für viele von uns befremdlich war, Opa so zu sehen.

So schlimm es für mich war, den Zerfall eines geliebten Menschen innerhalb weniger Tage mitzuerleben, umso dankbarer bin ich, dass ich gemeinsam mit meiner Familie Abschied nehmen konnte. Wir (meine Mutter, mein Vater, mein Bruder und meine Cousine) wechselten uns fortan regelmäßig ab, um an Opas Bett zu sitzen und mit ihm zu reden, wenn er uns auch nicht mehr antwortete und zuletzt auch nicht mehr ansah.

Während ich seine Hand hielt, blickte ich zurück auf die schönen Momente, die ich mit Oma und Opa verbracht hatte: Übernachten im „großen Bett“, aus dem Märchenbuch vorgelesen bekommen, einen Ausflug auf den Rummel unternehmen, „Mensch ärgere dich nicht“ spielen, alte Schallplatten hören oder sich einen Rat fürs Leben holen. Da gab es einiges!

Abschied nehmen: Lebe wohl!

Als ich nach einer Pause wieder zu Opa ins Zimmer kam, hörte ich ein lautes Rasseln – ein Geräusch, das ich wohl nie vergessen werde. Ich wusste, es wird wohl nicht mehr lange dauern. Meine Tränen konnte ich nicht mehr zurückhalten.

Ich nahm wieder Opas Hand und bedankte mich bei ihm für seine Fürsorge. Meine Mutter löste mich schließlich ab, damit ich mich etwas ausruhen und für ein paar Stunden nach Hause fahren konnte. Ich gab Opa einen Kuss auf die Stirn, sagte „Ich komme nachher wieder“, drehte mich um, verließ das Haus und stieg ins Auto.

Kaum zehn Minuten später klingelte mein Handy. Ich aktivierte die Freisprechanlage und wusste im selben Moment, was mich erwartete: „Johanna, Opa ist gerade eingeschlafen“, sagte mein Bruder. Ich wendete, um zurück zu Opa zu fahren. Ich ging wieder ins Zimmer, um ihm endgültig „lebe wohl“ zu sagen.

Ich griff ein letztes Mal nach seiner Hand, die mich in manch schwerer Stunde geleitet hatte, nur dieses Mal war sie nicht mehr so warm.

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Über den Autor

Johanna Kristen, Redakteurin.